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amsterdammer Tagebuchnotizen

Viele Dinge fallen mir jetzt erst auf, seit ich seit vier Jahren nicht mehr hier wohne, wie Mikro hier alles ist, wieder so eine Mikrostadt, diese Konzentration halb berühmter Orte, halb bekannter Menschen. Jeroen Pauw macht eine Vollbremsung auf seinem Fahrrad vor einer Traube verwirrter spanischer Touristen, die ihrerseits erschrocken aufspringen und tuscheln, während Pauw freundlich den Kopf schüttelt, mit dieser Luft von “Aj, ihr werdet unser Amsterdam wohl nie verstehen”, dieser merkwürdige Stolz auf diese provinzielle Weltstadt, provinzielles Weltniveau, alles niedlich, klein und knus und gezellig, wie man als in Deutschland Lebender diesen selbstverständlichen Nationalstolz der Holländer genießt, dieser Stolz auf dieses unser Typisches, unsere großen Fenster, unsere Eckkneipen, wie man realisiert wie unprätentiös die Cafes sind, nichts nachahmen, nichts sein wollen, sondern einfach sind.
Während man offenherzig die verlorenen Seelen und gescheiterten Lebensentwürfe aufsaugt, die vielleicht die eigentliche Weltstadt schreiben.
Die Momentaufnahme des auf dem Fahrrad in der Linnaeusstraat erstochenen und erschossenen Theo Van Gogh als Amsterdammer Stillleben.

Die Spiegelgracht hinunter, zigzag Prinsengracht, Leidsegracht um an der Keizergracht in einem langen Bogen immer am Wasser entlang zu meinem Lief am Silodamm zu gelangen. Kulisse. Bloss nicht auf die Singel geraten, dann muss man sich wieder am Grachtengürtel nach außen begeben, dieses hinterlistige Spinnennetz das Dich immer wieder von der Route abbringt, die Unmöglichkeit in dieser Stadt den Norden zu bestimmen, wo ich sonst selbst nachts noch, aus dem Schlaf heraus, sagen kann wo Süden ist. Der Mann und sein innerer Kompass. Wie mein innerer Mann an diesem Spinnennetz scheitert. Ich habe einmal gelesen, dass Spinnen unter LSD die besseren Netze bauen und lache spontan drauflos, beim einfältigen Witz mit dem ich mir erkläre, warum die Besucher dieser Stadt zu Drogen greifen.

Singel, Heren-, Keizer- und Prinsengracht. Nicht Prinsen-Keizer-Heren-Singel. Und Sowieso Keizergracht, ich bin ein Keizergrachttyp. Sie ist mehr der Singeltyp. Und lacht dabei.

Diese Stadt, die viel zu klein ist für den Ruhm den sie genießt. Die Innenstadt ein einziger Vergnügungspark
Wie ich es mir in Amsterdam schon seit je angewöhnt habe Touristenutensilien zu hause zu lassen, keine Knipse, keine große Tasche, wie sehr man sich von den besuchenden Menschenmassen absetzen will, wie sehr man hier die Touristen am Schritttempo erkennt und die Art wie sie ehrfürchtig verweilen, die Grachtenkulisse in sich aufnehmen, und dabei viel zu lange verharren, wegen der vielen Details und noch ein Giebel und noch ein Treppchen, wie schief das Haus und der alte Mann der sein Fahrrad ins Sousterrain schleppt.
Wie ich mir damals als Neuling sofort das Amsterdammer Tempo angewöhnt habe, nicht wie ein Tourist zu wirken, die Kulisse zu lieben, ohne dabei zu erstarren, mit einer weissen Plastiktüte, darin die aktuelle Vrij Nederland und ein Notizbuch, etwas gelangweilt, aber schnellen Schrittes an den Trauben junger Spanier und Trauben junger Italiener vorbei, gefragt werden “Do you know where the next Coffeeshop is?” und dann nicht genau den Weg zu wissen, aber sehr genau zu wissen, zu was man gerade gemacht worden ist und daraufhin mit dieser typischen hochnäsigen Freundlichkeit mit verwirrenden Straßennamen Looiersgracht, Raamstraat, Lijnbaansgracht um mich zu schmeißen und hochnäsig und freundlich lächelnd, verwirrte spanische Trauben zurück zulassen, die sich mit einem hastigen “Thank you” bedanken. Und mir dann denken, Gott, was bist Du für ein selbstverliebtes Arschloch manchmal, und drehe mir dann – natürlich im Gehen und ohne die Tüte aus der Hand zu nehmen – eine Zigarette.

Glimlach, wie die Niederländer das Lächeln nennen, bei dem ich unweigerlich immer an das fehlende Glimmen des Lächelns der Servicekräfte denken muss. Die Holländer, die beim Glimlach dann auch nicht an ein Servicelächeln denken, sondern wirklich nur das Lächeln mit einem Glimmen meinen, das Lächeln bei dem es nicht nur an der Fassade, sondern auch dahinter lächelt und rumort. Wie wenig man auf holländisch sagen kann “Setz Dein freundlichsten Glimmlachen auf”, weil man zwar immer lächeln, aber nicht immer glimmen kann, weil es eben nicht immer rumort – hinter der Fassade.
Dieses fehlende Wort: Lächeln.

Beim Vorbeilaufen an den Stationen von früher erinnert werden, an die Geschichten die ich alle noch erzählen sollte, die Krawalle beim Europgipfel, vor Chiracs Hotel, wie wir vor der heranrückenden Staatsmacht flüchteten und einfach in den Kanal sprangen, oder als ich am Amstelufer zwar meinen Herz verlor, dafür aber die besten Fritten meines Lebens aß, oder als ich auf dem Weg zum Westermarkt dachte jetzt sei alles vorbei, alles aus und vorbei, zu ende, und wie es dann doch noch weiterging. Und. Und. Und.

Ah, ganz vergessen, die coolsten Frauen auf der ganzen Welt, die Holländerinnen mit kurzem Rock und hohen Stiefeln bei Wetter und Unwetter auf dem Fahrrad, trotzen sie Sturm und Tram und die allerorts verirrten Italiener, mit stolz und ohne Zucken mit der Wimper.

Den alten S. gesehen. In der Kantine von HEMA am Nieuwendijk. Ich musste daran denken wie ich ihm einmal bei einer Schneeballschlacht am Ufer der Villa Omval einen Schneeball mitten ins Gesicht geworfen habe. Wäre er bloß nicht so unbeteiligt am Rande des Schlachtfeldes gestanden, dann wäre es glimpflicher abgelaufen für ihn. Und nachher, als wir den ganzen Weg zu einer Party in die Spuistraat liefen, er mir stundenlang, nein, tagelang von Guatemala erzählte, vom Kampf der Einheimischen, von der Unterdrückung, romantisch verknüpft mit den revolutionären Guerilleros. Alles Guatemala da beim alten S. Auch als er zu uns in den Stencilkeller kam, wo wir wöchentlich den Springstof klebten und schrieben und druckten, er noch sein Guatemala-Speciaal in unserem Blatt haben wollte.
Ich grüße ihn nicht, er ist zu weit weg. Er ist immer noch alt. Und er trägt rot- und weissgebundene Brochüren unterm Arm. Guatemala wahrscheinlich. Mittlerweile vielleicht Nicaragua.

(reisenotizen 24.01.2007)

Im Zug nach Amsterdam und schon wieder einen falschen Platz reserviert. Ich will schreiben, ich will Strom, aber ich mag es nicht, an diesen Vierertischen zu sitzen. Ich hatte die Bahnschalterdame gebeten mir einen Platz mit Strom zu geben, jedoch nicht an den Vierertischen, sondern genau dahinter.

Es könnte schliesslich geschehen, dass eine hochschwangere Kuh auf den Gleisen steht und der flitzende ICE auf die Vollbremse treten muss. Ich bin im Besitz einer allzu lebhaften Phantasie und ich weiss es mir ziemlich detailiert auzumalen, wie mein Tischgegenüber bei einer Vollbremsung oder einem Frontalaufprall von diesen Tischen entzweigerissen wird. Und wenn es schon sowas gibt wie Qualität bei der Deutschen Bahn, weil in Deutschland ja alles Qualität haben sollte, dann sind diese Tische bestimmt qualitativ übergeprüft und qualitätsversiegelt, sodass sie erst recht nicht nachgeben wenn eine hochschwangere Kuh auf den Gleisen steht.
Und immer wenn ich an diesen Vierrertischen sitze, habe ich zudem das Pech mit dem Rücken zur Fahrichtung zu sitzen, sodass ich zwar, bis zum Tod hin, in den Sessel gequetscht werde, das könnte ich in Ausnahmesituationen (der eigene Tod beispielweise) noch verkraften, aber, dass ich mich noch in meinen letzten Lebenssekunden mit dem blutenden Oberkörpers meines Gegenübers abmühen muss, das muss nun wirklich nicht sein.

Jetzt lacht er noch, der dicke Mann mir gegenüber, beisst vergnügt in sein Wurstbrot und kaut mit offenem Mund, während er den Hals streckt und verstohlen in mein Notizheft schielt. Ja, jetzt lacht er noch. Ich lache schon lange nicht mehr zurück, wenn ich bald mit blutverschmiertem Anzug dasitze, weil sein Rumpf mit Kopf und Armen an mir kleben wird und das zerkaute Wurstbrot oben, oder mitten aus dem Bauch heraus, hervortritt. Nein, ich lache nicht mehr. Ich schweige aber und schaue den grasenden Kühen hinterher.
Und der Mann ist irgendwie sauer geworden.

dreiundzwanzigmal Essen

Oh, der Monsegneur hat mir ein Stöckchen zugeworfen. Es geht um essen. Und essen ist gut.

1) Kannst du kochen? Wenn ja, kochst Du gerne?

Ich kann kochen. Ich koche nicht schön, aber ich koche mit Liebe. Das heisst ich koche auch gerne.
Das einzige das ich lieber tuhe als kochen, ist essen.

2) Wann isst bei Euch die ganze Familie gemeinsam?

Ich koche gerade nur für mich alleine und übe mich darin, stinklangweiliges essen zu kochen. Im Kampf gegen den Wohlstandsbauch. Gestern beispielsweise gedünstetes Gemüse und zwei Scheiben rohen Tofu. Das ist dermaßen langweilig, dass ich es zwar aus Hunger esse, danach jedoch nicht mehr nachschöpfe (Nachschöpfen ist eine meiner großen Leidenschaften), weil mir der Apetit vergangen ist. Und das funktioniert.
Wenn ich für die ganze Sippe koche, dann am liebsten Risotto. Viel Risotto. Oder Saucen. Saucen mit Sauce (Man zwingt mich dann immer, noch etwas Gemüse dazuzumachen).

3) Was isst Du zum Frühstück?

Viel. Und gerne.

4) Wann, wo und wie esst ihr in der Woche?

Wochentags frühstücke ich am Rechner bei Blogs, Nachrichten und Zigarette. Mittags “da Michelina”, die die beste Pasta mit aufgestochenen, italienischen Bratwürstchen macht. Abends wahlweise am Tisch oder am Rechner. Kommt darauf an ob ich Gesellschaft habe oder nicht.

5) Wie oft geht ihr ins Restaurant?

Jeden Tag eigentlich. Bei Michelina. Aber das zählt hier wohl nicht, hm? Sonst meist einmal in der Woche. Ich liebe Restaurants. Sich bei Bier oder Wein angeregt unterhalten, während es im Hintergrund brutzelt, und dauernd diese Vorfreude auf das Essen. Das könnte ich immer tun.

6) Wie oft bestellt ihr Euch was?

In unregelmässigen Abständen, aber immer wieder gerne: Sushi bei Sushiforfriends.

7) Zu 5 und 6: Wenn es keine finanziellen Hindernisse gäbe, würdet ihr das gerne öfters tun?

Wie gesagt, ich könnte immer in Restaurants sitzen, aber dann würde ich erstens noch mehr zunehmen, und zweitens, was ich auch immer tun könnte: Mit Freunden, sich bei Bier und Wein unterhalten, während ich regelmässig in die Küche spute und es anbrennen brutzeln lasse.

8) Gibt es bei Euch so was wie “Standardgerichte”, die regelmäßig auf den Tisch kommen?

Radicchio/Steinpilz-Risotto. Beides mit schwerem Rotwein. Oder wenn es schnell gehen muss, Pasta mit einer Thunfisch-Sahne-Sauce und einem Spritzer Zitronensaft.

9) Hast Du schon mal für mehr als 6 Personen gekocht?

Ja.

10) Kochst du jeden Tag?

Fast.

11) Hast Du schon mal ein Rezept aus dem Kochblog ausprobiert?

Ja. Marmorkuchen von der Kaltmamsell (ging ganz furchtbar in die Hose. Kuchen ist aber ja auch nicht wirklich kochen) und Champignonschnitzel bei der Meisterköchin (herzhaftes gelingt mir meistens besser).

12) Wer kocht bei Euch häufiger?

Da ich gerade alleine wohne: ich
Sonst: ich (jaja, ich weiß)

13) Und wer kann besser kochen?

hm

14) Gibt es schon mal Streit ums Essen?

Ja. Immer. Man lernt aber.

15) Kochst du heute völlig anders, als Deine Mutter /Deine Eltern?

Jasicher. Auch damals schon. Knödel wollten mir noch nie richtig gelingen.

16) Wenn ja, isst Du trotzdem gerne bei Deinen Eltern?

Ja. Das Problem mit meiner Mutter ist lediglich, dass sie nicht mehr so viel Fett benutzt wie sie es früher tat. Früher schmeckte das Essen richtig nach etwas. Und alles triefte. Heutezutage ist auch bei ihr alles modern, europäisch gleichgeschaltet, gesund und mager. Der Hüftspeck muss halt weg.

17) Bist Du Vegetarier oder könntest Du Dir vorstellen vegetarisch zu leben?

Ich war neun Jahre lang Vegetarier. Ich habe in jener Zeit nie Fleisch vermisst. Eines Tages ging ich in den Laden, sah eine Dose Thunfisch und dachte mir, Mekmek, das ist jetzt richtig lange her, da hast Du jetzt Lust drauf. Am nächsten Tag saß ich beim Griechen und ass eine riesige, gemischte Fleischplatte.
Ich koche allerdings selten Fleisch. Ausser Fisch. Eigentlich koche ich nur Fleisch wenn ich Besuch habe. Und jetzt weiss ich wirklich nicht warum.

18) Was würdest Du gerne mal ausprobieren, an was Du Dich bisher nicht rangewagt hast?

Einen alten Porsche fahren.

19) Kochst Du lieber oder findest Du Backen spannender?

Kochen. Ich kann nicht backen. Ich habe einmal den Kaltmamsellschen Marmorkuchen gebackt und das war eine reine Katastrophe. Die Küche war nachher ein Schlachtfeld und der Kuchen ein eingefallener Klumpen Teig. Ich mag diese Genauigkeit und diese Vorschriften des Backens nicht.
Kochen ist viel dynamischer. Man bringt die Speisen sozusagen kochend zu dem was sie sind, indem man testet, verlängert, nachkippt, anstatt dieses starren Vorgaben zu folgen.
Überdies mag ich keine Süßigkeiten.

20) Was war die größte Misere, die Du in der Küche angerichtet hast?

Die Größte? Ohje, wo fange ich da an.

21) Was essen Deine Kinder am liebsten?

Hätte ich sie, würden sie meinen Risotto lieben, vergöttern, davon schwärmen, davon träumen…

22) Was mögen Deine Kinder überhaupt nicht?

Marmorkuchen.

23) Was magst Du überhaupt nicht?

Ich mag eigentlich alles. Oh nein, ich hasse diese durchsichtigen Fleischstücke in dem Asialaden in Barmbek, die sie dort Schinkenstreifen nennen.

Das Stöckchen werfe ich in die Marmorkuchenküche, zur besten Rotweinhäsin aller Rotweinhäsinnen und in eine Heimatküche, die es bestimmt hasst, Stöckchen zu bekommen.

Ich folge den Hirten. Ich jetzt auch webzweinullnullsieben und gehe Flickeren.

Ich habe die Jugend versäumt
Und habe den Lenz verträumt
Und habe die Liebe verscherzt

Via

D

iese Unruhe vor dem Sturm, freudig und aufgeregt aus dem Fenster gen Westen blicken, wo sich über der Nordsee in klarer Luft schon finstere Wolken konspirativ versammeln. Bald ist es so weit, Windstärke zwölf, um es in SPONBILD-Sprache zu sagen: Monstersturm, nur noch wenige Stunden, dann wird es pfeifen und rütteln und krachen und mir die Frisur ruinieren. Hach wie schön.

(Und sie werden am frühen Nachmittag die Schulen schliessen, die Kinder eiligst in ihre Häuser schicken und wegsperren. Dabei frage ich mich warum. Ich stelle mir vor wie tausende, zappelnde Kinder durch die Stadt gepustet werden, wie die Blätter im Herbst, aber ich frage mich, kann man sie nicht einfach an einer langen Leine binden, und damit spazierengehen wie mit einem Luftballon? Zur Not kann man sie auch bunt anmalen, oder wie einen Drachen als Antrieb ans Fahrrad binden. Also ganz verstehe ich es nicht, aber ich bin ja nicht vom Fach.)

des Blogges neue Kleider

N

eue Frisur, neue Zeiten – wäre nicht schlecht, wenn es eine schöne Ära einzuleiten gäbe. Stattdessen wollte ich gestern einfach zeitig ins Bett kriechen, meinen üblen Schnupfen mit Tee und Wasserdampf ausräuchern und mich der Lektüre des von den Wienern so verehrten Detektiv Brenner hingeben. Ich kündete in ICQ meinen Abschied an, klickte, während ich noch auf Gutenachtwünsche wartete, gelangweilt in meinen Lieblingsblogs herum, und Entdecke im Hermetischen Cafe die Initialen. Die großen, oft geschwungenen Buchstaben die einem Text vorangesetzt wurden, wie in den alten Bibeln aus Perkament oder Ziegenhaut, oder wie in den bei Fackellicht von Hand geschriebenen Büchern der betenden Mönche im Kloster.
Ich auch Bibel. Ich auch Fackellicht.
So kam es, dass ich die Gutenachtwünsche nicht mehr bemerkte, dafür aber umso aufmerksamer der verriegelten Kneipe ihr CSS analysierte. Und umsetzte. Zumindest versuchte.
Ich zerschoss mir mehrmals mein CSS, aber versierter CSS-Zerschiesser der ich bin, war ich selbstverständlich clever genug mir bei jedem Neuversuch eine Kopie zu sichern. Letztendlich scheiterte ich jedoch. Aus diesem Grund holte ich den Suchroboter zur Hilfe, suchte nach “Initialen wie früher bei den Mönchen aber bitte fürs Blog. Danke”, stieß auf ein Blog mit Initialen, das, oh Wunder, ein eigenes sogenanntes Theme entwickelt, deshalb nicht lange gefackelt, heruntergeladen und installiert, bis mein Weblögchen anfing zu stottern. Und zu spucken.
Eine gezielte Suche offenbarte mir das technische Desaster: Mein Blog war zu alt für dieses Theme. Da ich ohnehin schon die Gutenachtwünsche vergessen hatte, konnte ich auch gleich mein gesamtes Blog aufwerten. Und umschrauben. Und Flicken. Und schustern.

Jetzt, ungefähr vierundzwanzig Stunden, zahllosen Datenbanksicherungen, einer Familenpackung Taschentüchern und dutzenden zerschossenen CSS Dateien später, geht der Vorhang wieder auf. In völlig neuen Kleidern.
Initialen habe ich allerdings immer noch keine. (Update: Geht jetzt).
Hier und da hieß es ja schon “schick” und darum geht es schliesslich: Hauptsache das Haar sitzt.

(Sollte es in einigen Browsern Leseschwierigkeiten geben, kleine Ameisen die über den Bildschirm krabbeln oder assymetrische Überlappungen, lasst es mich bitte wissen.)

stranger than kindness

Erotic Poetry Slam. Heute 22:30 in den Zeisehallen.

Immerwieder spannendes Thema, dessen Umsetzung mich leider immerwieder enttäuscht. Diese schmale Gratwanderung zwischen Genitalkitsch und Pornographie.

lieber Philoblogger,

i

ch wusste natürlich sofort, ein gutes Los gezogen zu haben, als ich sah, dass mir Ihre CD zugeschickt werden würde, auch wenn ich nicht wirklich wusste, welche Musik sie hören, ich folge Musiktips selten, weiß eigentlich nur, dass Sie Tango tanzen, aber das hat ja nicht notwendigerweise mit Musikgeschmack zu tun. Und die Hülle, ah wunderbar, die haben Sie aber nicht absichtlich für mich gemacht, oder? Die Titel und die Interpreten auf der Liste kannte ich alle nicht, nur Mister Cave und die Bad Seeds, ja die kenne ich, und schon kreuchte “By The Time I Get To Phoenix” durch mein Ohr, noch bevor ich die CD überhaupt gehört hatte, und spätestens dann wusste ich es sicher die CD zu mögen. Richard Galliano, Sonya Kitchell, Rosemary Clooney, Isobel Cambell und Mark Lanengan, vielen Dank.

Herzlichst,

Ihr Mek

(Falls jemand Interesse hat, meinem eigenen Wintermix zu lauschen, dann möge dieses Jemand mir seine Adresse schicken, ich habe noch die Masterkopie und verschicke gerne ein paar CDs. Oder als Mp3 zum runterladen.)

Auch die Kneipen sind nicht mehr das wofür sie früher mal da waren, so kann man sich nicht mehr einfach an den Tresen lehnen und den Unmut im Schnaps ertränken, miesgelaunt trübsälige Rauchkringel blasen, der Kellnerin traurige Lieder singen, nein alles nur noch Zielgruppe hier, das Volk der guten Laune.

Höchstens noch um halb drei Uhr nachts in einer siffigen Spelunke in einer der Reeperbahns finsteren Seitenstraßen, zwischen den gebrochenen Gläsern der zerbrochenen Herzen, aber den Liebesschmerz habe ich manchmal eben schon um 5. PEE-EMM. Her mit dem Schnaps.

südtiroler Tagebuchnotizen

Ich will einen Rosengarten.

In Lana die Großmutter eines Freundes besucht. Sie ist schon alt, ich weiß es nicht in Jahreszahlen, aber sie bewegt sich trotz reichlichem Altersspeck an Hüften und überall, wie eine junge Frau durch die Räume ihres hunderte von Jahren alten Bauernhauses. Sie setzt uns in der Küche ab und fragt uns ob wir einen Kaffee trinken. Wir nicken. Während sie in einem unaufhaltsamen Redeschwall davon berichtet welch ein Pech sie in letzter Zeit immer mit dem Mürbeteig habe, hantiert sie kontrolliert und geplant mit Kannen, Pfannen auf dem Holzherd herum, sagt, dass sie das nicht verstünde, sie verwende immer noch das selbe Rezept wie früher, wie schon immer halt, aber seit ein paar Wochen – als wäre der Teufel darin. Vielleicht läge es am Wetter, sie weist mit der Hand aus dem Fenster über die Apfelwiesen hinaus und sagt, auch die Nachbarin da drüben, der ginge es genau so. Es habe seit drei Monaten nicht mehr geregnet, es sei kein Wunder, sowas geht auf den Teig. Als sie den Satz zuende gesprochen hat, stehen vier Tassen auf dem Tisch, der heisse Kaffee raucht aus der Kanne, zwei weitere Kannen, eine mit warmer, die andere mit kalter Milch, ein Pot Zucker und eine Schale Weihnachtskekse. Production effectiveness, denke ich, und schäme mich ein wenig dafür.
Unnötig zu erwähnen, dass sie sich für die misslungenen Kekse entschuldigt. Der Teig halt. Ich esse beinahe ein Dutzend davon, einige lasse ich ich langsam auf dem Löffel im Kaffee versinken und lutsche sie dann auf. Sie ist erfreut.

Es nützt einem die ganze Aufmachung nichts wenn man mit blauer Tasse am Glühweinstand in der UniBozen steht. Man bestellt hier Glühwein in einer weissen Tasse oder Glühwein in einer blauen Tasse. Weiß für den Ausbau des Ausbau des Bozner Flughafens, blau dagegen. Natürlich bin ich dagegen. Für solche Entscheidungen brauche ich keine pro/contra Argumente serviert bekommen. Wenn man Barrikaden angezündet hat, dann ist man auch gegen einen Flughafenausbau. Egal wo, egal warum & vor allem egal wie. Im Notfall auch mit einer blauen Glühweintasse.
Es nützt mir mein ganzer neuer Anzug nichts, dass ich mir wie ein altmodischer Bombenleger vorkomme während ich an einem der Stehtische beim Glühweinstand stehe und diese Zeilen in mein Notizheft schreibe, während ich von lauter jungen und gutaussehenden Studenten umgeben bin, die allesamt aus weißen Tassen trinken.

Den Flieger vor der Haustür wollen sie alle. Ich möchte ihnen gerne sagen, dass ich, obwohl ich in einer ziemlich großen Stadt mit einem internationalen Flughafen wohne, genau so lange mit S- und U-Bahn zum Flughafen brauche, wie sie von Bozen zum Flughafen in Verona. Mit dem Auto sind sie sogar noch schneller.
Ich überlege kurz aus welchem Grund ich ihnen dies sagen möchte. Damit sie vielleicht ein realistischeres Bild der geographischen Abstände bekommen, oder will ich ihnen sagen, dass sie sich einfach damit abfinden sollten in der Scheißprovinz leben und nicht jede Scheißprovinzstadt einen Scheißriesenflughafen braucht?
Ich merke jedoch, dass beides das selbe ist, zudem furchtbar überheblich. Ich schließe besser gleich mein Notizheft und saufe contra. Diskussionen sind so achtziger.

Bozner Stationen ablaufen.

Der Stammbriefträger Gianni sieht trauriger aus als sonst, als ich ihn zur Mittagszeit, der besten Postzeit, ins Wirtshaus schlendern sehe. Gianni ist der Briefträger des Dorfes seit ich weiß was ein Briefträger ist, das heißt, Gianni ist für mich der Inbegriff des Briefträgers überhaupt. Und Gianni sah immer ein bisschen traurig aus. Er sitzt gerne vormittags im Wirtshaus, mit traurigem Gesicht beim Glasl Roten. Dort bleibt er sitzen und schweigt, bis er die Post ausführen muss. Er kommt aus dem Unterland, ist Italiener, er kann zwar kein Deutsch, spricht aber fließend Südtirolertaitsch, sofern er überhaupt etwas sagt und nicht wie üblich nachdenklich in den Rotwein starrt. Gianni ist ledig geblieben, hat ein freundliches, aufgeschwemmtes Gesicht, eine rote Nase, rote Augen und wenn die Postzeit naht, wankelt er ein bisschen unsicher, aber immer sehr zielstrebig zu seinen Dreiradler, ein dunkelblauer Ape, weil er keinen Führerschein hat, womöglich keinen haben darf, fährt zur Post neben der Kirche und füllt das Kistchen auf der Ladefläche mit Briefen und manchmal ist auch das ein oder andere Paket dabei. Die Briefe kommen manchmal ein bisschen spät an, das Gasthaus kreuzt oftmals seinen Weg, aber verschwinden tut niemals was. Wegen Gianni kommen auch solche Brife an die damals schlichtweg “An den Mek” adressiert waren. Weil Gianni wusste wo dieser wohnte.
Aber Gianni sieht jetzt trauriger aus als sonst und ich weiß spätestens warum, als ich kurze Zeit später einen grauen Fiat Panda mit dem Schriftzug Poste Italiane über den Dorfplatz jagen sehe.

“Hic patriae fines siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus”

Diese großartige Erkenntnis, an einem einzigen Tag des Herumschlenderns in Bozen die halbe südtiroler Prominenz gesichtet zu haben, mit Eva Klotz am Tisch gesessen, den Chefredakteur der FF gegrüßt, Zeitung gelesen, aufgeschaut und drei Tische weiter dasselbe Gesicht sehen wie das im Bild des eben gelesenen Artikels. Abends auf einer art Studentenparty in einer weitläufigen Bozner Altbau-WG läuft ein freundlicher, älterer Herr mit einer Dose Forstbier an mir vorbei, verabschiedet sich links und rechts und verlässt das Haus. Man sagt mir das sei der neue Bozner Bürgermeister gewesen.
Diese südtiroler Mikrowelt, diese Mikrowelthauptstadt. Ich habe sie immer schon geliebt.

Die Frau im einzigen Tabakladen meines Dorfes kenne ich schon lange. Sie ist eine sehr verschwiegene Frau. Meistens hat sie nichts zu tun. Sie sitzt den ganzen lieben Tag in ihrem dunklen Miniladen, strickt oder häkelt, wirkt jedesmal überrascht wenn Kundschaft ihren Laden betritt, ein bisschen blass ist sie geworden in ihrem Laden, aber fröhlich war so ohnehin noch nie, besonders freundlich eigentlich auch nie, einfach nur gleichgültig freundlich, es wurde lediglich gegrüßt, der Wunsch genannt und abgerechnet, schon früher als ich immer zwei Schachteln MS für meinen Vater kaufen musste, und auch später noch, als ich Marlboro für mich selbst kaufte. Die einzige Gefühlsregung die sie je von sich gab, war vielleicht als ich das erste mal Tabak wollte, holländischen Samson, als sie kurz innehielt, mich verstört ansah als hätte ich einen unglaublich eigenwilligen Wunsch gehabt, suchte dann aber wortlos ihr dunkles Regal ab und zog die gewünschte Packung hervor.
Dieses mal bestelle ich wieder Samson, sie nennt den Preis, ich zahle und beim Verlasen ihres Ladens sagt sie noch “Pfiati” und lässt sich daraufhin zu einem Ausbruch ungekannter Emotionalität aus, indem sie meinen Namen an der Abschiedsfloskel hängt. “Pfiati Mek”.
Ich bin gerührt, halte kurz inne – und wünsche ihr eine frohe Weihnacht.

In Völs alte Zeiten heraufbeschworen. Sabine lädt ein zum Punkkonzert in Jugendzentrum, mit der selben Band wie früher, den selben Freunden wie früher und vorab eine ordentliche Portion Speckknödel.
Wir haben Pogo getanzt und Bier in die Menge gekippt. Ein junges Punkmädel kommt zu Sabine und sagt wie schön es sei, dass wir alte Leute auch einmal auftauchen und dermaßen die Sau raus lassen.
Georg und ich gehen hinaus eine Zigarette rauchen, man darf sich in Italien sonst nirgendwo mehr Zigaretten anzünden. Wir lehnen an einer Mauer, etwas abseits von den Irokesenkämmen und finster gekleideten jungen Leuten und ich sage, wie sehr es mich freut, dass unsere Tradition des Punkrock immer noch so lebhaft weitergelebt wird. Er nickt und hin und wieder weht ein süßlicher Rauch zu uns herüber.
Je länger wir dastehen und unsere Nachfolger betrachten, desto unruhiger werden die Blicke der jungen Leute. Georg sieht an uns herunter und sagt, wir sähen aus wie von der D.I.G.O.S (Politische Abteilung der Polizei) oder von der Anti-Droga. Er hat recht. Wir verwirren unser Haar, lehnen uns noch eine Spur lässiger und abgerockter an der Mauer an, doch als wir uns wieder durch die rauchende Menge nach drinnen schieben wollen, macht man uns erschreckt den Weg frei.

Diese Vorsicht die mich in der Heimat stets begleitet, den jungen Leuten begegnen die immer noch an der selben Fleischtheke stehen, bloß wenig vom eigenen scheinbaren Erfolg erzählen, ihnen nicht das Gefühl geben, sie hätten etwas verpasst im Leben, wenn ich meine ausländischen Stationen aufzähle, schon fast ein wenig verschämt zu sagen, jetzt in Hamburg zu leben, und nicht mehr in Madrid wie letztes mal. Das Hamburg dahingeworfen, als sei es ein schlichtes Kaff und mein Leben gleich ihrem an der Fleischtheke nur in anderer Kulisse.

Meine zuckerkranke, übergewichtige und vom Bluthochdruck geplagten Tante in Mölten beim atemlosen hecheln über den Friedhof begleitet. Ich liess mir die Geschichten der Verstorbenen erzählen, was dem und dem widerfahren sei, warum diese vier Kinder das gleiche Sterbedatum haben und warum so viele Kinder überhaupt.
Erzählungen von Geisteskrankheiten, Muttermord, Erbkrankheiten, Selbstmord, Leberkrebs.
Ich mag meine Tante mit dem ledernen Gesicht sehr. Ihr Händedruck ist etwas schwach geworden in den letzten Jahren, wobei sie früher ganze Wiesen von Hand mit der Sense mähte. Auf dem Weg zum Friedhof muss sie einige male innehalten, auf Atem komme, alles pocht so sehr in ihr drin. Reden ist für sie schon lange schwierig, nicht nur inhaltlich, der kurze Atem, der kurze Atem.
Meine Schwester weist auf die leere Ecke des Grabsteines ihres Familiengrabes hin. Meine Tante hechelt, lächelt und träufelt ein wenig Weihwasser auf das Grab ihrer Familie.

Kaminwurzen

Viel zu viele Dinge und viel zu viele Menschen verpasst.

Ach wie toll. Kaffee.Satz.Lesen hat ein eigenes Pool bei Flickr.