[weil mein Schatz ein Jägerjäger ist]

Neulich bei der Friseurin gesessen, sie hatte lilane Haare, dunkel umrandete Augen, Ringe in der Lippe und in der Nase. Ich schaute ihr verträumt beim Schneiden meiner Haare zu. Das war so verliebt verspielt, wie sie mit den Fingern durch meine Haare fuhr, die Länge schätzte, und in kurzen Schnippen, die Frisur stutzte. Sie hatte an einer Seite langes, gezwirbeltes Haar, bis zur Hüfte. Hätte ich als kleiner Junge kinkigere Träume gehabt, wäre sie wohl mein Rapunzel gewesen.

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Als ich selber noch grüne Haare trug, dann hatte ich ja so oft das stolze Gefühl, mit diesen Haaren nie einen Job zu kriegen, oder gar, in ein vernünftiges Leben zu rutschen. Ob man in ein vernünftiges Leben überhaupt hineinrutschen kann, ist eine andere Frage, aber jedenfalls fühlte ich mich mit zunehmendem Alter etwas unpassend damit, auch als das grüne Haar längst schon weg war, innerlich blieb so vieles grün, immer dieses soziale Statement das man doch immer abgibt. Je älter ich wurde und je professioneller mein Arbeitsverhältnis wurde, desto privater fühlte sich mein innerliches grün an.

Meine Friseurin trägt ihr lilanes Haar aber als Teil ihrer professionellen Identität.
Mein Haar war damals immer Statement, ob ich durch das Dorf lief, ob ich bei den Schwiegereltern vorgeführt wurde, ob ich in die Bar ging. Ich frage mich, wie sie das macht, ob das Statement ist, natürlich, ja, aber sie wirkt so viel professioneller dabei, als wäre es Ausdruck ihres Erfolges, wobei es bei mir immer Ausdruck meines Scheiterns war. Auch wenn das bewusst herbeigeführt war. Aber vermutlich ist der wesentliche Unterschied der, dass sie gut riecht.

[...]

Ich kam soeben aus der Firma, sechs Uhr morgens, wir hatten ein neues Software-Release auf unsere Plattform eingespielt, nach vierzehn Stunden war der Spuk vorbei, dann öffneten wir das Bier und stießen an, höhö, Feierahmd-Bier um halb sechs Uhr morgens, klingklong, wir tranken noch ein Zweites, weil es immer unmöglich ist, nach solchen Nächten einfach nach hause zu gehen und zu schlafen, man bleibt danach noch eine ganze Weile zuhause aufgekratzt herumsitzen, bis der Schlaf dann plotzklaps binnen weniger Minuten einschlägt wie ein Vorschlaghammer. Man halte sich das Bett bereit.

Ich kam also soeben aus der Firma, sechs Uhr morgens, ich hielt mein zweites Bier in der Hand, ich sperrte das Fahrradschloß auf, trank ein paar restliche Schluck aus der Flasche und schaute dem frühmorgendlichen Verkehr zu, als ich von einem jüngeren Fahrradfahrer gestreift werde, der mir zubrüllt: Pack! Pack! Nichtsnutzes! Arbeitsloses! Pack! Pack! Pack!

Ich weiß nicht so genau warum ich das erzähle. Politisch motiviert war das ganze nicht. Meine Schilderung noch weniger. Berlin ächzt vielleicht ein bisschen arg unter seinem Selbstbild. Jedenfalls bin ich jetzt wacher als zuvor und sitze deswegen hier, anstatt zu schlafen.

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Nachdem ich mit P im Prassnik an der Torstraße gesessen hatte wollte ich mir am Rosenthaler Platz nur noch schnell etwas zu essen holen, und dann nach Hause fahren. Das Bier, das sie in den Hinterzimmern im Prassnik für ihre Gäste brauen, ausschlafen. Wunderbares Bier, und ich frage mich immer, warum die großen berliner Brauereien kein vernünftiges Bier brauen können, nur diese Niedrigqualitätsbrühen, die nach dem zweiten Glas wie abgestandener Kaffe schmecken und am nächsten Tag so Sachen mit dem Drucksausgleich im Kopf machen. Das sagte ich so dem Wirt, aber der sagte ganz nüchtern, Bier in kleinen Mengen zu machen, sei leicht, was Schultheiß und Konsorten falsch machen würden, verstünde er auch nicht ganz, aber es sei ihm egal.

Jedenfalls war es schon nach Mitternacht. und ich wollte nur kurz zum Türken am Rosenthaler Platz, ich bestellte mir einen Dürüm mit Käse, aß ihn dort, am Platz, stehend, und dann hatte ich diese Lust, noch ein Stückchen mit dem Fahrrad durch das nächtliche Berlin zu fahren, also fuhr ich runter zum Hackeschen Markt, über die Dingsdabrücke auf die Museumsinsel, hintenrum, da vorbei wo Merkel wohnt, hinaus unter die Linden, Pariser Platz, Brandenburger Tor, und als ich dann den Potsdamer Platz und Schöneberg hinter mir gelassen hatte, war ich irgendwann dann bei der Gedächtniskirche in Wilmersdorf. Auf dem Rückweg habe ich mich dann ein paarmal verfahren, aber das war okay. In der Nähe des Schloßplatzes habe ich mir dann noch ein Bier gekauft, damit bin ich über die Holzbohlenwege über die neue Wiese gegangen und habe mich dort auf die Balustrade gesetzt, da wo bald das Schloß wieder stehen wird. Und ich habe ein bisschen in die Spree geschaut.

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Ah und die Vögel. In diesen warmen Tagen schlafe ich im Zimmer zum Hinterhof hinaus, die Hitze, sie scheint mir dort erträglicher.
Letztes Jahr staunte ich manchmal, wie früh die Spatzen im Hof schon mit dem Gezwitscher beginnen, oder nein, ich staunte nicht nur wie früh sie damit beginnen, sondern darüber wie laut sie das machen. Doch hält man an Vogelgezwitscher ja positive Gefühle, daher merkt man erst bei bewusstem Hinhören den unmöglichen Krach, den sie machen.
Aber das ist okay, ich bin für Lärm nicht sehr sensibilisiert.
In den letzten Tagen hat es mich nur erstaunt, keine Spatzen und anderes Kleinfedervieh zu hören. Nur Stille. Und ab und zu ein kleines Kind. Aber hin und wieder hörte ich einen Vogel, sein Stimmkörper klingt voller, er muss also bedeutend größer sein als ein Spatz, zudem zwitschert er nicht, er klingt ein wenig gruselig, vor allem wenn ich aus dem Schlaf gerissen werde, er klingt in meiner Vorstellung wie ein Vogelskelett, ein Vogel aus Knochen, der mit seinen Kiefern klappert, anstatt zu zwitschern, klack-klack-klack, wie ein Knochenvogel, der in der Baumkrone sitzt und so etwas wie Tod verbreitet, oder mindestens Unbehagen, überall wo er hinklackert traut kein Spatz und Meis sich mehr hin, es ist nur er noch da, mit seinem Knochenklackern ab und zu.
Ich habe versucht in zu sehen, es stehen drei Bäume im Hof, aber er hält sich bedeckt. Heute habe ich ihn aufgenommen. Weiss jemand was für ein Vogel das ist?

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Man ist dem Fußballspiel immer so ausgeliefert, man hat keine Möglichkeit einzufgreifen, das ist unerträglich.

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Und wenn die WM am Ende ist, habe ich keine Fingernägel mehr.

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(Tweet)

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Schwarz Rot Blond.

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Wenn Özil in die Kamera schaut, dann denke ich immer, dass er jeden Moment freundlich lächelnd ruft: Dalli! Klick!

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Nursonebenher.

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Gestern am ersten fußballfreien Abend ziemlich führungslos herumgeirrt. Habe mich betrunken.

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Gestern am ersten fußballfreien Abend ziemlich führungslos herumgeirrt. Dann die Verlosung der Präsidentswahlstimmen geschaut. Die standing ovation der SPD und der Grünen. Die Szene: um Gauck herum stehen klatschende Menschen, die ihn wegen der vielen, aber nicht ausreichenden Stimmen feiern, mittendrin Gauck, sitzend, mit geschlossenen Augen, in Demut. Vielleicht war es auch nicht Demut. Trauer kann es aber nicht gewesen sein, Traurigkeit ebensowenig, nach Freude sah es auch nicht aus, es muss Demut gewesen sein, so eine über alles stehende Demut, demütige olympische Perspektive, er sitzt auf seiner Wolke und lässt innerlich den tragischen Film der Ideologien abspielen.

[le grand prix]

Die Beschreibung der Lesenden auch, sie liest sich immer wertend, egal wie sachlich ich die Kleidung aufzähle, es liest sich immer wertend, immer. Die Erwartungshaltung. Sogar meine eigene.

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In der Pause beim Bachmannlesen die Doku über Agota Kristof geschaut. Sie ist siebzig, trinkt Whisky, raucht Kette, ist einsam, abgedunkelt von Innen her. Wie sie sich aufgegeben hat, aber dies so selbstverständlich hinnimmt und fast schon belustigt darüber spricht.

Wir lasen einander Agota Kristof vor, das war am Anfang unserer Liebe, als wir die Tage im Bett verbrachten, alle drei Bücher über die beiden Zwillinge in einem Rutsch, ich las bis ich nicht mehr konnte, und dann übernahm K, bis sie nicht mehr konnte und dann wieder ich usw. bis wir darüber einschliefen. Draußen zogen die Tage vorbei und wir lagen drinnen, unbekleidet in den Laken, und waren völlig beiseite gedriftet. Abgedunkelt.

Seit gestern bin ich krank. K nennt es Sommergrippe. Ich habe im Schlafzimmer am Fußende des Bettes eine Konstruktion aus Polstermöbel und Sofa gebaut, und darauf das Laptop und Boxen gestellt. Da haben wir dann das Wettlesen in Klagenfurt und die Kristof-Doku geschaut. Dazwischendrin immer wieder weggedöst. Die feine Monotonie der Vorlesenden habe ich mit in den Schlaf genommen und dort weiter aneinandergereiht. Hintereinander, sorgfältig.

Später habe ich uns Pesto gemacht. Knoblauch ist ein natürliches Antibiotikum. K hat ein Kurzgeschichtenband von Agota Kristof hervorgeholt und mir während des Schnipselns ein paar Geschichten vorgelesen.

[bachmannpreis 2010, tag eins]

Sabrina Janesch:
  *1985. Roter, knielanger, ein bisschen sackmäßiger Rock. Haare im Seitenscheitel nach hinten gesteckt. Weit ausgeschnittene Ballerinas. Schwarzes, schlichtes Oberteil mit halbkurzen Ärmeln. Schlichte, dünne Goldkette.

Volker H. Altwasser:
  *1969. Erdfarben längsgestreiftes Hemd. Erdfarben: grün, braun, ocker, weiß. Hellgraue Hose. Dunkle Socken, dunkle, nicht weiter zu definierende Herrenschuhe (der Livestream ist so schlecht). Schmucklose Brille mit dünnem Rand. Braune, kurze Haare. Frisur.

Christopher Kloebler:
  *1982. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe mit weissem Sohlenrand, sie wirken leicht sportlich, aber salonfähig, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt. Leicht unrasiert.

Daniel Mezger:
  *1978. Schwarzes Hemd, dunkle Jeans, schwarze Schuhe mit weissen Turnschuhstreifen, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt. Leicht unrasiert. Kotelettenansatz. Kurzes, dunkelblondes Haar.

Dorothee Elmiger:
  *1985. Graues TShirt, darüber graue Weste. Zwei Ohrringe pro Ohr. Schwarze Haare, nenamäßig zu einem Seitenscheitel gelegt, Augen dunkel geschminkt. Dunkle, enganliegende Jeans. An den Füßen Sandalen oder FlipFlops, aber genau kann ich das nicht erkennen. Der Stream ist streammäßig mies.

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Die Kaltmamsell sitzt im Publikum und ich habe sie auch schon gesehen. Ich winkewinke in den Stream.

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Cacau, der als einziger die deutsche Nationalhymne inbrünstig singt.

(irgendwie ist das an Coolheit kaum zu übertreffen)

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Ich habe eine Vuvuzela.

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Ich bin für Deutschland, Niederlande und Frankreich. Mit Frankreich geht es dieses Jahr nicht gut. Mein Glück ist aber breit gefächert. Es fühlt sich an wie die Sache mit dem dritten Standbein.

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Italien hingegen kann ich nicht ausstehen. Konnte ich noch nie. Diese Arroganz, diese angeblich kulturelle Überlegenheit. Boah, was habe ich mich über das erste Tor der Neuseeländer gefreut. Einem Freund in Italien teilte ich meine Freude mit. Er war gekränkt. Regte sich über die Arroganz aus Deutschland auf, über die angeblich kulturelle Überlegenheit.
Ahh, Nationalitätenauflauf.

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Eigentlich ist WM/EM ja immer so ein Auflauf der Kulturen. Man hält zu Klischees: Sauerkraut misst sich mit Tapas, Spaghetti misst sich mit Lager-Beer, Kaas misst sich mit Sushi.

Mir tut es weh, wenn die Brasilianer effizienten Fussball spielen. Die Brasilianer sagen zurecht, der neue Trainer habe dem brasilianischen Fussball die Seele genommen. Ich will die Brasilianer verliebt den Ball kicken sehen. Ich will die Engländer Fussballspielen sehen, als würden sie Rugby spielen, ich will die Japaner effizient spielen sehen wie eine Nintendo-Konsole und ich will die Deutschen spielen sehen wie ein Triebwerk.
So ist das mit Nationalitätenfuba.

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Und alle sind sie immer gegen Sauerkraut. Sogar die Deutschen selber.

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Ich habe meine Vuvuzela verschenkt. Und ich müsste das Verb im ersten Satz oben ändern.

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Boing.

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Ein geblümtes Hemd gekauft, und immer wenn ich mich im Spiegel sehe, erschrecke ich eben.
Das ist so ähnlich wie mich beim Spazieren in den Schaufenstern zu sehen. Ich erschrecke immer vor dem dicken Mek im Fenster. Ich glaube ja immer schlank zu sein.
Was jetzt nicht wirklich etwas über das Blumenmuster auf meinem Hemd aussagt.

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Prozente Prozente. Komisch, dass ich gerade heute von Hemden und Schaufenstern rede.

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Oder von Umkleidekabinen.

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Mein Nachbar ist für drei Wochen nach Frankreich gefahren. Ich füttere seine Fische und gieße seine Blumen. Gestrichener Teelöffel Fischfutter und eine Nahrungspille jeden zweiten Tag. Man schmeißt die Pille ins Wasser und die Fische nuckeln daran. Irre ist das.

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[...]

Tü Tüdüdüüüü TüdüTüdüüü Tüdüdülü Düdülü

(ich möchte manhcmal so schreiben können wie Philip Glass komponieren kann)

[...]

Wir saßen gestern bis ein Uhr auf dem Sofa, vor dem Fernseher. Beide mit Laptop, tweeds verfolgend, Nachrichten lesend, biertrinkend, weintrinkend, ich habe auch ein tolles Paar Schuhe in einem Onlineshop gefunden, wir taten ein bisschen gelangweilt, schauten nur die halbe Zeit auf den Fernseher, wir wollten ja nicht zu offensichtlich die Sache in Oslo verfolgen, aber wir sitzen sonst nie zu zweit mit den Laptops vor dem Fernseher, das fiel uns beiden schon auf. Gefreut haben wir uns dann doch ein bisschen. Das war ja sehr ansteckend.

[...]

Dieses Blögchen ist nun auch für Handys optimiert. Damit ihr in der U-Bahn nicht Freecell spielen müsst.
Handybenutzer werden automatisch auf ein anderes Design umgeleitet. Das ist soooooo neunziger, Mann.
Lasst mich wissen ob alles aussieht, wie es aussehen soll. Auf Android2.1 getestet, ist IPfone Okay?

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Und die Autoren beim Bachmannpreis sind: Tataaaa!

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Und gestern LOST zu Ende geschaut. Warum ich das erwähne, ist, weil ich mich dazu genötigt fühle. Das ist eine meiner Monkitäten, Sachen rund zu machen, und LOST war zweifelsfrei eine Angelegenheit die ich für mich abschließen musste, sechs Jahre, Mensch, ich kann mich noch erinnern an die erste Folge, und wie ich danach am Bildschirm hing, dass ich mir Folge um Folge aus dem Netz zog und das LOSTschauen ritualisierte, und dann die sechs Jahre die vergangen sind, eine Liebe ist vergangen, drei Jobs sind vergangen, ein größerer Umzug, zwei kleine, und jetzt sind wir alle zusammen gealtert.

Ich werde hier nichts besprechen, die Meinungsbildner haben das schon gemacht, hier und hier und anderswo. Nachdem ich mich über das überraschend einfache, aber sehr einnehmende Ende emotional gelöst hatte, blieb der Unfriede über die vielen nicht mehr ausgearbeiteten Mysterien, die Sache mit den Zahlen, mit den Monumenten und all die Fragen die eben offen geblieben sind, aber letztlich gefiel mir das dann auch, wie glaubwürdig die ganze überdimensionierte Kulisse heruntergebrochen wurde auf so etwas wie, nunja: Liebe.

[...]

Bzzzz Bzzzzz. Vielleicht mache ich im Juni wieder ein bisschen Tagebuchbloggen. Der Output war als stilistische Übung recht interessant, also nicht _was_ ich geschrieben habe und auch nicht _wie_ sondern, dass es ein _wie_ überhaupt gab. Auf Papier ist das Tagebuchbloggen immer zu ungehobelt. Als wäre Papier zu geduldig.

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Mutter war bis gestern zu Besuch. Sie kommt jetzt jedes Jahr. Wir machen dann spazieren und reden. Wir haben drei Tage lang spaziert und geredet. Wir haben aber auch geshoppt und geredet. Wir haben auch gegessen und geredet. Wir waren auch im Kino. Aber da haben wir nicht geredet. Erst danach.

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Am Samstag Boxhagener Platz gesehen. Er stand schon so lange auf meiner Liste. Schon vor dem Erscheinen. Warum wollte ich ihn sehen, vermutlich wegen dieser lokalen Verbundenheit, zu sehen, wie man Berlin portraitieren könnte, diese ganz besondere Ästhetik die sich wiederum so beliebig auslegen lässt. Dass der Film enttäuschen wird, hatte ich geahnt .Die paar Zeilen die ich darüber gelesen hatte, waren zum großen Teil gähn und schnarch. Dass er fast nur noch in Berlin läuft, ist vermutlich Patriodings.
Gefallen hat mir an dem Film, dass es dann doch kein Proletarierkitsch geworden ist. Das hatte ich befürchtet. Zudem auch kein Ostalgiescheiß, in keinerlei Form, höchstens die Tapeten vielleicht, aber bei diesen Tapeten werden sogar ich Ostalgisch. Was mir auch gefallen hat, waren die Bilder, ah, der Film lebt vielleicht von den Bildern. Ich habe mich von den Farben einlullen lassen. Grau in Braun, in Grau und immer ein bisschen Sepia mit reingemischt, ohne jetzt unecht oder romantisierend zu wirken. Und dann die Tapeten.

Doch trägt der Film irgendwie nicht. Wobei er durchaus dramaturgisches Potential hat: Ostberlin ’68, resolute, alte Frau wird von älteren, meist trunksüchtigen Herren umgarnt. Einer hat aufgehört zu trinken und schenkt ihr Gedichte. Sie liebt ihn zurück. Es wird was draus. Einer der Trunkebolde wird getötet, man verdächtigt die falschen, letztendlich finden man den Bösewicht, aber der ist gar nicht böse. Der Tote war eh ein Nazi aber das ist auch wieder egal. Drumherum haben ihre Auftritt: die Stasi, der Sohn der Frau als Polizist, des Sohnes Frau als DDR-müde Hausfrau die Westmusik hört, Kneipenbesitzer, der Nachbarjunge der von seinem Vater verprügelt wird, usw.
Und der dreizhenjährige Enkel, der dauernd die alte Frau begleitet. Sie ist seine Großmutter. Er ist der Sohn des Polizisten.
Genug Setting für spannenden Stoff. Alles nachvollziehbar und glaubwürdig in die Geschichte verwoben.

Und trotzdem. Ich kann nicht genau sagen warum der Film nicht trägt. Er hat zwar seine Längen, aber das fand ich gar nicht störend. Irgendwie soll der Film aus der Sicht des Jungen erzählen, wie mir scheint. Er ist der Beobachter, nimmt wenig Teil, schaut aber immer bedeutungsschwanger, während das was passiert irgendwie belanglos erzählt wird. Die große Geste zur Beiläufigkeit, wobei, ich habe nichts gegen Beiläufigkeit, ganz im Gegenteil, Beiläufigkeit ist wunderbar, gerade um die Relevanz der großen Geste hinzuschmeißen, aber der Film wirkte, als hätte er sich zu viel vorgenommen und in dieser Aufgeregtheit das alles nicht wirklich ausgearbeitet.
Zudem neigt die Hauptdarstellerin oft zum overacting, was ich ganz fürchterlich finde. Auch im Theater.

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Die Lesung am letzten Mittwoch war übrigens sehr fein. Ihr habt etwas verpasst. Zudem war es ein sehr netter Abend, mit sehr netten Neuköllner Menschen.

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KU*TURHAUS (Zinnowitz)

[recitativo]

Am Mittwoch in der Yuma-Bar in Neukölln. Ich lese mit Erasmus von Meppen und Frédéric Valin. Read on, my dear. Kommet. Das wird gut.

[tagebuchnotizen. Zinnowitz, Usedom]

In Züssow am Bahnhof. Es gab Randalierer im Zug, wir haben den Anschlußzug für die Insel verpasst. K fragt nach einem Bier, ich sage, links ist Wiese, rechts ist Wiese, da hinten steht eine verlassene Fabrikhalle und das Bahnhofgebäude vorne, sieht nicht besuchbar aus. Sie sagt, das sei vermutlich so. Ich schlage ihr vor, dass ich kurz nach vorne laufe, Füße vertreten, vielleicht gäbe es im Bahnhofshaus ja einen Kiosk, wer weiß.
Ich laufe hin.
Draußen hängt ein Schild: Bahnhofsgaststätte. Die Fenster sind verstaubt. Ich schaue hindurch und sehe kein Mobiliar. Es ist ungastlich, die Eingangstür zugenagelt. Dann fällt mir mein Handy ein. Ich öffne die Qype-App, lasse mich lokalisieren. Wozu hat man sonst diesen Technikquatsch. Qype findet ein paar Kneipen in meiner Umgebung. Die Nächste ist 17 Kilometer entfernt. Auch Läden und Restaurants gibt es in 17 Kilometer Entfernung. Unter 17 Kilometer gibt es nur einen Asia-Imbiss. Der liegt 2,7 Kilometer von mir entfernt.

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Die Kellnerin in unserem Hotelrestaurant hat ein sanftes Gesicht. Es wirkt püppern. Wie aus Porzellan. Fast unbeweglich. Sie trägt immer dieses leicht freundliche Lächeln in ihrem Gesicht, immer ein bisschen zufrieden, immer ein bisschen zurückhaltend. Mir scheint, würde man mit einem Hammer darauf hauen, das ganze Gesicht würde lächelnd zerklirren. Und gesparte Münzen kämen dahinter zum Vorschein. Sie ist vielleicht mitte vierzig, hat etwas mütterchenhaftes, und doch ist sie hübsch, angenehm, außer ihre Ruhe vielleicht, die ist bei näherer Betrachtung ein wenig verstörend. Sie war letztes Jahr schon so. Nach dem Abendessen fing sie an, den Restaurantraum zu einem Frühstücksraum umzuwandeln, faltete die Tischdecken, ordnete Tücher, Tischdeko, alles unbeirrt und irgendwie glücklich. Und immer sanft lächelnd.
Tageintagaus.
Wäre ich Poet, würde ich sagen: in Glückseeligkeit erstarrt.

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Da der Filterkaffee im Hotel ein Graus ist, bestehe ich darauf, uns jeden Tag nach dem Frühstück einen ordentlichen Kaffee zu suchen. Wir setzen uns in die Bäckerei an der Kreuzung, mitten im Ort. Man ist an der Küste, die Bäckerei heißt Backbord. Das soll witzig sein. Wir lachen.
Ich kaufe den Usedom Kurier, wir setzen uns ans Fenster, wir lesen aus der Zeitung, schlürfen Kaffe, schauen aus dem Fenster.

Ich mag Zinnowitz ja sehr. Dieses preussische Örtchen an der Ostsee, das ganz selbstbewusst, aber unspektakulär aus einem langen Schlaf entwacht ist. Ich fahre nie im Sommer nach Zinnowitz, immer nur wenn es kalt ist, vielleicht ist es im Sommer schon zu überfüllt, zu laut. Im Frühling scheint es mir ganz richtig. Nicht zu verschlafen. Ich will keine Ruhe, ich muss mich nicht entspannen, ich will Abends etwas essen, ich will in die Kneipe gehen und Bier trinken, ich will die Mädchengruppen sehen, wie sie auf der Promenade herumalbern, weil nebenan eine Gruppe Jungs breitbeinig stehen, mit den Händen in den Hosentaschen lehnen. Ich mag diese preussische Urlaubskulisse mit diesem verkitschten Traum von damals, den man heute als Realität zu glauben meint.

Ich traue mich nicht im Sommer hin. Vielleicht ist Zinnowitz da wirklich schon hinüber.
Der neue orangefarbene Bau an der Ecke Strandpromenade lässt mich schlimmes ahnen.

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Schtraziatella.

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Wir liefen am Strand südostwärts, dem Wind entgegen. K war schlecht gelaunt, sie hatte zu viel Berlin mit auf die Insel genommen. Die Laune schlug auf mich über, aber alles was wir tun konnten, war, am Strand südostwärts zu laufen, dem Wind entgegen. Irgendwann wollte ich nicht mehr, Mensch, der ganze Scheiß, nichtmal der Wind kriegt ihn raus. Ich legte mich, steif wie ein Brett, auf den Boden und war stinkig. K stellte sich breitbeinig über mich. Sie zückte ihre Kamera und fotografierte mein verwehtes Gesicht. Sie lachte, ich lachte. Das lesbische Pärchen mit dem Hund lachte im Vorbeigehen. Dann stand ich auf, klopfte mir den Sand von den Kleidern und es ging uns beiden besser.

Wir liefen bis nach Koserow. Dort aßen wir eine Bratwurst mit Erbsensuppe. K trank ein großes Bier.

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Im Primavera

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Sanddornmarmelade, Sanddornlikör, Sanddornwein, Sanddorngeist, Sanddornthee, Sanddornschnaps, Sanddornkonfitüre, Sanddornlikörverschnitte, Sanddorngrütze, Sanddornjoghurt, Sanddornvodka, Sanddornbonbons, Sanddorngummibärchen, Sanddornsenf, Sanddorngrog, Sanddorndiätmarmelade, Sanddornessig, Sanddorngeleefrüchte, Sanddornnektar, Sanddornfruchtsaftgetränk, Sanddornmuttersaft, Sanddornhonig, Sanddornmus, Sanddornsirup.

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Sanddornbier? Sanddornbier? Sanddornbier?

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Wir sitzen im Wald, nahe am Meer, wir hören die Brandung, K sitzt auf einem umgefallenen Baumstamm, ich liege am Boden und mache Fotos von ihr, über uns zwitschern Vögel, dann nehme ich das Notizbuch raus und schreibe ein paar Zeilen, K schießt Fotos von mir. Ich werde mich jetzt immer hinlegen.

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“Freizeitmode”

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-Sie sah aus, wie der aus der Serie mit Spok, wie heiß die Serie nochmal–
-Raumschiff Enterprise
-Genau, und da sah sie aus wie der Kapitän, wie hieß der nochmal–
-Captain Kirk
-Ja genau, so sah die Tochter aus

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Und dann Regen. Es ist Samstag und es regnet. Es ist unser letzter Vormittag, ich möchte sagen: bezeichnend! Weiß aber nicht genau, was ich damit sagen will, es ist eher eine Geste, siehehier, es ist unser letzter Tag und es regnet. So posermäßig betrübt. Es ist eklig.
Wir sitzen wieder im Backbord, trinken vernünftigen Kaffee, schauen raus in den Regen und warten auf die Bahn.

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Das Backbord ist übrigens keineswegs ein cooler Bäcker. Geschweige denn urig. Es ist eher eine Mischung aus Starbucks und Autobahnraststätte. Das ist voll OK

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Am Bahnhof Zinnowitz. Ein kleiner, schlichter, neoklassizitsischer Bau mit Vordach. Es steht herrenloses Gepäck herum. Mensch, herrenloses Gepäck, das ist ja gleich so ein eingeflößtes Terrording, man denkt gleich an Bilder von Flughäfen, Sprengkommandos und zerfetzten Körperteilen.
Es sind drei buntbedruckte Plastiktüten. Vollgepackt. Papageien sind draufgemalt, Sonnen, Wolken, viel grün. Kinderzimmeroptik. Drei Tüten, alle gleich. K und ich sagen uns: das sieht nicht nach Bomben aus. Und wenn, dann albern kaschiert.
Und doch drängt sich das Gefühl auf, etwas tun zu müssen, das herrenlose Gepäck, nicht herrenlos sein zu lassen. Soll man es dem Bahnhofsvorstand melden? Himmel, wie sehr der Zivilisation verpflichtet wir sind. Ich denke: man könnte ja Kinder haben. Das hört man ja immer: wenn man Kinder hat, dann denkt man anders.
Das wachende Auge über Gerechtigkeit, Fortschritt und Wohlstand. Himmel, wohin mit diesen Gedanken, Mek, es ist nur Zinnowitz.

Drei Minuten später kommen die Besitzer der Bombentüten unters Vordach gehetzt. Zwei junge Männer, vermutlich aus Pakistan. Sie erblicken die Tüten und hasten zu mir herüber. Sie lächeln, ich lächle.

[...]

Gestern stand ich am Rosenthaler Platz und wartete auf B aus Zürich, ich hatte mich zentral hingestellt, weil ich ja nicht wusste von welcher Ecke des Platzes er aus den Ubahnschächten an die Oberfläche kommen würde, ich lehnte also irgendwie zentral an einem Geländer, gut sichtbar, und wunderte mich derweil über die eigenartig gespenstische Stille, bis mir auffiel, dass ein großer Teil des Verkehres fehlte, und aha, dann sah ich auch schon das Übel, ein riesiges Monster aus Stahl am westlichen Abschluß des Platzes, in der Torstraße, so groß, dass die Torstraße dafür gesperrt werden musste. Die riesige Maschine brummte einen tiefen, bedrohlichen Ton, der sich über den nun ziemlich beruhigten Rosenthaler Platz in Wellen ausbreitete.
Ich schaute hoch, die Maschine war ein Kran, mit einem Arm der weit hinauf in den Himmel ragte, schräg über das Dach des roten Hauses, über den Platz hinweg, über die Brunnenstraße drüber, bis hinter dem Dach jenes Hotelneubaus am Eck zum Weinbergsweg. Ausnahmesituation.
Ich merkte, dass ich nicht alleine war. Ich war umgeben von Menschen die still standen und mit begeistertetem Strahlen in den Augen auf die gewaltige Maschine starrten, auf den Arm, auf die Wucht, wie die Maschine dort unheilvoll vibrierte. Atmete.

Das war toll. Ich war Teil jenes begeisterten Fortschrittglaubens. Wie wir auf Maschinen starrten.