Morgens an der Ostseite des Hauses auf dem Stein sitzen und bei der aufgehenden Sonne den ersten Kaffee trinken. Ich komme mir vor wie aus einer Altersvorsorge-Reklame geschnitten. Dabei ist die Sonne längst weit über dem Horizont, wenn ich aufstehe. Der Sonnenstand nähert sich bereits der Sonnenwende. Die Tage sind schon wesentlich länger als in Berlin.
Heute baute ich den Rasenmäher zusammen, kaufte Benzin und Motoröl und machte damit eine Probefahrt. Ich bin ein sehr glücklicher Rasenmäherbesitzer. Das Gras ist aber noch zu niedrig, als dass es großflächig gemäht werden müsste. Das Graswachstum hat gerade erst begonnen. Allerdings werde ich die zwei alten Straßen unterm Haus vom Wildbewuchs befreien. Die sind aber eher von Heidekraut und Jungbäumen bewachsen und nicht so sehr vom Gras. Die Jungbäume entfernte ich alle mit der neu gefundenen Astschere. Währenddessen sägte der Sohn der Berliner Nachbarin den umgefallenen Baum in kleinere Einzelstücke. Die elektrische Motorsäge reicht für diese Arbeiten vollkommen aus. Mein Freund Max (der Sohn des Försters) hielt mich nämlich vom Kauf einer benzinbetriebenen Motorsäge ab und riet stattdessen dazu, nur Kabel für meine elektrische Motorsäge zu kaufen. Benzinbetriebene Motorsägen seien zum einen sehr gefährliche Geräte, aber vor allem, sehr wartungsintensiv, gerade im Hinblick darauf, wenn man sie nur selten verwendet, wie es bei mir der Fall ist.
Später nahmen meine Frau, die Nachbarin und ich Tapeten im Gästezimmer ab. Das ist eine langwierige und langweilige Arbeit. Dazu hörten wir einen True-Crime-Podcast über einen Todesfall in einem texanischen Hotelzimmer, wo sich zwei betrunkene Männer mit einer geladenen Pistole stritten, aus der sich dann ein Schuss löste. Die Kugel durchschlug die Gipswand des Zimmers und traf im Nebenzimmer einen Mann, der dort im Bett lag, während er einen Film schaute. Das Geschoss traf seinen Hoden und drang dort in den Körper ein, wo es sich ins Herz bohrte und den Mann augenblicklich tötete.
Der Tod des Mannes blieb drei Jahre lang ein Mysterium, weil man nicht verstand, woran der Mann gestorben war. Man hatte nämlich kein Einschussloch finden können, da der Hoden blau angelaufen war und das Loch überdeckte. Das Innere seines Körpers sah allerdings aus, als wäre er von einem Bus überfahren worden. Wegen des blauen Hodens ermittelte man immer in Richtung eines Sexualdeliktes, und das machte alle blind. Sex macht ja immer alle blind.
Am Dienstag besichtigten wir ein zweites Haus, das zwar riesig und relativ günstig war und zudem von zwei Wiesen und einem Stück Wald umgeben war, das aber seltsame Niedersachsen-Vibes von sich gab. Ich habe nichts gegen Niedersachsen, aber es dient in meinem persönlichen Kosmos als Sinnbild für getrimmten Rasen und eine gutgemeinte Vorstadthölle. Tut mir leid. Ich bin mir sicher, dass Niedersachsen viele schöne Ecken hat, aber man kann es nicht allen recht machen, vor allem nicht, wenn man eine einfache Metapher braucht. Das Haus war jedenfalls mit Niedersachsen-Vibes renoviert worden. Fichten-Laminat, Plastikfenster, Marmorsäulen. Damit will ich nicht sagen, dass Schweden nicht auch für solche Vibes empfänglich sind, ganz im Gegenteil, man sieht hier in den Dörfern viele Häuser herumstehen, die mit einer gepflegten Geschmackslosigkeit aufgestellt wurden, wie überall sonst in Europa auch. Es ist die Schuld der Neunziger. Vielleicht ist es auch die Schuld der Achtziger. Siebziger, was weiß ich. Wenn man in Schweden aber ein süßes Häuschen kaufen will, dann hat man ein anderes Bild vor Augen und Vorstadthöllen-Vibes tun dann eben richtig weh.
Nun.
Ich komme hier nicht gut in meine tägliche Blogroutine rein. Gerade deswegen unterhält es mich einigermaßen, wie die Kaltmamsell häufig in ihren Blogeinträgen erwähnt, dass sie gebloggt habe. Was aber als Protokollierung des Tagesablaufes und auch der Arbeitsroutine durchaus sinnvoll und auch interessant ist. Würde ich meine Schreibroutine der letzten drei Tage aufschreiben, dann stünde hier schon dreimal: Ich stand auf, kochte mir einen Kaffee, setzte mich in ein sonniges Plätzchen, und dann – ja, dann kam es immer anders.
Mittlerweile hat sich auch der Cousin meiner Frau wegen der Motorsäge gemeldet. Weil seine Frau hier im Blog darüber las, dass ich mir eine solche Säge kaufen wollte. Er schrieb meiner Frau eine sehr lange Mail, in der er mir dringendst davon abriet, eine anzuschaffen. Er brachte die gleichen Gründe an, die Max auch angeführt hatte. Es ist ein sehr wartungsintensives Gerät, außerdem sehr gefährlich. Was weder er noch Max wissen konnten, ist der Umstand, dass ich schon als Jugendlicher jedes Frühjahr mit meinem Vater in den Wald ging, um Bäume wegzuarbeiten. So nannte man das. Ich kann mit einer Motorsäge also durchaus umgehen. Aber natürlich bin ich nicht geschult darin, ich verstehe die Einwände schon. Es belustigt mich allerdings, mit welchem Nachdruck mir beide Männer davon abraten.


