am Schwanenwik, gestern abend

Es ist ein schönes Haus, das Hamburger Literaturhaus. Man gerät unmittelbar ins Schweigen wenn man die kleine Eingangstreppe erklimmt und in diese antiquierten Räume eintritt. Es hängen grosse Bilder von bärtigen Männern in den Gängen, aber auch Judith Hermann hängt dazwischen, was als einziges Farbfoto neben den Bärten und den prunkvollen Kronleuchtern ein wenig seltsam aussieht.

Isa hat einen der drei Förderpreise für literarische Übersetzungen gewonnen. Ich bin inofizielles Mitglied des inofiziellen Fanclubs und zum Jubeln da. Und es gibt kostenlose Würstchen und Astra Rotlicht, auch umsonst. Isa sitzt abgeschieden im Kreise der Preisträger, freude kommt auf, ihr auch?, sie trägt eine tolle Kette aus grossen, schwarzen Kettengliedern. Im Saal, ihr Mann ist da, Paulsen ist da, Sven Heine ist da, Lady Grey ist da, und Merlix mit seiner Herzdame. Wir setzen uns an den Tisch der Freunde, trinken Astra Rotlicht, der Saal ist voll, man unterhält sich angeregt, und die Veranstaltung beginnt.

Am Nebentisch sitzen die Leute des Machtclub. Einer aus ihrer Mitte, Dierk Hagedorn, hat einen Preis gewonnen. Sie wirken ein wenig wie Terroristen, ein bisschen altmodisch, ich mag das, wie eine verschwörte Gruppe aus den achtzigern, tuscheln lässig untereinander, lächeln müde beim Auftritt der Kultursenatorin, unterbrechen die Rede des Vorsitzenden der Kulturbehörde mit einem klugen Witz worüber der ganze Saal ins Lachen gerät. Trotzdem sie Underdogs sein wollen, oder sind, wirken sie elitär, als könne niemand ihnen in Sachen Literaturverständnis das Wasser reichen, schon gar nicht das Literaturhaus, weil das Literaturhaus elitär ist.
Während beim Auftritt aller Anderen einfach nur laut geklatscht wird, wird bei Dierk Hagedorn gebrüllt. Und sobald dieser die Bühne verlässt, verlassen einige an jenem Tisch den Saal und vertreiben sich den Rest der Zeit an der Astra Rotlicht-Bar.
So geht das mit der Rebellion, und das ist in Ordnung. Solange es nur jemand tut.

Isa ist gut. Isa steigt ans Rednerpult, redet einleitend souverän über ihr Buch, sagt kluge und begeisternde Dinge über die Tätigkeit der Übersetzer und liest fünf Minuten aus dem Buch vor.
Überhaupt, Übersetzer.
Wie sehr mich Übersetzer immer überhaupt nicht interessiert haben. Durchsichtige Gestalten, gleich Ghostwriter, die wie von Geisterhand Texte aus anderen Sprachen in andere Sprachen bringen. Wie Legoklötze umzunormen von Zentimeter auf Inches meinetwegen. Aber Kunst? Seit ich Isa kenne und ihr Blog lese, weiss ich es besser.

Lars Dahms. Einer der sechs Preisträger für den Förderpreis der Autoren. Absolut verdient. Mit seinem grossartig, mit unaufgeregtem Witz erzählten Text über diesen afrikanischen Fluss, wessen Name ich jetzt vergessen habe. Dahms notiert.

Ungewöhnlich, jedoch sehr erfreulich, so sagt es Kultursenatorin Karin von Welck, sei, dass der Förderpreis für literarische Übersetzungen nicht vom Übersetzer, sondern vom übersetzten Autor in Empfang genommen werde. Und so betritt Hamid Skif das Podium. Er hält eine kurze Rede auf französisch über seinen Übersetzer Andreas Münzner, macht ein paar lockere Witze über seinen neuen Anzug, wessen Rechnung er an den mit ihm befreundeten Preisträger schicken wird, erwähnt dann seine nordafrikanische Herkunft, weitet das Thema geschichtlich auf den Sklavenhandel aus und endet, höchst überraschend mit einem rhetorisch blendend platzierten Hieb auf Kultursenatorin Karin von Welck, wie es denn sein könnte, dass sie das umstrittende Denkmal für den Sklavenhändler, trotz lauter und vieler Proteste durchgedrückt habe.
Ich strecke meinen Hals und suche das Gesicht der Kultursenatorin, die sich mittlerweile wieder ins Publikum gesetzt hat. Gleich mir, strecken auch alle anderen die Hälse, und so weiss letztendlich niemand wie sie den Hieb eingesteckt hat.

Ein weiteres Glanzlicht, die oh so junge Autorin Friederike Trudzinski. Ich mag das, wenn Texte komplexe soziale Zusammenhänge mit dramatischem Witz auseinandernehmen zu wissen. Dem (leider zu kurzen) Auzug aus ihrem Text den sie vorliest nach zu schliessen, ist es ihr dermassen gut gelungen diesem, ich nenne es jetzt mal, Genre, eines obendraufzugeben, dass ich hungrig werde und beim Blättern auf Amazon auf ihr Buch stosse. An die Wunschliste hinzugefügt.

Den Hunger muss ich anschliessend in Astra Rotlicht ertränken.

Mit Daniel Beskos vom Mairisch Verlags gesprochen. Ich bin von der Arbeit der Verleger, und vom Mairisch Verlag im Besonderen, schwer beeindruckt. Weil die so viel Ordnung und Plan haben, wie sie an Fäden ziehen, Kontos führen, Kontakte knüpfen, Kartons für Bücher zurechtschneiden. Ameisen von der kreativen Sorte. Ich weiss jetzt auch, dass sich Ameisentum und Kunst sehr wohl in einem Kopf vereinigen lassen. Am Beispiel der kleinen Verleger.

Und wenn man mich lassen würde, dann wäre ich ja Fan von Sigrid Behrens. Die, die dieses Jahr auch beim Bachmannpreis in Klagenfurt gelesen hat, deren Text zu meinem Bedauern jedoch, von der Jury in viele kleine Stücke zerrissen wurde. Ich traf sie auf dem Weg ins Klo, das Astra Rotlicht hatte schon weite Teile meines Kopfes abgedunkelt, sie läuft in einem vielfarbigen Kleid an mir vorbei, ich rufe “Ah, Sigrid Behrens”. Sie ist sehr nett, greift sich mit beiden Händen an den Kopf und entschuldigt sich dafür mich nicht zu kennen, ich erwähne die Baderanstalt, Bachmannpreis, dass dieses Kennen sehr einseitig sei, wir lediglich teilen, dass wir auf der selben Bühne gelesen haben. Als der Gesprächsstoff nach dieser kurzen Erklärung erschöpft ist, weil mir die wohlformulierten Worte fehlen die Bachmannjury zu beschimpfen, weil ich ihr meinen Ärger schildern will, wie dieses Jahr in Klagenfurt Geschichten über die Liebe verachtet wurden, und will das sagen, ohne ihren Beitrag als Geschichte über die Liebe herabzusetzen.
Ich sage stattdessen: “Ich muss dringend Pissen!” und weise mit gequälter Mimik auf meine Blase.

Das Astra Rotlicht geht zur Neige und damit auch das Publikum.
Gerne wieder. Nur die Würstchen waren ein bisschen zäh.

Satan weiche von mir!

Der wahre Grund, warum ich auf Second Life übergestiegen bin, ist gar nicht der, dass ich mir eine friedlichere Welt wünsche in der wir alle knutschen und fröhlich nebeneinanderher Häuser bauen und Gärten pflegen, nein der wahre Grund ist der, dass ich eigentlich ein rasender Zocker bin, der aufgebracht und und tötungswillig den Monitor demoliert wenn er den verhassten Gegner aus dem feindlichen Lager nicht richtig im Kopf getroffen hat, also so richtig getroffen, dass eine Hirnhälfte blutschleudernd gegen die Wand klatscht – und dem eben gerne vorbeugen möchte.

Ich habe drei mal Doom gespielt und dabei gemerkt, wie das Spiel mich höchst erfolgreich, langsam aber zielstrebig, zur Killermaschine verwandelte. Ich, freundlicher, katholischer Engelsbub, wurde zum Mörder. Alle Register der dunklen Abgründe meiner Seele wurden gezogen. Als ich im Dorf für Mamma Brot holen sollte, und die alte Frau vor mir bei der Bäckerin eeeewig in ihrer Geldbörse nach diesem verdammten fehlenden fünfhundert Lire Stück suchte, und ich anfing zu hyperventilieren, wusste ich es schon, dass der einzige Ausweg, nicht völlig durchzuknallen, der gewesen wäre, wie ich es in Doom immer machte, in Doom, meiner sakralen Welt, wo ich sein darf wie ich will, wo ich mich als Mann des Bösen zurückziehen kann wenn mich niemand mehr mag, und zwar, mein grosses Gewehr, das mit den grossen Patronen, zu ziehen und eine Gehirnhälfte der Frau durch die ganze Bäckerei zu jagen.
Die alte Frau konnte froh sein, dass ich damals erst dreimal in der unheimlichen Welt von Doom um mein Leben gekämpft hatte. Wäre ich ein richtiger Zocker gewesen, wie die jungen Männer in Deutschland, die dermassen von den Spielen vergiftet sind, dass sie nicht mehr zwischen Spiel und Realität zu unterscheiden vermögen, dann wäre es womöglich anders mit ihr ausgegangen. Und mit ihrem Hirn.
Seit ich Second Life spiele bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich bin geheilt. Der Teufel ausgetrieben. Und das gerade jetzt, wo ich vielleicht wissen würde wo ich mir eine Waffe besorgen könnte, wenn ich nur lange genug danach suchte. Die Welt ist ungerecht.

Und da auch der Killerzockermörder in Emsdetten, gleich wie schon drei andere Killerzockermörder vor ihm, ausschliesslich schwarze Kleider trugen, weiss ich jetzt auch, warum ich dieses ungute Gefühl habe, immer noch eine dunkle Seite in mir schlummern zu spüren. Ich werde meine schwarzen Kleider verbrennen. Satan weiche von mir.

(und ich werde auch kid37 und mark793 nicht mehr lesen)

Kaltakquise. Gackerndes Frischfleisch. Gehäutet.

alles für ein “dt”

(Ich habe es mir überlegt, und die Sache mit Herrn Immerhardt von der Klowand dahin zurückgeschickt wo sie hingehört, an den Stammtisch nämlich, dort wo sie die Beteiligten nicht verletzt. Ich bin ja einer von den Guten.)

obwohl ich an meinem ersten Leben arbeiten müsste…

…habe ich nun mein zweites Leben angefangen. Ich bin im Umgang mit den Multimedien ein Mann der alten Schule, der sich mit kryptischen Kommandos durch den Computer hangelt, seine Mails mit spartanischen Texteditoren wie vi verfasst (sofern meine Leser überhaupt jemals dieses Wort zu Ohren bekommen haben) und sogar wenn es darum geht, mich am Computer ein wenig dem Vergnügen hinzugeben, dann spiele ich Spiele wie MUD, ein textbasiertes Multiuser Spiel, bei dem mir die Umgebung und meine böse Taten mit weissem Text auf schwarzem Hintergrund vorgeführt werden.
Jedoch hat mir der Herr Dings ein paar mal zu oft von seiner Entdeckung, dem Spiel Second Life vorgeschwärmt, und ich hatte schon beim ersten Lesen seiner diesbezüglichen Einträge ein ganz übles Gefühl, das mir sagte, ich liesse besser die Finger von diesem zweiten Leben, weil mir im Netz schon genug Zeit gestohlen wird, und die Zeit in der man selbst ein Tagedieb war, doch wesentlich selbstbestimmter waren.

Und so lande ich unbekleidet auf einem grünen Hügel auf einer Insel mit dem unmissverständlichen Namen Test Island. Dies geschah ganz plötzlich, nachdem ich den fünften Eintrag beim Herrn Dings las, ich mich nicht mehr halten konnte, und somit auf die Seite ging um die kostenlose Software herunterzuladen.
Ich stehe also auf diesem grünen Hügel und schaue ein wenig um mich hin. In weiter Ferne der Himmel, einige Wolken ziehen vorbei, und das Wetter ist schön. Einige Meter vor mir sehe ich zwei nackte Menschen, die ein wenig ungelenk hin und her laufen, stehen bleiben und in den Himmel gucken. Beide Menschen werden jeweils von einer transparenten Blase begleitet in denen deren Namen steht.
Neben mir erscheint eine weitere Person. Langsam nimmt sie Form an, erst grau, dann bekommt sie Farbe. Eine Frau, sie ist nackt. Ich drehe mich natürlich sofort weg. Die Frau scheint mich nicht zu bemerken
Dann laufe ich, immer noch nackt, den gekennzeichneten Pfad rechts den Hügel hinunter. An der darauffolgenden Lichtung stehen zwei Spiegel. Und eine grüne Hand die mir sagt ich solle sie anklicken. Vor dem Spiegel stehen einige Mitmenschen die den Spiegel berühren. Ich befrage die grüne Hand. Sie erklärt mir wie ich aus den Spiegelbildern Kleider auswählen kann. Es steht nicht viel zur Wahl. Eigentlich nur das Nightclub outfit und Male Outfit 3. Weil ich ein Sohn der Nacht bin, entscheide ich mich für die nächtliche Kleidung. Ich hätte es vorher wissen müssen, aber ich bin gutgläubig, und erschrecke deshalb ein wenig, als ich mich in steingewaschenen Partyjeans und einem ärmerllosen Unterhemd wiederfinde.
Ich beschliesse Eitelkeit eine Frage der Geduld sein zu lassen und mich stattdessen weiter durch diese neue Welt zu begeben. Ich folge dem Pfad weiter, den Hügel hinunter, auf dem mir ein braungebrannter, althletischer junger Mann namens Azurro Abbruzzo begegnet, der anhält und zu mir sagt “High. Who are you?”. Ich bleibe kurz stehen, denke mir, ich sollte sagen, High, me too, doch erscheint es mir letztendlich besser, diesen freundlichen Herrn zu ignorieren und laufe einfach weiter. Ich komme an einer Webverbreitung an, an der ich wieder eine grüne Hand erblicke um die sich mehrere digitale Menschen geschart haben und aussehen als seien sie in Trance. Allesamt stehen sie wahllos angeordnet auf diesem kleinen Platz herum, starren wie unter Drogen zum Horizont, die Arme von sich gestreckt und scheinen sonst auch ziemlich, wenn nicht leb- dann wenigsten willenlos zu sein. Unter deren Namen in der transparenten Blase steht Editing Appearance. Auch ich will diese Droge – und klicke auf die grüne Hand.
Ich bin beeindruckt von den Möglichkeiten mein Erscheinungsbild zu verändern. Meine Nase kann ich verlängern, am Ansatz verbreiten, an den Flügeln verbreiten, nach Innen drücken, ebenso mit den Augen, oder mit den Haaren, die ich an verschiedenen Stellen des Hauptes voller oder lichter klicken kann. Sogar die Beule in der Hose lässt sich, je nach Wunsch, grösser oder kleiner machen. Man kann sich mit ein wenig Geduld einen ziemlich individuellen Körper formen. Nachdem ich mir die Schultern verbreitet habe und meine Nase ein wenig geradegerückt, finde ich, dass ich gut aussehe und verlasse das Menü.

Im Nebenzimmer (draussen im ersten Leben) meldet sich die liebe Dame, sie habe die Software nun erfolgreich installiert und komme gleich nach. Inzwischen laufe ich auf der Testinsel weiter, halte bei einigen weiteren grünen Händen an übe mich im Heben von Gegenständen, lerne sprechen und verschiedene Bewegungen zum Betrachten der Dinge. Auch der freundliche Herr Abbruzzo taucht wieder auf. Er ist noch ein bisschen gebräunter als vorhin und sein Haar sitzt irgendwie besser. Er läuft aufgeregt auf eine attraktive Frau zu, unter deren Namen Editing Appearance steht und sagt: “High, who are you?”. Er wartet zehn Sekunden, scheint dann enttäuscht und läuft aufgeregt weiter.
Danach lerne ich noch fliegen, und nach meiner letzten Übung komme ich am Ende der Testinsel an. Eine art Tempel. Dort steht ein Schild, das mir sagt, ich sei nun bereit mich ins Hauptland teleportieren zu lassen. Da die Dame im Nebenzimmer noch immer mit der Kleiderwahl beschäftigt ist, bleibt mir nichts anderes übrig als noch ein wenig auf der Testinsel herumzufliegen. Das tut man ja nicht so oft im wirklichen Leben, überdies macht das durchaus Spass. Ich suche die Dame, vielleicht kann ich ihr bei der Auswahl der Garderobe behilflich sein, jedoch stellt sich bald heraus, dass sie auf einer anderen Testinsel gelandet ist. Das ist natürlich sinnvoll, dass es mehrere davon gibt. Was wäre das sonst für ein Gedränge.

Irgendwann ist es dann so weit, die Dame hat ihre Appearance geedited und wir teleportieren uns ins Hauptland.
Zehn Sekunden später nehme ich in einem ziemlich dunklen Raum, der mit einigen Bildschirmen aufgefüllt ist, Gestalt an. Ich lasse mir den Namen der lieben Dame geben, tippe Julie und ihren Nachnamen (wir haben alle Nachnamen in unserem zweiten Leben) bei mir ein und schicke ihr einen Teleport-Antrag. Zehn Sekunden später erscheint sie neben mir. Sie sieht verdammt gut aus, trägt einen weiten fünfzigerjahre Rock und hat wildes, hochgewerkeltes Haar. Ich sage laut, und (warum auch immer) auf englisch: “Nice boobies!”. In diesem Moment kommt von hinten, eine weitere junge Frau an mir vorbei. Sie hat es gehört und bleibt stehen. Ich klopfe mir an die Stirn und weiss in der Eile nicht, wie man auf englisch öhm oder ähm sagt. Sie sieht mich an, sieht Julie an. Und geht schliesslich weiter. Ich atme auf. Etwas räuspert aus dem Nebenzimmer.
Danach gehen wir auf Erkundungstour. Wir spazieren aus dem Gebäude hinaus, sehen, dass wir uns auf einem Berg befinden und erblicken auf der anderen Seite der Schlucht ein hell erleuchtetes Gebäude. Dort fliegen wir hin. Es ist ein zu allen Seiten hin offener, grosser Saal. Es gibt in diesem Saal Gegenstände zu kaufen. Schicke Stühle, ein Piano, auch Werbung hängt an den Wänden. Ich habe gelesen, dass es sich in Second Life richtig Geld verdienen lässt, indem man Dinge baut und diese an weniger geschickte Personen verkauft. Man kann Landschaften bauen, Häuser bauen, Kleider, alles mögliche. Man bezahlt mit richtigem Geld per Kreditkarte und bekommt dafür Linden Dollars, die Währung dieses digitalen Landes. Und umgekehrt geht das natürlich auch. Ein interessantes Konzept, das mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht interessiert, das mir jedoch zu verstehen gibt, wie komplex es in diesem zweiten Leben zugehen wird.
Es gibt in diesem Saal leider nichts zu tun, wahrscheinlich wurde er von geschäftstüchtigen Mitbwohnern des Landes angelegt um unerfahrene Neuankömmlinge zu ködern, daher trödeln wir ein wenig herum, klicken Sachen an, und landen schliesslich bei einer Teleportationsmaschine. Auch darauf klicke ich herum, und merke zu spät, dass ich etwas mache, das ich eigentlich nicht vor hatte.
Einen schwarzen Bildschirm später erscheine ich nahe eines Flusses. Es muss Mittag sein, die Sonne steht hoch am Himmel. Auf der anderen Seite des Flusses erhebt sich eine steile Bergwand über die ganze Länge des Flusses hinweg. Zumindest so weit ich sehen kann. Ich fliege hinüber, ich bin ein Mann der Berge, fliege in Richtung eines grossen, gläsernen Hauses, das auf der Klippe steht und lande auf der Terrasse. Julie meldet sich, und fragt mich, wo ich denn sei. Ich sage ihr, ich habe mich an der Teleportationsmaschine etwas unglücklich verhalten und sei jetzt irgenwo ganz weit weg. Sie langweilt sich und will auch kommen. Ich schicke ihr einen Teleportationsantrag. Zehn Sekunden späte erscheint sie. Sie erscheint auf dem Geländer der Terrasse. Hinter ihr die Schlucht. Sie merkt es nicht, also beschliesse ich es ihr nicht zu sagen, sie hat es nicht so mit Höhen. “Schön hier” sagt sie. Ich stimme ihr zu. Dann sehen wir aus dem Inneren des Glashauses einen Mann in unsere Richtung kommen. Er öffnet die Türen zur Terrasse. Ich finde uns ein wenig unverschämt, wie wir einfach so in seinem Haus gelandet sind und spreche ihn deshalb gleich an. Hi. Er erwidert den Gruss und ist sehr freundlich. “Nice place” sagt Julie. “Ah, thank you I’ve built it yesterday, I like it as well. But I still haven’t got furniture”. Wir staunen. Er denkt schon an Möbel? Klar wenn man schon eingezogen ist, ist es ohne Möbel natürlich öde. Der freundliche Mann kommt aus Wisconsin, lebt schon lange sein zweites Leben und wundert sich ob es hier in der Nähe irgendwo ein neues Teleportationsportal gäbe, er habe heute schon öfter neue Menschen herumfliegen sehen. Die Neuen seien ja immer nur am Fliegen. Das würde vergehen, sagt er und lacht. Unten im Erdgeschoss sei heute ein Mieter eingezogen, sagt er, ein Kanadier, und zeigt auf die kanadische Flagge, die schräg unter der Terrasse aus dem Gebäude ragt.
Julie, die immer noch auf dem Geländer steht, fragt ob sie sich sein Haus ansehen könne. Er sagt “of course!” und erwähnt noch einmal seine nicht vorhandene Möbel, wofür er sich entschuldigt. Dann springt sie vom Geländer und stürmt in die Wohnung. Das mit der Grobmotorik muss noch ein wenig geübt werden.
Der junge Mann aus den USA und ich bleiben noch ein wenig draussen und unterhalten uns über dieses Secondlife Ding, ich lasse mir ein paar Orte empfehlen, er schwärmt von der Strip-Bar Strippix und erklärt mir wie ich da hinkomme.
Doch dann bekommt er es eilig und sagt, er habe gleich ein Meeting mit seiner Firma, auf Malaki. Ich staune. Sie halten ihre Meetings nur noch in Secondlife ab. Die meisten arbeiten von zuhause aus, das sei dann eben billiger anstatt immer in die Firma zu fahren. Ich staune nochmals.

Als er sich verabschiedet, kommt auch Julie wieder aus dem Haus auf die Terrasse. Wir sind wieder alleine. Sie steht vor mir, sieht mich an und sagt: “Du siehst Scheisse aus”. Ich bedanke mich für ihre netten Worte und erkläre meine Nachlässigkeit mit Ungeduld.

(Wieder im ersten Leben): Daraufhin höre ich Schritte aus dem Nebenzimmer. Die Dame drängt mich von meinem Stuhl, schaltet mich auf Editing Appearance und fängt an zu klicken. Sie verpasst mir eine andere Frisur, ein markanteres Kinn, sie zieht meine Augenbrauen nach, schiebt meinen Mund ein wenig richtung Nase, erhöht mir die Backenknochen, und als ich merke, dass sie noch lange nicht damit fertig sein wird, gehe ich lesen.
Nach einer halben Stunde höre ich sie in meinem Arbeitszimmer immer noch klicken. Und in jenem Moment fällt mir etwas ein. Auf Zehenspitzen schleiche ich mich in ihr Zimmer, setze mich an ihren Rechner und klicke ihre Brüste ein bisschen grösser und runder.

Abschliessend seien noch ein paar klärende Worte angebracht. Die Software Second Life und das erste Konto sind kostenlos. Erst zusätzliche Konten kosten 9,95$ pro Konto. Obendrauf gibt es natürlich noch die Premium Accounts für 9,95$ pro Monat, für Leute die gerne Land besitzen und Sachen bauen.
Die Software mag natürlich robuste Grafikkarten, aber nicht so schlimm, wie sie meisten grafischen Spiele verlangen. Die meisten neueren Rechner dürften völlig ausreichen.
Ich habe gelesen, dass man ein PayPal Konto braucht (geht auch ohne Kreditkarte) um sich zu authentifizieren, damit will die Firma dahinter sichergehen, dass man sich nicht mehrere kostenlose Konten ergattern kann. Ich brauchte mich allerdings nirgendwo bei Paypal anzumelden, sonder besass plötzlich ein Login. Einfach so.
Diese Art der Kundenköderung ist durchaus besser als andere, ähnliche Rollenspiele (wobei erwähnt werden muss, dass Second Life nicht wirklich ein Spiel in diesem Sinne ist), die von vornherein kostenpflichtig sind, schliesslich will man gerne ertsmal schnuppern. Zudem fühlt man sich mit einem kostenlosen Konto auch nicht sonderlich eingeschränkt, zumal die allermeisten Funktionen zur Verfügung stehen. Der einzige wirkliche Vorteil bezahlender Benutzer ist jener, dass man als solcher richtig bauen kann, also Häuser, Landschaften, Kleider, was auch immer, und selbstentwickelte Texturen hochladen. Das ist aber nur wirklich interessant, wenn man wirkliche Freude an der Sache bekommen hat, oder sich überlegt, dort Handel zu betreiben, oder das Ganze eben seriöser anzugehen. Mittlerweile halten schon Firmen Kongresse in Second Life ab, die müssen wahrscheinlich anständig blechen um Kongresshallen zu mieten oder zu bauen.
Das Ding hat durchaus potenzial, wenn ich so an Blogs und Communities denke, ich weiss zwar noch nicht inwiefern, aber das werde ich bald herausfinden.

Eigentlich finde ich, dass der Dahlmann wieder Geschichten schreiben sollte, anstatt sich ausschliesslich um das Weltgeschehen zu kümmern, wie er das in der letzten Zeit zu tun pflegt. Nachdem ich sein wunderschönes Mädchen gebeten habe, ihm bitteschön das Herz zu brechen und mit mir durchzubrennen, damit er aus Wehmut und Trauer wieder die Liebe zu den schöngeschriebenen Worten entdeckt, was sie jedoch nach langer Überlegung strikt ablehnte, habe ich es aufgegeben mich darum zu bemühen, und gebe mich letztendlich mehr oder weniger friedlich in dieser Angelegenheit.

Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, macht er inzwischen tolle Dinge, wie, die Chronik des Überwachungsstaates, im Blog mit dem (wie ich finde, etwas unglücklich gewählten) Namen Illuminaten, oder sein neues Projekt das AbmahnBlog, eine Platform, die sich meines Erachtens irgendwann als sehr nützlich erweisen wird, sei es als Kneipe der Solidarität, oder um sich kollektiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, oder um sich gemeinsam wehren zu können, und letztendlich um eine Topografie der Abmahnmafia zu zeichnen.

Also, meinetwegen muss er gar nicht mehr Geschichten schreiben, wenn er so weiter macht.

das wirklich Tolle an diesen kalten Tagen

Das wirklich Tolle an diesen kalten Tagen, und mit wirklich Toll, meine ich wirklich wirklich Toll, ist, in der Firma in den eiskalten Raucherraum zu gehen, schlabbernd die Zigarette anzuzünden, dann mit den Oberschenkeln an den warmen Heizkörper, der mir gerade bis unterhalb meines Schrittes reicht, zu lehnen, und neben dem offenen Fenster, rauchend aus dem zwölften Stock über Hamburg hinweg zu schauen, während die Hitze durch die Hose kriecht.

Feierabend ist allerdings auch nicht schlecht.