[metoo]

Wie damals bei #aufschrei fühlt es sich beim Herunterlesen von #metoo genau so an: als endlose Playlist der Arschlocherei. Ich finde die Aktion wieder gut, ich glaube Veränderung lässt sich nur über coolness herbeiführen, wenn es uncool ist, auf so eine Playlist der Arschlocherei gesetzt zu werden. Es ist illusorisch, breiten Gesellschaftsschichten Empathie beizubringen. Außerdem ist #metoo so etwas wie eine öffentliche Stimme, ein mutmachender Resonanzraum, der es zukünftigen Betroffenen vielleicht erleichtert, dem “nein” auch mal eine Ohrfeige folgen zu lassen.

[haare]

Bei meiner neuen Frisörin am Kottbusser Damm brauche ich keinen Termin. Wenn ich anrufe und um einen Termin bitte, sagt sie, ich solle einfach vorbeikommen. Wenn ich vorbeikomme, warte ich höchstens fünf Minuten, dann hat sie oder ihre Mitarbeiterin Zeit für mich. Sie putzen in ihrem Salon nur wenig. Die Haare lassen sie so lange auf dem Boden liegen bis keiner der fünf Stühle ohne Haare auf dem Boden mehr frei ist. Sie fragt nicht ob ich die Haare waschen will. Ich kam von draußen, vom Regen, sie schnitt mir die Haare einfach so, mit halbfetten, verregneten Haaren, ohne mich an diesen Waschbecken mit den Kopfkerben zu bitten. Sie fragt, wann ich das letzte Mal bei ihr war, ich sage, drei Monate. Dann schneidet sie mir drei Monate ab.

Ich bin an einem Punkt angekommen an dem ich diesen Mix aus Einfachheit und Lieblosigkeit heilsam finde. Und wenn ich bei Dingen, auf die ich keinen Wert lege, einfach das bekomme, was ich will. Hier: kürzere Haare. Niemand der Kreationen mit meinen Haaren macht, oder sich Styliste nennt, sondern mir einfach die Haare schneidet.

[the rain it hammered down]

Als am Donnerstag wieder die Sonne anfing zu scheinen musste ich an Nick Caves “… and the ass saw the angel” denken. Als der dreijjährige Regen aufhörte und Euchrid seinen Schatten auf dem Boden sah, der wie ein lange vergessener Begleiter wieder in sein Leben auftauchte.

K und ich waren in unseren jungen Jahren beide Nick Cave Fans. Unabhängig voneinander. Am Donnerstag hörten wir beim Kochen the Carny. The Rain Came Hammering Down. The Rain Came Hammering Down. And The Rain Came Hammering Down. Nach dem Essen zogen wir “… and the ass saw the angel” hervor. Sie hatte das Buch damals furchtbar gefunden. Ich hatte es hingegen geliebt. Dieser dreijjährige Regen. Es gab wenige Kulissen die nachhaltig so lange in mir drin weitergeregnet haben. K hatte das Buch auf englisch gelesen, sie störte sich an der schwülstigen Sprache die unter Zuhilfenahme der Bibel und einem alttestamentarischen Synonymenwörterbuch geschrieben zu sein schien. Das konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich zog meine deutschsprachige Version aus dem Bücherregal, wir lasen einander Passagen vor. im Original und in der Übersetzung. Ein erstaunlicher Unterschied. Die englische Fassung ist kaum lesbar, schwülstig, gestelzt, dann in diesem geschriebenen Südstaatenslang, während die Übersetzung einen ganz anderen elegant düsteren Tonfall herunterprasselt. Schlechte Übersetzung, wenn man so will.

Ich bin froh, nicht das Original gelesen zu haben (so einen Satz wollte ich immer schon mal schreiben).

[loses über den Regen]

Am Kottbusser Damm auf dem Weg zur Apotheke von Markise zu Markise gehopst. Und unter jeder Markise dieser Optimismus der Leute: wird schon gleich aufhören. Etc. Hab mich total anstecken lassen. Als es nicht weniger wurde, bin ich weitergehopst. Unter der nächsten Markise wieder, dieser Optimismus der Leute: wird schon gleich aufhören. Hab mich wieder anstecken lassen.

Dann diese umwerfende Symbolik. Heute wird über die Ehe für alle abgestimmt. Derweil hämmert der Regen sintflutartig auf das berliner Pflaster, Straßen stehen unter Wasser, über den Bürgersteigen fließen Bäche, der Tag verfinstert sich ständig. Es würde mich freuen wenn die gottesfürchtigen Konservativen kollektiv zu ihren Bußgürteln greifen. Um uns zu bewahren vor ihren Sünden. Mit richtig langen und spitzen Nägeln an der Innenseite.

Drinnen: hach, romantischer Sommerregen

Draußen: ≈

 

[NCE]

Wir tragen unsere Termine immer in den Kalender am Kühlschrank ein. Terminname und Kürzel. K ist der Kürzel für meine Frau und M ist der Kürzel für mich. Vor einigen Wochen wollte ich für dieses Wochenende den Termin “Nizza M” in den Kalender eintragen. Da stand bereits ein Termin. Das ist durchaus gewöhnlich.
Diesmal aber stand “Nizza K”. Gleiche Stadt, gleiches Wochenende, unterschiedliche Termine. Wir arbeiten in ganz unterschiedlichen Branchen, haben andere Hotels, haben nicht kompatible Termine, ganz andere Abendgestaltung. Wir sind in der gleichen Stadt 1000km von zuhause entfernt und werden einander nicht sehen.

Gestern Nacht beim Einschlafen, jeder in seinem Hotelzimmer in seinem eigenen Einpersonenbette. Es gibt ja diese Apps wo man den jeweils anderen auf einer Karte anzeigen lassen kann. So sind wir dann eingeschlafen. Mit dem Blick auf die Geokoordinaten des jeweils anderen. Weit weg von zuhause.

Ich finde das bringt Romantik auf eine ganz neue Ebene.

[was schön war, KW14]

Es war schlechtes Wetter und nach Svens Geburtstagsparty hatte ich eine große, fette, männliche Katze in mir und meine Zunge war ein belegter Leberstreifen der mir zum Hals heraushing. Ich hing ein bisschen zuhause rum, schaute Fußball, aß salzige Sachen um mich besser zu fühlen, dann fingen meine Schwestern plötzlich an Gute-Laune-Fotos in unsere Geschwistergruppe auf Whatsapp zu schicken. Besser gesagt Schöne-Wetter-mit-Gute-Laune-Fotos. Die eine Schwester wohnt am Gardasee und die andere Schwester im immer sonnigen Meran. In Berlin gab es weder Gutes Wetter noch gab es Gute Laune, aber weil ich mich irgendwann unter sozialem Druck wiederfand beschloss ich ein Selfie auf dem Balkon zu machen. So schob ich die Vorhänge beiseite und staunte, dass die Sonne schien. Ich hatte so viel Schlechtwetter in mir drin, dass es mir unmöglich schien draußen Schönwetter vorzufinden. Also setzte ich mir die Sonnenbrille auf, schenkte mir Wasser in ein großes Kugelglas, setzte mich in den Liegestuhl auf den Balkon und schoss ein Gute-Laune-Selfie. Dann blieb ich noch lange sitzen. Ging mir sofort besser.

[was schön war, KW13]

Nach Tegel um 5:00 Uhr früh, wenn Berlins Straßen leer sind, alle Ampeln auf grün stehen und man kilometerlang einfach durch die Stadt fährt, schwebt, dieses Gefühl ein Raumfschiff durch das berliner Straßensystem zu steuern.

Schwiegermutter war zu Besuch. Wir kochten Pasta und tranken dabei Bier. In jungen Jahren sind sowohl K und ich mit einem ähnlichen Musikgeschmack sozialisiert gewesen. Unter anderen hörten wir beide The Pogues. Eines der Lieder von denen wir beide immer noch den Text auswendig kennen ist and the band played Waltzing Matilda. Wir kochten Pasta und tranken dabei Bier. Währenddessen hörten wir dieses Lied und lasen den Text mit. Von einem australischen Landstreicher, der 1915 in den Krieg gerufen wird. Der davon erzählt wie er in einen türkischen Kugelhagel gerät, wie sein Arse over tits geblowd wird, wie er beinlos zurück nach Australien gebracht wird, wie froh er darüber war, dass niemand auf ihn wartete um ihn zu bemitleiden und wie Jahre später die Veteranen marschierend an einen Krieg erinnern wollen, wo die jungen Leute am Straßenrand fragten, wofür die alten Leute eigentlich genau marschierten. And I ask myself the same question.

Danach war uns fast nach Weinen zumute.

War trotzdem schön.

Wir schauten Mystic Pizza und aßen dabei Pizza von Domino’s. Das fanden wir witzig. Dieser Film aus den achtzigern ist mit vielen positiven Erinnerungen geladen. Seltsam nur, dass er uns überhaupt nicht mehr gefiel. Bei Rotten Tomatoes schneidet er auch nicht gut ab, das hätten wir vorher prüfen sollen.
Damals galt Julia Roberts als der kommende Stern über den Wäldern von Beverly Hills. Ist dann auch so gekommen. Ich konnte mit Julia Robert ja nie etwas anfangen. Ich weiß nicht. Ist sie eine gute Schauspielerin? Das Attribut mit dem sie meist versehen wurde (aber das betrifft ja immer alle erfolgreichen Schauspielerinnen) ist Schönheit. Dass sie schön ist. Dass sie so strahlend lachen kann. Bei mir löste sie immer eine Zurkenntnisnahme aus, ein aha: schöne Schauspielerin, Haken dran. Dummerweise hat das nie richtig funktioniert, ich konnte mich nie richtig für sie begeistern und ich habe wirklich eine Schwäche für schöne Frauen, vor allem ungewöhnliche Frauen, auch seltsame Frauen, aber eben auch für mainstreamig schöne Frauen. In der Regel filtere ich nach langweilig aussehenden Frauen und nach spannend aussehenden Frauen. Es ist mir schon aufgefallen, dass ich spannend aussehende Frauen sehr attraktiv fand, die andere Männer oder Frauen als tendenziell hässlich bezeichnen. Umgekehrt passiert aber etwas anderes, Frauen, die als schön gelten können entweder schön sein, oder sie sind langweilig. Mit langweilig meine ich eine bestimmte Rehhaftigkeit, eine Art von Schönheit die grazil durch den Bonduelle-Frischgemüsefilter gestakst ist. Fand man sie selbstbewusst oder stark? Sie war ja immerhin die bestbezahlteste Schauspielerin der Welt, insofern natürlich auch ein Rollenmodell für Frauenlaufbahnen, aber dennoch, wenn ich an starke Frauen denke die vordergründig schön sind, dann fallen mir eher Gillian Anderson ein, Julianne Moore, oder um die jüngere Generation zu beschwören: Scarlett Johansson und Jennifer Lawrence. Aber Julia Roberts? Passt da irgendwie nicht rein.
Die Pizza war jedenfalls super.

[was schön war, KW12&13]

Besuch aus Wien gehabt. Zum ersten mal in den Preussenpark zur sogenannten Thaiwiese gefahren. Nicht nur um den Besuch zu beeindrucken, ich wollte da schon immer hin, aber ohne Besuch kriegt man in Berlin ja nix gebacken.
Was auf dieser Thaiwiese passiert ist ja unglaublich charmant. Verschiedene thailändische Familien bereiten vor Ort im Park und ohne Genehmigung ihre Speisen zu und verkaufen sie den Besuchern. Mit Kleinen Töpfen und Campingzubehör. Schon seit mehr als zwanzig Jahren. Niemand verbietet es, weil sich einfach  niemand  beschwert. Außerdem räumen sie nachher immer alles auf.
Ich fand es allerdings  ein wenig enttäuschend. Ich stand dreimal in einer langen Schlange an und halber Strecke hieß es jedes mal, das Essen sei alle. Aber an Bier bin ich gekommen, da waren die Schlangen kürzer. Ich werde sicherlich wieder hingehen, aber ich muss mich besser organisieren um an Essen zu kommen. Ich habe nur noch keinen Plan.

Zum ersten Mal in diesem Jahr auf dem Balkon gesessen. Mit Sonnenbrille und Doppelrippunterhemd. Und Bier. Das war schön.

Tebe gegen Lichtenberg47 geschaut. Fünfte Liga. Vierhundert Zuschauer. In der prallen Sonne, auf einer Böschung am Spielfeldrand. Hinter mir die Meckeropis. Immer wenn ich zu Spielen in die fünfte oder sechste Liga gehe, setze ich mich in die Nähe der Meckeropis. Die reden das ganze Spiel über, über die Spieler, zum Beispiel, dass die Nummer zehn von seiner Freundin verlassen wurde und seitdem nicht mehr so gut kicke, warum er sich denn nicht erhole, das sei ja schon drei Monate her, und dass der alte Trainer viel besser mit den jungen Spielern konnte und überhaupt, wie er damals einen Spieler vor dem Knast bewahrt hatte. Das ganze Spiel geht das so. Alle Meckeropis sind gleich. Ich setze mich immer so hin, dass ich das alles mithören kann. Besser als jeder Fußballkommentator.