Ich sortiere gerade alte Romanfragmente und Texte. Dabei stieß ich auf dieses Fragment, das ursprünglich einer ganz frühen Fassung aus „Springweg brennt“ entstammt. Da die Passage inhaltlich und stylistisch nicht ganz passte, nahm ich sie raus und verarbeitete sie in ein späteres Romanprojekt. Aus dem Projekt wurden aber nur 40 Seiten und ich werde nicht mehr daran arbeiten. Aber für diejenigen, die die Novelle mochten, hier ein Bonustrack, oder ein Deleted Scenes. Die Episode spielt zwischen der ersten und zweiten Besetzung des Springweg-Hauses, als wir kurz nach der freiwilligen Räumung wenige Wochen später die Lange Nieuwstraat besetzten und wohnen blieben.
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Saskia lernte ich im März kennen, als eine späte Winterperiode über das kleine Königreich hereinbrach. Ich saß mit Maarten und einem anderen Bekannten in der Kneipe „Dorstig Hart“ am Fenster, als ich draußen eine junge, etwas dicke Frau auf allen Vieren über den Bürgersteig kriechen sah. Es war wirklich eisig geworden. Zuvor hatte es einige Tage geregnet und danach war so etwas wie ein dritter Winter über das Land hereingebrochen. Fahrradfahren war nicht mehr möglich und auch die Bürgersteige waren von einer Eisschicht überzogen, und vor allem auf den holprigen und schiefen Bürgersteigen der südlichen Altstadt, in der wir uns befanden, war es fast schon lebensgefährlich, wenn man nicht sonderlich sicher auf den Beinen stand. Das Dorstig Hart lag etwa fünfzig Meter von meinem Haus entfernt, daher saß ich dort vor allem, um warme Abende zu verbringen. Unser Haus war bei zweistelligen Minusgraden kaum warmzukriegen, da ging ich lieber in die Kneipe.
Saskia kroch bis zur Tür heran, wo einige junge Männer ihr laut lachend die Hand reichten und ihr in die Kneipe hinein halfen. Ich saß am Fenster und beobachtete die Szenerie. Sie fluchte. Die Männer lachten. Sie fluchte weiter, machte aber Witze über sich selbst. Saskia war laut. Sie setzte sich an unseren langen Tisch, an dem ein gutes Dutzend Männer saßen. Männer, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Man kannte sich halt im Dorstig Hart, das „Hart“ war eine kleine Kneipe mit einem stets wiederkehrenden Publikum. Neunzig Prozent der Besucher bestanden aus Männern. Die Frauen, die da einkehrten, waren tätowierte Frauen. Waren sie hübsch, dann kamen sie nur in Begleitung von großen, bärtigen Männern. Waren sie nicht hübsch, wirkten sie meist verbraucht, oder sie waren offensiv unangenehm. Letztere wurden von den Männern meist in Ruhe gelassen. Saskia konnte ich keiner der beiden Frauengruppen zuordnen. Sie war hübsch, wobei hübsch nicht ein Adjektiv ist, mit dem man sie sofort versehen würde, sie war aber attraktiv, begehrenswert, jedoch nicht der Typus Frau, der Schutz bedarf, im Gegenteil, sie war so unmittelbar, so direkt und mit einem kräftigen Stimmorgan gesegnet, dass die Männer wie von selbst eine gesunde Distanz zu wahren schienen. Mir imponierte das. Mir imponierte auch, wie viel Bier sie trinken konnte und immer noch die Fäden der Gespräche am Tisch in den Händen hielt. Sie trug einen dicken, schwarzen Mantel aus Kunstpelz. Als sie ihn auszog, hatte sie nur ein kurzes, giftgrünes Kleid an. Sie war eher dick und hatte einen riesigen, rundgeformten Po und auch riesige Brüste. Das kurze Kleid spannte sich an ihrem Körper. Ich dachte an Sex. Sie wurde umschwärmt, jeder buhlte um Aufmerksamkeit, wollte bei ihr punkten, ein Witz folgte dem nächsten, weitere Männer setzten sich an den Tisch. Es drehte sich alles um sie: wie sie die nackten Beine zur Schau stellte, wie sie ihre Brüste hochdrückte, wie sie die Männer kontrollierte, selektierte. Sie war auf Männerfang ausgerichtet, ein Typ wie Saskia hatte es leicht.
Ich nahm nicht so sehr an den Gesprächen teil. Mir war das Gewitzel zuwider. Außerdem wollte ich an diesem Anbiedern nicht teilnehmen. Zudem kannte ich kaum jemanden wirklich gut. Der gemeinsame Nenner war wohl eine Vorliebe für schrammelige Gitarrenmusik, Metalbands aus den Achtzigern. Ich nehme mich da natürlich nicht aus, ich fand die Musik gut, das Schummerige, das Verrauchte. Der dominierende Farbton an der Kleidung war schwarz. Die Gesichter unrasiert. Ich weiß nicht, ob das etwas aussagt. Saskia saß am Kopf des Tisches, und mit ihren erdbeerroten Haaren und ihrem grünen Kleid stach sie hervor wie ein Ufo. Es lief Black Sabbath, die Leute lachten, es ging ein bisschen an mir vorbei, ich hatte schon einige Biere zu viel in mich hineingeschüttet, mein Blick war möglicherweise glasig, als plötzlich Saskias Finger auf mich zeigte. Alle verstummten. Sie sagte erst mal eine halbe Ewigkeit lang nichts. Als die halbe Ewigkeit vorbei war, sagte sie: Und wer bist du? Du schwarzhaariger Knabe?
Man muss wissen, dass sie tatsächlich ein gutes Stück älter als ich war. Sechs Jahre. Das sah man ihr an. Und ich war gerade zwanzig geworden. Mir sah man das auch an. So saß ich dann da, hatte glasige Augen, war widerwillig in einen Knaben verwandelt worden und war auf einmal der Mittelpunkt des Geschehens. Ich habe mal in einem schlauen Buch gelesen, dass man unangenehme Situationen, die man nicht zu beherrschen vermag, am besten einfach aussitzt, weil dies das Risiko eines Fehlers durch eigene Inkompetenz verringert. Das tat ich dann auch. Ich saß es einfach aus. Als der Finger auf mich zeigte und alle zwanzig Männer sich nach mir umdrehten, wusste ich sofort, diese Situation nicht meistern zu können. So schwieg ich. Ich saß da, schaute Saskias Finger an und schwieg. Es ist nicht auszuschließen, dass ich entsetzt gewirkt haben musste. Da Saskia ihren Finger aber nicht senkte, ihre feurigen Augen nicht von mir ließen und die versammelten Männer nicht wieder anfingen zu reden, schritt ich doch zur Tat und wiederholte einfach den letzten Gedanken, den ich hatte, bevor jeglicher weitere Gedanke in mir durch den Schreck zu Eis erfroren war. Ich sagte: Ich habe in einem schlauen Buch gelesen, wenn man eine Situation nicht beherrschen kann, dann soll man die Situation am besten einfach aussitzen.
Damit senkte sich ihr Finger und sie schien zufrieden. Die Männer begannen wieder zu reden, vereinzelt wurde über meine komische Antwort gelacht, aber nur zögerlich, man wusste es offenbar nicht einzuordnen, ob es ein Witz war, oder eine Aussage oder eine Entschuldigung oder was auch immer. Maarten gab mir ein schräges Lächeln. Aber seine Augen waren noch viel glasiger als meine. Die Spannung am Tisch löste sich schnell, man wandte sich wieder anderen Dingen zu.
Saskia hingegen hatte es wohl keine Ruhe gelassen. Eine halbe Stunde später (die Musik war lauter geworden, die Stimmung diverser) kam sie vom Tresen mit zwei Bieren zurück und setzte mir eines davon vor meine Nase.
Soso, aussitzen also, sagte sie. Woher kommst du denn mit deinem komischen Akzentchen?
Ich sagte: Bozen. Norditalien.
Bozen kannte sie nicht, jedoch kannte sie Italien. Es folgte der obligatorische rhetorische Austausch über Sonne, Essen und das gute Leben.
Sie sagte, sie ginge nachher tanzen, in einen dieser besetzten Schuppen am Merwedekanal. Sie sagte, ich solle mitkommen.
Dann holte sie ihre Brieftasche hervor, öffnete eines der Fächer und hielt es mir vor mein Gesicht. Da lagen ein paar Pillen drin. Es war die Zeit von Ecstasy. Sie sagte: zwei für mich, zwei für dich. Ich sagte: ok.
Sie schien zufrieden.
Es gab viele Männer an jenem Abend, die ihr den Hof gemacht hatten. Auch gut aussehende und auch coole Typen. Aber an jenem Abend hatte sie offenbar am ehesten Interesse an jemandem, der so komische Sachen sagte wie „aussitzen“. So ging der Zufall. Sie sagte, ich solle austrinken. Jochem gab ich Bescheid, dass ich ohne ihn ginge. So laut und auffällig sie gekommen war, so leise war ihr Abgang. Sie ließ sich ein Taxi rufen, dann nahm sie ihren schwarzen Kunstpelzmantel und ging, ohne jemanden eines Blickes zu würdigen. Ihre Effizienz fand ich bemerkenswert. Als wir im Taxi saßen, thematisierte ich das: Deine Schlagkraft ist gut, du hast zielstrebig geangelt.
Sie sagte, ich weiß doch noch gar nicht, ob du ein guter Fang bist.
Wir lachten. Ich sagte, gib mir mal die Pillen her, damit es sich wenigstens für mich gelohnt hat. Sie sagte, ich solle nicht frech werden, ich versprach, nur frech zu sein, wenn es sich lohnen würde. Wir teilten uns die vier Pillen und sie sagte: lauf mir ja nicht weg. Ich sagte: Sicher nicht, wenn wir nachher noch zu dir gehen.
Ich fand mich sehr mutig für diesen Satz.
Die Party fand in einem ziemlich beengenden Kellerraum in einem dieser besetzten Schuppen am Veilinghaven statt. Eine Gruppe von Ravern hielt da ein gutes Dutzend backsteinerne, garagenartige Gebäude besetzt, die vermutlich zum Jaarbeurs gehörten und perspektivisch abgerissen werden sollten. Die Decken im Keller hingen sehr niedrig. Selbst ich mit meiner durchschnittlichen Körpergröße fühlte mich ein wenig eingeengt. Es gab Leute, die mussten ihren Kopf einziehen, um stehen zu können. Tanzen war auf diese Weise natürlich eine ungute Angelegenheit. Zudem waren die Decken morsch oder wirkten zumindest so, man wollte da nicht mit dem Kopf dagegenstoßen, wer weiß, was da mit herunterkommen würde. Saskia war eher klein, einssechzig um genau zu sein. Die Pillen hatten zu wirken begonnen. Sie schwenkte ihre Brüste und hob ihre Arme, sie erreichte die Decke nicht, es beschäftigte sie nicht, sie schmieg sich an mich, wir küssten uns. Wenn das Ecstasy in mir hochkommt, dann werde ich immer zu einem Glühwürmchen. Ich laufe mit einem Lichtkörper in meiner Brust durch die Gegend. Das meine ich so gut wie wörtlich. Alles konzentriert sich um dieses Licht-Ding in meiner Brust herum. Ich laufe durch die Gegend und spüre nur: Liebe.
Scheiß Drogen, immer. Ich war auf einmal so verliebt. Eigentlich verliebte ich mich an jenem Abend in jedes Gesicht, in das ich schaute, aber ganz besonders verliebte ich mich in Saskia. In ihre roten Haare, in die Art, wie sie ihre Hüfte wiegte, in ihr grünes Kleid, in die Art, wie sie lächelte, und in ihren dicken Po. Ich will es jetzt nicht auf die Drogen schieben, ich will also nicht sagen, dass ich nur vernebelt war, ich hätte mich auch ohne die Pillen in sie verliebt, meine Gefühle waren auch nachher noch echt, sie hatte mir imponiert, ich fand ihre Art attraktiv, sexy, sie wirkte von Anfang an offen auf mich, und offene Leute bekommen immer einen Freundschaftsvorschuss von mir, und natürlich fand ich sie auch schön, wenngleich sie nicht im klassischen Sinne schön war, sie wirkte etwas streng und ihre Nase war vielleicht zu klein, zudem hatte sie für ihr Alter bereits ordentliche Augenringe. Wobei ich gestehen muss, dass mir ihre Augenringe gefielen, das hatte etwas Verlebtes, das ich als sehr authentisch betrachtete, oder zumindest mochte ich diese am Abgefucktsein angelehnte Ästhetik.
Danach gingen wir zu ihr nach Hause, wir zogen uns sofort aus und ich versenkte meinen Penis in ihrem Po.
Ich blieb über das Wochenende. Wir fickten, schauten im Bett fern und krümelten das ganze Bett voll. Am Montag zog ich mir die Kleider an und ging nach Hause. Am Freitag kam ich wieder. Wir schluckten Ecstasy, gingen tanzen und danach fickten wir das ganze Wochenende lang, während wir fernsahen und Käsetoasts aßen. Am Montag ging ich wieder. So machten wir das ein paar Wochen lang. Irgendwann kam ich schon am Donnerstag und nach einige Zeit ging ich erst am Dienstag wieder. Die Partys ließen wir bald aus und fickten nur noch.
Als das Ficken weniger wurde, stellte sie mich ihren Eltern vor.
Das war im späten Herbst. Den Eltern war ich suspekt. Hausbesetzer und dunkelhaarig. Die Eltern wohnten im katholischen Süden. Genauer verortet: im Land der Flüsse, also der lange Streifen zwischen den Rhein- und Maasarmen. Ihre Eltern betrieben eine kleine Werft. Aber die Hunde (eine dänische Dogge, ein buschiger Bouvier und 3 kleine, kläffende Irgendwas-Terrier) mochten mich offenbar, was die Eltern dazu veranlasste, mir direkt mitzuteilen, dass ich wohl kein schlechter Mensch sein könne. Das war nicht als Kompliment gedacht, auch nicht als Eisbrecher, es war lediglich eine Feststellung. Die Hunde mochten mich, also konnte ich kein schlechter Mensch sein. Ein okayer Mensch war ich deswegen noch lange nicht.
Saskia und ich hatten nie über unseren Beziehungsstatus gesprochen. Die Verliebtheit ließ erstaunlich schnell nach, aber wir hatten eine wirklich gute Zeit miteinander. Wir hatten nicht sehr viel Leidenschaft füreinander, aber wir waren ständig an etwas in Leidenschaft verbunden und begeisterten darin einander. Ich hatte vorher noch nie eine Beziehung gehabt, deshalb wusste ich nicht so genau, was ich zu erwarten hatte. Die Beziehung meiner Eltern oder der Familien aus meinen katholischen Gefilden wollte ich mir nicht als Vorbild nehmen, und so viele Beziehungen gab es in meinem persönlichen Umfeld damals noch nicht, zumindest keine Art von Beziehung, die ich für mich als erstrebenswert empfand. Ich wollte vielleicht nur ficken und verliebt sein. Verliebt war ich vielleicht schon ein bisschen. Aber wir unternahmen viel zusammen. Ich war sehr neugierig auf dieses Land, ich wollte alle komischen Winkel kennenlernen, die Gebiete unter dem Meeresspiegel, die speziellen Deiche, Ortschaften, die Namen wie Monster oder Duurwijk trugen, mittelalterliche Schlösser, Orte, an denen Schlachten ausgetragen wurden. Je mehr ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto mehr Fragen warfen sich mir auf. Das Fruchtbare an diesem Interesse war, dass Saskia eine passionierte Autofahrerin war und sich von meiner Unternehmungslust anstecken ließ. An den Wochenenden fuhr sie mich an wirklich jeden noch so entlegenen Winkel dieses Landes.
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