30 August Montag/Monday – Hambuich

Und ich fuehlte mich wie Christoph Kolumbus wo die Faehre aus Lithauen gestern Abend in die Kieler Bucht einfuhr. Wie Kolumbus stand ich vorne auf dem Deck und wartete darauf dass das Land in Sicht kaeme. Bei ihm war es die Fliege die sich auf seine Hand setzte und er dann wusste dass das Land sehr Nahe sein musste. Bei mir war es eine Wespe die mir direkt und unangekuendigt ins Ohr flog. Ich wusste gar nicht dass die Scheissbiester sich so weit vom Land weg aufhalten.
Heute erstmal arbeiten, damit ich auch gleich ohne Pause und Moeglichkeit den Rucksack auszupacken in den Genuss des grauen Alltags komme. Ich habs mir nicht besser planen koennen.
Ein Reisebericht und die dazugehoerigen Fotos folgen demnaechst. Ich muss erst die Digitalkamera entwickeln (haha, Scheisswitz, ich weiss) und meinen Kopf ordnen.

19 August Donnerstag/Thursday – Warszawka

Oestlich der Oder werden ploetzlich die Handys moderner, die Klingeltoene polyphoner, die Displays bunter und die Autos viel schneller und lauter.
In Warszawa’s neu gebaute Altstadt und faszinierender 60er und 70er Sowjet-Neubauwueste, Julias und ihrer Mutter Gastfreundschaft genossen, und von deren Hundschaft abgeschleckt, polnischen Doener gegessen, alte Freunde getroffen, viel gelaufen. Jetzt sind wir seit zwei Tagen in Vilnius, Gintare und Kostia und Jurga. Viel zu erzaehlen, aber keinen Elan. zu Muede bin ich und zu heiss ist es hier. Fotos spaeter.

Lutti (2)

Und dann nahm ich das Telefon in die Hand, stammelte erst ein paar Wörter auf Ladinisch vor mich hin um meine Zunge sich wieder an diese Sprache zu gewöhnen (Im Gadertal, sowie in drei anderen Taelern der Dolomiten, spricht man eine sehr alte Sprache die früher ein lateinischer Dialekt war und sich wegen der geographischen Isoliertheit dieser Täler bis hin zur heutigen Zeit konserviert hat. Auch in der östlichen Schweiz und im Nord-Friaul wird diese Sprache noch gesprochen und ist unter dem gemeinsamen Nenner Raetoromanisch bekannt, das kommt daher, dass es die Sprache der römischen Provinz Raetia war, die das ganze Alpengebiet umfasste und sich bis nach Bayern hinzog. Nach dem Zerfall des römischen Reiches bekamen die germanischen Sprachen im Norden der Alpen den Einfluss und die anderen Teile entwickelten sich mit der Zeit zum Französischen, Slawischen und Italienischen. Bis auf diese paar alpenländische Gallier die hinter ihren Schluchten und Bergen derart abgeschlossen waren, dass sie von der Auflösung des römischen Reiches Jahrhundertelang nichts mitbekommen haben.
Vom Klang her klingt es oft wie eine Mischung aus Französisch und Portugiesisch, hat mit jenen Sprachen aber nur insofern was gemeinsam, dass es romanische Sprachen sind. Geschrieben sieht es aus wie Französisch, wegen der vielen Akzente und Dächern auf den Buchstaben, aber verwant ist es wohl am nähesten mit dem Italienischen, da sie beide direkt aus dem Lateinischen hervorgegangen sind. Ladinisch, auch bekannt als “Dolomiten-raetoromanisch” ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem jüdischen Ladinisch, was etwas vollkommen anderes ist. Ich bin kein ethnischer Ladiner, ich habe ja auch einen hundertprozentig teutonischen Namen, meine Familie zog jedoch, als ich im 3 Jahre alt war, in eines der ladinischen Täler und so wuchs ich dort auf. Bis ich, wie letztens gesagt, vierzehn wurde.) und wählte Lutti’s Nummer.
Er war sehr erfreut. Natürlich.
Wir erzaehlten einander vom Leben, was in den fünfzehn Jahren alles passiert ist und ich konnte feststellen dass er eigentlich ja ziemlich glücklich ist. Nicht übermaessig, aber es ging halt alles so seinen Gang und alles war gut. Nach fünfzehn Jahren war er jetzt auch der Beinahe-Chef der Metzgerei. Das verblüffende war jedoch folgendes:
M: Komm mich mal besuchen
L: Jasicher, muss ich tun. Ich habe anfang Oktober Urlaub und eh noch nichts geplant.
M: Ist ja grossartig
L: Dann nehm ich Moje und Majo mit und wir kommen nach Hamburg
M: super. Scheisse das ist dann ja schon in sechs Wochen
L: Scheisse ja da hast du recht
So schnell kann das manchmal gehen

12 August Donnerstag/Thursday – Sternschnuppen/shooting stars

Gestern Abend uns im Schanzenpark verkrochen den Perseidenschwarm Funkenregen zu sehen. Drei kurze Flitzer erblickt, das war alles. Ich habe mir gewuenscht dass ich diesen Job noch weiterhin machen werden muss. Weil wenn man sagt was man sich gewuenscht hat, dann geht der Wunsch nicht in erfuellung.

(links Himmel ueber Hamburg ohne Blitz. Rechts mit Blitz. Das Blitzlicht wird in einigen Miliarden Lichtjahren unter dem Wasserturm im Schanzenpark zurueckkehren und ahnungslose Liebespaaerchen erschrecken)

10 August – Dienstag/Tuesday – Lutti

Lutti war mein bester Freund aus meiner Kindheit und fruehen Jugend. Wir wuchsen zusammen in einem 600-Seelen-Dorf in einem ziemlich abgelegenen Teil inmitten der Dolomiten auf. Lutti und ich verstanden uns schon im Kindergarten sehr gut. Wir brauchten nie viel miteinander zu reden. Wir mochten einfach einanders Gesellschaft. Das ging ueber viele Jahre so. Lutti und ich rauchten unseren ersten Joint zusammen, entdeckten zusammen die Liebe zum Alkoholruss, rauchten zusammen die erste Zigarette und sprachen das erste Mal zusammen ueber Maedchen. Lutti war immer sehr ruhig. Sagte nie besonders viel, hielt sich gerne im Hintergrund, aber war immer dabei wenn es darum ging Scheisse zu bauen. Er war zwar nicht besonders Intelligent, auch wenn mir nie in den Sinn kaeme zu sagen dass er Dumm waere, nein, hoechstens dass er vielleicht zu vertraeumt und manchmal zu apathisch war um richtig strukturiert zu denken im Sinne dass er dadurch ein intellektuelles Archiv in seinem Kopf aufbauen koennte. Ausserdem las er nicht gerne. Jedoch konnte ich mit ihm herrliche Nachmittage verbringen beim Austausch von Gedanken ueber das Leben und die Liebe. Er verstand immer meinen Drang die Welt zu verbessern und immer wenn ich frustriert war hoerte er mir zu. Er war ueberhaupt der beste Zuhoerer den ich je in meinem Leben getroffen habe. Er war in der Mittelschule sitzengeblieben und ein Jahr spaeter blieb ich auch sitzen und liess mich in seine Klasse versetzen. So sehr mochten wir einander. Wir waren als 13-jaehrige die ersten Heavy-Metal freaks des ganzen Gadertales und trugen zerrissene Jeansjacken mit Totenkoepfen und Iron Maiden Aufklebern und gaben in der Klasse fuerchterlich an wenn wir von unseren teilweise erfundene Saufgeschichten erzaehlten. Nach der Mittelschule standen wir dann als 14-jaehrige vor einer voellig unsicheren Zukunft. Die Pflichtschule war fertig, Lutti fing eine Lehre in einer Metzgerei an, meine Eltern planten den Umzug in ein 80 Kilometer weit entferntes Dorf und ich wollte mit allen Mitteln da bleiben wo ich war. Weitersaufen mit Lutti und seinem kleinen Bruder Moje, an Nachmittagen Iron Maiden hoeren und eben hoffen dass die schoene Christina mir mal ein Laecheln schenken wuerde. Ich flehte meinen Vater an mich doch in meinem Dorf bleiben zu lassen, hatte sogar schon eine Lehrstelle als Konditor gesucht, aber als 14-jaehriger hat man da wenig zu sagen. Ich wurde meinem Dorf entrissen und musste umziehen.
Ich habe ihn danach noch zweimal gesehen. Einmal etwa zwei Jahre spaeter, da kam er mich zusammen mit Moje und einem anderen Freund besuchen und einmal viele viele Jahre spaeter hatte ich ihn selbst einmal besucht. Aber der Draht war schon gebrochen. Damals wo ich ihn besucht hatte war ich etwas erschrocken, da ich an allem merkte dass er ein Alkoholproblem hatte. Wir waren an jenem Tag des Besuches beide etwa 23. Er war noch immer Metzger, hatte immernoch keine Freundin, wohnte immer noch bei den Eltern, hing an den Abenden in der Tennisbar herum, soff Bier, und wartete auf das Wochenende. Der Besuch war sehr kurz damals, aber hatte mich sehr traurig gestimmt.
Und so vergingen noch viele weitere Jahre ohne dass wir voneinander hoerten. Obwohl ich ihn immer noch als meinen besten Freund meiner Kindheit in mir herumtrage. Und jedes Jahr am 8. August denke ich mir dass ich ihn eigentlich gerne anrufen moechte ihm alles gute zum Geburtstag zu wuenschen und um ihn einfach mal zu sprechen. Ob er verliebt waere, ob er eine andere Arbeit haette, und was sonst noch. Doch immer wieder verschiebe ich es. Die Huerde ist mir einfach zu gross.
Bis vor einigen Tagen wieder dieser 8. August naeher kam und ich tagelang die Zeit hatte mich auf diesen Anruf vorzubereiten. Vorgestern rief ich also meine Mutter an ob sie mir im Telefonbuch Lutti’s Nummer raussuchen koenne. Und ohne weiter zu zoegern wahlte ich dann seine Nummer.
Seine Mutter ging ran und war aeusserst erfreut ueber meinen Anruf. Sie mochte mich immer schon gerne. Lutti war nicht zuhause. Er hing “irgendwo” herum. Sie sagte mir ich solle doch am naechsten Tag zurueckrufen, er wuerde immer so gegen halb acht von der Metzgerei nach Hause kommen, da wuerde ich ihn bestimmt erwischen. Er wuerde sich bestimmt freuen.
Und nun sitze ich hier schon den zweiten Abend und habe nicht den Mut ihn anzurufen. Was sollte ich ihm sagen? Sollte ich ihm erzaehlen von meinen Reisen? Von den Laendern wo ich ueberall gewohnt habe, dass ich wieder verliebt bin, was ich in all den Jahren alles aufregende erlebt habe? Was koennte ich ihm erzaehlen das ihn nicht kraenken wuerde und ihn nicht ein kleines unbedeutendes Menschlein erscheinen liesse? Wie gerne ich ihn auch mag und wie gerne ich ihn auch wieder sprechen moechte, ich wuerde wahrscheinlich nur mehr kaputt machen als dass ich Freude bereiten wuerde.