[displays, etc.]

Der junge Mann der gestern vor mir aus der U-Bahn stieg und auf sein Telefon-Display starrte. Er ging auf die Absperrung vor der Rolltreppe zu und wäre beinahe in das dahinterliegende Loch gestürzt. Ich warnte ihn rechtzeitig, pass auf, da ist ein Loch im Boden. Er schaute auf und sagte, oh, das stand nicht auf meinem Display. Das war so witzig, dass wir uns ein paar Sekunden lang kaputtlachten, da vor diesem Loch an der Rolltreppe.

Dann unterhielt ich mich heute mit einem Kollegen über die Telefonfußgänger-Pfade in chinesischen Städten, das wohl die Sicherheit der telefonnutzenden Fußgänger erhöhen soll. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das auf postillon.de gelesen habe oder ob es eine halbwegs seriöse Meldung war, ich muss das nochmal nachgooglen, ich fragte mich nur nach der Notwendigkeit dieser Maßnahme, ich meine ich HÖRE seit meinem neuen Telefonverhalten viel dreidimensionaler, ich fragte mich, ob wir nicht besser ein paar Tote in Kauf nehmen und uns dafür evolutionstechnisch akustisch den Fledermäusen anpassen.

Andererseits heute der junge Mann in der Sanderstraße beim Überqueren der (ok, verkehrsarmen) Straße: Siri, wo ist das näheste mexikanische Restaurant?
Wie er das sagte. Mit luter Stimme, aufrecht und stolzen Schrittes. Er war alleine. Ich dachte erst, wow, ein progressiver Maximalist. Mein zweiter Gedanke war, wow, Siri, das ist möglicherweise die elegante Abkürzung vom mühsamen Weg durch die Evolution. Kurz vor dem dritten Gedanken dachte ich dann, Scheiße, Siri, ist das Sprechen in ein Telefon hinein nicht furchtbar altmodisch?

Hier noch der vierte Absatz. Es sieht irgendwie blöd aus, die drei obenstehenden Absätze mit einer Frage ohne Conclusio zu beenden.

[...]

In Tegel zeigt sich dieses Land vielleicht von der charmantesten Seite. Es ähnelt bisweilen einem Metalfestival-Zeltlager, wie die Herden sich durch die Hallen bewegen, wie die Menschen auf Koffern kampieren, wie sich die Schlangen ständig neu formen, sich kräuseln, gutgelaunte und laute Flughafendamen, die durch die Schlangen laufen und Flüge aufrufen, sich die entsprechenden Leute schnappen und in die eigens für sie geöffneten Sicherheitsschalter schleusen, diese Minischleusen mit diesen Mini-Taxfrees mit diesen Mini-Coffeetogogos, und wie das Personal den aufgeregten älteren Passagieren Zuversicht zuspricht, dass sie den Flug sicherlich erreichen werden, dieses hocheffiziente Chaosmanagement, ich wollte fast sagen PERSONALISIERTES Chaosmanagement, Punktpunktpunkt und niemals, ich sage NIEMALS, habe ich in Tegel schlechte Laune erlebt.

Das ist ein Aggregatzustand dem ich am liebsten einen Namen geben möchte.

[fb #4]

In ein Meeting gegangen, dann in ein zweites, im Anschluss Mittag gegessen, dann ein kurzes Meeting gehalten, das bis 18:00 Uhr ausgeufert ist, daraufhin zwei Mails geschrieben und nach hause gegangen. -> etwa neun Stunden.

Neulich: auf einer Geburtstagsparty gewesen. Mich um 19 Uhr hingesetzt, ein Bier bekommen, geredet, einen Hamburger bekommen, weitergeredet, ein zweites Bier, ein drittes, etc. irgendwann aufgestanden und gegangen. Auf die Uhr geschaut -> etwa 8 Stunden.

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Schokolade. Immer ein guter Grund Rotwein zu trinken. Rotwein. Immer ein guter Grund Schokolade zu essen. (Satanischer yeah-Kreis)

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Heute mit dem Fahrrad ins Olympiastadion gefahren. Das ist ja total machbar. Einmal den Kaiserdamm hoch. Von Mitte aus dauert es nicht mal eine Stunde. Bin immer wieder überrascht, was für ein Kaff Berlin eigentlich ist.

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So viele Schokokekse gegessen, dass ich mir den Appetit verdorben habe und jetzt ist Mittag. Ich kann jetzt doch nicht NICHT essen, ich esse ja so gerne Mittag, verdammt. Schokokeksen kann ich nie wiederstehen, Mittagessen aber auch nicht.

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Homer Simpson ist offenbar 39. Wir sind also Jahrgangskollegen. [...]. Das hat mich jetzt furchtbar deprimiert.

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Schmollen ist das Selbstmitleid für Stolze – sorry musste das schnell irgendwo hinschreiben. Satz kommt mit gerade so genial vor. Muss ihn mir Morgen nochmal ansehen.

[tegel1]

Weil man neuerdings auf gewissen Flügen die elektronischen Geräte bei Landungen angeschaltet lassen darf, fiel mir dieser Eintrag wieder ein und habe spontan mit dem Filmen begonnen. Ich versuche das jetzt mal. Es ist noch zu schnell und zu bäh, aber ich habe ein paar Sachen gelernt. Ich habe keine Ahnung vom Filmen, ich taste mich bei jeder Landung heran in der Hoffnung, dass das Landen auf Tegel so dargestellt wird, wie ich mir das vorstelle. Später muss ich noch einen Soundtrack dazu schreiben. Jedenfalls gelernt für das nächste Mal:

  • Das Telefon in Landschaftsmodus halten
  • Alle 200 Millisekunden ein Bild statt nur jede Sekunde
  • Die Aufnahme schon über Schönefeld beginnen
  • Seid bereit für “Tegel2″

    [sv]

    Diese porzellanern wirkende Haut bei den jungen schwedischen Leuten. Glatt und immer einen orangenen Ton. Manchmal ist der orangene Ton nur um den Wangenknochen herum, wie ein Verlegenheitsrot, jedoch orangefarben, ein Verlegenheitsorange. Nicht ganz akut in Verlegenheit geraten. Ich verfalle manchmal ins Starren, weil mir die Haut so unecht vorkommt. Ich suche die Oberfläche nach Brüchen ab, nach Spalten, Rissen. Der junge Mann aus dem Espresso House, der mir den Kaffee zubereitet könnte aus einer Puppenstube entstiegen sein, mit einem Gesicht aus hautartig gebackenem Porzellan.

    #

    Wald

    #

    [am ring]

    Meine alte Wohnung an der Prenzlauer Allee lag genau am S-Bahn Ring. Hinten raus beim Schlafzimmer fuhren die Bahnen vorbei. S-Bahnen, Regionalbahnen, internationale Züge und vermutlich wird auch der gesamte Güterverkehr zwischen Nordsee und Osteuropa über den nördlichen Berliner Ring gelenkt. Mir hat das Freude bereitet. Dieses Geräusch metallener Räder auf Schienen, diese wilde Weite, die dieser Klang vermittelt. Dabei muss ich erwähnen, dass ich Lärm gegenüber eher unempfindlich bin. Das Durchfahren der Züge, das ist so etwas wie eine sich bewegende Brandung. Im Halbschlaf bin ich bei diesem Geräusch und den immaginären Bildern von vorbeiziehenden Landschaften an Zugstrecken, Bahnhöfen, Wäldern – immer sofort eingenickt. Guterzüge. Güterzüge waren die Besten. Güterzüge kamen, klangen noch metallener, noch romantischer als alle anderen und das beste war: sie hörten niemals auf.

    Heute lese ich, dass die Bahn ihre Güterzüge auf eine Länge von 1500m verdoppeln will. Ich meine: das sind anderthalbe Kilometer (Ausrufezeichen). Warum bin ich da bloß weggezogen.

    [...]

    Vorher tranken wir ein paar Biere in der Vagabund Brauerei, danach spazierten wir ein bisschen angedingst durch diesen warmen Sommerabend im Wedding. Es war ihr letzter Abend bevor sie in den Urlaub fuhr, wir würden uns eine Zeit nicht mehr sehen, also setzten wir uns zu diesem Italiener in der Nazarethkirchstraße, an einen Tisch draußen auf der Straße. Wir bestellten Wein und waren sehr angetan von diesem kleinen Lokal, wie unprätentiös es geführt wurde und wie liebevoll dennoch alles war, das Glas mit dem Besteck, die komischen Blumen und die kleine Karte. Ich bin nach dem dritten Bier immer verzaubert, gebt mir noch ein Glas Wein und dann bestelle ich so Sachen wie Trüffelcarpaccio, ich meine, ich wollte nur etwas einfaches essen, dann sagte K “Schau, es gibt Trüffelcarpaccio” und ich sagte “Trüffelcarapaccio” und dann bestellten wir Trüffelcarpaccio – Trüffelcarpaccio und noch ein Glas Wein.
    Wenn man gehobelte Trüffelspäne mit etwas Öl in den Mund nimmt, dann machen die ungefähr so:

    Das geht dann ewig so. Unter dem Trüffel liegt das feingeschnittene Rindercarpaccio, das macht wiederum so:

    Wir saßen verzaubert in der Weddinger Sommernacht und alles in uns drin machte so:

    Das war schon sehr okay.

    [all I reallyreallyreally want to see]

    Gestern musste ich an die Sonnenfinsternis im August 1999 denken. Ich arbeitete damals in einem Recyclingladen auf einem Gewerbegebiet südlich von Utrecht. Das war so ein gemeinnütziges Projekt in dem wir alte Sachen wieder in Schuss brachten und dort verkauften. Ich stand meist vorne im Laden. Als die Sonnenfinsternis über Mitteleuropa anstand, waren viele Bekannte und auch Kollegen in den Süden gereist, nach Frankreich, Belgien, Deutschland, dort wo der Kern der Finsternis hinwegziehen würde. Wir Übriggebliebenen waren nur so Halbbegeisterte, so halbbegeistert wie halt alle, die nicht den Aufwand betrieben, extra deswegen zu verreisen. Als der Tag der Finsternis dann kam, waren wir natürlich trotzdem alle aufgeregt, den ganzen Vormittag lang gingen wir ständig hinaus auf den Parkplatz und hielten CD’s in den Himmel und konnten das angenagte Stück in der Sonne stetig wachsen sehen. Die dunkelste Phase sollte irgendwann gegen Mittag eintreten, ich weiß heute nicht mehr welche Uhrzeit das genau war, damals kannten wir sie aber auf die Minute genau, es stand ja überall in den Zeitungen und je näher man dieser Uhrzeit kam, desto seltsamer wurde das Tageslicht. Zehn Minuten vor dieser sogenannten Deadline kamen noch Kunden in den Laden. Drei oder vier Frauen mittleren Alters. Das hatte mich damals sehr gewundert. Gab es nichts besseres als während einer Sonnenfinsternis in unseren ollen Recyclingladen zu kommen? Ich meine, jeder wusste, wann es passieren würde, dieser allgemeinen Aufgeregtheit konnte man sich nicht entziehen. Aber als dann tatsächlich diese Deadline eintraf, dann bemerkte ich, dass diese Kundinnen nicht an unserer Aufgeregtheit teilnahmen. Während wir verstrahlt und dödelig CD’s in den Himmel streckten, stöberten sie konzentriert zwischen den Kleiderständern, hielten sich Kleider vor den Spiegel, prüften kritisch den Stoff. Sie kannten einander offensichtlich nicht. Sie schienen sich auch nicht zu beachten.
    Zehn Minuten später verließen sie mehr oder weniger gleichzeitig den Laden ohne etwas gekauft zu haben.

    Ich erzähle diese Geschichte nur, weil ich während des gestrigen Finalabends durch das Fernsehprogramm zappte und versuchte so etwas wie ein Muster bei den ausgestrahlten Sendungen zu finden, so etwas wie einen gemeinsamen Nenner für das, was Leute gucken, die sich dem Fußball völlig entziehen oder entziehen wollen. Dann sind mir die Kundinnen wieder eingefallen. Es hat nichts mit dem Fußball zu tun, auch nicht mit einem Muster. Hat mir keine Ruhe gelassen, das. Damals nicht und gestern wieder.

    Frau Montez imitiert Kid imitiert Schneck.

    [fb #3]

    Ich sitze in der U-Bahn. Ein alter Mann mit Stock kommt herein, er läuft gebückt. Ich, Mister Superkorrekt, stehe sofort und zackig auf, schlage meine Hacken zusammen und weise dem kranken, alten Mann meinen Sitzplatz. Der Mann zeigt mir seinen Bettlerbecher und schüttelt, müde lächelnd, den Kopf. Ich so: achso, sie wollen gar nicht sitzen. In der U-Bahn alle so: augenroll. Mister Superkorrekt.

    #

    Warum ich Dennis Quaid nicht mag? Er hat mir damals Meg Ryan ausgespannt. Mitten in meiner Pubertät, das ist grausam.

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    Zum ersten mal gesagt bekommen: Glückwunsch zum Hochzeitstag.

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    Sinnieren. Das tun nur selbstverliebte, alte Männer.

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    Ein ganzer Stapel save icons.

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    Megaunwetter über Europa und wer hat drei Flüge an zwei Tagen? Hint: es ist nicht der Verkäufer der euch neulich den faulen Apfel verkauft hat.

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    Wenn ich will, dass es in der Kantine Rote Beete gibt, brauche ich nur ein weißes Hemd anzuziehen. Funktioniert immer.

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    Heute früh das Auto in die Werkstatt gebracht. Unfassbar, wie erwachsen ich geworden bin.

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    Weil wir hier bei Wünschdirwas sind: eine Fußballsendung von Frauen. Ich meine nicht, halb Frauen halb Männer, ich meine richtig hundertprozentige Quote, nur Frauen, wo keine männliche vermeintliche und vermeintlich etablierte Fußballexperten dazwischenquatschen und entweder von uninteressantem Technikkäse faseln oder die Vergangenheit zitieren, mit dieser Attitüde von: ich war dabei und weiß Bescheid. Ich weiß nicht, ob das gut sein würde, ich weiß nur, dass ich keine langweiligen Herrenrunde mehr sehen bräuchte und vielleicht, ja vielleicht hoffe ich auch ein kleines bisschen, dass man sich einfach mal traut über Christiano Ronaldos Frisur zu reden. Verdammtnochdings.

    #

    Das Übriggebliebensein.

    bin dann mal ein faschistischer Blockwart

    Diesen Sommer wollte ich dem Taubennest voraus sein. Letzten Sommer hatte sich unter dem Taubennest im Hof ein sehr breiter und zwei Zentimeter dicker Taubenscheiß-Streifen gebildet. Dummerweise genau auf dem Weg zu den Mülltonnen und zwar genau so, dass man dem Kot kaum ausweichen konnte.

    Wenn ich im Haus den Nachbarn begegnet bin, wusste jeder Bescheid, ja, das sei natürlich ärgerlich, aber wir waren uns einig, so ein Taubennest herunterzuschlagen geht ja gar nicht, da löscht man ja das Leben von kleinen Taubenbabys aus. Ich war dann so clever, das Nest im Winter zu entfernen. Ich weiß nicht, wo Tauben im Winter schlafen, jedenfalls nicht in jenem Nest in unserem Hof. Der Balkon meines Nachbarn, dem Taxifahrer, ist näher am Nest, ich bat ihn, die Arbeit für mich zu erledigen, da ich keinen so langen Stock hatte. Er weigerte sich aber, es gäbe bestimmt so europäische Gesetze, die ihm das Entfernen von Taubennesten verbieten würden. Ich beruhigte ihn aber und erklärte ihm, dass das Nest ja leer sei und leere Neste dürfe man sicherlich abschlagen.

    Vor ein paar Tagen sah ich dann wieder ein Taubenpaar, das den Baum im Hof inspizierte. Sie standen auf diesem dicken Ast, der genau über den Weg zu den Mülltonen ragt. Sie gingen hin und her, hackten mit dem Schnabel ins Holz. Ich ging davon aus, dass es sich um das selbe Taubenpaar wie letzten Sommer handelte, da sie gleich aussahen (taubenblaues Federkleid, Schnabel und Flügel). Ich vermutete, dass sie, enttäuscht über ihr verschwundenes altes Ehenest in dem sie diesen herrlichen Sommer 2013 verbracht hatten, bald wieder abzögen. Ich wollte das in den nächsten Tagen aber beobachten. Falls sie mit dem Nestbau beginnen sollten, würde ich aber sofort irgendwas unternehmen. Wie dieses Irgendwas aber aussehen würde, hatte ich keine Ahnung.
    Als ich am nächsten Tag in den Baum schaute, waren die Tatsachen aber schon geschaffen. Ein richtiges, fertiges Nest war gebaut und eine dicke Taubenmama saß darin. Ich wusste nicht, dass Nestbau so schnell geht. Jetzt geriet ich in Panik. Nicht wieder einen Sommer lang über Taubenscheiße steigen. Nicht wieder diese Spuren bis ins Haus hinein. Ich nahm einen Besen und schritt damit auf den Balkon. Der Besen war nicht lang genug und ich wollte ja nur die Blätter zum Rascheln bringen, die Taubenmutter muss allerdings mein Entsetzen gespürt haben, sie sprang sofort auf und flog davon. Es lagen noch keine Eier im Nest. Ich war erleichtert. Das war wirklich einfach gewesen.
    Am Abend saß sie da aber wieder. Natürlich. Eigentlich hatte ich es auch geahnt. Ich wiederholte das Prozedere, nahm den Besen und stieg auf den Balkon. Diesmal flog sie aber nicht weg, sondern stand lediglich auf und wartete ab, was nun geschehen würde. Ich konnte mit dem Besen aber das Nest nicht erreichen, ich wollte ja auch nichts kaputt machen ich raschelte nur ein bisschen durch die Blätter. Ich tat es allerdings so lange (etwa eine halbe Minute) in der Hoffnung, dass sie den Mut verlöre und sich einfach irgendwo anders ihr Nest baut, auf einem anderen Ast meinetwegen, auf der anderen Seite des Baumes ist alles okay, aber nicht auf diesem Ast, der genau über dem Weg zu den Mülltonnen hängt. Ich war aufgeregt, ging in die Wohnung hinein, kam wieder heraus, ging wieder hinein. Die Taube schaute mich die ganze Zeit lang an. Ich muss für sie den Terror verkörpert haben. Ich wusste auch nicht, was tun, konnte nur wieder in den Blättern rascheln. Psychoterror. Ihr das Gefühl geben, dass ihre Kinder hier nicht sicher sind. So funktioniert Biologie doch, oder? Ein Nest ist ja ein Nest. Wie eine Höhle aber dann für Vögel. Von K erhielt ich wenig Unterstützung. Sie sagte, ich sei ein Blockwart. Ein faschistischer, tierquälender Blockwart. Sie ist aber auch nicht die Müllbeauftragte in unserem Haushalt und musste nicht letzten Sommer durch den Hof laufen.
    Ich ging schlafen.
    Am nächsten Tag schaute ich wieder nach dem Rechten. Die Taube saß wieder da. Diesmal war auch das Männchen dabei. Ich raschelte wieder in den Blättern. Doch dann tat ich etwas, das ich jetzt aufschreiben muss um mir der vollen Tragweite meines Handelns bewusst zu werden. Ich meine, der Sommer 2013 war wirklich hart, ich hielt mir manchmal sogar den Mund zu, wenn ich über den Taubenhaufen zu den Müllcontainern lief, ich habe einmal eine Doku gesehen, in der vor Taubenschiss gewarnt wurde, und als der Kot mit der größten Erregerdichte überhaupt bezeichnet wurde. Was ich dann tat, war also das Folgende: ich griff zur Wasserpistole.
    Ich füllte die Wasserpistole und beschoss die beiden Tauben. Der Wasserstrahl war nicht hart sondern eher von der pft-Sorte, aber die beiden Tauben mochten das nicht. Nach dem ersten Schreck blieben sie jedoch im Nest sitzen und die Taubenmutter hatte wieder diesen Blick auf, bei dem ich wusste, dass sie den totalen, absoluten Totalterror in mir sah.
    Sie taten mir leid. Sie hatten ja keine Ahnung was in mir vorging. Wie sie da als Totalmutter bloß ihren Nachwuchs in die Welt setzen wollte, ein ganz natürlicher aber hochemotionaler Prozess. Wie sie da saß und meinen Wasserspritzern trotzte. Irgendwie war das so sehr Mutterliebe, dass ich die Wasserpistole beiseite legte und aufgab. Und mich schämte.

    Ich fuhr dann für das Wochenende nach Brandenburg hinaus. An den See. Ein weiterer Sommer mit ein bisschen Taubenkot im Hof wird nun ja nicht gleich eine Katastrophe sein. Für den nächsten Sommer muss ich halt bessere Vorsorgemaßnahmen treffen. Ich bin eben unerfahren. So etwas passiert. Als ich heute aber zurückkam, war das Taubenpaar ausgezogen. Wenn man so will, ein Happyend.

    [bring the boys back home]

    Natürlich schaue ich mir die Länderspiele an. Ich verfolge die Ergebnisse und schaue einzelne Spiele von Ländern, dessen Spieler ich mag, und ich schaue auch ein paar Spiele der großen Fussballnationen. Die Deutschlandspiele natürlich auch. Schon nur, weil meine Firma da den Grill anschmeißt und kühle Biere bereitstellt. Dennoch ist mir das Abschneiden der einzelnen Mannschaften relativ egal. Ich werde nicht sonderlich warm für dieses Auflaufen der Nationen. Das mag zum einen daran liegen, dass ich in Südtirol geboren und aufgewachsen bin, ich konnte daher nie etwas mit Italien anfangen. Mit Österreich aber erst recht nicht. Mit der Schweiz hatte ich nie etwas zu tun, auch wenn die Grenze nur 50 Kilometer entfernt war. Dies nur um die geographischen Möglichkeiten aufzuzählen. Später wohnte ich lange in der Niederlanden, danach in Spanien. Jetzt in Deutschland. Ich habe mich nie sehr meinem Herkunftsland zugehörig gefühlt. Ich fühlte mich aber immer zuhause da wo ich wohnte. Meine Frau ist Schwedin, sie hat jahrzehntelang in Italien und Wien gelebt. Würde ich sie fragen, wo sie zuhause ist, würde sie vermutlich sagen: Berlin.

    Am ehesten bin ich für Deutschland. Aber vor allem, weil ich die Spieler kenne und deren Werdegang verfolge, allerdings auch weil mir diese ungenierte Euphorie in den Städten gefällt. Vor allem vor den Spielen. Diese aufgeregte Vorfreude. Die besoffenen Männergruppen nachher weniger. Dennoch ist die Stimmung vermutlich überall ähnlich. Lebte ich noch in Holland, würde ich eine ähnliche Sympathie für die oranje Elftal haben. In Holland freuen sich die Niederländer über einen Sieg gegen die Spanier, und in Spanien erwidern sie die Freude natürlich mit unguten Gefühlen. Bleiche Käsegesichter gegen haarige Männer. Länderspiele gucken ist immer ein bisschen ein Messen der Kulturen. Gut gegen böse. Gutes Essen gegen gute Wirtschaft, Wein gegen Bier, Schnitzel gegen Pizza, Sonne gegen Regen. Ich habe nie verstanden, warum Fußball die Nationen vereinen sollte. Es ist doch eher das Gegenteil der Fall. Die Franzosen waren nach der Niederlage 2006 keine Italienfreunde.

    Da ich vorhin so pseudoweltmännisch meine Herkunft aufgelistet habe: ich fühle mich hier sehr wohl und komme mit den Dingen die man allgemein als deutsch bezeichnet sehr gut klar, ich bin in dieser Hinsicht vermutlich sehr deutsch geworden, ich bin bewusst hierher gezogen, weil ich das so wollte. Ich mag das hier. Aber ich habe keinen deutschen Pass. Wenn mich am Potsdamer Platz vor ein fahrendes Auto laufe, dann steht in der Zeitung, dass ein Italiener totgefahren wurde. Ich. Berliner. Basilikumzüchter, Balkonbesitzer, Liebhaber von guten Geschichten. Patzbum unters Auto und bin plötzlich Italiener.
    Da wollte ich mir einen deutschen Pass anschaffen. Jedoch fiel mir ein, wenn ich Deutscher bin, dann bin ich zu einem Teil auch ein Bayer. Deswegen habe ich das sein lassen. Okay, das war ein blöder Scherz.

    Benzema ist Algerier, spielt für Frankreich, weil er so gut ist, dass er es kann, er soll die französische Fußballseele heilen. Vor vier Jahren klappte das nicht, dann wurde er als Algerier abgewatscht. Es wundert mich keineswegs, wenn er nicht die Mareillaise singen will. Bei Hertha haben wir Brooks. In Berlin geboren, Vater aus Chicago, er musste sich entscheiden, ob er für Deutschland spielt oder für die USA. Lange hat er gezögert, vermutlich hat er sich bei den USA mehr Chancen zu Spielen ausgerechnet. Cigerci ist in der niedersächsischen Provinz geboren und großgeworden. Vor einigen Jahren kam er drauf, dass er sich im Land seiner Eltern (Türkei) super wohl fühlt. Deshalb spielt er da. Cacau. In Brasilien geboren, als siebenundzwanzigjähriger deutscher Staatsbürger geworden und in die deutsche Nationalelf berufen, singt das Deutschlandlied inbrünstig und mit der rechten Hand am Herz. Das ist natürlich supercool und lustig. Özil, geboren in Gelsenkirchen, spielt für Deutschland, weil er durch alle Jugendmannschaften des DFB durchlaufen hat und so gut war, dass er schlichtweg von alleine in die prestigeträchtigere deutsche Nationalelf kam. Er muss sich ständig rechtfertigen, warum er nicht für die Türkei spielt. Er hat keinen Bock auf die türkische Mannschaft, aus welchen Gründen auch immer, er singt aber auch nicht das Lied vom deutschen Vaterland. Warum auch? Solche Geschichten gibt es zu hunderten. Zuordnungen zu Nationen sind mir zu langweilig, zu willkürlich, zu banal auch. Mich langweilt es auch, dem Ganzen mitzufiebern.

    Ich schaue lieber Clubfußball. Jeder kann Spieler bei einem FC werden (zumindest, wenn er bezahlbar ist) und jeder kann irgendeiner Trikotfarbe zujubeln. Ich glaube zwar nicht, dass Fußball auch nur den geringsten Beitrag zur Völkerverständigung beiträgt, aber wenigstens gehen da keine Nationen aufeinander los.
    Ich freue mich darauf, dass die Spieler nach der WM von ihrem nationalen Auftrag wieder zurückkommen.

    Bring the boys back home.

    [pokal]

    Das Unaufgeregte des Fußballs in den unteren Ligen. Auch gestern noch im Finale des Berliner Pokals, Viktoria gegen Tasmania, vierte gegen sechste Liga. Immerhin fast 4000 Zuschauer und zwei sich rivalisierende Fanclubs mit Trommeln. Hinter uns fachsimpeln drei ältere Herren über Viktorias aktuellen Kader, von wem man sich trennen müsse, wer gerade privaten Stress habe und seitdem auch auf dem Platz nur noch wenig bringe, wie gut es um die Jugendmannschaften bestellt sei, dass es da zwei oder drei Kandidaten gebe, die man vielleicht der Hertha abtreten könne, etc. Weiter hinten kommentiert ein sehr extrovertierter Mann das Spielgeschehen, entfernt sich mit der Zeit jedoch thematisch immer mehr von den 22 Männern auf dem Rasen, redet sich in Rage, teilt irgendwann verbale Ohrfeigen aus, alle Bundesligatrainer müssen dran glauben (außer Klopp und Luhukay). Irgendwann wird es einem ihm fremden Zuschauer zu bunt und sagt, er solle doch seine Klappe halten, er rede so viel Mist. Der laute Herr pöbelt jetzt lauter, die Diskussion geht jetzt über die Qualität von Mist.

    Viktoria gewinnt am Ende 2:1 und qualifiziert sich damit für die erste Runde des DFB Pokals, gegen Eintracht Frankfurt irgendwann Mitte August.

    [...]

    Ich habe gestern einen Gastbeitrag bei Immerhertha geschrieben. Über Fußball. Oder übers Gucken. Der Titel stammt allerdings nicht von mir. Wo die Pfeifen sind.

    [...]

    Ich verstehe das nicht. Weiß jemand, was hier los ist? Ich bekomme etwa einmal in der Woche einen Strafzettel für eine sogenannte Verkehrswidrigkeit. Ich nehme an, es handelt sich ganz einfach um einen Strafzettel für das Falschparken. Ich kann erst seit kurzem Auto fahren und hatte bisher noch nie ein richtiges Knöllchen, ich weiß daher gar nicht, wie die aussehen. Was ich aber kriege, ist das:

     

    Es steht, dass es nur eine erste Verwarnung ist und da ich auch kein Aktenzeichen finden kann, wartete ich anfangs einfach auf Post vom Ordnungsamt. Da die Post nie kam, ich aber jede Woche einen weiteren Strafzettel unter meinem Scheibenwischer fand, habe ich “da” mal angerufen und gefragt, was das bedeute. Die Dame am Telefon konnte mir keine Auskunft geben, sie meinte aber, wenn keine Post kommt, muss ich nichts zahlen. Das wird schon harmlos sein, sagte sie. Ich ignorierte. Und ignorierte. Ich fahre selten Auto, alle paar Wochen gehe ich aber zum Auto und sammle ein paar Strafzettel ein. Auch mein Nachbar wundert sich. Ich parke richtig, ich achte als Anfänger sehr darauf, dass ich zwischen den Linien stehe. Ich habe auch einen Anwohnerausweis, der gut sichtbar unter der Frontscheibe geklebt ist. Anfangs standen meine Vorderräder manchmal schief, da ich nach dem Einparken vergaß, sie gerade zu stellen. Aber auch das ist vorbei. Das einzige, das man meinem Auto sozusagen vorwerfen kann, ist sein italienisches Kennzeichen. Aber auf dem Amt der Anwohnervignetten hat man mir gesagt, das sei okay. Wenn jetzt im Blog und auf Facebook auch niemand weiß, dann schreibe ich den Zettelverteilern einfach einen Brief.

    [gattogatto]

    Zuerst hatten wir an der Hotelbar in Tongue einige Whiskys probiert und zum Essen je zwei große Ales getrunken. Danach wollten wir uns unbedingt noch ein wenig im Dorf umsehen, ein paar Schritte laufen nur, von der Highland-Kulisse genießen, nachdem wir die vorigen Tage auf den eher flachen Orkney Islands verbracht hatten. Als wir auf die Main Street (Dorfstraße) hinausgingen sahen wir dieses Schild, das auf einen Feldweg zeigte. Auf dem Schild stand “Castle Varrich”. Der Feldweg führte hinab ins Tal und war durch niedrige Steinmauern gesäumt. K und ich hatten den selben Gedanken und so bogen wir in den Feldweg ein. Nach wenigen Metern fiel uns diese schwarzweiße Katze auf, wir sahen sie erst, als wir in den Weg eingebogen waren, obwohl sie vorher schon da gewesen sein musste. Sie stand mitten auf dem Feldweg und schaute uns an. Wir blieben stehen, da wir sie nicht erschrecken wollten. Nach einem kurzen Moment des Starrens ging sie ein paar Meter den Feldweg hinunter. Dann blieb sie wieder stehen und schaute zurück zu uns. K ist mit Hunden groß geworden und hält entsprechend wenig von Katzen. Ich hingegen habe keinen großen Bezug zu Tieren, antworte aber immer, dass ich Katzen eher mag. Wobei das unbegründet ist. Die Katze ging dann wieder ein paar Meter und blieb schließlich wieder stehen. Erneut drehte sie sich nach uns um. Ich sagte zu K, schaumal, sie will uns etwas zeigen. Wir gingen der Katze nach, sie wiederholte das Spielchen ein paar Male, sie ging ein paar Meter und schaute sich wieder nach uns um. Als sie merkte, dass wir ihr folgten, kam sie zu uns, streifte sich durch unsere Beine, um dann wieder vorweg zu preschen und uns den Weg zu zeigen. K und ich schossen Fotos von ihr. Sie machte immer wieder Halt und posierte für uns. K nannte sie “Gattogatto”, K weiß vielleicht wenig über Katzen, aber sie kennt das italienische Wort für Katze, Gattogatto, es war weniger ein Nennen, sondern eher ein Rufen, wie sie mich manchmal auch mit Mekomeko ruft, sie rief Gattogatto und die Katze kam, legte sich auf den Rücken und ließ sich von ihr ablichten. Links von uns kam eine Wiese. Schafe weideten. Ich fotografierte die Schafe. Gattogatto sprang über den Zaun. Sie hatte einen Vogel auf der Wiese gesehen. Der Vogel stand neben einem Lämmchen. Gattogatto lauerte auf den Vogel und näherte sich ihm. Das Mutterschaf sah das, das Mutterschaf sah aber nur ein lauerndes Katzentier und damit ihr Lämmchen in Gefahr. Als das große Schaf herangetrottet kam, merkte auch die Katze, dass der Spaß vorbei war.
    Wir gingen weiter den Weg bergab, an einer Kläranlage vorbei, das Dorf lag bereits ein gutes Stück hinter uns, K hob einen getrockneten Ast auf und strich ihn über die Kieselsteine, sie rief Gattogatto, die Katze kam und versuchte mit dem Ast zu kämpfen, ließ wieder davon ab, lief weiter, kam wieder zurück. Der Weg verflachte sich, war nicht mehr so steil, der Weg ging in ein kleines Laubwäldchen über, man konnte nicht gut sehen, was dahinter war, also gingen wir weiter, die Katze vorneweg, K rief Gattogatto und strich mit ihrem Ast über Gräser, klopfte auf Steinchen, ab und zu kam die Katze und biss sich in den Ast fest. Dann kam ein Zaun, Gattogatto sprang hinauf und wartete, bis wir das kleine Zauntor geöffnet und wieder geschlossen hatten. Dahinter bog der Weg nach links ab. Jetzt lag ein Fluss neben uns. Ein ruhiger, kleiner Fluss an dessen Rändern vereinzelt und wild Laubbäume wuchsen. Hätte mir jemand gesagt, stelle Dir drei Frauen aus der viktorianischen Zeit vor, wie sie an einem Fluß sitzen und ins Wasser schauen, dann hätte ich sie mir genau an so einen Fluss vorgestellt. Man sah das Dorf nicht mehr, man hörte nur mehr den Wind. Wir gingen den schmalen Weg am Fluss entlang, Gattogatto lief vor uns. Schließlich kamen wir zu einer Brücke, die über den Fluss führte. Ich schaute auf mein Telefon. Googlemaps kannte den weg nicht, kannte die Brücke nicht, kannte das Castle nicht. Die Katze blieb stehen und schien auf einmal abgelenkt, nicht mehr sonderlich interessiert an uns. Sie putzte sich. Ich ging auf die Brücke. K ärgerte die Katze mit dem Ast. Gattogatto fauchte. K kam mit auf die Brücke, sie fotografierte das Wasser, das viktorianische Ufer. Auf der Brücke sahen wir das Schloss. Eine Ruine, die auf dem ersten Blick lediglich noch aus einem Turm zu bestehen schien. Sie stand auf einem kleinen Berg, vielleicht eine halbe Stunde von der Brücke entfernt. Vielleicht ein bisschen näher. Hinter ihr der Abendhimmel, wir sahen eigentlich nur ihre Silouette. Wir betraten das andere Ufer, die Dämmerung hatte eingesetzt, der Wind war lauter geworden. Auch hier stand ein Zaun. Dieser aber höher und auch wieder mit diesen Zaungittern, die man als Mensch umhängen kann aber nicht als Tier. Wir wunderten uns, warum der Zaun hier so hoch war. Vielleicht weideten hier größere Tiere, auf Orkney hatten wir einmal eine Stierweide gesehen, die bestand aus stabilen, metallenen Pfählen und dickem Maschendraht, da konnten wir uns den Stieren guten Gewissens nähern, aber hier würde man doch nicht einfach einen öffentlichen Waldweg durch eine Stierweide führen. Würden man nicht? Gattogatto kam über die Brücke gelaufen und kroch unter den Zaun hindurch. Wir hängten das Tor um und gingen weiter. Die Katze fauchte nicht mehr. K sagte Gattogatto. Der Weg öffnete sich zu einer Lichtung hin. Von dort aus konnten wir die Burg sehen. Wir konnten auch die anderen Berge sehen, die etwas weiter südlich in den Himmel ragten. Dunkel, kahl. Vulkanisch. Mich ließ der Anblick an delirische Träume denken, delirisch wie in den Bildern von Bosch, ein bisschen auch wie die Berge, die im Hintergrund der Mona Lisa abgebildet sind. Delirische Träume, vielleicht diese unbehagliche, bedrohliche Kulisse, wie sie die sieben Berge der sieben Zwerge immer war. Es dämmerte. Ich sagte, lass uns zurückgehen. Gattogatto schaute uns an.
    Wir gingen zurück, über die Brücke, am Fluß entlang. Durch den kleinen Laubwald, dann den Feldweg hoch. Gattogatto lief vor uns, strich hin und wieder durch unsere Beine, blieb manchmal stehen, biss in den Ast, mit dem K durch das Gras strich. Oben in der Main Street blieb Gattogatto vor uns stehen und schaute in das Dorf hinein. Wir stellten uns neben sie. Wir wollten uns gebührend verabschieden, aber sie ging dann einfach los, in die andere Richtung und drehte sich nicht mehr nach uns um.

    [¤◆■]

    Tain hat lediglich einen einzigen Pub und nur einen Inder, der neben Curry auch fette Pizzen macht. Tain hat aber auch ein Dudelsackorchester, das Freitagabend durch das Dorf pfeift. Wir standen lange da und hörten zu. Wir lachten auch ein bisschen, der Folklore wegen. Wie in meinem heimatlichen Alpendorf vielleicht, wenn die Touristen lächelnd am Dorfplatz stehen, während die Blaskapelle spielt. Ich musste an Eve Myles denken. Eve kam aus Schottland.  Sie arbeitete damals mit mir und ich sagte immer, wie schön ich ihr Heimatland fände.  Sie winkte stets
    ab. Sie sagte, da lebten nur Säufer und Kinderschänder. Das war schon immer so, mit der Folklore.

    [...]

    In letzter Zeit passieren immer wieder Dinge die ich zum ersten mal erlebe. ZB mit K in ein Flugzeug zu steigen, oder mit K im eigenen Auto mit eigenem Führerschein nach Brandenburg zu fahren. Das beste passierte vielleicht gestern, als sie mir zum ersten Hochzeitstag gratulierte.
    Neulich schrieb ich irgendwo, dass ich Dennis Quaid nicht mag. Schon seit langer Zeit nicht mehr. Er hat mir Ende der achtziger Jahre Meg Ryan ausgespannt. Das habe ich ihm nie verziehen. Es wird Zeit, dass ich es ihm nachsehe. (Erst recht, wenn ich deren aufgespritzten Gesichter sehe).

    [...]

    Wieder mal auf einem Punkkonzert gewesen. Gefühlt ist das etwa zwanzig Jahre her, faktisch aber höchstens drei. Vier. Fünf. Sechs. Diesesmal ist es mir dann seltsam retro vorgekommen. Total aus der Zeit gefallen. War das immer schon so? Die Attitüde ist gleich geblieben, ist aber wirkliche Attitüde geworden. Total toll allerdings, wieviele Millionen von Schrammelakkorden es geben muss, wenn man sie immer noch variieren kann.

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    Auf dem Weg zur U-Bahn trug ich dieses alte Jackett. Mein Telefon passte nicht richtig in die Brusttasche, deswegen griff ich hinein und fand eine alte Zigarette von mir. Sie war in der Mitte gebrochen, ein bisschen Tabak lag in der Tasche herum. Unfassbar, dass ich einmal geraucht habe. So lange. So viel. Als ich die Zigarette aus der Brusttasche zog, zog ich ein ganz altes und anderes ICH aus mir hervor. Da stand ich dann, auf dem Weg zur U-Bahn und hielt ein ganz altes ICH von mir in der Hand. Das war fast esomäßig.

    [...]

    Beim Anflug auf Tegel auch. Wenn dieses Berlin auftaucht. Man sieht die ganze Stadt vor sich liegen, so erfassbar, nicht in ihren Einzelteilen sondern sie als Ganze, wie sie daliegt im märkischen Sand, ich klebe an der Scheibe, wir kommen vom Westen und umkreisen sie einmal, wir sehen den Fernsehturm, sehen das Tempelhofer Feld, den Tiergarten, wir überfliegen Schönefeld, drehen eine weite Schleife über die Ostbezirke, wir kommen immer näher, immer tiefer, steigen ab. Ich habe noch keinen Soundtrack dafür gefunden, es gibt bestimmt diesen perfekten Soundtrack für eine Tegellandung, so als Vorspann zu einem Film, wo die Protagonistin zum Fenster hinausschaut und mit ihrer Off-Stimme etwas bedeutungsschweres erzählt, von einem Wiedersehen, einem Abschied, während sie hinabsinkt, dahinter die Radialen, die auf den Alex zulaufen und die Turbinen dröhnen, die Dächer der Häuser kann man schon fast anfassen, Kurt-Schumacher-Damm, Aufschlag.

    Ich sollte schnell Filmemacher werden bevor Tegel schließt. Ein paar Jährchen dürfte ich noch Zeit haben.