Diese aufgeregte Häme, die gerade über Caroline Wahl verteilt wird. Morgen kommt ihr neuer Roman heraus. Heute zogen bereits ernsthafte Feuilletonisten in Podcasts und Insta über sie her. Von oben herab spottend, unsouverän belehrend, mit selbstgerechtem Oberlehrergelächter.
Eine von mir geschätzte Kritikerin des Deutschlandfunks sah sich berufen, ein unlustiges Video auf Insta zu drehen, in dem sie ironisch ein Dessert zubereitet, weil auch bei Caroline Wahl ständig Süßigkeiten zubereitet werden. Währenddessen referiert sie wie eine besserwisserische Tante darüber, wie klischeehaft ihre Figuren sind. Ja, Caroline Wahls Klagen über den Buchpreis war sicherlich kein guter Move und man muss ihre Bücher nicht mögen, aber ich fand Literaturkritik selten so uncool.
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Später ins Olympiastadion zum Spiel gegen Elversberg gegangen. Die Freunde aus meinem Fanclub versprühten alle wenig Euphorie. Die ersten drei Saisonspiele gaben auch keinen Grund, sich auf das Ballgeschiebe zu freuen. Ich war aber ungemein optimistisch, ich fühlte es in meinem Bauch, dass die Mannschaft heute ihren Schalter finden wird. Eine Stunde vor Anpfiff standen wir noch am Rondell, wo alle etwas zynisch davon berichteten, wie sie am letzten Montag diesen völlig unverdienten Sieg gegen Münster erlebt hatten. Marcos war in Münster vor Ort gewesen und hatte eine Karte für den VIP-Bereich gehabt. Nach dem Spiel war er von enttäuschten Münsterfans umgeben, und er hatte ständig das Bedürfnis, sich für den unverdienten Sieg unserer Mannschaft zu entschuldigen. Ich glaube, ich hätte in dieser Situation sogar den VIP-Champagner wieder ausgespuckt.
Ich ging mit Benny und seiner Frau wieder in den Block T.1, zu Locke und den anderen. Die Stimmung ist dort wirklich angenehmer. Sogar bei einem lähmenden Spiel wie diesem. Ich konnte es regelrecht erfühlen, wie in meinem alten Block gerade Verbalkotze über die Ränge gestreut wurde. Am Anfang der zweiten Halbzeit ging ich trotzdem kurz rüber in Q.3, um ein paar Freunde zu begrüßen. Zudem wollte ich Natalie und die anderen besuchen, die jetzt zwanzig Reihen nach oben gezogen sind. Aber ich konnte sie nicht finden.
Weil ich im Stadion unterwegs war, bekam ich das zweite Gegentor nicht mit. Der Gegner, SV Elversberg, hatte nur etwa 200 Fans mitgebracht, und wenn nur 200 Menschen jubeln, hört man in dieser riesigen Betonschüssel davon wenig. Erst, als ich wieder in T.1 meinen Platz einnahm, sah ich das 0:2 auf der Anzeigetafel leuchten. Die Ränge wurden leise, die Ultras versuchten, die Kurve wieder zum Leben zu erwecken, aber es wollte nicht so recht bei uns ankommen. Ich sang ein paar Liedzeilen mit, verlor nach einer halben Strophe aber die Motivation. So schien es allen um mich herum zu gehen. Als Gechter in der 77. Minute mit Gelb-Rot vom Platz verwiesen wurde, überlegte ich, zu gehen. Ich blieb aber noch bis zur 85. Minute, als auch Benny sagte, dass es ihm reiche. Also verließen ich mit ihm und seiner Frau das Stadion. Wir verloren uns aber aus den Augen. Vor dem Stadion traf ich Tanja, die dort auf den Steinstufen saß und auf dem Telefon herummachte. Sie hatte mir geschrieben, aber ich hatte das nicht mitbekommen. Sie war nach Wiederanpfiff zur zweiten Hälfte nicht mehr zurück in die Kurve gegangen, sondern draußen geblieben. Sie hatte keine Lust mehr, sich das anzusehen. Dennoch blieb sie und wartete auf ihren Freund. Ich ging dann weiter zur S-Bahn, ich würde vor dem ersten Ansturm bei den Bahnen sein und vielleicht noch einen Sitzplatz finden. Solche Niederlagen sind mit Sitzplatz besser zu ertragen.
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