[tagebuchbloggend 31.1.]

Das Tagebuchbloggen gerät asyncronologisch. Ich habe jetzt lange nachdenken müssen über die Richtigkeit dieses Wortes, u.a. auch wegen der Syncronik und der Ologie, aber letztendlich ist es mir egal geworden, ich bin zwar ein Freund der Präzision, ich halte mich aber nur daran, wenn es auch Sinn für mich macht, oder eben wenn es sonst die Bezüge zu sehr verwässert, aber es gibt eben diese Wörter bei denen mir das egal ist, jeder weiß was das bedeuten könnte und ich will damit sagen: Blog und Zeit laufen nicht mehr aufeinander abgestimmt. Rein aus technischer Sicht. Ich mag diese Freiheiten beim Schreiben, wenn die Dinge nur bildlich geng geschildert werden.
Beim erneuten Schreiben hat es allerdings etwas dümmliches an sich. Deshalb:

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Vollkommen out-of-sync wollte ich also nachholen, wie V und ich am Freitag im Lass uns Freunde bleiben gesessen haben und stundenlang in allen möglichen Themen vergraben lagen. Sechs Stunden später sind wir aufgestanden und noch durch die verschneite Stadt nachhause gelaufen. Das war nur eine Erwähnung. Die Gespräche zu vertiefen gibt es hier nicht den Raum.

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Gestern am Abend mit K, meiner Schwester und F und R in die lange Nacht der Museen gegangen. Die Tickets für K und mich, waren ein Weihnachtsgeschenk meiner Schwester. F und R sind mitgekommen. F und ich haben unabhängig voneinander zwei Listen der Museen erstellt, die sich weitgehend deckten. Wir haben uns dann für den Dom entschieden, für das Ephraimpalais und das Knoblauchhaus im Nikolaiviertel, die Deutsche Guggenheim Unter den Linden, und die Akademie der Künste am Pariser Platz.

Logistische Umstände, die zu schwierig sind, sie hier auszubreiten, verhinderten, dass ich den Dom besichtigen konnte, da ich aber auch nicht draußen in der Kälte auf meine Schwester warten wollte, machte ich mich auf der Suche nach einer Kneipe in der Gegend um der Museumsinsel, so zog ich ein paar Runden, fand aber kein Cafe, lediglich ein paar Imbisse oder Restaurants, alles ist hier auf den Museumstourismus ausgelegt und schließt um sechs oder um sieben, nachts zieht es die Schwärmer ja rein in die intimen Kieze. Jedenfalls fand ich dann in der Spandauer Straße diese Touristenabsteige mit dem Namen PalmBeach. Schon draußen dröhnt mir der plastisierte Cocktailsound entgegen, durch das Fenster sehe ich Palmen, ich betrete das Lokal und stehe mit meinen erforenen Füßen im Sand.
Dann nahm ich in einem Sonnenstuhl platz und bestellte mir ein eiskaltes Bier.

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Im Ephraimpalais. Im dritten Stock die Ausstellung von Konrad Knebel. Stadt aus Stein. Dutzende Gemälde von berliner Brandmauern, von bröckelndem Putz. Ein bröckelnder Stil.

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Heute an einer Kurzbeschreibung von Maxim Billers letzten Kurzgeschichtenband für das Common Reader Blog begonnen. Habe mich dann aber in anderen Texten verloren. Heute geht übrigens nur drinnenbleiben, die Polizei empfiehlt das auch, Ausgangssperre Abendland, ihr müsste heute nicht raus, ihr dürft drinnenbleiben, entspannt euch mal mit euren Lieben, oderso.

[tagebuchbloggend 29.1.]

Vielen Dank für die vielen Glückwünsche. Die vielen Kanäle auch, worüber diese neuerdings reinkommen. Facebook alarmiert, Skype alarmiert, und im Blog habe ich es auch schon Tage vorher gesagt, Glückwünsche werden so wasserfest wie Teer. Dabei war ich es immer gewohnt, die ganze Geburtstagssache ein bisschen an mir vorübergehen zu lassen, wollte nie groß etwas tun. Das hat mich gestern so gefreut, dass ich nächstes Jahr womöglich so etwas wie eine Feier machen werde. Oder wenigstens Freunde zum Essen einladen, oderso. Ich glaube das macht Spaß. K’s Geburtstag mit ihren Freunden hat ja auch sehr Spaß gemacht, und auf die Geschenke war ich nachher schon ein bisschen neidisch. Mensch, Geburtstag.

K hatte mir jedenfalls Frühstück versprochen. Sie ist Spätaufsteherin und ich Frühaufsteher. Ich sagte, sie bräuchte nicht für mich früh aufstehen. Ich würde mir morgens einen Kaffee machen und sie irgendwann gegen Mittag wecken und mich dann in freudiger Erwartung eines Frühstückes versetzen. Ich bekam gebratene Speckscheiben, Rührei und Wiener Würstchen, mit Brot.
Eigentlich wollten wir zum Frühstück die Verfilmung des zweiten Teils der Stieg Larsson Trilogie schauen. Schwedische DVD. Extra aus Schweden eingeflogen, weil mir K das Herunterladen von DIVX-Filmen aus dem Netz verboten hat. Die DVD hatte allerdings keine englischen Untertitel, und mein Schwedisch beschränkt sich auf belanglose Wörter, die ich planlos einsetze. Ich musste also Untertitel aus dem Netz ziehen, hatte aber Schwierigkeiten diese ans Laufen zu bekommen, sah nach einer Stunde ein, dass das über DVD nicht funktionieren wird, und habe deshalb den Film ins DIVX-Format gerippt, was eine Stunde dauert, um damit dann die Untertitel einzubauen. Das hat funktioniert. Hätte ich mir doch gleich —

Um vierzehn Uhr fingen wir also mit dem Film an. Toller Thriller, noch besser als der erste Teil, sehr geradlinig erzählt, sehr fesselnd, und sehr europäisch. Wer hier Widersprüche vermutet, möge auch Amen sagen.

Nachher sind wir nach Kreuzberg gefahren, in K’s Lieblingsbuchladen, sie hat zehn Bücher gekauft, ich habe Heine gekauft. Kreuzberg, das hat mich ja so oft: Kreuzberg, diese altlinke Piefigkeit, die gibt es so ja nur in Kreuzberg und sie ist so unerträglich miefig, dass ich nur noch gestriegelte Seitenscheitel tragen will.
Danach haben wir meine Schwester getroffen und sind ins Gasthaus Vigl an der Urbanstraße gegangen, Pizza essen und Geburtstagsabend ausklingen lassen.

[tagebuchbloggend 27.1.]

Das hat gestern ziemlich gedauert. Die Mädls von K waren zum Essen da. Sie hatten ihre Männer mitgebracht. Die Männer habe ich abgefüllt. K die Frauen. Wir haben viel gelacht, und viel geredet.

Heute ist Mozarts Geburtstag. Der 27.1. Nicht wichtig das, aber das wusste ich als Kind immer schon. Weiß nicht warum mir das jedes Jahr am 27.1. einfällt.

Zusammen mit mir hingegen, haben lauter eigenartige Menschen Geburtstag: Sarkozy zB. Aber auch: Elijah Wood. Oder: Gianluigi Buffon. Ich mag die italienische Fussballnationalmannschaft ja überhaupt nicht, aber Buffon gefällt mir schon. Erscheinungsmäßig jedenfalls, er hat etwas von einem respekteinflößenden römischen Soldaten. Aber auch: Henry VII. Ich habe eben K gefragt ob Henry VII okay war, sie weiß solche Sachen immer. Wusste sie aber nicht, nur dass es der Vater eines anderen Henrys war. Das macht ihn weder okay noch nicht-okay. Aber auch gute Leute sind am 28.1. dabei: David Lodge. Also einer jedenfalls.

K hat es da schon nicht so gut getroffen mit Jörg Haider und Nicolae Ceauşescu.

Heute haben wir erst die Geburtstagsfeier ausgeschlafen. Danach kam der Fenstermann, der sich die undichten Fenster angesehen hat. Er hat nur den Kopf geschüttelt.
Danach haben wir gefrühstückt und dann sind wir spazieren gewesen. Wir wollten eigentlich nach Kreuzberg, dort liegt K’s ehemaliger Lieblingsbuchladen. Wir sind aber erst zu Fielmann ins Alexa, neue Gläser für K, das hat lange gedauert. In der Zwischenzeit habe ich die SuperILLU komplett durchgelesen. Als wir beide fertig waren, habe ich mir eine Mütze gekauft. Und dann war es auch schon dunkel, und wir haben Kreuzberg sein lassen. Sind nachhause und haben total auf Schlechtewettertag gemacht. Rumsitzen, lesen, schreiben und ab und zu etwas trinken.

[tagebuchbloggend 26.1.]

Heute ist K’s Geburtstag, übermorgen ist meiner, also haben wir einfach alle drei Tage frei genommen, so ein Geburtstagsübergreifende Auszeit, so schirmmäßig muss man sich das vorstellen, es bedeckt die Tage, hält sogar ein bisschen warm, was bei diesen Minusgraden nicht schadet, ich habe gestern ja die Deutschlandkarte gesehen und Berlin liegt in der Minusfünfzehnzone, die westlich hinter den Stadtgrenzen alles schon bald wieder zum Tauen bringt, total sibirisch erstarrt hier, während es ein paar hundert Kilometer flussabwärts in Hamburg ja fast schon tropisch ist. Irre das, und natürlich übertieben, aber auch egal. Gestern hatten wir im Büro diesen Spezialisten aus Paris zu Besuch, der gerade aus Stockholm gekommen war und sagte, in Schweden sei schon fast Frühling. Das ist auch “irre”, aber nachher habe auf wetter-de-e geguckt und gesehen, dass er ein bisschen geschwindelt hat. Womöglich beschäftigt uns alle das einfach zu sehr, alsdass wir uns mit Non-absolutismen zufrieden geben würden. Jedenfalls. K und ich haben heute also ihren Geburtstag mit Frühstück im Bett begonnen, ich habe ihr auch ein paar Geschenke ans Bett gebracht, die Schuhe hat sie noch liegend anprobiert, die Kerzen haben in den Schinken getropft, weil das so olle Kerzen ohne Tropfschutz waren, und dann halt auf Schinken, weil K die süßen Sachen nicht so mag, sondern mit Schinken und Käse am Morgen total glücklich zu kriegen ist, dachte mir heute früh, ein bisschen Schlagsahne drauf zu tun, eine Art gespielte Feierlichkeit, die irgendwas Geburtstägiges mit dem Schinkenbrot machen soll, aber das wäre wiederum kein schlechter Witz, sondern eher eine eigenartig ungelenke Bösartigkeit gewesen, die mir ja gar nicht liegt, und überhaupt: habe so oft das Gefühl, mich mit schlechten Witzen zurückhalten zu müssen [...]
Nun.

Der Geburtstag fing jedenfalls mit einer kaputten Spülmaschine an. Nicht weiter schlimm, nur, dass die Küche heute Kopf stand, und wir am Abend Leute zum Essen haben werden, also gleich, in einer halben Stunde, heute war dann irgendwie alles Putztag und Kochtag, gerade haben wir uns selbst noch ein bisschen herausgeputzt, weil wir uns ja total vollgeschwitzt haben, nachdem dann auch noch der Staubsauger den Geist aufgegeben hat, und als K noch schnell ihr Kleid bügeln wollte, streikte auch noch das Bügeleisen, das war dann so etwas wie: schlechtes Omen. Wegen dreimal, das ist Schiffsrecht, oder quasi biblische Zahl [...] Oh. Die Klingel.

[tagebuchbloggend 23.1.]

Sonne.

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Gestern am Abend auf V’s Housewarmingparty im Friedrichshain gewesen. Sie und ihr Freund sind noch nicht eingezogen, es sei besser erst zu feiern und dann erst die Sachen umziehen, sagte sie. Das klang gestern so plausibel. Heute verstehe ich es allerdings nicht mehr. Wegen der Sachbeschädigung vielleicht, aber das bringe ich mit V nicht so recht in Verbindung, weil V so Sachen macht wie: TonSteineScherben hören, oder barfuß durch Peru zu laufen. Oder so ähnlich halt, möglicherweise hatte sie Schuhe an, aber ich meine ja nur.
Tatsächlich wurde ich von einem jungen Mann angerempelt und der Inhalt meines Rotweinglases landete auf dem Boden. Niemand interessierte es, es gab auch keine Tücher.

K und ich waren sehr gut gelaunt. Später haben wir ein Taxi genommen, der Fahrer, der Frisur nach ein Rastafari, hörte Rasta, K und ich plauderten, hörten der Musik zu und als wir zuhause waren, kochte K noch Spaghetti und gab gewürfelten Gorgonzola und geriebenen Parmesan dazu.

Und generell: zu wenig Wein auf den Boden geleert.

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Am Morgen dehydriert wach geworden. Ich hatte vergessen, vor dem Schlafengehen einen halben Liter Wasser zu trinken, das heilige Ritual, das mich vor dem nächsten Tag rettet. Diesmal nicht. Diesmal wurde ich morgens verstört wach. Trockene Kehle, trockenen Mund, die männliche Katze saß mir in den Gliedern. Und blieb dort den ganzen Tag.

Heute habe ich alles aufgeschoben. (Oder sagt man dazu noch das Wort mit dem Pro vornedran?)

[tagebuchbloggend 21.1.]

Als gestern, nach sechzehn Tagen zum ersten mal, plötzlich und unangekündigt, die Sonne auf Berlin herunterschien, schauten wir im Büro ziemlich wundernd und etwas träge aus dem Fenster. Es blendete uns. Wir machten alberne Witze darüber. Die Sonne ging nach zwanzig Minuten wieder. Die albernen Witze blieben.

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Am Abend haben K und ich die Tiger Lillies im Berliner Ensemble gesehen. Oder nennt man das, das Theater am Schiffbauerdamm? Ich habe das mit der Bezeichnung des Brecht-Theaters noch nie ganz verstanden, und die umständliche Auslegung auf Wikipedia nervt mich. Ich will jetzt gar keine fundierte Betrachtung der World’s foremost Death Oompah band aufschreiben, ich habe sie schon so oft gesehen, ich höre sie schon so lange, ich mag sie immer noch so gerne. Was ich aber unbedingt empfehlen kann: die Tiger Lillies im Berliner Ensemble. Gerade wenn das Licht im Saal ausgeht und nur noch die Bühnenlampen, den überladenen Barock im Saal, so zwielichtig anleuchten, und die drei Musiker, total grotesk in ihrere Erscheinung, ihre Lieder spielen. Dann wird alles plötzlich wunderbar unzeitgemäß.

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Nachher hat mir K zuhause die Tindersticks vorgeführt, sie sagte, tolle Band sei das, im März kämen sie in die Stadt und sie würde Karten kaufen. Sie sang die Lieder mit. Ich schaute ihr dabei zu. Sie gefielen mir.

[tagebuchbloggend 20.1.]

Manche Menschen können reden und reden und reden. Und reden. Ich brauchte für meinen Vortrag exakte sieben Minuten. Hätte mir nicht jemand dazwischengequatscht, wäre ich mit fünfeinhalb ausgekommen.
Ein Kollege brauchte für seinen Vortrag, – ähnliche Thematik, ähnliche inhaltliche Fülle –, eine Dreiviertelstunde. Und wir mussten ihn unterbrechen. Ich mag ihn leider gerne. Beim ihm konnte ich mir allerdings richtig vorstellen wie das aussieht, wenn jemand einem die Ohren abquatscht, ich kann mir das bildlich und klar vorstellen: wie ich ihn enthöhlt anstarre, während er mich mit breiigen Sätzen bespricht, und mir ohne Grund, und ohne dazugehöriger Metapher, die Ohren abfallen. Wir würden beide etwas ratlos die auf dem Boden liegenden Ohren ansehen und nicht wissen was sagen.

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Am Abend habe ich B in ihrer neuen Wohnung besucht. B ist gerade von Hamburg nach Berlin gezogen und hat mir gestern stolz ihre neue Bleibe gezeigt. Sie sagt, sie fühle sich noch ein bisschen verloren in dieser großen Wohnung, die Wege seien so weit, und Decken auch so weit weg. Das ist der Berlin-Effekt wenn man hier herzieht und sich auf einmal so viele Quadratmeter leisten kann. Nein, nicht Neuköln. Prenzlauer Berg, Helmholtzkiez.

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Heute mit meinem Nachbarn J in dieser neuen Bar am Rosenthaler Platz verabredet gewesen, da im ersten Haus auf der linken Seite der Brunnenstraße, wo früher der Buchladen gewesen ist, der so dramatisch durch eine Mieterhöhung weggemobbt wurde und in den Weinbergsweg umziehen musste. Eine gewisse Schadenfreude hatte ich dabei, zu sehen, wie da einfach nur eine Bar nachgezogen ist und kein großer, lukrativer Laden, mit großen, lukrativen Sahnehäubchen. Dort habe ich auch Frank (argh.de) getroffen, was eine Freude war.
Die Bar heißt Mein Haus am Meer, ist rundum ein Provisorium, ein this is so fucking Berlin, hat 24 Stunden geöffnet, hat WLAN, super Sofas und Sessel, und den schlechtesten Kaffee der Stadt, vor dem mich Frank gleich in den ersten Sätzen der Begrüßung gewarnt hatte. Ich habe dann in einer Gedankenlosigkeit, trotzdem einen Capuccino bestellt.

[tagebuchbloggend 18.1.]

Dass Leipzig kalt war, hatte ich nicht erwähnt, da ja alles kalt ist momentan und ich wollte dem positiven Geist, den ich Leipzig gestern im Blog entgegengebracht habe, nicht durch unnötige Negativinformation entgegen-öhm-geistern.
Der Nachteil an Leipzig war eben, dass es auch in Leipzig ziemlich kalt war, und ich es nicht nötig fand, zwei paar Socken und zwei Unterhemden zu tragen, wie es die anderen taten, sondern ich saß da, und war eigentlich anderthalb Tage lang ein bisschen unterkühlt, und jetzt zurück in Berlin hat sich das Immunsystem nicht mehr gleichzeitig mit der Körpertemperatur mit hochgefahren, und jetztjetztjetzt, jetzt rotze ich.
Mich krank gemeldet und im Bett Sachen geträumt. Hat gut geholfen.

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Wenn Literaturnobelpreisträgerinnen zu Stilikonen werden. Als K heute nachhause kam und mir diesen neu erworbenen, schwarzen Umhängecardigan vorführte, sagte ich: gefällt mir, so Herta-Müller-Style.
Fühlte sich ganz pioniermäßig an, das gesagt zu haben.

[...]

Möchte ich wirklich empfehlen: Textmanufaktur in Leipzig. Den Basiskurs besucht. Sehr kompetent geführt, gute Umgebung, gute Menschen. Anhand von mehreren, kleinen Übungen am Text, die wir erst theoretisch gelernt haben, dann dazu jeweils Miniaturen geschrieben, die wir nachher in der Gruppe, den gelernten Stoff referenzierend, besprochen haben. Intelligent, inspirierend, praktisch. In der Nacht dazwischen getrunken, gegessen und geschlafen. Alles stimmte.

(und Leipzig ist übrigens super)

[tagebuchbloggend 16.1.]

Im Zug nach Leipzig, weite Schneelandschaften ziehen an mir vorbei, wie bewegt das Brandenburg eigentlich ist. Ich sehe Rehe im offenen Feld, wie sie versuchen Schnee beiseite zu scharren, um an das darunterliegende Gras zu kommen. Rehe, denke ich, jemand muss sie aus dem Winterschlaf geweckt haben, doch dann schaue ich bei Wikipedia nach und lese nichts von Winterschlaf und denke mir alles mögliche dazu. Vor allem auch, ob ich meine diese Ignoranz wirklich ins Blog schreiben soll.

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Ich werde mich im Schreiben unterrichten lassen. Deshalb Leipzig. Nicht das Literaturinstitut, sondern Textmanufaktur, Basiskurs Keatives Schreiben, das wollte ich immer schonmal machen, ich kann zwar schreiben, kann einige unterschiedlichen Dinge, ich experimentiere rum, mit Stilen, mit dem Sound, mit der Art, Gedanken in Textform auszudrücken, ich verstehe Schreibe, was man sich im Laufe der Zeit eben so erlernt, wenn man liest und schreibt, oneway, twoway, die do-it-yourself-Schreibe, wie wir die Popkultur zur Hochkultur stilisieren, und das völlig zurecht, aber ich meine, so etwas wollte ich immer schonmal machen, einen Schreibkurs, ich habe ja keine Bildung, ich wollte immer schonmal jemanden haben der mir sagt: machmalso und machmalso, probier mal das, und wirf das mal um (usw.), gezielte Anregungen den Text, der ja nichts anderes ist als in Form gebrachte Gedanken, in Form zu bringen, den Sound zu verfeinern, aber dann so von extern diesmal. Das wird toll. Auch freue ich mich, endlich mal nach Leipzig zu kommen.

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Und schon wieder vergessen für Haiti zu spenden. K macht das gleich und ohne Umstände, bei mir spielt immer der Gedanke mit, dass der Großteil meines Geldes in Benzin und Logistik aufgeht, und an Miete der Räumlichkeiten der Organisationen und–, als würde meine Spende nicht effizient genug sein, Kosten/Nutzen. Was total daneben ist.

[tagebuchbloggend 14.1.]

Gestern im Kino gewesen, in einem Film, dessen Titel ich jetzt nicht sage. Überhaupt haben wir uns geschworen, niemanden zu sagen welcher Film das war. K sagte: Du bist der einzige Mann hier. Ich sagte: da ganz vorne links sitzt noch einer und etwas mittiger ein anderer. Aha, sagte sie, das hast Du schnell gesehen. Achja, sagte ich, war mir wichtig.

Vorher waren wir in den Potsdamer Platz Arkaden, weil ich dringend winterdichte Schuhe brauche, stattdessen sind wir in einem Uhrenladen hängen geblieben, Uhren, Uhren, Uhren, Himmel, ich habe ja nichts mit Uhren, wollte eigentlich nur eine Uhr, weil es vielleicht praktisch ist, die Zeit am Arm abzulesen, aber auch weil es mir gefällt, in unsicheren Zeiten, den linken Arm zu strecken und nachdenklich|planerisch auf die Uhr zu schauen und die Zeit abzulesen, die Geste nur, aber gegen die SPIEGEL|ZEIT-Abo-Uhren bin ich allergisch, und das meine ich wörtlich, der Drehkopf an der Seite verursacht bei mir Ausschlag, nur der Drehkopf, nicht der Rest der Uhr, und gestern hat man mir in diesem Laden an den Potsdamer Platz Arkaden versprochen, dass deren Uhren keine Allergien verursachen würden, zudem bin ich jetzt von dieser Einstellung abgekommen, eigentlich eine ganz klassische, einfache Uhr zu wollen, eigentlich wolle ich ja nur etwas klassisches und einfaches, weil ich nichts anderes kenne, und es einfacher ist, sich zu nichts zu bekennen und schön im Hintergrund zu bleiben, aber dann stieß ich auf diese spanische Uhren von LOTUS, mit diesen eigenartig expressionistisch-artdeco-mäßigen Aussehen, die so Sachen machen wie: Aufmerksamkeit erregen. Ich mag ja Anstoß. Gekauft. Ich werde sie dann in zwei Wochen von K zu meinem Geburtstag bekommen.
Ich habe die Uhr gestern zweimal vor ihr versteckt, ich fand das blöd, nach so vielen uhrlosen Jahren, jetzt auch noch zu warten. Ja, das mit dem Verstecken war albern, deshalb habe ich es bald sein lassen.

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Heute hat mich Anke Gröner wegen dieser Tagebuchblogsache verlinkt, so mit Danke und all dem. Das hat mich sehr gefreut. Ich habe mich gefragt wie ich das mit dem Dankezurück am besten mache, weil sie ja die Kommentare ausgeknipst hat, und Mail zu schreiben ist ja auch wieder so eine verstummte Sache, bin dann allerdings auf keinen grünen Irgendwas gekommen, weshalb ich das jetzt einfach mal blogge, so pingpong, über Netz. Und dabei habe ich kurz überlegt, für diesen Eintrag die Kommentare auszuschalten, das hätte ich witzig gefunden, ist aber auch wieder albern, ich finde das ja gut, dass sie keinen Bock auf Kommentierer hat, und das stünde dann wieder so larmoyant: siehste die Gröner mag keine Kommentare jetzt zeige ichs ihr mal, aber, eben, das ist ja nicht so.

[cr]

loslabern – Rainald Goetz

[tagebuchbloggend 13.1.]

Wieder zwischen den Tagen. Die Nacht also im Büro verbracht. Ich weiß gar nicht wie ich diesen Tagebucheintrag betiteln soll, noch welcher Tag das eigentlich gewesen ist. Vor der Nacht habe ich ein bisschen vorgeschlafen und nach der Nacht ein bisschen nachgeschlafen, zwei Stunden vor, vier Stunden nach, und dazwischen diese lange Nacht, das fühlt sich viel mehr Raubbau am Körper an, als eine ganze Nacht lang in Bars oder zu Beats sich den Puls der Zeit zu erhöhen.

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Morgens um sieben, nüchtern mit der U-Bahn nachhause gefahren, mich zusammen mit den frühaufstehenden Arbeitsmaschinen im Pendlerblock durch die unterirdischen Schächte schleusen lassen. Gespenstische Stimmung. Dabei bin ich Frühaufsteher, nur so nebenher.

[s.]

S hatte einen schwarzen Pony, der immer in ihren Augen hing. Sie war Assistentin in einem alternativen Büro für alternative Projekte und wir sprachen das erste Mal in der Kaffeeküche miteinander. Sie war sehr mager, sie trug immer dicke und weite Wollpullis und hatte ihr Haar immer ein bisschen zu fettig. Doch mochte ich sie, ich fand sie irgendwie sehr schön, auf ihre ganz eigene Art. Sie sprach sehr leise und sehr gewählt, und sie hatte dieses eigenartige Leuchten in ihren Augen. Nicht die Art von Leuchten von schönen und stolzen Frauen, sondern diese Art von Leuchten, wie es verschüchterte Mädchen tragen, wenn sie neugierig unterm Pony hervorschauen. Sie war nicht mein Typ Frau.

Ich machte damals Zeitung in diesem alternativen Büro für alternative Projekte. Ein Wochenblatt für Subversives. Ich war immer montags da. Sie war immer da. Wir verbrachten manchmal Zeit in der Kaffeeküche. Sie erzählte hin und wieder von sich, sie schriebe Gedichte, gebe auch Lesungen in kleinen Kreisen, und wünschte sich, irgendwann ihren ersten Gedichtband herauszugeben. Ich sagte, ich hätte so meine Schwierigkeiten mit Gedichten. Ich möge Gedichte, wenn sie vorgetragen werden, als Lied zum Beispiel, aber das Lesen von Lyrik fände ich verkrampfend, gleich eine ganze Kulisse hochzuziehen, nur für die paar Zeilen, das mache mir keinen Spaß, ich wolle von Lyrik getragen werden, ich hätte bei Gedichten eine Kundenmentalität. Ob sie das verstünde, ja sie verstünde es, es sei aber trotzdem nicht gut.
Ja, das konnte sein. Ich fragte, ob sie mich zu ihrer nächsten Lesung einladen würde, das würde mich nämlich sehr freuen, sie sagte, ja, das würde sie.

Einmal trafen wir uns zufällig im Carafon in der Hamburgerstraat, spät nachts, sie hatte zu viel getrunken, ich auch, wie eben alle Leute, die noch spät nachts im Carafon landen. Wir saßen an der Bar, redeten und ich fragte sie nach Feuer, sie sagte, sie habe ein Feuer für mich, aber damit könne man keine Zigaretten anzünden. Ich wusste, welches Feuer sie meinte, wusste mir aber keine Haltung zu geben, stellte mich also doof und fragte, welches Feuer sie meine. Sie griff sich an die Brust, es käme von da. Ich sagte, ich sei ein Feuerwehrmann, ich würde jede Kerze zum Ersticken bringen. Sie lachte, und sagte, das glaube sie mir nicht, aber ich sagte, dochdoch, und sie sagte, auch sie habe einen Feuerwehrmann. Ich fragte nicht nach.
Später schlug ich ihr vor, sie nach hause zu fahren, auf dem Fahrrad, sie sagte, ich sei betrunken, ich sagte, ich sei der beste Fahrradfahrer der Welt, und sie sagte: OK.

Wir mussten quer durch die Utrechter Altstadt, sie wohnte im Norden, hinterm Vogelviertel, etwa fünfzehn Minuten auf dem Fahrrad, zumindest wenn man zu zweit fuhr, alleine ging es natürlich schneller. Wir gelangten zu ihrer Wohnung, sie sprang von Rad, stand noch eine Weile vor mir herum, trat von einem Bein auf das Andere, die Hände in den Hosentaschen. Wir sagten nichts, und das war gut, bald würde es wieder hell werden, irgendwie schienen die Worte sich schon verabschiedet zu haben, als wäre die Hastigkeit, die Geschwindigkeit, aufgelöst in diesen letzten Augenblicken vor dem Morgen.
Ich sagte dann irgendwann, ich würde ja noch etwas trinken bei ihr, in der Wohnung, ich warte nur auf die Einladung, aber sie sagte, nein, das ginge nicht, ihr Freund sei Feuerwehrmann, und schliefe oben in ihrem Bett, ah-ok, sagte ich, das meinte sie mit Feuerwehrmann, es gäbe ihn also tatsächlich, sie sagte, nein, es ist nicht so wie ich denke. Ich sagte, das sei OK, sie bräuchte das gar nicht weiter auszulegen, hey, es war alles gut.

Eine Woche später sahen wir uns wieder im alternativen Büro für alternative Projekte, ich sagte Hallo, sie sagte Hallo, wir lächelten einander zu. Nachher trafen wir uns in der Kaffeeküche, sie trank den Kaffee immer schwarz, das war so lieblos, wie sie den ekligen Filterkaffee aus der Thermoskanne goss und ihn einfach stehend trank. Sie sagte: du trinkst den Kaffee immer mit Milch. Ich sagte: ja. Sie lächelte unter ihrem schwarzen, immer etwas zu fettigen Pony hervor. Sie war eigentlich sehr ungepflegt, ihre Wollpullis hatten oft Flecken, sie hatte immer Ränder unter den Fingernägeln, sie hatte keine gesunde Haut, sie war zu mager, ihre strähnigen Haare, sie hatte sogar etwas Gebrechliches an sich, ihre Haltung war gebückt. Und doch fand ich sie schön.
Sie sagte, sie würde demnächst wieder einmal Gedichte vorlesen, im Bastaard, mit richtigem Publikum, ob ich kommen wolle. Ich sagte, ich käme. Wann? Das wüsste sie noch nicht.

Ich hörte dann auf, bei diesem Wochenblatt für Subversives. Und ich sah auch S nicht mehr. Sie hatte nie nach meiner Adresse gefragt, ich hatte sie nie nach ihrer Adresse gefragt.

Irgendwann trafen wir uns im ACU an der Voorstraat wieder. Eine russische Band spielte. Sie saß am Tresen und rollte Zigaretten für eine Freundin, die neben ihr saß. Sie hatte einen ganzen Haufen gerollt. Die Freundin hörte der Band zu und rauchte. S rollte konzentriert Zigaretten. Ich ging hin zu ihr, sagte: Hallo, brauchst du mein Feuer? Sie sah auf, und sagte: Hallo, freut mich dich zu sehen. Sie lächelte. Ich lächelte. Ich sagte: ich habe dich lang nicht mehr gesehen. Sie sagte: Du kommst auch nicht mehr ins Büro. Ich sagte: stimmt, hast du die Lesung im Bastaard eigentlich noch gehalten? Sie sagte: ja, war sehr schön, schade, dass du nicht gekommen bist. Ich sagte: Du wusstest mir kein Datum zu nennen. Sie sagte: ich weiß. Ich sagte: ich weiß auch.
Die Freundin drehte sich um, S stellte uns vor, ich sagte Hallo, sie sagte Hallo, wir lächelten uns an, sie war sehr schön, eine stolze Frau. Sie nahm eine Zigarette von dem Haufen und sagte zu S: von diesem Kerl hast du mir gar nie erzählt. S sagte: nein, hab ich nicht.
Ich bestellte ein Bier. Und dazu einen Whisky.
S fragte ob ich schlecht drauf sei, ich sagte: neinwarum. S sagte: nunja wegen dem Whisky zum Bier. Und ich sagte, das sei ein Ritus. Ich lächelte nicht, sie lächelte.
Es kamen einige Bekannte vorbei, wie immer im ACU. Ins ACU ging ich manchmal, wenn ich das Gefühl hatte, einsam zu sein. Im ACU kamen immer Bekannte vorbei. Es half vor dem Alleinsein aber nur bedingt. Es führte mir vor Augen, dass ich nur Bekannte hatte, keine Freunde. Das sagte ich zu S und S sagte: oh.
Ich sagte auch: oh. Und dann sagte sie, dass sie mir das nicht glaube, sie kenne Freunde von mir, und ich sagte: stimmt, Du hast recht, so schlimm ist es vielleicht gar nicht.
Ein Bekannter kam vorbei, lehnte sich zu uns an den Tresen und redete mit uns.

Später, als die Band nicht mehr spielte, wurden Platten aufgelegt, ich ging auf die Tanzfläche und tanzte, zu– ich weiß nicht mehr was, R.E.M. spielte man damals oft, ältere Chumbawamba-Sachen, auch Einstürzende Neubauten. S kam auch dazu.

Am Ende der Nacht ging ich zu S, die mit einer Frau redete und sagte, ich ginge, ich sei müde, und sie sagte, komm zu mir, und ich sagte: und dein Freund?, und sie sagte: das weißt du doch, und ich sagte: ich weiß gar nichts, und sie sagte: der war mein Feuerwehrmann, und ich sagte: es war eine Metapher?, und sie sagte: ja. Ob ich also zu ihr kommen wolle, und ich sagte, ich sei sehr betrunken, und ziemlich müde, und sie sagte, das sei ihr egal, ich könne einfach im Sessel sitzen, sie würde gerne meine Gesellschaft haben, während sie noch ein bisschen male, sie habe auch Bier zu hause, wenn ich denn noch eines möge.
Ich sagte: Bier ist OK, vielleicht auch einen Kaffee?
Sie sagte: Ich koche dir auch einen Kaffee.
Ich zweifelte daran, ob es eine gute Idee war, aber wir fuhren durch das Vogelviertel und waren dann bei ihr. Sie hatte ein großes Wohnzimmer, eine in dunklem lila gestrichene Küche, und ein fensterloses Schlafzimmer.
Setze dich in den Sessel, sagte sie. Ich hole dir ein Bier.
Ich setzte mich in den Sessel. Ich behielt meine Jacke an. Ich schaute mich um. Die Wohnung war vollgestellt, mit vielen Dingen. S kam mit einem Bier zurück. Sie reichte es mir. Sie sagte: du brauchst nicht zu reden, du kannst einfach hier sitzen bleiben, ich mag deine Gesellschaft, trinke dein Bier, ich male.
In der Mitte des Wohnzimmers lagen aneinander geklebte Papierbögen. Darauf hatte sie Farbmuster gemalt. Flecken, Kreise, Quadrate, Dreiecke. Hände.
Sie zog ihren Pullover aus und streifte dabei alles mit ab, was mitzustreifen ging. Dann stand sie mit nacktem Oberkörper vor mir und tat, als sei das völlig normal. Dann zog sie ihre Schuhe aus, ihre Hose, und auch ihre Unterhose. Sie sah mich dabei nicht an. Dann kniete sie sich auf den Boden hin und fuhr mit dem Pinsel über das Papier. Sie war sehr mager.
Findest Du mich schön? fragte sie, ohne mich anzusehen und ohne mit dem Malen inne zu halten. Ich sagte: du bist schön. Du bist sehr eigenartig schön. Sollte ich je eine Geschichte über dich schreiben, dann würde ich schreiben: du bist irgendwie sehr schön.
Das gefällt mir, sagte sie, irgendwie sehr schön zu sein, eigenartig schön zu sein.
Und du bist ungepflegt, fügte ich hinzu.
Warum musst du das jetzt sagen? fragte sie.
Weil ich das an dir mag, glaube ich. Sagte ich.
Ich will mit dir schlafen, sagte sie.
Sie ließ den Pinsel fallen, kam zu mir gekrochen, öffnete mir die Hose und nahm meinen Penis in den Mund.
Es kitzelte mich.
Es kitzelt mich, sagte ich.
Komm, folge mir, sagte sie.
Ich stand auf und folgte ihr ins Schlafzimmer. Wir hielten uns dabei die Hand. Dann gab sie mir Kondome.
Vor dem Bett wendete sie sich von mir ab und ging auf dem Bett in die Knie. Sie forderte mich auf, in sie einzudringen. Ich tat das.
Irgendwann fragte sie mich, was ich mit ihr tun wolle, irgendwas schmutziges, ich fragte mich, was ich mit ihr tun wolle, irgendwas schmutziges, aber ich wusste es nicht. Ich durfte nicht zu lange überlegen. Ich wollte entschlossen sein. Ich sagte: ich will dich an den Haaren ziehen. Sie sagte: dann zieh mich an den Haaren. Dann zog ich sie an den Haaren.
Und sie schrie.
Und ich erschrak.
Ich fragte sie, ob ich ihr weh getan hätte, es täte mir leid, sie sagte, ja, aber das sei schon OK, ob ich das nicht möge mit dem Haareziehen, und ich sagte: dochdoch, aber nicht wenn es dir weh tut, und sie sagte: aber ist das nicht der Sinn davon? Und ich sagte, das wisse ich nicht so genau.

Später wachte ich auf. Sie lag mit ihrem Kopf auf meinem Bauch. Aus dem Flur kam ein wenig Licht herein. Ich legte ihren Kopf sachte beiseite und zog mich an. Und stahl mich davon.

Wir sahen uns dann nicht mehr wieder.

Fünf Jahre später, in einer Stimmung, der Vergangenheit Bedeutung beizumessen, machte ich ihre Emailadresse ausfindig und schrieb ihr eine Mail. Ich entschuldigte mich dafür, einfach gegangen zu sein und mich nicht mehr gemeldet zu haben.
Sie antwortete gleich, war sehr erfreut über mein Lebenszeichen, und sie sagte: das mit dem Gehen sei OK.

[tagebuchbloggend 9.1.]

Und dann Soul Kitchen gesehen. Wir haben viel gelacht, und erst als ich später im Bett lag, und mich die gewaltige Ästhetik des Filmes innerlich nicht in Ruhe ließ, fiel mir auf, einen unendlich traurigen Film gesehen zu haben, der nur mit liebevollem Witz und wegen der grotsek gezeichneten Figuren, den Anschein gibt, eine Komödie zu sein. Ich bin auch heute noch eigenartig mitgenommen. Danach sind wir durch den Schnee, die Rosenthaler Straße hoch gelaufen, meine Schwester und ich, bis zum Rosenthaler Platz, haben uns verabschiedet, sie ist in die Ubahn gestiegen und ich bin die Brunnenstraße hoch gelaufen. Die verschneite Partynacht, alles gedämpft von einer Watteschicht, nur vereinzelte Idioten haben sich ins Auto gesetzt und fahren herum. Zuhause arbeitete K noch. K arbeitet zur Zeit Tag und Nacht. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb bis ungefähr vier Uhr. Danach legte ich mich ins Bett und konnte nicht einschlafen. Und da fiel mir auf, dass ich einen unendlich traurigen Film gesehen hatte.

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Über diese Vernetzung und Omnipräsenz der webzweinull-Communities bin ich wieder mit ganz alten Freunden und Bekannten aus meiner Kindheit in Kontakt gekommen. Ich habe es in den Anfangszeiten dieses Blogs einmal erwähnt, dass ich in einem kleinen Dolomitendorf aufgewachsen bin, in dem man Rätoromanisch spricht. Das ist ein übriggebliebener lateinischer Dialekt, den man damals, zur Römerzeit, und auch später noch, im gesamten Alpenraum sprach, bis das Latein aus politischen Gründen ausstarb und durch Französisch, Deutsch, Italienisch und Slawisch ersetzt wurde. Bis auf die paar gallischen Dörfer. Die paar Täler in den Dolomiten und der Schweiz, die geographisch dermaßen isoliert waren, dass sich die Sprache über die Jahrhunderte hinweg konserviert hat. Das Rätoromanische in den Dolomiten nennt sich Ladin. Ich bin ladinisch aufgewachsen, das heisst, dreisprachig natürlich, weil die amtliche Sprache italienisch ist, meine Eltern Südtirolerisch sprechen, aber mein sonstiges gesamtes sozialen Umfeld eben ladinisch sprach. Ladinisch war meine Alltagssprache. Ich dachte auf Ladinisch, ich träumte auf Ladinisch, und um es vollends zu verkitschen: ich schrieb sogar meinen ersten Liebesbrief auf Ladinisch.
Als ich vierzehn war, zog meine Familie weg, in Richtung Bozen, berufliche Gründe meines Vaters; ich stand mitten in der Pubertät, ich hasste es, meine ganze Welt wurde mir genommen, und seitdem hatte ich, bis auf wenige Ausnahmen, kaum mehr ein ladinisches Wort gesprochen.

Bis jetzt eben die webzweinull-Communities kamen. Und ich der Gruppe “Ladins” beitrat. Neulich schrieb mich eine junge Frau an: Hey, auch ich bin Ladinerin und wohne in Berlin. Lust auf einen Drink?
Ich hatte Lust auf einen Drink.
Vorgestern trafen wir uns also in der Weinerei in der Griebenowstraße, nahmen einen Drink, und ich stockte und hakte. Es war sehr fremd und ungewohnt, und schwierig vor allem, nach mehr als zwanzig Jahren Ladinisch zu reden, Konversation in einer Sprache, die einmal meine Alltagssprache gewesen ist. Die einfachsten Wörter fielen mir nicht ein, dauernd bat ich mitten im Satz, auf Deutsch, nach Hilfe: »Woche?« »Edema« »Naturalmënt, Edema! [...]« und sofort tauten die einzelnen, erfragten Wörter aus den hintersten tiefgekühlten Weiten meines Gedächtnissen wieder auf, die so gut konserviert gewesen sind, dass regelrecht die Gerüche zu den Wörtern mit auftauten, sie sagte in einem Satz »Lüsa« und eine Erinnerung fing an aufzutauen, ich fragte »Lüsa?«, ich wiederholte: »Lüsa? Schlitten?«, sie nickte und ich sah mich als kleinen Jungen den Schlitten über die kleine Holzbrücke des Baches ziehen, während mir der Duft der Fichten auf der anderen Seite des Baches entgegenwehte. Blöder Psychoscheiß, das, aber schon Okee.

[tagebuchbloggend 7.1.]

Die letzten Tage mich vor der Kälte gedrückt. Diese berliner kontinentalsibirischen Minusgrade gehen mir in die Knochen, das bin ich so nicht gewohnt, das geht mir sehr auf das Gemüt. Dabei sollte ich die Kälte kennen. Da wo ich herkomme ist ungefähr sechs Monate im Jahr Winter, ein Monat ist Sommer und fünf Monate Herbst. Frühling gibt es da nicht. Der Frühling ist der Matsch im auslaufenden Winter. Später in meinen langen Jahren an der Nordsee hatte ich nie richtigen Winter; die Sache mit dem Golfstrom, wir wissen bescheid. Ich sitze also drin. Oder bewege mich über U-Bahn. Und was will ich damit eigentlich sagen. Während ich die Zeit also Großteils drinnen verbracht habe, fand ich diesen Ton. Beim Aufschreiben von Liebesgeschichten aus meiner Jugend, wie das damals mit den Gefühlen war, das ist eigenartig, diese Leichtigkeit mit der man sie plötzlich betrachtet kann, umschreiben auch, die Zusammenhänge sind plötzlich so klar. Obwohl. Mal sehen ob später etwas davon ins Blog passt, ist dann ja auch wiedermal etwas autobiologisches, das kann hierher, die fitkiven Sachen machen mir sonst das Blog immer so fremd.

[...]

Die Idee ist natürlich uralt, die Umsetzung eigentlich auch, aber dennoch, es geht sicherlich noch besser, deshalb: ein paar gewöhnliche Leser schreiben ganz gewöhnlich, höchst subjektiv über Bücher die sie so gelesen haben. Wir präsentieren proudly: The common reader.

[tagebuchbloggend 3.1.]

Was ich vergessen hatte zu erwähnen, ist die Aufgeregtheit am Potsdamer Platz. Die Menschenströme von Außerhalb, die sich Berlin geben wollen und dann vor der Kulisse des Potsdamer Platzes landen, am plattgetretenen Dreieck: Reichstag, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz. Ich gehöre ja zur Generation der Berliner, die den neuen Potsdamer Platz schon als integrierten Stadtraum wahrnehmen, und ihn auch entsprechend nutzen, wegen dieser gespielten Mondanität, der wir uns manchmal hingeben, Filme nur im Originalton zu sehen zu können, weil man bei synchronisierten Filmen, nach einer kurzen Entwöhnungsphase im Ausland, diese hermetische TOTALAKUSTIK der Syncronschaltung nicht mehr ausstehen kann. K und ich saßen in einem dieser Touristencafes an der Erhardt-irgendwas-Straße und tranken einen Kaffee, wir waren ziemlich ausgekühlt von der Kälte draußen, K las das Kinoprogramm und ich tat das, was ich früher beim Rauchen auch oft tat: in den Raum schauen. Nur hat man ohne Zigarette das Gefühl man sei ein Tagträumer, während die Zigarette immer die Bedeutungsschwere mitlieferte. Eine alte Erkenntnis. Mir kam jedenfalls in den Sinn, dass die Anwesenden vermutlich dem Trug erlegen wären, sich unter Berlinern zu befinden, das glaube ich, weil ich allen ernstes auch immer glaube, in Paris im 1mere Arrondissement zu sitzen und mich unter Parisern zu befinden, und genauso geht es den Berliner Touristen, sie setzen sich in die Bars am Potsdamer Platz und wähnen sich unter Berlinern, das ist vielleicht das Eigenartige dieses industriellen Massentourismusses – gegen den ich übrigens nichts habe – dass wir uns in, öhm, Sicherheit wähnen. Meine Schwester zieht übrigens wieder um. Der Entschluß alleine zu wohnen. (Diese KAPITALNEBENSÄTZE, ich komme in diesen Tagen nicht drumherum.). Ich begleitete sie zu einer Wohnungsbesichtigung im vorderen Samariterkiez, unweit der besetzten Häuser in der Rigaer-/Liebigstraße. Eine eindrucksvolle urbane Kulisse, die Sprache der bemalten Fassaden, die so explizit daherkommt, in der Ästhetik mit der wir früher die Flyer gestaltet haben. Ein Dutzend Häuser, sie wirken wie eine Territoriumsmarkierung, es ist wie Popart, recycled auf Gründerzeitpappe, TOTALÄSTHETIK. Erst beim Schreiben diese Zeilen fallen mir die Parallelen zum vorgestern erwähnten Quartier Jägerstraße auf, möglicherweise ist Aldo Rossi in seinen letzten Tagen der TOTALPOPART verfallen, der KAPITALTOTALÄSTHETIK, ein gewisser Brutalismus, der angewandt werden will, wenn man mit der Neuen Sachlichkeit brechen muss. Weshalb ich ja auch das Alexa so toll finde. Aber ich schweife ab. Wir haben uns dann diese Einzimmerwohnung im Erdgeschoß in einem Hinterhof angeguckt, die jetzt von den drei Typisierungen her ganz entsetzlich klingt. Das war aber gar nicht so. Die Wohnung war ziemlich geräumig, ziemlich billig, und ziemlich hell. Ich ging mit, weil ich ein fürchterlich neugieriger Mensch bin. Sehen wie Menschen wohnen, die Details, Gegenstände die Identitäten stiften, zu Personen assoziieren, Möbelstücke, und deren Ausrichtung, wie die Inseln geschaffen werden, wie Intimitäten geschaffen werden, überhaupt, wie der Lebensraum von Intimitäten lebt, wie der Stadtraum von Intimitäten lebt. Ich könnte immer nur Wohnungen ansehen. Mein bester Job war vielleicht Ende der Neunziger in den Niederlanden, als ich fast drei Jahre lang Möbel geschleppt habe, etwa 15 Wohnungen pro Tag, 4 Tage die Woche, 12 Monate im Jahr, ich habe damals NUR Wohnungen gesehen, und ich bin morgens mit wunderbarer Laune in die Fabrik gefahren. Später habe ich dann mit der Büroarbeit angefangen und dann bin ich fett wie eine Mozarella geworden, und schlechtgelaunt dazu. Aber gut, wovon wollte ich erzählen? Ach von den Tagen nur. Am Abend haben wir dann Billy Wilders One, Two, Three geschaut, Film aus ’61 über das Sektorenberlin, eine Komödie in der die Menschen unentwegt brüllen, wie so oft in den Filmen aus dieser Zeit, ich weiss nicht, sogar Willy Brandt hat ja immer gebrüllt, wenn er seine Reden hielt. Ich war am Ende des Filmes jedenfalls ein herbstliches Blätterhäufchen, irgendwas mit Espen oderso, und total erleichtert, als K in normalem und ruhigen Tonfall sagte: toller Film, was? Ich nickte. Der Film wurde übrigens von der Geschichte eingeholt; während der Dreharbeiten wurde die Mauer gebaut, und die ganze Thematik war danach für den Dings. Weshalb der Film anfänglich auch gefloppt ist. Erst später fing man ihn an zu schätzen. Heute kam meine Schwester am Nachmittag vorbei, weil sie sich auf dem Flohmarkt am Mauerpark eine TOTALVEREISUNG zugezogen hat. Ich hatte K kurz vorher eine Nackenmassage versprochen, also bat ich meine Schwester aus »Es« vorzulesen, während K vor mir auf dem Boden saß und sich von mir den Rücken kneten lies. So ging das eine ganze Weile und ich fühlte meine Hände irgendwann gar nicht mehr, wobei Ks Nacken TOTALBREI geworden war, was sie aber ziemlich Okee fand. Stephen King jedenfalls– diese öden Abschweifungen vom Handlungsstrang die er macht, zu viel Ballast, zu viel Nebensächlichkeiten, ich verstehe das nicht, ich meine, ich verstehe den Mainstream, ich weiß genau was funktioniert, aber bei »Es« sehe ich schlichtweg nicht, was den Mainstream an diesen öden Ausschweifungen über öde Figuren reizen soll, doch auf irgendeine Art schafft er es, uns bei der Geschichte zu halten, und während ich das so schreibe, glaube ich, dass er uns einfach eindudelt, es ist vielleicht ein bisschen wie beten oderso, er zieht eine enorme Kulisse hoch, und fängt dann an zu beten, mantraartig irgendwie, auch wenn der Text weiterfließt, vielleicht schauen wir bei King tatsächlich dem Fließen zu, als säßen wir am Fluß, ließen die Füße baumeln und schauen stundenlang hinein. [...] ah, der Text verliert an Fahrt, ich will jetzt ins Bett. Morgen fängt das Bürojahr an.

[tagebuchbloggend 1.1.]

Neujahr. Gut reingerutscht irgendwie. Nach Mitternacht, gegen zwei oder drei, wurde, in der soundsovielten Rückblende, die soundsovielte Uhr eingeblendet, wie der Zeiger in den letzten Sekunden auf das neue Jahr zugeht. Um 00:00 geschah dann gar nichts, der Zeiger der Zeit ging einfach weiter, ohne inne zu halten und zu reflektieren, ohne jemanden zu küssen, oder den Sekt aufzumachen, nach der nullten Sekunde des neuen Jahres, kam einfach die erste Sekunde des neuen Jahres, und die Zweite, und weiter in seiner unendlichen Schleife. K und ich sahen das geschehen und waren total gerührt. Heute war das mit dem Aufstehen dann doch wieder schwierig. Warum auch immer. Am Nachmittag wollten wir spazieren gehen, auch mit meiner Schwester, die Silvester alleine in ihrer Wohnung verbracht hatte, verbringen wollte, es muss in der Familie liegen. Aber unsere Aufbruchstimmung war für sie dann ein wenig zu hektisch. K und ich fuhren also mit der u8 bis zur Heinrich-Heine-Straße, weil ich von dort durch die Luisenstadt zur Friedrichstadt in Mitte laufen wollte, das Quartier Schützenstraße von Aldo Rossi, genauer anzusehen. Bisher war ich ja immer nur daran vorbeigefahren, und in jene Ecke von Mitte kommt man sonst nicht so schnell, ist ja eine dieser Ex-Mauer-Gegenden, die so eigenartig unerreicht bleiben, für das Berlin, das man so im Kopf hat wenn man Berlin im Kopf hat, was vielleicht auch nur an mir liegt, und meinem Lebensumfeld, das so geprägt ist von diesem Aufbruchberlin, das das Berlin seit 1968 geworden ist. Wir sind dann um den ganzen Block herumgelaufen, ahh, die Körperlichkeit, und sehr angetan gewesen von dieser Architektur die sich so verliebt in Szene setzt. Wir sind dann noch weiter durch die Friedrichstadt gelaufen, durch das rechtwinklige Straßenraster der Quarrees, wie es Ende Sechzehnhundert angelegt wurde, und haben uns im Zickzack bewegt, ein bisschen als wäre es ein Abenteuerurlaub, wegen der Schluchten und des historischen Kontextes, was zwar nur zur Hälfte Abenteurlich ist, aber unsere Generation ist ja geprägt vom aufgezwungenen pädagogischen Wert unserer Kindheit. Sag ich jetzt mal so.