[...]

Vor wenigen Wochen träumte mir, ich solle bis zum Ende der Fussballsaison mein Gesicht nicht mehr rasieren. Das würde Hertha vor dem Abstieg bewahren. Bisher hat mein Bart die Mannschaft gerettet. Dass es in die Relegation gehen würde, hat mich überrascht, aber nur mein Gesichtshaar verlängert, sonst lediglich gutes bewirkt. Wenn ihr mich Morgen mit nackten Wangen seht, hat Hertha gewonnen. Oder auch verloren.

[...]

Ein Scheißtag geht so:

* Am Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad über die Rosenthaler Straße zur Arbeit. Ich fuhr auf dem Fahrradstreifen rechts am Stau vorbei, wie jeden Tag, an Autos vorbei, an LKWs vorbei, doch diesmal an einem LKW der (wie ich jetzt weiß) eine Lücke für ein Auto offen hielt, das in eine Hoteleinfahrt einbiegen wollte. Der LKW versperrte mir (man ahnt es) die Sicht auf das einbiegende Auto und er versperrte auch (man ahnt es) dem einbiegenden Auto die Sicht auf mich. Als der Fahrer des abbiegenden Autos und ich einander in die Augen starrten, begann die obligatoriche Zeitlupe, ich zog an den ungewohnt straffen Bremsen meines niegelnagelneuen Fahrrads, das sich quälend langsam überschlug, während ich mit einer akrobatischen Bewegung auf der Motorhaube aufpolterte. Ich blieb einen Augenblick an der Frontscheibe kleben und ich schaute in des Fahrers käsefarben ausgebleichtes Gesicht, wie ich selber aussah, weiß ich nicht. Ich ließ mich von der Motorhaube rutschen, tat irgendwie gekünstelt verärgert und streckte meinen Körper, um eventuelle kaputte Körperteile zu erfühlen, Wirbel und Knochen, wusste auch nicht genau, was ich checken sollte, ich habe keine Checkliste für Körperfunktionen, ich dachte an Oma, die nach dem Sturz vom Heuboden sagte, sie habe ihre Beine nicht mehr gespürt und blieb danach vierzig Jahre im Rollstuhl sitzen, aber ich spürte Zehen und Finger, es musste wohl alles gut sein und dachte dann Scheiße, muss ich jetzt die Crime Scene Investigieren? Oder Fingerabdrücke verwischen? Ich spürte die vielen Blicke der Verkehrsteilnehmer im Stau, erwarteten sie jetzt eine Eskalation? Erwarteten sie Bestandsaufnahme, Anruf der Polizei, Anwaltsdrohnungen? Ich gab dem Autofahrer schließlich zu verstehen, er solle weiterfahren, er nickte erfreut und fuhr los.

* Am Abend verlor dann Hertha gegen Düsseldorf in einem unheimlich düsseligen (ok, sorry) Fussballspiel. Wir saßen im neuen social-room der Firma, und schauten der klasse gespielten ersten Hälfte zu und sahen danach, wie Hertha sich nach dem Gegentor wieder selbst auseinandernahm, in elf kleine Brocken, die der Logik des Balles nicht mehr zu folgen imstande waren. Das, was wir die ganze Saison schon zu sehen bekamen. Ich habe sie aber noch nicht aufgegeben, am Dienstag erst entscheidet es sich, so unkonstant, wie sie dieser Jahr gespielt haben, schaffen sie bestimmt noch ein 7:0. Oder ein 0:7.

* Nach dem Spiel gingen wir auf die Straße, wir waren auf dem Weg nach hause, wir redeten von schlechtem Fussball, ich wollte die Kette von meinem Fahrrad lösen, doch es dauerte lange, bis ich verstand, warum ich so desorientiert in die Gegend schaute. Weil ich mein niegelnagelneues Fahrrad nämlich nicht mehr sah. Das war sehr ärgerlich. Allerdings nicht unironisch, wenn ich bedenke, dass das mein erstes richtig Neues und Gekauftes Fahrrad war.

Aber eigentlich war es gar kein Scheißtag.

[...]

Ich hatte nicht vor, viel zu reden, doch nach vier gewechselten Sätzen hatte uns der Taxifahrer das Thema Hertha BSC übergeholfen, woraufhin er mir seinen verzweifelten Seelenzustand offenlegte, wie er nachts nicht mehr schlafen könne, wie diese Mannschaft seine Wochenenden ruiniere, sein Leben ruiniere, wie die Arbeitskollegen ihn am Montag immer auslachen, wie man noch einen Spielverzögerer namens Ottl in der Mannschaft aufstellen könne, wie man diese Abwehr überhaupt noch Abwehr nennen könne, wie sie sich erlaubten, für ein unverschämtes hohes Spielergehalt, Menschen das Leben zu versauen.

Am Anfang versuchte ich zu relativieren, ich merkte aber schnell, besser in das vorbeiziehende Brandenburg hinauszuschauen.
Die Saison geht dem Showdown entgegen.

[fuba]

Okay, Fußball, irgendwann muss ich das Fass wohl aufmachen. Lisa und ihre Kleeblätter steigen in die erste Liga auf und bei dieser Gelegenheit hat sie ein Stöckchen geschnitzt. Ich bin dabei.

1) Erzähl mal – welcher Verein und warum?

Neben einer ziemlich rationalen Begeisterung für eine handvoll Clubs, ist die Beziehung zwischen Fußball und mir vor allem ein ständiges Abwiegen von Dos und Don’ts, weswegen ich in den Neunzigern auch nichts mit Fußball am Hut hatte, haben wollte. Ich empfand den Fußball zu jener Zeit als eine Anhäufung von unsympathischen Männern mit Schnurrbart und Dauerwellfrisuren, die Testosteronfußball spielten und von einer Masse rechtsradikaler Gewalttäter in den Stadien angeheizt wurden. Das war die Wahrnehmung und zu einem gewissen Teil entsprach es wohl auch der Wahrheit. Anfang der Neunziger stand ich auf einer Autobahnraststätte zwischen Firenze und Rom und hielt ein Pappschild mit der Aufschrift Roma in der Hand, in der Hoffnung, dass mich jemand mitnehmen würde. Es hielt ein Auto mit vier glatzköpfigen Kerlen, die mir das Gesicht und den Rücken blau schlugen, mit der Warnung, mich nicht in Rom blicken zu lassen, da man Abschaum wie mich dort aufhängen würde. Ich hatte grüne Haare und sie trugen Trikots eines römischen Clubs, das war wohl die Symbolik klar gekennzeichneter Fronten. Ich hatte eigentlich nichts gegen Fußball, aber der Fußball schien etwas gegen mich zu haben. Oder zumindest dessen Knechte. Und ich etwas egen die.

In meiner Kindheit war ich ein begeisterter Balltreter. Jeden Nachmittag spielten wir auf dem Bolzplatz. Als Achtjähriger schoss ich in der Dorfmannschaft (auf dem großen Fußballplatz) ein Tor aus dem Mittelfeld. Ich hielt zu Inter Milan (ich bin ja in Italien aufgewachsen), mein bester Freund hielt zu Juve. Inter hatte damals dieses Maskottchen, das so etwas wie einen kleinen Drachen in blau-schwarz darstellte. Mir gefiel das gut. Juve war zwar erfolgreicher, sie hatten aber diese schwarzweißen Trikots, denen konnte ich nichts abgewinnen. Zeitweise hatte ich ein Faible für den ACF Fiorentina, da mich der Spieler Carrasco unheimlich beeindruckte. Ich hielt auch eine Zeitlang zu Sampdoria Genova, jedoch weiß ich nicht mehr, warum. Später kehrte ich wieder zu Inter zurück. Ich bin wohl unstet.
Danach begann ich Punkrock zu hören und fand körperliche Betätigung ziemlich affig und Leute die körperlicher Betätigung zuschauen noch viel affiger. Und sowieso war alles affig, was mit Menschenmengen zu tun hatte, und überhaupt: alles faschistoid.

Ab 2002 begann ich wieder Länderspiele zu schauen. Die WM, dann die EM, dann die WM in Deutschland. 2006 wohnte ich in Deutschland. Da hat Fußball richtig reingehauen. Boink.
Letztendlich hat mich jedoch der FC St.Pauli mit dem Fußball versöhnt. Das mag daran liegen, dass ich 500 Meter vom Stadion entfernt wohnte, aber es war wohl hauptsächlich die Fankultur, in der es möglich schien auch ohne Aggressionspotential Fußballbegeistert zu sein. Bei Länderspielen war das schon der Fall, doch im Clubfußball traf es auch auf Pauli zu. Zudem hatte sich St.Pauli offensiv gegen rechte Strukturen gerichtet, das reichte mir aus, um meiner Neugierde nachzugeben und ins Stadion zu gehen. Beim ersten mal am Millerntor war ich über die soziale Zusammenstellung verblüfft. Es gab zum Beispiel: Frauen. Ganz normale, unaufgeregte Frauen. Auch ganz normale Männer. Sie tranken Cola oder Bier. Sie jubelten wenn ein Tor fiel und jubelten nicht, wenn keines fiel. So einfach war das. Da ging ich öfter hin und als St.Pauli von der damaligen Regionalliga in die zweite Liga aufstieg, stand ich zusammen mit tausenden Leuten auf der Reeperbahn und feierte den Aufstieg. So weit war es gekommen.

Mit dem Umzug nach Berlin verlor ich den Club ein bisschen aus den Augen. Ich informierte mich aber wöchentlich über den Tabellenstand und drückte für einen Aufstieg in die erste Liga die Daumen, das hätte mich sehr gefreut. Aus der Ferne merkt man allerdings auch, wie sehr (ohje und nun schlagt mich bitte nicht!) St.Pauli ein Szeneclub ist, der sich als Underdog, charmant aber schamlos aus der Symbolik und der Haltung der Szene bedient und diese nährt. Es ist okay, es ist nett, aber uff, Szene finde ich mittlerweile sehr anstrengend.
Als St.Pauli in die erste Liga aufstieg, freute ich mich, gleichzeitig machte aber die etwas behäbige und unsexy Hertha aus Berlin dramatische Schlagzeilen und stieg mit lautem Getöse in die zweite Liga ab.
Es mag durchaus ein wenig Lokalverbundenheit sein, dass ich dem Leid der der Hertha nachging, ich interessierte mich immer schon sehr für das lokale Geschehen. Ein weit entfernter Club wie Werder Bremen hat mich aufgrund der Entfernung schlicht nie erwärmt. Ich mag die Themen, die der lokale Pöbel kennt. Ich mag diese halbe Stunde am Samstagnachmittag, wenn sich am Alex fast unbemerkt der Farbanteil von blauweiß im Stadtbild verzehnfacht und in Richtung Olypiastadion wieder abebbt. Oder ich mag es, wenn in der S-Bahn fünf Kindern auf dem Weg ins Stadion sitzen und im Hertha Trikot über Fußball fachsimpeln wie Erwachsene. Oder noch besser: wenn das ältere Ehepaar mit Herthaschals nach dem verloreren Spiel geknickt in der U-Bahn sitzt und ein junger Asiate in gebrochenem Deutsch sich aufgeregt danebensetzt und sagt: oh nein, ich habe gehört, schon wieder verloren und Niemeyer rote Karte. Ja, sowas gefällt mir.
Andererseits mag ich auch dieses Mainstream-Bescheidwissen, auch wenn das mit dem Club an sich nichts zu tun hat, aber ich war neulich mit einer Künstlerin verabredet, wir kannten einander noch nicht, ich rief sie an und bat um Verschiebung der Verabredung. Ich wolle mir das Hertha-Spiel ansehen, es war auf den Abend angesetzt, ich hatte falsch geplant. Mit ihrer Antwort kam ein lautes Lachen: es sei kein Problem, sie wünsche mir aber viel Spaß beim Verlieren. Keine coole Person interessiert sich ernsthaft für Hertha, aber alle wissen Bescheid.

(Nebengedanke über Coolness: ein cooler Club wie FC St.Pauli ist wiederum so Underdog, dass er ja wieder kein Underdog ist, sondern unter coolen Leuten ja schon totaler Mainstream. Andererseits ist Pauli vielleicht sogar schon wieder so cool, dass er wieder uncool ist. Vielleicht bin ich, mit meinen Gefühlen für Hertha ja wieder so uncool, dass ich wieder total cool bin. Andererseits freue ich mich ja immer noch über die Siege von St.Pauli, vielleicht färbt die Coolness ja auf mich ab.)

Als Hertha vor zwei Jahren jedenfalls in die zweite Liga abstieg, berührte mich die Berichterstattung dermaßen, dass ich mich eine ganze Nacht lang mit der Geschichte des Abstieges befasste. Hertha ist ein psychologischer Scherbenhaufen an dem sich Großmachtsphantasten versucht haben, der als Projektionsfläche für ein taumelndes berliner Selbstbild herhalten muss, ein Club, der zu Mauerzeiten aber immer der Proletenclub aus dem Wedding gewesen ist. In der zweiten Liga schien Hertha irgendwie zu sich selbst gefunden zu haben, ich folgte fast jedem Spiel und fieberte gegen Ende der Saison dem Aufstieg entgegen. Zurück in der ersten Liga kam ich dann nicht mehr davon los. Was in dieser Saison bei Hertha aber alles daneben gegangen ist, will ich hier gar nicht mehr kommentieren.
Letztlich ist die Wahl eines Fußballclubs eine Frage der Sozialisierung, und der Frage, ob man die Trikotfarbe mag, es ist eine Frage wie: wo ziehe ich hin, nach Kreuzberg, nach Mitte, in den Wedding, nach Moabit auf den Prenzlauer Berg?
Ich bin dann mal für Hertha.

2) 2) Was ist deine verhaßteste Schweinephrase?
Da der Hertha in meinem sozialen Umfeld nicht viele Sympathien zugetragen werden, musste ich mir oft anhören, dass ich Hertha nur wegen des Sieger-Fußballs möge. Erste Liga und so. Das hat sich bei der Häufung von Niederlagen allerdings wieder gelegt. Mittlerweile gibt es so etwas wie Mitleid, da mich die vielen Niederlagen sehr mitnehmen.

3) 3) Was war dein bisher unangenehmster “Feindkontakt”?
In der berliner U-Bahn. Eine Freundin aus Hamburg war zu Besuch. Sie ist St.Pauli-Fan. Der Wagen war voll mit betrunkenen Fußballfans. Sie sangen: Deutsche! Wehrt euch! Geht nicht zu St.Pauli!
Das brachte sie in Rage und sie fing an, ein paar dutzend Männer anzubrüllen, sie seien rechtsradikale Ärsche, sie sollen sich gefälligst schämen. Ich stand ihr beiseite, schaute in dreißig finstere Gesichter und wurde käsebleich. Ich hatte Angst um mein Leben. Sie war nicht zu bremsen, sie schimpfte aber dermaßen konsequent und atemlos, dass die Jungs weich wurden und bald sogar begannen, sich zu entschuldigen, das sei ja gar nicht so gemeint, sie seien ja keine Rechtsradikale, bloß Fußballfans etc. Es dauerte lange, bis die Farbe in mein Gesicht zurückkam.

4) Lustigste Fußballanekdote
Lustig ist es nicht, aber im Millerntor fallen tatsächlich immer Tore für die gegnerische Mannschaft, wenn ich Bier hole. Deshalb durfte ich nie mehr Bier holen.

5) Was ist für dich die Faszination am Fußball?
Mich fasziniert ziemlich vieles. Pferde, Lesen, Freunde, Hobbies, Hobbits. Jedem seinen Teilbereich meiner Bedürfnisse. Fußball befriedigt mein Bedürfnis, ein Team von elf Leuten beim Erfüllen von Erwartungen zuzusehen. Über einen längeren Zeitraum hinweg die Entwicklung von einzelnen Charakteren zu verfolgen. Es ist nicht viel anders als eine Serie zu schauen, nur ist der Plot ein wenig unkontrollierter, entfesselter. Zudem mag ich die eigenartig lustlose Körperhaltung von Raffael, wenn er über einen längeren Zeitraum keinen Ball bekommt.

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Das Stöckchen möchte ich an Stefan weiterreichen, der sich gerade mit dem FC aus Köln plagt, jener Club, der ab jetzt verlieren müsste, damit Hertha sich vor dem Abstieg retten kann.

[spandov]

Als wir letzten Montag spontan einen Ausflug machen wollten, fanden wir uns wenig später in Spandau an der Zitadelle wieder. K wollte da immer schon mal hin und ich auch, dieses Spandau, das ist dieser Ort am Ende der S-Bahn, hinter der Havel, es hat eine eigene Alstadt und die Zitadelle, es lag immer auf meinem Bildschirm der Orte, zu denen man einmal hin muss, entweder wenn man nichts besseres vor hat, oder wenn die Tage trübe sind. Wir stiegen am Bahnhof Zitadelle aus und liefen den Menschen nach, sie schienen uns ein sicheres Indiz für diese Burg, da es sonst am Bahnhof nichts viel gab neben Verkaufshäuser für Autos und Möbel. Wir erreichten die Zugbrücke, sahen verkleidete Ritter, Prinzessinnen, Knechte, Musikanten, viele Kinder, es fand ein Fest im Inneren statt, vor dem Eingang staute sich eine Schlange beim Kartenverkauf. Wir standen eine Weile auf der Brücke, schauten den Menschen zu, wogen ab, ob wir nicht besser ein andermal zurückkämen, wenn nicht so viel Trubel herrsche (seit wann weichen wir dem Trubel aus?), schlenderten dann einfach weiter nach Spandau hinein, man sieht das, was sich als Spandau ankündigt ja schon von weitem, wenn man diesen Damm hinunterläuft und über die Havel schaut, es hat etwas von einer kleinen Festungsstadt, immer noch, auch wenn es jetzt praktisch Berlin geworden ist. Hinter der Brücke über die Havel folgten wir den Schildern “Stadtmauer” und “Kolk”, gelangten dabei in eine bruchstückhaft romantische Gasse mit Fachwerkhäusern, die wir unmittelbar mit Hexenhäusern assoziierten. Dann überquerten wir wieder den Damm um in den größeren Teil der Altstadt zu kommen, spazierten durch die Gassen und setzten uns in ein Restaurant mit dem Namen “satt und selig” in dem wir eine Cola (ich) und einen Weißwein (K) tranken. Danach entschieden wir uns, ins Olympiastadion zu fahren, ich sagte, das sei ein ziemlich tolles Gebäude, man könne das richtig besichtigen wie ein Museum. Es kostete sieben Euro pro Person, die ich zuerst nicht zahlen wollte, das kam mir so blöd vor, ich wollte eigentlich nur K zeigen, was für eine beeindruckende Sogwirkung das Stadion hat, wenn man es von der Ostseite betritt und sich dieser rieseige ovale Raum unter einem öffnet. Dafür sieben Euro zu zahlen fand ich übertrieben, vor fünf Jahren war das umsonst. K überredete mich, es doch zu tun, danach blieben wir fast drei Stunden, liefen durch die leeren Ränge, spazierten über das Maifeld, schauten uns die Ausstellung an, sahen einen Dokumentarfilm und fuhren am Ende sogar mit dem Aufzug in den Glockenturm hoch und blickten über ganz Berlin hinaus. Wir überlegten, Karten für das Herthaspiel am Tag darauf zu kaufen, wir setzten uns zur Probe in die Stühle, es war dann aber doch zu kalt und Hertha würde ohnehin verlieren, so kollektiv mit zehntausenden Leuten zu verlieren, ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll, ich verliere lieber alleine vorm Bildschirm. Sage ich jetzt so.

[...]

Bei Ikea in Tempelhof lief ich beinahe Raffael, dem Mittelfeldstar von Hertha BSC in die Arme. Ich kam von der Warenabholung zurück und wollte zu K sagen, alles sei geklärt, dann sah ich Raffael neben ihr stehen, er hatte ein Billy-Regal auf seinem Einkaufswagen und telefonierte, schaute zu Boden, schaute zu mir her und wie ich so auf ihn zuging, wollte ich meine Arme heben und ihm Mut zusprechen, so wie ich es eigentlich immer mache, wenn ich ihn auf dem Rasen sehe, ich wollte rufen: ich glaube noch an euch. Da ich mich im Griff habe, unterließ ich es, schüttelte meine euphorische Blüte ab und wandte mich K zu, der ich flüsterte, psst, da hinter mir, das ist Raffael, worauf sie sagte, achso, sie hätten einander gerade ein bisschen gelangweilt angeschaut. Ich war entsetzt, Mensch, Du kannst Raffael doch nicht einfach gelangweilt ansehen und sie sagte: er hat angefangen.

[bumm]

Bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm bumm

Herzklopfen kommt ja immer eher martialisch daher, wie ein kriegerisches Trommeln, weniger wie ein schicksalshaftes Anklopfen an der Tür, mehr wie ein Poltern, bumm bumm bumm (periodisch)

[mo, 26. mär]

“Beruhigend hässlich hier” – Alexanderplatz.

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Soap&Skin – Voyage Voyage. Beim Konzert Anfang Februar habe ich ihr nur verübelt, dass sie Cry Wolf nicht gespielt hat und auch nicht das neue Boat turns toward the port. Sonst verübele ich ihr nichts mehr. Mittlerweile ist es umgeschlagen in Angst, ich habe nur noch Angst, sie könne ihre Musik in fünf oder zehn Jahren peinlich finden und ich wäre um unerträgliche Musik gebracht, die mich tagein tagaus mit Brutalität niederknüppelt, ich weiß nicht, warum ich mir das antue, aber ich höre das jeden Tag, am Morgen beim Putzen der Zähne, um mich einzustimmen auf den Tag.

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So.

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Noch ein Nachgedanke zu Soap&Skin, den ich im obigen Absatz aus melodischen Gründen nicht unterschieben wollte. Es geht um die Beobachtung, dass ihr Publikum im Durchschnitt doppelt so alt ist wie sie selbst. Als wir damals (TM) zu den Bands gingen, waren wir nicht immer unter uns? Waren die Vierzigjährigen dann nicht bei den Stones? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Suspekt finden soll, ähnlich wie bei Helene Hegemann, die den größten Zuspruch ja auch von den Ü40-ern bekam, oder ob sie sozusagen als eine Art Heintje für unsere Generation funktioniert. Ich habe keine Antwort darauf, ich finde es lediglich suspekt.

[di, 20. mär]

Das erste mal bei Tageslicht aus dem Büro gekommen. Ich hatte das Gefühl, mich davonzuschleichen, als würde ich heimlich shoppen gehen, Hosen kaufen oder was weiß ich. Zuhause habe ich dann online einen neuen Ebook Reader gekauft.

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Kulturkritik: noch nie wurde eine Frau auf dem Fahrrad schöner inszeniert als Nina Hoss in Petzolds neuem Film Barbara. Sie wirkt dabei immer ein bisschen entrückt, als würde sie ihr Fahrrad spazierenbringen. Dann die Aufnahmen, wie sie im Wind über den Deich fährt, vermutlich musste sie an jenem windigen Nachmittag hundert Mal über den Deich fahren, bis Petzold alle Einstellungen im Kasten hatte, mit denen er später den Film bespicken wird. Nachher bekam sogar K Lust, den Platten ihres Fahrrads zu reparieren.

[do, 15. Mär]

An Maximilians neuem Buch, für das ich am Samstag endlich ausgiebig Zeit gefunden habe, freut mich vor allem diese neue alte Sinnlichkeit, die mir im vorigen Buch ein wenig gefehlt hat, die Texte sind wieder athmosphärischer, weniger witzig, weniger pointiert, viel mehr auf die Kulisse hin, auf die Figuren hin, die Neugierde der Erzählfigur, das sind die Stärken. Schweinsteiger würde sagen: “Wir müssen die Räume aufkriegen”, aber ich sage: “Es haben sich Räume aufgetan”. Bitte weiter so (ich bin dabei).

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Überhaupt: wieder viele Bücher von Bloggern in letzter Zeit, Pia Ziefles Suna oder Volker Ludewigs Ashby House.

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Ich muss mich noch für Samstag entscheiden. Entweder mit Freunden essen gehen, oder Hertha gegen Bayern schauen und deprimiert werden.

[mi, 7. Mär]

Vorhin bei Franziska Gerstenbergs Buchpremiere auf diese neuartige popkulturelle Referenz gestoßen. Gleich im ersten Absatz. Ein Paar mit offensichtlich sexuellen Absichten trifft sich, die Frau stellt ihre Handtasche ab und sagt: Warum liegt hier überhaupt Stroh rum? Das Paar lacht über den Witz.
Wer bei diesem Satz an dieses Filmchen gedacht hat, konnte bei der Lesung mitlachen. Das waren etwa 10 Prozent. Wann kursierte der Filmausschnitt im Netz? Vor drei oder vier Jahren? Sind es schon fünf? Die Bedeutung dieser Referenz und wie sie popkulturell neben Beatles-Zitaten oder Plattencover-Beschreibungen einzuordnen ist, diese Zuordnung auf einen bestimmten, flüchtigen Zeitabschnitt, Internethits gehen doch in wenigen, kurzen Wellen durch das Netz, gehn sie nicht? Was, wenn man diese Welle verpasst (was offenbar den meisten passiert ist, zu alt vielleicht, zu jung, vielleicht das Internet ausgeschaltet gehabt?), was ist mit denen, die erst ein Jahr später geboren wurden, stoßen die noch auf so ein Filmchen? Wird das wiederbelebt? Gibt es vielleicht eine neue Welle? Was, wenn das Buch ein Klassiker wird, wie liest man diese Referenz?

Weiß nicht. Hat mich ungemein beeindruckt. Hätte ich stundenlang darüber nachdenken können (im Kreis).

[di, 6. Mär]

Das war natürlich eine schlechte Idee, mit dem Tagebuchschreiben genau dann zu beginnen, wenn man so viel Besuch und so viele Termine hat.

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Erster März: endlich gibt es das Handyticket der BVG auch für O2-Kunden. Ich habe habe lange auf diesen Tag gewartet und mich natürlich sofort als Kunde angemeldet, die App auf mein Handy geladen und losgelegt. Das ewige Kleingeldkramen ist vorbei. Die Funktionsweise ist denkbar einfach: beim Einsteigen lasse ich mich vom Handy orten, dann fahre ich die Strecke, und lasse mich beim Aussteigen erneut orten. Wenn unterwegs ein schaffner kommt, drücke ich in der App auf “Kontrolle” und zeige dem Schaffner den entsprechend aufscheinenden Strichcode. Am Ende der Fahrt sehe ich, wieviel es mich gekostet hat. Auf dem Weg zur Ubahn muss ich ein Telefongespräch unterbrechen um mich orten zu lassen, dann erkennt einwandfrei U-Moritzplatz und die Busstation Prinzessinnstraße, da es aber auch eine App der Deutschen Bahn ist, muss ich die Fahrklasse bestätigen. Ich stehe aufgeregt in der Ubahn und kann es kaum erwarten, kontrolliert zu werden.

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Mittwochabend saß ich mit den beiden Ex-Chefs im Felix Austria bei Zipfer-Bier und dem besten Schnitzel meines Lebens. Es war so fein, dass es auf der Zunge zu schmelzen schien.

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Am Donnerstag kamen Pino und Doris aus Wien mit ihrem dreijährigen Sohn zu Besuch. Am Abend kochten sie uns einen Risotto und wir öffneten Wein. Danach saßen wir noch lange.

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Freitag. Am Nachmittag Vita zum Mittagessen getroffen. Sie ist nicht mehr so oft in Berlin, was schade ist.

Am Abend musste ich zum Kickerturnier in der Pappelallee antreten. Das erste Berliner Startup Turnier. Mein Kollege K und ich vertraten die Firma, er im Tor, ich im Sturm. Nach anfänglicher Aufgregung merkten wir bald, dass wir gar nicht so schlecht spielten, wir erreichten locker das Achtelfinale, gewannen dann Spiel um Spiel und unterlagen erst im Finale einem kreuzberger Startup-Unternehmen 6:5 (zweimal). Mit einem zweiten Platz hatten wir nicht gerechnet, unser Ziel war es lediglich eine gewisse Firma (die ich aus Gründen hier nicht nennen sollte) aus dem Rennen zu schießen, was wir sozusagen mit links (6:2) erledigten (Chef jubelte).

Nach der Preisverleihung gingen wir ins Cafe Liebling am Helmholtzplatz und tranken auf den guten Turnierverlauf. Als das Café leergetrunken war (okay, es gab noch Vorräte), spazierten Pino und ich nach hause, wir liefen über die Kastanienallee, wir hatten uns viel zu erzählen also kehrten wir noch am Zionskirchplatz auf ein Bier und einen Whisky ein, bis man uns dort die Rechnung vorlegte.

In der Nacht träumte mir, dass ich das zweite Startup Kickerturnier organisierte. Ich musste mich dem durchaus berechtigten Vorwurf aussetzen, dass es sich bei Firmen wie Immobilienscout (die mit einem 8-köpfigen Team anraten) schon seit etwa 10 Jahren nicht mehr um ein Startup handelte. Dieser Vorwurf wiederholte sich ungefähr fünfzig mal.

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Der Samstag begann spät und der Kopf brummte. Doris war in der Stadt unterwegs, K war in Frankfurt (M), Pino und ich gingen mit dem Kleinen spazieren. Mitte und Prenzlauer Berg ist voll mit Kinderspielplätzen. Das war mir nicht bewusst. Ich wohne unweit vom Arkonaplatz, ich laufe dort ständig vorbei, aber den riesigen Spielplatz, der sich förmlich aufdrängt (die Riesenrutschbahn wirkt wie eine architektonische Dominante am Platz), habe ich nie bemerkt. Es ist beachtlich, wie sich Dinge, die man nicht braucht, ausblenden lassen. Wenn ich jetzt von der Anklamer auf den Arkonaplatz einbiege, dann sehe ich nur noch Spielplatz.

Am Nachmittag gingen wir zum Wirtshaus Mitterhofer. Wir standen vor einer geschlossenen Tür. Deshalb rief ich die Tischreservierungsnummer an. Der Wirt (ein alter Freund) nahm ab und sagte, er habe wegen des Fußballspiels (Hertha gegen Werder im Olympiastadion) geschlossen. Der Wirt ist Werder-Fan, ich sagte, dann hoffen wir mal, dass Hertha gewinnt, was er nicht ganz so lustig fand (ich auch nicht).
Um 15:30 war ich wieder zuhause, weil das Spiel begann. Hertha spielte nicht gut, gewann aber das erste mal seit Oktober.
Später kamen Doris und Pino nach (die nach dem Mittagessen eine Freundin besuchten), auch K kam aus Frankfurt zurück und so saßen wir alle auf dem Sofa und schauten die Sportschau.

[di, 28. Feb]

Mir Ruhe verschrieben.
Maximilians neues Buch in der Post vorgefunden.
Eine Luftmatratze aufgeblasen.
Zwei Seiten gestrichen.

[so, 26. Feb]

Am Freitagabend trafen wir uns im Cafe Jacques am Maybachufer. C feierte ihre Promotion (deswegen war sie in Berlin, ihre Alma Mater). Ihre Familie aus Österreich war zugegen und die liebsten Freunde. Auf dem Weg ins Cafe Jacques ereilte mich die Nachicht, dass die ganze Gesellschaft noch in Steglitz festsäße, ich aber schonmal vorausgehen sollte um den Tisch besetzt zu halten. Das bereitete mir wenig Freude, die Aussicht eine halbe Stunde lang alleine an einem Tisch für achtzehn Personen zu sitzen, würde ein trostloses Bild abgeben. F und R saßen aber schon da, das freute mich, aber doch war ich ein wenig verwundert, die beiden würden am nächsten Tag heiraten, ich hatte aus diesem Grund nicht mehr mit ihnen gerechnet. Mit den beiden sollte die halbe Stunde schnell vorübergehen.
Danach trudelte der Rest ein. Wir aßen und tranken, es wurden Reden gehalten, es wurde viel gelacht, mit dem Voranschreiten des Abends wurden die Reden immer wackeliger, aber auch lustiger, die Hemmungen fielen ein bisschen, der Brandy half kräftig mit. Am Ende, als wir das Lokal verließen, begann ein Teil unserer Gruppe vor dem Tresen Paartanz zu tanzen.
Danach gingen die jungen Leute noch in die Oranienstraße in den Cake Club, die älteren Leute ins Hotel.

Am nächsten Tag brauchte ich lange, um mich zu sortieren. K ging es ähnlich. C war schon wieder unterwegs um ihre Familie durch Berlin zu führen. Am Nachmittag suchte ich meine Tasche, da ich Franz Hessel lesen wollte, doch ich fand sie nicht und dann kamen die verschwommenen Bilder vom letzten Abend hoch, der Jackenhaufen in der Sitzecke des Cake Club, die Taxifahrten, aber keine Erinnerung mehr an die Tasche. Tasche also verloren, mein Notizbuch weg, meine Bankkarten, Kreditkarte, Führerschein, Reisepass, Ebook Reader, Buch, nur das Handy war noch da. Anruf bei Jacques: nichts. Anruf im Cake: nimmt niemand ab. Taxi: wobitte.
Danach verlor auch noch Hertha 3:0 in Augsburg.
Um Sechs Uhr machten wir uns auf den Weg nach Charlottenburg zur Hochzeitsfeier von F und R. Wir brauchten mit dem Taxi eine knappe Stunde, zwei Demos legten die ganze Stadt lahm. Das frischvermählte Paar hatte ihr Lieblingsrestaurant angemietet, siebzig Leute waren zu Gast, wir wurden an den Tisch mit einem Franzosen und einem Ehepaar mit Kind gesetzt. Die Konversation verlief schleppend an, was aber vermultich an meinem verbeulten Zustand liegen musste (dabei sah ich in diesem neuen Anzug so verdammt schick aus), dass ich wenig Output zu geben vermochte. Ich blieb auch vorsichtig, trank nur kleine Biere und viel Wasser dazwischen, aber auch viele kleine Biere machen Mist und irgendwann kamen die Ouzos (wir befanden uns in einem griechischen Restaurant), und schließlich erreichte ich jemanden unter der Telefonnummer des Cake Clubs, der mir bestätigte, dass meine Tasche gefunden wurde, es war alles noch drin, bis auf den Ebook Reader (natürlich), das erhellte meine Laune erheblich und als dann die Tanzfläche eröffnet wurde, ging alles von selbst.














[do, 23. Feb]

Nach der Arbeit bin ich mit K in den Westen gefahren um mich mit neuer Kleidung einzudecken, am Samstag werden F und R nämlich heiraten und alle meine guten Kleider sind verlottert. Das rührt daher, dass ich nahezu nie Kleider trage, die man unter der Bezeichnung casual führt, da ich selten zwischen Anlässen unterscheiden mag, weder bei einem beruflichen Kundentermin, noch in einer verrauchten Spelunke, ich fühle mich immer gleich, ich stelle immer das gleiche dar. Aus diesem Grund verbrauchen sich meine Kleider ungemein schnell und wenn ich nicht darauf achte (mache ich nie), verlottern meine Kleidern zusehends, sozusagen am lebendigen Leibe. Eine Hochzeit ist einer guter Anlass, sich des Verlotterns wieder bewusst zu werden, daher sind wir in den Westen gefahren und ich habe mir eine Erfrischung verpasst. So ist das.

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Später kam C. Bei uns zu Besuch in Berlin. Wir haben Pasta gegessen. Vorher haben wir den Prosecco aufgemacht und währende des Kochens bin ich eine zweite Flasche aus dem Spätkauf holen gegangen und als die dann fertig war, habe ich mich erneut in den Spätkauf begeben und weil ich mir vorgenommen habe, nach einem gewissen emotionalen Pegel nicht mehr zu lesen, äh schreiben, schreibe ich jetzt nicht mehr.

[mi, 22. Feb]

Heute den ganzen Tag Zahlen hin und her geschoben. Um mich nach der Arbeit zu belohnen, bin ich zum Zahnarzt gegangen und habe an mir rumdoktern lassen.

# 20:45 Üblicherweise fällt es mir nicht schwer, den FC Bayern verlieren zu sehen, allerdings gab es Phasen, zB letzten Herbst gegen den SSC Napoli, als die Bayern in der ersten Hälfte eine Art kosmische Einheit mit dem Ball eingegangen zu sein schienen, diese spielerische Leichtigkeit, mit der die Mannschaft ganze Galaxien zu übernehmen bereit war; das war eine sehr beeindruckende Vorstellung von etwas, das mit Ballsport vermutlich nicht mehr viel zu tun hat.
Doch seit Anke Gröner ständig über die Bayern bloggt, schaffe ich es nicht mehr, den Bayern ungeniert freudig beim Verlieren zuzusehen. Es wurde ein Keim gesäht. Verlierende Bayern produzieren nun eine leichte Kollateralfreudlosigkeit, die zu ertragen merkwürdig ist. Freude/Scheiße. Das kann man ärgerlich finden, andererseits ist es nicht sehr schlimm. Ich mache jetzt: Freude/Scheiße/Egal.
Letzte Woche war ich beim Friseur und habe mir Extreme Thickening Glue für das Haar gekauft. Als ich die Tube in der Hand hielt dachte ich: Mario Gomez. Ich hatte es zuvor öfter beobachtet, aber mich nie darüber gewundert, warum Marios Haar neunzig Minuten lang aussieht wie das Haar einer griechischen Statue aus schwarzem Marmor. Aber jetzt weiss ich: Extreme Thickening Glue.

[di, 21. Feb]

Zugegeben: könnte man den Ebook-Reader nicht so cool aus der Jackeninnentasche ziehen (oder ihn betont gelangweilt wieder zurückstecken), würde man, würde man, würde man.
Die Naserümpfenden Blicke in der Ubahn gibt es übrigens nicht mehr, die neugierigen Blicke von links und rechts auf das Display werden weniger. Ein neuer Trend scheinen die kleineren Tablets zu sein, aber Ipads natürlich weiterhin. (Chronistenpflicht.)
Andererseits hängt es natürlich davon ab, durch welchen Stadtteil die Ubahn tuckert, allerdings ändern sich nicht die Geräte, sondern die Inhalte, die auf den Geräten angezeigt werden. Der Mann, der in den Wedding fuhr, spielte auf seinem Ipad Poker. (Ich las Sport auf den Bildschirmen der BVG).

# eine Seite

[mo, 20. Feb]

Nachdem ich im Büro den ganzen Tag Rechnungen und Verträgen hinterher gelaufen bin, traf ich mich am Abend mit A im Haus am See am Rosenthaler Platz. Ich hatte ein Geschenk für sie aus Lissabon dabei und bisher noch keine Gelegenheit gefunden, es ihr zu überreichen. A trinkt nämlich keinen Alkohol. Manchmal ist das wie ein Geschenk, weil es mich davon abhält zu trinken, wenn wir Abends weggehen, meist ist es aber ungünstig, weil ich üblicherweise trotzdem trinke und ich mich irgendwann zum Affen mache, während sie mit Klarheit im Kopf die Gesprächsfäden festhält. Im Dezember sagte sie mir, sie hätte jetzt den Alkohol für sich entdeckt, sie hätte Portwein probiert und das schmecke ihr gut. Das verzückte mich wiederum, weil es sich anfühlte, als bekäme ich eine neue Freundin im Geiste (ich übertreibe natürlich, das war ja vorher schon so). In Lissabon angekommen, drängte sich das Geschenk nahezu auf. Ich entschied mich für eine kleine Geschenkbox mit einem halben Dutzend kleiner Portwein-Flaschen, vermutlich ist es in der – ich nenne es jetzt mal: – Entdeckungsphase spannender, wenn man sich an einem breiteren Sortiment bedienen kann, als an einer einzelnen großen Flasche. A wiederum hatte auch ein Geschenk für mich dabei, wegen meines Geburtstages letzten Monat. Sie überreichte mir ein Buch von Franz Hessel mit dem Titel “Spazieren in Berlin”, möglicherweise eine Referenz an meine Spazierlust und meine manchmal etwas komplizierten Routen und vermutlich anstrengenden Erklärungen zum städtischen Kontext. Das Buch wird mit einem Vorwort von seinem Sohn Stephane eingeleitet, ja genau, _der_ Stephane Hessel, was mir als kuturell-historischer Zusammenhang ungemein gefiel, ohne es genau erläutern zu können warum. Vielleicht so: wie der Vater im preußischen Stettin geboren wurde, das heute wiederum Polen ist, nach Frankreich auswandert und in den Zwanzigern nach Berlin zurückkehrt, um ein paar Jahre später vor den Nazis zurück nach Frankreich zu flüchten (und dort dann ’41 stirbt). Davor hat er einen Sohn gezeugt, der später in die Résistance geht und als beinahe Hundertjähriger ein Pamphlet schreibt, von das ich über Facebook wahrnehme.
Ich kannte Franz Hessel vorher nicht.

# Zuhause angekommen rief mich mein Vater an; ein sehr ungewöhnliches Vorkommnis. Ein bisschen überrascht, aber auch neugierig (komischerweise nicht besorgt) nahm ich ab, dann plauderten wir etwa fünfzehn Minuten locker über dies und das.

# Das Thema Bundespräsident geht ziemlich an mir vorbei. Seit ich mir in den Kopf gesetzt habe, dass das Amt des Bundespräsidenten überflüssig ist, bin ich nicht mehr imstande, Interesse für das Thema aufzubringen. Als wäre es verschwendete Energie.

# westberlin.tumblr.com

[so, 19. Feb]

Ich putzte gerade die Zähne, als mich die Lust ereilte, wieder Tagebuch zu schreiben, hier, im Blog, die Tage dokumentiert, vielleicht wieder einen ganzen Monat, vielleicht nur ein paar Tage.

# Ziemlich spät aufgestanden (09:15) und mich mit einem großen Milchkaffee an die Nachrichten gesetzt. Vor allem die Stimmen von gestern weitervefolgt, über Rehhagels einstieg bei Hertha, was schon ein ziemlicher Kracher war. Ich kann mich der Faszination für Rehhagel in seiner Rolle als gutgelaunter, autokratischer Feuerwehrmann nicht entziehen. Wenn man Hertha retten will, dann sicherlich nur indem man sagt: ab morgen hören alle auf mein Kommando.

# Mit K die Tagesplanung verhandelt, sie würde arbeiten, also würde ich am Nachmittag schreiben. Ich kam dann wenig dazu und las stattdessen Mandels Büro von Berni Mayer, was bei mir allerdings die ärgerliche Nebenwirkung auslöst, keine Zeile mehr schreiben zu können, da es zu sehr auf meine Sprache abfärbt. Was beim Berni gut klingt indem er diesen Roadmovie-Sound aussprudelt, wird das bei mir zu einer hilflosen Verzahnung von Handlungsabläufen. Wenn ich Bernis Buch lese, muss ich nachher immer etwas anderes lesen um noch schreiben zu können. Sowieso ist dieses Abfärben sehr ärgerlich, momentan klingt bei mir alles nach Bolaño, leider dessen Bezirksliga-Version, was alles zusätzlich betrübt.

# Zwei Seiten geschrieben.

[trend. meiner.]

Diese von Cem Basman angeleierte Reflektion (früher nannten wir es Stöckchen) auch hier. Wie schön man daran auch ablesen kann, dass das Internet nie eine Bewegung gewesen ist, sondern immer einfach ein Werkzeugkasten, nur früher eben als Blogs gebündelt, die als eine Art gemeinsamer Nenner gesehen und daher missverstanden wurden. Die Werkzeuge im Netz haben sich vervielfältigt und wem ein gewisses Werkzeug gut in der Hand liegt verwendet es eben. Ich halte Facebook meistens offen, wenn ich am Rechner sitze, oder wenigstens öffne ich die Seite mehrmals täglich, um zu sehen, was meine Leute so machen, Fotos anzusehen, Links zu folgen, Facebook ist tatsächlich eine durchlaufende Linkliste, in der ich verfolgen kann, was mein sozialer Kreis liest, oder wie mein sozialer Kreis die Nachrichten aufnimmt und verteilt, es ist eine Meinungswolke, die sich durch das Tagesgeschehen schiebt. Dazwischen sind Befindlichkeiten gepostet und regelmäßig ein Comicbildchen, ich liebe Comicbildchen, ich klicke auf jedes der geposteten Comicbildchen. Googleplus ist im Funktionsumfang ähnlich, doch gefällt mir die Haptik besser, es wirkt ausgreifter auf mich, besinnlicher vielleicht auch, nicht so schreierisch, zudem werden auf Googleplus längere Einträge verfasst, und die besseren Diskussionen geführt, ich weiß nicht, warum das so ist, möglicherweise liegt es an der Ruhe, die die Oberfläche abgibt. Aber trotzdem schaue ich bei Googleplus seltener rein, manchmal habe ich das Gefühl, Googleplus würde ein bisschen schlafen. Aktiv beteilige ich mich weder das eine noch das andere übermäßig viel.

Twitter hat mich nie sonderlich gepackt. Die Beschränkung auf 140 Zeichen hat mich bei meinen etwa zwanzig Tweets zwar nie gestört, im Gegenteil, ich reduziere gerne Saucen und Texte, bei Twitter fand ich diese Reduzierung auf Microebene eigentlich sehr anregend, aber Twitter wirkte auf mich immer eher wie Gegacker (Cackler) denn als Gezwitscher. Ohne es werten zu wollen, es funktioniert ja gut, aber wenn ich etwas lustiges tweeten will, sehe ich die Twitter-Timeline vor mir und denke: du kannst dein olles Gegacker jetzt doch nicht in diesen Hühnerstall schmeißen. Ganz schlimm für mich.
Andererseits lese ich Tweets gerne, besonders wenn sie in Facebook erscheinen.
cackler.com ist übrigens frei.

Das Blog ist immer noch am ehesten meine Form. Für die persönlichen Inhalte. Und nur die persönlichen Inhalte. Neuerdings las ich mehrmals, das jemand Wert darauf lege, seine Blogtexte als Fiktion verstanden zu wissen. Ich nicht. Mein Blog ist nur autobiographisch. Es gibt nicht einmal eine Kunstfigur (ok, ein Farbfilter -rosa- liegt vielleicht drüber). Ich glaube, ich will auch nur Blogs lesen, die autobiographisch sind. Ich lese Blogs, weil ich den Charakter hinterm Blog mag (ähnlich lese ich auch Bücher, mich interessieren die Figuren), ich mag die Subjektive Sicht der Person auf die Dinge. Wenn jemand mir eine Kunstfigur vorgaukelt: auch okay, aber Gemeinschaftsblogs lasse ich üblicherweise liegen, oder fiktive Sachen finde ich auch schwierig. Ich habe vier fiktive Texte in meinem Blog, offensichtlich Fiktion, die fühlen sich alle fremd an. Sie bleiben aber da wo sie sind, vielleicht weil sie jetzt Teil der Chronik sind, meiner Chronik, was weiß ich.
Andererseits: es ist mir total wurscht ob jemand Fiktion in sein Blog schreibt oder nicht.

Xing: Xing finde ich schwierig. Xing verstehe ich nicht ganz, ich adde aber Profis.