[was schön war, KW47]

Irgendwo einen Satz gelesen, von Tucholsky oder jemandem, der Tucholsky ähnelt. Der Satz beschrieb, wenn Menschen ihre Sorgen mit Alkohol verdünnen. Sorgen mit Alkohol verdünnen. Eine so nahe Metapher. So klar, so unkekünstelt Zweideutig. Wenn ich so eine Metapher lese, will ich gleich mein Gesicht in sie vergraben.

Mit dem Schwiegervater im Dong Xuan Center in Lichtenberg gewesen. Ich hatte bisher nur darüber gelesen. Dass die meisten Vietnamesen der DDR nach der Maueröffnung in Armut geraten sind, woraufhin sich viele zusammengeschlossen haben um das Dong Xuan Center zu gründen, natürlich auch um sich die Straßen von Hanoi nach Berlin zu holen. So der offizielle Wortlaut.

Fünf Lagerhallen hinter einem etwas verfallenen Industriekomplex. Die Lagerhallen sind so angelegt, dass durch die Mitte eine enger überdachter Weg führt und links und sich rechts davon Geschäfte befinden. Mit Türen und Auslagen. Wie in einem Wong Kar-Wai Film, auch wenn seine Filme in China spielen, wie einer der Protagonisten durch die überdachten, engen Marktgassen schleichen, immer überfüllt, immer auch ein bisschen bedrohlich, Schilder die das Fotografieren untersagen, Gerüche, wo Menschen ihre Waren anbieten, Nudeln, Früchte, einen Haarschnitt, Hüte, blinkender Elektronikschrott, frisch frittierte Teigwaren, Fisch, Kleider, Schaufensterpuppen mit Mangaaugen.

K und ich schauten früher oft Wong Kar Wai Filme. In “In the mood for love” geht die Frau ständig in eine dunkle Gasse hinunter und kauft Nudeln. Ständig. Gefühlt besteht dieser Film nur aus jenen Szenen wo diese Frau in jene dunkle Gasse geht um Nudeln zu kaufen. Die Verkäuferin zieht lange Nudeln aus einem dampfenden Topf. Die Frau steht immer daneben, schaut schweigend zu, nimmt die eingewickelten Nudeln entgegen und zahlt. Selten war der Kauf von Nudeln erotischer als in diesem Film.

Ich kaufte im Dong Xuan Center eine Packung langer und gewundener Nudeln. Durchsichtig. Reisnudeln. Mit lauter fernöstlicher Schriftzeichen auf der Packung. Ich hatte sie für K mitgebracht. Sie wusste genau warum.

[was schön war. ach, nicht so schön.]

Mittwochfrüh vor anderthalb Wochen wache ich auf. Noch bevor ich aufstehe schaue auf mein Telefon um zu prüfen wer die Wahl gewonnen hat. Dann bin ich eine Woche lang ziemlich ratlos.
Nein, das war nicht wirklich schön. Aus diesem Grund hatte ich auch wenig Lust, um wöchentlich zurückzublicken auf das “was schön war”. Obwohl meine Mutter zu Besuch war und wir viele schöne Dinge gemacht haben.

Ich habe seit jenem Mittwoch mehrmals am Tag meine Meinung und meine Haltung zu Trumps Wahlsieg geändert, und sie ändert sich immer noch. Das Thema löst in mir immer negative Emotionen aus, dabei kann ich eine kompromisslose und sofortige Anti-Trump-Haltung einnehmen wie auch ein lassen-wir-mal-gucken. Und alles dazwischen.
Natürlich bin ich in der komfortablen Situation, Teil der dominanten Mehrheit zu sein, ich bin weiß, heterosexuell und männlich. Außerdem habe ich einen guten Job. Und ich wohne nicht in den USA. Ich muss nicht unmittelbare Angst haben, ich habe den Luxus, mir das erstmal in Ruhe ansehen zu können, sollte alles ins Rollen kommen, bin ich vermutlich einer der Letzten dem es an den Kragen geht.
Viele andere haben diesen Luxus nicht. Es hat bereits angefangen mit der Diskriminierung auf der Straße, in den Schulen. Und schon nur deswegen sollte man unmittelbar auf die Straße gehen.

Andererseits hat Trump seine Rhetorik zurückgefahren. Ob das etwas bedeutet weiß ich nicht. Die Hoffnung ist natürlich da, dass er jetzt regiert, er hält die Zügel in der Hand, dann hört man ganz von selbst mit dem Poltern und dem Pöbeln auf, die Hoffnung ist also da, dass das bloße Wahlkampfrhetorik war. Was an sich ja schon schlimm war, aber eigentlich hat mich ja die Rhetorik am meisten gefürchtet und dass dem so viele zugejubelt haben. Jemand der so primitiv und feindlich daherpöbelt an der amerikanischen Regierung zu wissen und ist noch furchterregender als eine offensichtliche Dummbratze wie der zweite Bush es war.
Jetzt wirkt er pragmatisch.
Was uns aber mit den Geiern der alt.right bevorsteht fühlt sich tausendmal gefährlicher an. Sie wittern ihre Chance.

Es gab viele kluge Gedanken zu dem Thema. Hier und da überall im Netz zu lesen. Ich habe keine weiteren kluge Gedanken dazu. Ich ahnte mich mit der Welt nur gerade auf einen so guten Weg. Dass die Welt gerade besser wird. Das mit dem Respekt gegenüber den Menschen. Und das mit der Freiheit auch. Gut, in vielen Ländern klappt das noch lange nicht, aber wenn wir es schonmal vorleben, werden sie irgendwann alle mal folgen. Wollten wir das nicht alle? Respektiert werden und frei sein? Wollten wir nicht?

[was schön war, KW43]

Am Mittwoch mit den Jungs nach Feierabend im Büro abgehangen. Auf einem 70″ Fernseher Fifa17 gespielt, Bier getrunken und Pizza gegessen. Ich habe noch nie Fifa gespielt und schied demnach früh aus, hatte aber zwei mal ein Tor aus dem Mittelfeld geschossen. Ich wusste nicht wie das passiere konnte, bei Wiederanpfiff gelang mit der selbe Trick gleich noch einmal. Weitere Tore folgten aber nicht, man hatte mich verstanden und im Griff. Die Jungs freute das. Mich nicht.

Nach dem Fifaspielen, schauten wir das Pokalspiel der Hertha gegen St.Pauli. Auf dem 70″ Fernseher, der so groß ist wie meine gesamte Küchenwand. Ich wohnte vier Jahre lang etwa dreihundert Meter vom Millerntorstadion entfernt. Der FC St.Pauli hat mich nach meiner frühen Jugend wieder mit dem Fußball versöhnt, daher bin ich diesem Club immer noch sehr wohlgesinnt. Die Südkurve am Millerntor ist mittlerweile eine richtige Tribüne. Als ich 2003 und 2004 die Spiele besuchte war die Südkurve noch ein Erdhügel. Man stand sich da ständig im Weg und ich immer zwischen all diesen großgewachsenen Hanseatinnen und Hanseaten konnte natürlich nie etwas sehen. Immer wenn sich eine Torszene bildete, stellten sie sich zudem auf die Zehenspitzen und ich konnte das Tor nur noch erahnen. Beziehnungsweise hören. Auf dem 70″ Bildschirm sah ich dann zwei Tore der Hertha. Spätes Glück ist auch nicht schlecht.

[was schön war, KW42]

Frau Modeste, ihr Gefährte J., meine Frau und ich waren in der Berliner Berg Brauerei in Neukölln. J und ich stießen letztes Jahr auf ein Crowdfunding Projekt von ein paar jungen Brauern, die in Neukölln für 80000€ ein Sudhaus bauen wollten. Dabei gab es unterschiedliche Preispakete, für 25€ bekam man einmalig eine gewisse Biermenge der ersten Probesude nachhause geliefert, wenn man sich im 100€ Bereich bewegte, gab es regelmäßige Bierpakete für einen bestimmten Zeitraum, für 5000€ konnte man einen eine riesige Menge Bier brauen. Das Paket für das wir uns entschieden gab es für 350€ und beinhaltete täglich ein Freibier. Zwei eigentlich. Für sich selber und die Begleitung. Lebenslang, in deren Schankraum, solange es uns geben würde und solange es die Brauerei geben würde. Zusätzlich würde es eine im Tresen eingelassene Messingplakette geben auf der unser Vor- und Nachname stehe würde.
J und ich sind der Meinung, wenn ein Mann etwas in seinem Leben erreicht haben sollte dann ist es, seinen Namen auf einer Messingplakette eines Tresens prangen haben.
Also erkaufte sich jeder uns ein Lebensziel für 350€. Tolle Sache.

Die Brauerei öffnete im Frühjahr dieses Jahres. Da wir zu viert hingehen wollten, verrannten wir uns ständig in der Terminfindung. Letzten Freitag aber klappte es. Wir saßen in _unserer_ Brauerei und tranken Bier. Das war schön.

Deren Pale Ale ist ungefähr das superigste Bier das es gibt. Abgesehen von verschiedenen Kneipen kann man es auch schon in den meisten berliner Kaiser’s Märkten kaufen.

Berliner Berg, Kopfstraße 59, 12053 Neukölln.

[warum Jan Böhmermann Wettendass moderieren sollte]

Zugegeben: ich habe in den letzten zwanzig Jahren vielleicht drei mal eine Wetten, dass…-Sendung geschaut. So viel vorneweg. Ich bin kein glühender Anhänger des Formates. Als Kind habe ich es natürlich geliebt. Auch wenn ich das ganze Gequatsche zwischen den Wetten immer nervig fand. Heute würde mich das Gequatsche mehr als die Wetten interessieren, aber das Gequatsche das dort stattfand war halt eher nur halb.

Die Sendung war aber totales Mainstreamfernsehen, totales Mainstreamfernsehen wie es sonst in Deutschland eigentlich nicht mehr existiert. So sehr, dass ich beim Schreiben soeben den Reflex verspürte das Wort Mainstreamfernsehen in Großbuchstaben zu schreiben.

Ich finde Mainstreamfernsehen ja gut, ich glaube, dass es das Potential hat eine Gesellschaft zu verändern oder zu prägen. Das macht man nicht mit kritischen Formaten, Kritik eignet sich nämlich nicht die Leute zu erreichen die man erreichen will, mit Kritik erreicht man nur die Leute die eh schon der eigenen Meinung sind.

Auf englisch spricht man oft von Role Model, im Deutschen kommt das dem Wort Vorbild gleich, aber schlampig in Rollenmodell übersetzt gefällt es mir besser, da es nicht diesen Anstrich von Vorbildlichkeit und adretten Föhnfrisuren hat.

Wenn ich an so etwas wie nationale Rollenmodelle denke, dann denke ich daran, dass es in Italien natürlich so viele gutgekleidete Menschen gibt, weil es dort Rollenmodelle wie Marcello Mastroiani oder Sofia Loren gab. In Frankreich ist es ähnlich und vielen anderen Ländern auch. Kulturelle Eigenschaften werden ja nicht in einen Reisepass gestempelt, sondern werden einem vorgelebt, von den Eltern, im Fernsehen und wo auch immer.
Denke ich an Deutschland, denke ich oft an Peter Lustig. Mit dem ja das ganze Land groß geworden ist. An schlechten Tagen ist dieses Land voller misantroper Klugscheißer. Fehlt nur noch die Latzhose. Echt jetzt.

Und da kommt Böhmermann ins Spiel. Ein progressiver Mann der auf einer smarten Art radikal ist und richtig Lust hat zu unterhalten und gleichzeitig politische Themen ungemein ernst nimmt. Dieser Mann muss ins MAINSTREAMFERNSEHEN. Er hat die richtige Haltung über politische Dumpfbackigkeit zu reden, letztendlich geht ja alles nur um Haltung, die meisten Leute interessieren sich nicht für politische Theorien, es geht alles um Haltung. Coolness, der Peergroup gefallen, zur richtigen Zeit auf der richtigen Fähre sein.
Vielleicht lernen die kommenden Generationen dann ein bisschen Ironie, besseren Humor, Gelassenheit auch und regen sich auf wenn intolerante Tölpel durch die Straßen ziehen.

Nur die große Nase. Weiß nicht.

[was schön war, KW41]

Zwei Dinge die in unmittelbarem Zusammenhang stehen

– Zum einen höre ich nun Podcasts auf dem Fahrrad während ich in die Arbeit fahre. Das sind zwanzig Minuten hin und zwanzig Minuten zurück. Zwar habe ich sehr viel Innenleben, aber das Repetitive der immerselben Fahrradstrecke tötete mit der Zeit mein Innenleben ab, vielleicht weil ich mich zu oft über die immergleichen zugeparkten Stellen aufrege oder über Verkehrsteilnehmer im Generellen, Gleichmut kann ich gut, aber im Berufsverkehr radle ich durch emotionale Schluchten.
Ich höre jetzt Podcasts. Was sich beim Kochen und Ikeamöbelverschrauben bewährt hat, wende ich nun auch auf dem Fahrrad an. Leute reden über Dinge und ich höre zu wie ein Lämmchen. Mit redenden Leuten im Ohr töte ich wirklich Zeit. Die zwanzig Minuten Fahrt verkürzen sich auf wenige Minuten, aber ich bin vollgestopft mit Erkenntnissen und Gedanken. Ein wahsinniger Gewinn an Lebensqualität.

– Zum anderen hörte ich in der Nacht zu Mittwoch diesen wunderbaren Podcast von Tim Pritlove. Raumzeit. In jener Folge ging es ganz allgemein über das Weltall, also den Cosmos, Galaxien, Sternensysteme etc. Ich war einigermaßen betrunken, es gab auf der Veranstaltung kein Bier sondern nur Wein und ich hatte wieder den Fehler begangen, Wein mit der Geschwindigkeit von Bier zu trinken und war damit überhaupt nicht mehr gut auf den Beinen, aber auf dem Fahrrad — da war ich noch quickfidel.
Ich war ja immer der Meinung, dass es nichts schöneres gibt als betrunken Fahrrad zu fahren, was aber noch viel schöner als das ist, ist betrunken auf dem Fahrrad nachts durch den Regen zu fahren, den Kopf halb in den Schal eingezogen, das Wasser schon in den Schuhen spüren, und dann: zwei Menschen unterhalten sich angeregt über schwarze Löcher, dass das in Wahrheit keine schwarzen Löcher sind sondern schlichtweg Sternengruppen die über eine dermaßen enorme Gravitationskraft verfügen, dass sogar das Licht von da nicht rauskommt, wie sie angeregt über Entfernungen plaudern, dass z.B. Lichtjahre eine blöde Einhet sind, weil man in der Wissenschaft damit überhaupt nicht rechnen kann, dass Parsec viel einfacher sei oder, dass wir mit unserem popeligen Sonnensystemchen eigentlich eher irgendwo am Rand der Milchstraße wohnen, sozusagen in einer langweiligen Vorstadt während der Punk in ganz anderen Sonnensystemen abgeht, oder darüber, dass das Weltall, also das Große Ganze, so schnell wächst und immer schneller wird, und irgendwann in der Relation zu uns schneller wächst als das Licht, sodass in einer ganz weiten Zukunft unsere Nachfahren auf der Erde oder andere Bewohner von anderen Planeten gar nicht mehr wissen werden, dass es außer ihrem kleinen Sonnensystemchen noch etwas gibt, weil da oben einfach alle Lichter ausgegangen sind.

Als ich völlig durchnässt zuhause ankam und den Podcast noch im Treppenhaus und der Wohnung zuende hörte, war ich zu so einem kleinen und unbedeutendem Standby-Lämpchen geschrumpft, dass ich einschlief wie ein, wie ein, wie ein. Irgendwas ganz Kleines und Wohliges.

[...]

Merke: wenn man bei Foodora bestellt, sollte man auch etwas adäquates anziehen. Wenn man Pizza bestellt, kann man auch mal in Unterhemd und -hose die Tür öffnen, aber bei Foodora, mannmann, schicken sie ständig hübsche Frauen. Schon zum zweiten mal nicht aus dem Fehler gelernt.

[was schön war, KW40]

The Path. Relativ neue Serie auf Amazon. In einem Dorf im Bundesstaat New York hat sich eine Sekte eingerichtet. Eine der Hauptpersonen verliert den Glauben. Wer The Leftovers und Lost mochte, wird vermutlich auch The Path mögen. Die Grundstimmung ist ähnlich, diese latent drohende Kulisse eines Schicksals, das über Länder und Städte kommt.
Jessy Pinkman als zweifelnder Familienvater.

Wir schauten alle zehn Folgen in einem Rutsch. Diese hermetische Welt. Nach 8 Stunden öffnete ich die Vorhänge, shit, dit is ja Berlin. Nachher im Spätkauf beim Kauf von Fertignudeln fühlte ich mich wie ein Alien.

Am Freitag kam K’s Bruder zu Besuch. Den ganzen Abend in der Küche gesessen, zusammen gekocht, Bier und Wein getrunken, Musik gehört, Fickt-euch-allee gesungen. Das war schön.

K’s Bruder brachte ein paar Flaschen seines neuen Lieblingssektes mit. Arunda, aus Südtirol. Arunda kannte ich, das ist der Sekt aus Mölten, ein kleines Dorf auf dem Tschöggelberg. Mölten ist das dem Dorf aus dem meine Mutter kommt. Das war ein lustiger Zufall.

Als ich so über den Sekt und Mölten nachdachte, fiel mir etwas ein. Ich hatte keine besondere Beziehung zu Mölten, was größtenteils damit zusammenhing, dass die Eltern meiner Mutter in einem Bauernhof weit oberhalb des Dorfes wohnten. Mölten war eigentlich nur dieses etwas altmodische Bauerndorf, durch das wir hindurchfuhren. Manchmal gingen wir zum Friedhof und zündeten Kerzen für Verwandte meiner Mutter an. Als ich noch kleiner war besuchten wir im Dorf auch eine Tante. Wir nannten sie Tota. Es war nicht meine Tante, sondern die Tante meiner Mutter. Eine sehr sehr alte Frau. Sie ging gebückt mit einem Stock und sie trug immer ein Kopftuch, ihre Augen lagen in zwei tiefen Höhlen und sie redete mit einer Grabesstimme. Ich fürchtete mich immer vor ihr. Genau so hatte ich mir immer die Hexe aus Hänsel und Gretel vorgestellt. Es tut mir wirklich leid für sie, dass ich sie als hexenartig in Erinnerung behalten werde, ich glaube sie war wirklich ein guter Mensch. Ich muss das nochmal in Erfahrung bringen, ich erinnere mich, dass sie nach dem Krieg das uneheliche Kind einer Bediensteten aus dem Dorf großgezogen hat.
Tota wohnte jedenfalls in einem noch viel älteren Haus unten im Dorf und ich kann mich erinnern, dass es in dem Haus immer dunkel war, so wie es in diesen südtiroler Bauernhäusern ja immer dunkel war, aber ihr Haus war noch viel dunkler. Das Bild, das mir von Tota am eingeprägtesten in Erinnerung geblieben ist, ist wie sie uns in ihrem Haus empfing. Wie sie mit ihrem steinalten Gesicht, gebückt und ihrem Kopftuch diese schwere Holztür öffnet. Und hinter ihr im Haus: alles finster.

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, starb sie. Vielleicht war ich auch acht. Als sie starb wurde das Haus verkauft und einge Jahre später zu einer Sektkellerei umgebaut. Für mich war das eine logische Konsequenz, das Haus war innen so finster, das ganze Haus muss in Wirklichkeit ein riesiger Keller mit kleinen Fenster gewesen sein.

Dreißig Jahre später sitze ich in Berlin bei einem Sekt aus Mölten und denke mir: Mölten. Wieviel Einwohner hat Mölten? Tausend? Tausendfünfhundert? Wie viele solche Dörfer haben eine eigene Kellerei? Wie groß ist die Chance, dass ein Tausendeinwohnerdorf mehr als eine Sektkellerei hat?
Kann es sein was ich denke? Kann es sein?

Eine Whatsapp an meine Mutter brachte Licht in die Angelegenheit. Der Sekt schmeckte danach fast magisch.

[was schön war, KW38&39]

Die neue Küche beim Kochen. Wir trinken Bier, rühren, schnipseln und hören Musik, haben dann leicht einen im Tee. Könnte ewig so weitergehen.

Gestern nach dem Sieg gegen den Hamburger SV bin ich Pal Dardai über den Weg gelaufen. Als er auf mich zukommt, verspüre ich automatisch den Reflex zu klatschen und Danke zu sagen. Dafür was er aus dieser Mannschaft von No-Names macht und dafür wie er die schlimmen Zeiten vergessen macht. Mich haben die beiden Abstiege ja sehr mitgenommen, ich habe es nur nicht gezeigt. Aber jetzt: Freude.
Pal Dardai wird zuerst von zwei kleinen Mädchen aufgehalten, sie wollen ein Selfie mit ihm, er nimmt sich die Zeit, bückt sich, lächelt in die Kamera und geht dann weiter in Richtung Ausgang, dann ein älterer Herr, Selfiegesicht auf, abdrücken. Als Pal auf mich zukommt klatsche ich in die Hände. Das war so etwas wie ein Dankbarkeitsrefelx. Ich bin der einzige der klatscht. Leute schauen ein wenig verwundert in meine Richtung. Stimmt, klatschen ist seltsam. Es muss ein anstrengendes Leben sein, wenn man als Star durch die Welt geht und dauernd klatschen einem die Leute zu. Aber noch viel seltsamer ist es doch, wenn man ständig die Fresse in irgendwelche Telefonkameras halten muss, für irgendeinen Facebookpost, so einen “schau, geil, wen ich mich getraut habe anzuabern”-Post.
Muss ich noch drüber nachdenken.

Am Mittwoch gab es eine spontane Firmenparty auf einem kleinen Spreedampfer. Wir fuhren die Spree aufwärts in die Rummelsburger Bucht und dann zurück durch Mitte bis zum Reichstag. Bier in der Hand, das angeleuchtete Berlin, Postkartenmotive. Andererseits ist es auch enttäuschend wie sehr Berlin sich von seinem Wasser abwendet. Anders als Kopenhagen, Amsterdam, Stockholm, Chicago auch, die sozusagen zum Wasser hin gebaut wurden. Berlin ist am Wasser eher tot, das Leben spielt sich weiter hinten in den Kiezen ab. Wie Hamburg auch, oder London. Ich empfinde Berlin dem Wasser ja näher als Hamburg. Das mag komisch klingen. Hamburg hat sicherlich viel Wasser, aber das Wasser ist vom Hamburger Leben eher weit weg, wenn man nicht gerade an der Alster oder an den Landungsbrücken wohnt. In Berlin fiel mir sofort diese Nähe zum Wasser auf. Man überquert ständig Kanäle, Spreearme, oder fährt an Seeen entlang. Brücken dienen oft als Treffpunkt man SITZT sogar auf Brücken und verbringt Zeit.
Aber vom Wasser aus: tot. Nur Postkartenmotive.

Letzte Woche beim Jeanskauf eine wichtige Erkenntnis gehabt. Die Erkenntis, welche Jeans mir stehen und welche nicht. Das Schlimme daran ist die Einsicht 41 Jahre lang in unvorteilhaften Jeans herumgehampelt zu sein. Meine Windelzeit jetzt einfach mal dramatisch mit einbezogen. Was aber schön war: Gut sitzende Jeans sind verdammt heiß. Stünde ich auf mich, ich würde ohnmächtig werden. Habe mir gleich eine ganze Reihe der gleichen Hose auf Zalando bestellt. 511.

[was schön war, KW36&37]

Mir fiel in den letzten Wochen wenig sinnvolles zur AFD ein. Noch immer fällt mir nichts gescheites dazu ein. Ich kenne einige AFD-Wähler. Es sind alles Männer. Allen geht es eigentlich okay. Was sie alle eint ist eine ständige, leicht larmoyante Unzufriedenheit. Dazu fiel mir neulich Jón Gnarr ein, der ehemalige Bürgermeister von Reykjavík, der sagte in einer Doku ganz offen und amüsiert, er habe den Leuten einfach immer zugestimmt. Wenn jemand sich bei ihm über den Müll aufregte, hat er einfach immer gesagt “Ja total, das stimmt, schlimm ist das”. Und zwar während der Wahlkampange und auch während seiner Zeit als Bürgermeister. Die Leute fanden das gut. Politik für das Volk.

Dann bin ich von Insekten zerstochen worden. Ganz schlimm. Abends spielte ich mit den Exkollegen Beachvolleyball im Beach Mitte am Nordbahnhof. Weil mir ein Kollege vor Monaten gesagt hatte, ich solle mir richtige Sportbekleidung besorgen, darauf würden sich nämlich keine Schweißflecken bilden, lief ich prompt in den Hertha Fanshop und kaufte mir das originale Hertha Trainingstrikot, ein türkisfarbenes Muskelshirt aus 100% recycelten PET Flaschen und Hertha-Fahne vorne drauf. Dazu passende kurze Hosen.
Nach dem Beachen blieben wir noch auf ein paar Weizenbiere. Wir setzten uns ganz hinten nieder. Das Beach Mitte wurde ja faktisch auf dem Mauerstreifen hingesetzt, wenn man ganz hinten rechts sitzt, dann sitzt man an der Hinterlandmauer, samt Gestrüpp und Geröll. Zwar stehen da ein paar schicke Tische und Bänke, aber in Wirklichkeit ist das eine Brutstätte für kleine Tiere und Insekten.
Ich saß da etwa zwei Stunden in meinen kurzen Hosen auf dem schicken Sofa im Gestrupp an der Hinterlandmauer.

Was daran aber schön war: auf dem Nachhauseweg hielt ich am Rosenthaler Platz und setzte mich ins “Rosenthaler Grill und Schlemmerbuffet”, wo es einen der besten Dönerkebabs der Stadt gibt. Türkisches Essen ohne Schnickschnack, aber mit sehr frischen Zutaten. Wie ich da zwischen all den schönen jungen Leuten saß, mit meinen haarigen und nur auf Tshirtlänge gebräunten Armen in meinem Hertha Trikot und ein bisschen nach Schweiß roch. Die Blicke die ich bekam. Weiß nicht. Mich hat das amüsiert. Vielleicht ist das aber auch nur mir aufgefallen.

Zurück zu den Insekten. Ich habe mir ein halbes Dutzend riesiger Insektenstiche eingefangen. Alle auf den Beinen. In der Nacht fingen sie an zu brennen, deshalb kratzte ich daran als wären es Mückenstiche. Man ahnt es: Fehler. Am nächsten Tag brannten die Stiche. Ich bekam sogar leichtes Fieber und mir war übel, ich beschmierte die Wunden mit Kortison und klebte sie mit Pflastern zu. Die Pflaster wurden sogar warm. Der Tag darauf war noch schlimmer. Am dritten Tag ging es dann besser.
So schön war das nicht.

Wenn mir langweilig ist, bilde ich mich weiter. Auf Youtube zum Beispiel. Filmkultur in kleinen Häppchen. Meine Youtube History sah danach so aus:

Top 10 Movies Way Too Upsetting to Watch Twice
6 Movies That Audiences Walked Out Of
Top 10 Movies You Shouldn’t Watch Alone
Another Top 10 Movies You Shouldn’t Watch Alone
Top 10 Movie Cougars
Top 10 TV Cougars
Top 10 Needlessly Sexualized Female Movie Characters
Top 10 TV Seduction Scenes
Top 10 Satisfying Deaths of Hated TV Characters

Ich liebe sowas. Könnte ich ewig gucken.

Das Tor von Weiser gegen Schalke. Als Pekarik dem Schalker einen längst verlorengeglaubten Ball wegschnappt, auf Weiser spielt, der seitlich den Ball über die gesamte Abwehr und den Torwart hinweglupft. Solche Tore gab es bei Hertha lange nicht mehr.

[was schön war, KW35]

Zum ersten mal meine Achselhaare rasiert. Aus einer Laune heraus. Anfänglich klebte die Haut aneinander, das fand ich sehr befremdlich. Nach ein paar Stunden wurde das besser, vielleicht weil ich nicht mehr daran dachte, oder weniger schwitzte. Mittlerweile hat sich die Haut vielleicht daran gewöhnt. Schön daran war das Rasieren. Oder eher lustig. Weniger schön.
Als die Lustigkeit vorbei war, stand ich da und hatte keinen Erkenntnisgewinn. Offenbar hatte ich unbewusst auf einen Erkenntnisgewinn gewartet, so fand ich mich völlig unerwartet erkenntnislos wieder. Warum rasiert man sich die Achselhaare? So lustig war das nicht, außerdem wird dieser Akt ein zweites mal nicht mehr unterhaltsam sein. Sicherlich: ich weiß, dass sich die olfaktorische Oberfläche durch Haare enorm vergrößert, aber hat das bei täglichem Waschen und Deos wirklich noch Bedeutung?
Dass es —vor allem an Frauen— ästhethische Vorbehalte gibt, weiß ich auch, aber das schlägt ja in die selbe Kerbe wie Bodyshaming. Fällt das unter Bodyshaming, wenn man sich für etwas rechtfertigen muss, was man selber ausgesucht hat? Ich bin auch mit dem Begriff Bodyshaming nicht ganz glücklich, der Begriff impliziert, dass man sich für etwas schämen soll, dabei geht es darum, dass der eine dem anderen nicht zu sagen hat wie man aussieht. Ich finde ja auch diese Leute ganz schlimm die sich im Sommer über Leute in der Ubahn aufregen, weil der oder die mit seinen zu dicken Füßen Fliflops trägt oder sein dicker Bauch aus dem Tshirt quillt, oder überhaupt sich aufregen wie jemand anders aussieht. Überhaupt: sucht euch ein anderes Hobby.

Bei Facebook festgestellt, dass ich auch einfach tolle Frauen abonnieren kann. Ich habe mich nie getraut Julianne Moore eine Freundschaftsanfrage zu schicken, aber ich kann auch einfach ihr Profil abonnieren. Natürlich kannte ich diese Funktion schon lange, ich hatte allerdings nie einen konkreten Nutzen für mich finden können und bin deshalb nicht auf diese Idee gekommen. Jedenfalls: Lebensqualität. Wenn ich Julianne Moore abonniert habe, taucht sie alle paar Tage in meinem Stream auf. Mit einem Interview oder einem Photo. Immer wieder mal Neuigkeiten von einer tollen Frau. Ich glaube, das ist Lebensqualität. Habe sie dann alle gesucht, Patricia Arquette, die mit den großen Zähnen: Emma Stone, Jessica Biel (wobei: komischer Ehemann), Nina Hoss, Charlize Theron (bitte mit Glatze!), Kate Winslet, usw usw. Tolle Sache.

[beim Aussortieren der Bücher]

Beim Aussortieren der Bücher. Wir haben sehr viele Bücher. Verglichen mit Leuten die extrem viele Bücher haben, haben wir nur „ziemlich“ viele Bücher, die meisten Menschen haben aber nur sehr wenige Bücher, deshalb haben wir sehr viele Bücher. K besitzt ungefähr die Hälfte davon. Ihr gehören alle schönen Bücher. Alte Bücher, internationale Bücher. Mir gehört der ganze zeitgenössische Kram. Viele davon habe ich nicht zu Ende gelesen. Die meisten, wenn ich ehrlich bin. Ich kaufe oft Bücher, weil ich mich in etwas einlesen will. Viele der Bücher die ich kaufe sind nicht immer von vorne bis hinten gut. Oft sind es nur Bücher die ich verstehen will. Ich lege sie dann weg, aha, zur Kenntnis genommen, nächstes Buch bitte, danke.

Viele dieser Bücher sind Erstauflagen. Wenn ein Buch veröffentlich wurde und ich darüber lese, dann will ich es immer sofort lesen. K behauptet ich würde mich für nichts interessieren, was vor 1999 veröffentlicht wurde. Das stimmt so nicht ganz. Ich interessiere mich kaum für Kulturbeiträge die älter als zehn Jahre sind. Außer es hat einen geschichtlichen Hintergrund. Oder es interessiert mich ein bestimmter Zusammenhang.

Dann lese ich mich in bestimmte Autoren fest. Immer wieder Autoren von denen ich dann das gesamte Lebenswerk anzuhäufen scheine und natürlich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen habe. Bolano zum Beispiel, David Foster Wallace, JM Coetzee und auch Helmuth Krauser. Kaum Frauen übrigens. Seltsam. Ah und Haruki Murakami. Wobei mir letzterer schon ein bisschen peinlich ist. Dennoch: seine Geschichten saugen mich total auf. Das meine ich nicht im eskapistischen Sinne. Alltag entfliehen und blabla. Nein, seine Geschichten saugen mich total auf. Ich laufe danach aufgesogen durch die Welt.

Dennoch kaufe ich keine Bücher mehr. Also die auf Papier. Das mit den Ebooks hat mich schnell erfasst. Seit ich vor vier oder fünf Jahren einen Reader kaufte, habe ich vielleicht fünf Bücher angeschafft und das nur, weil es sie nicht in digitaler Form gab.
Papierne Bücher sind superunpraktisch. Schwer, klobig. Und die dicken Hardcoverschinken zerschlagen einem die Nase wenn man beim Lesen einschläft. Ein Reader hingegen wiegt weniger als ein Telefon und es passt eine halbe Bibliothek hinein. Finde ich super. Mit dem in die Jahre gekommenen Streit, dass nur echte Bücher richtige Bücher seien, also die, die man anfassen könne und daran riechen, mit dieser Meinung konnte ich nie viel anfangen, aber ich fand es auch nie sinnlich, an altem Papier und Klebemittel zu schnüffeln. Wobei… Klebemittel…

Mittlerweile lese ich Bücher meist auf dem Telefon.

Beim Sortieren der Bücher also. Ich will mich der meisten Bücher entledigen, die Bücherschränke erschlagen mich, außerdem finde ich so viele Bücher zu besitzen etwas aus der Zeit gefallen, als würde ich alte Nähmaschinen sammeln, ich will weiße Wände.
Beim Sortieren der Bücher sind ziemlich viele Erinnerungen hochgekommen. Die Bücher die vor 22 Jahren mit mir von Wien nach Amsterdam gezogen sind, sind die ältesten. Die haben mehr als ein dutzend Umzüge hinter sich gebracht. Über vier Länder und 6 Städte. So sehen sie gar nicht aus. Meist war ich gut zu meinen Büchern.

Mein ältestes Buch ist eine Anthologie. Gastarbeiterprosa und –Lyrik. Ein schreckliches Buch. Mit keinem der Texte konnte ich etwas anfangen. Ich kann mich allerdings noch deutlich an diesen fürchterlich heißen Sommertag am Naschmarkt erinnern, als ich dieses Buch kaufte. Ich war mit einem Freund in Wien, wir hatten in der Nacht zwei sogenannte Micropuntine geschmissen, ich kann heutzutage gar nicht sagen, was diese Micropuntine genau waren, es handelte sich jedenfalls um die stärkere Variante der ACIDs, die sonst auf Löschpapier verkauft wurden, von den „Micros“ halluzinierte man stärker, die Wirkung dauerte auch länger an und sie sahen eher aus wie Bleistiftspitzen, daher vermutlich der Name, also Mikrospitzen. Ob das richtiges LSD war oder nur anderer chemischer Dreck, kann ich nicht beurteilen. Wir verbrachten also fast die ganze Nacht sitzend an der Kaimauer des Donaukanals und starrten ins Wasser. Ich kann mich nicht an Gespräche erinnern, ich weiß aber noch, dass das vorbeiströmende Wasser aussah wie braune Lava, träge fließend. Fast die ganze Nacht lang. So viel zu meinen Hobbies.
Am nächsten Mittag halluzinierten wir nicht mehr, aber wir waren innerlich noch viel zu aufgedreht um uns ins Bett zu legen, so streunten wir in der brütenden Hitze über den Flohmarkt des Naschmarkts. Ich interessierte mich noch nie für Gastarbeiter. Ich interessierte mich auch nie für Minderheiten oder Ethnien. Ich war meine ganze Kindheit eine ethnische Minderheit einer ethnischen Minderheit. Mich hat das immer angekotzt. Aber da, übernächtig, an diesem heißen Tag am wiener Naschmarkt, kaufte ich mir dieses Buch mit dem Namen „das unsichtbare Sagen – Gastarbeiterprosa und –Lyrik“. Keine Ahnung was mich da geritten hat.

Dennoch erstaunlich wie viele Bücher mir noch etwas bedeuten. Einige nur der Erinnerung wegen. Zum Beispiel Majakowskis gesammelte Werke. Das Buch hatte ich einmal bei einer Tombola auf einem Benefizkonzert für irgendwelche politischen Gefangenen gewonnen. Ich beteiligte mich an der ersten Tombola meines Lebens und gewann dieses Buch. Der Auslober der Buchpreise war ein linksradikaler Buchladen in Utrecht. Ich kannte den Betreiber, der die Bücher für die Tombola kuratiert hatte. Ein superwichtiger, immer ernst schauender und gutaussender politischer Denker und Schriftsteller, der mich zu meinem Leidwesen jahrelang und immer verachtete. Mit einem Blick, der mich wissen ließ, ich sei nichtmal das Papier des Buchpreises würdig, überreichte er mir Majakowskis gesammelte Werke. Ich nahm das Buch in voller Demut an, suchte danach achtzehn Jahre lang nach dem richtigen, ehrfürchtigen Moment an dem ich mit dem Buch beginnen wollte, doch ich fand diesen Moment nie. Letztes Jahr, als ich in Pankow über den Majakowski Ring fuhr, googelte ich zuhause nach dem Schriftsteller. Was ich über ihn und seine Werke erfuhr, las sich eigentlich ganz gut und hörte sich gar nicht nach Stocksteife und Sozialismus an. Sollte ich vielleicht doch einmal lesen.

[was schön war, KW34]

Im Pokalspiel gegen Regensburg. Ich sitze im FC Magnet Club in der Veteranenstraße. Hertha liegt wieder hinten und wird auch in dieser Saison wieder gegen einen unterklassigen Gegner aus dem Pokal gekegelt. Ich erhöhe den Biertrinkrythmus und meine Augen sind von der Resignation schon ein bisschen glasig. Dann kommt Weiser rein und schießt den Ausgleich. Ich kann mich nicht mehr im Sessel halten, die ganze Kneipe springt in die Luft. Das war wirklich eine sehr schöne Sache. Zumal wir am Ende sogar noch gewannen.

Beim Friseur gewesen. Ich wollte so aussehen wie der Preacher in The Preacher. Die beste Serie aus 2016 bisher. Ich ging also zum Friseur und erklärte die Frisur. Ein ungemein schönes Gefühl, etwas neues anzugehen. Neue Frisur. Irre. Die Frisur sieht bei mir leider nicht gut aus. Außerdem sehe ich überhaupt nicht aus wie der Preacher in the Preacher. Aber das Gefühl eine neue Frisur anzugehen: Irre.

Die Siemens Spülmaschine machte Geräusche und zeigte nur noch Fehler e:15 an. Also googelte ich die Fehlermeldung und schaute mir auf Youtube Videos von deutschen Männern an, wie sie Schritt für Schritt das Öffnen ihrer Spülmaschine mitfilmen und geduldig die Zusammenhänge erklären. Dabei verrutscht immer wieder die Kamera, zeigt wahlweise leere Pfandflaschen oder braune Pantoffeln. Diese nerdige, liebevolle Art dieser Armee von deutschen Amateurigenieuren im Netz, wie sie als Erklärbären ihr Wissen zu so etwas wie einer Spülmaschine umständlich im Netz teilen. Mir wurde ein bisschen weich, überall. Nachdem ich dann etwa zwei Stunden mit einem Feinrippunterhemd stilecht auf dem Boden lag und unter der Spühmaschine Schrauben betätigte, konnte ich das Problem tatsächlich lösen. Ein wirklich tolles Gefühl.

[was schön war, KW33]

Am Freitag war die neue Küche fertig. Als die Handwerker die Wohnung verließen fasste ich die Küche ständig an. Diese neue Küche zu haben ist ein intensives körperliches Gefühl. Ich fasse sie ständig an, streiche über die Oberfläche, betätige die Schubladen, Türen. Samstag früh stand ich auf, ging als erstes in die Küche und blieb erstmal überwältigt stehen. Es ist eine schlichte IKEA Küche, sie war weder teuer noch besonders schön, aber sie gibt diesem Raum, wie soll ich sagen, die nötige Magic. Vermutlich bin ich ihr dankbar und will sie deswegen ständig anfassen.

Freitagabend spät. Auf dem Nachhauseweg in der UBahn. Meine zwei Freunde aus Südtirol und ich setzen uns in die abfahrbereite Bahn. Sie fährt erst in acht Minuten. Ich sage: Child in Time dauert acht Minuten. Die eine summt die Melodie, der andere singt “Sweet Child in time, you’ll see the line”, wir alle machen: tumm tumm tuuuu und später: aaaaaahh, aaaaah, aaaaah. Wir reden acht Minuten lang über Deep Purple. Dieses angetrunkene und völlig übermüdete Schwelgen in sowas wie einer Erinnerung, die weniger eine Erinnerung ist, sondern ein erinnertes Gefühl über ein Lied, eine Band, das man vor zwanzig Jahren gehört hat, das Gefühl, das mich an Sand erinnert, Sand und Staub.

Der Küche versprochen, sie sauber zu halten.

Samstagabend haben die Handwerker dann das Bad (voraussichtlich) zu Ende gemacht. An der Seite sind die Fliesen jetzt ein bisschen abschüssig. Kann man plätschern so viel man will, kommt alles wieder zurück in die Wanne.

Lustig auch: Child in time dauert zehn Minuten.

[was schön war. die letzten drei Wochen]

Das wöchentliche Update hat aufgrund von Reisen nicht geklappt. Der Zeitraum also über drei Wochen. Was in den letzten drei Wochen also schön war:

Das erste mal mit dem Auto eine lange Reise unternommen. Berlin -> Göteborg. Elf Stunden. Vier davon alleine. Die letzten Stunden durch Schweden, körperlich verausgabt, eigentlich müde, aber mit dieser seltsam magischen Energie dieses Ziel in hunderten Kilometern Entfernung erreichen zu müssen, bei lauter Musik, singend, überholend, Snickers essend durch Wald, Dörfer, Küstenabschnitten. Sowas wie Jakobsweg auf vier Rädern. Ich habe ja durchaus Sympathie für Pilgerwanderungen, ich kann mir das gut vorstellen, dieses Meditative, Tranceartige beim repetitiven Gehen durch die Landschaft, ich kann bei sowas ungemein klar denken, ich glaube deshalb beten die religiösen Leute, weil sie ohne Trance nicht klar denken können und zu faul sind zu Laufen, ich bin keineswegs religiös, aber ich liebe diese Trance. Es war eine Pilgerfahrt.

Das erste mal in 2016 ein Systembolaget betreten. Das Systembolaget ist die Ladenkette in der man in Schweden Alkohol kaufen darf. Es bereitet mir jedes Jahr Freude, das erste mal wieder ein Systembolaget zu betreten. Diese kleine, isolierte Welt in der sich die Flaschen reihen, Hallen des Spezialinteresses, diese riesige Auswahl, die Getränke nach Gattung und Stilen sortiert, ich kaufe mich regelrecht durch die Bierstile hindurch, Stout, Weizen, IPA, Pale Ale, Pils, Amber etc. bis zum umfallen und stehe dann an der Kasse mit dutzenden unterschiedlichen Bierflaschen die die Kassiererin alle einzeln scannen muss, dann ihr obligatorischer, prüfender Blick ob ich alt genug und noch nüchtern bin. Dieses Stigma auch, mit dem man danach den Laden verlässt mit den werbungslosen, undurchsichtigen Platiktüten. Ich liebe das wirklich.

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In Schweden Sachen mit Gagelstrauch gemacht. Das mag auf den ersten Blick nicht wie etwas schönes klingen, das war es aber. Aus folgendem Grund. Ich bin ja Bierliebhaber. Nicht Liebhaber der Biere, die man üblicherweise in den Supermärkten kauft, sondern von richtigem Bier, handgemacht, unfiltriert, von Bier das wieder Aroma hat so wie es offenbar früher war bevor die böse (BÖSE) Industrie kam und alles gleich hat schmecken lassen. So. Ich bin also ein Fan von richtigem Bier, nicht von Industriebier. Wenn man so viel (richtigem) Bier hinterherhechelt wie ich das mache, gerät man unweigerlich irgendwann an alte Rezepturen, alten Stilen, so war es im Mittelalter lange modern das Bier mit Gagelblättern statt mit Hopfen zu würzen. Eine kleine berliner Brauerei braut regelmäßig solches Bier, das habe ich mal in einer Kreuzberger Bar getrunken und fand das wirklich sehr gut und erfrischend.
Als mir mein Schwiegervater erklärte, dass unten beim Fluss Gagelstrauch wächst war ich natürlich nicht mehr zu halten.
Ich dachte Gagelblätter in schlechtes Bier einzulegen. So für den Beginn, sozusagen billiges Bier aufzupimpen. Aber wenn die Kohlensäure entflieht, ich meine, das muss man schon ein paar Tage lagern, dann wird das nix, deshalb ging ich erst nur pflücken und prüfen ob da genug Gagelsträucher für mein künftiges Brauimperium wachsen.
Der Schwiegervater meinte, man könne das auch 48 Stunden in Branntwein einlegen, dann hätte man eine Essenz, die man später zum Würzen von Schnaps oder anderem (Kaffee? Thee? Bier?) hinugeben könne. Das haben wir dann gemacht. Die Sträucher zerpflückt und in eine Branntweinflasche gestopft.
Ich kann dem Einlegen von Dingen durchaus etwas abgewinnen. Diese seltsame Kräuterweibleinromantik, wenn sie am Feuerloch sitzen und Flüssigeiten in Gläsern gießen die sich über den Winter halten müssen. Ich konnte aber nie etwas mit den Inhalten anfangen. Marmelade, Saucen, Gewürzgemüse und der ganze Kram, ich esse das gerne. Aber erst wenn Alkohol ins Spiel kommt wird das ganze magisch.

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Zurück nach Berlin und so gut wie gleich weiter nach Südtirol zur Hochzeit von zwei alten Freunden. Also, was schön war. Eine Hochzeit von alten Freunden hat sehr viel Potential schön zu sein. Das meine ich ernsthaft. Ich mag das, wenn sich Tanten und Onkeln rumtummeln und alle aufgepimpt herumlaufen. Wir verbrachten einen ganzen Tag zwischen Meran und Sirmian bei Sekt, Essen, Wein und Bier. Abends sind wir in den Weinkeller und haben bis vier Uhr morgens getanzt und danach noch mit meiner schwester und ihrem Mann durch die lauschige Meraner Nacht nach hause spaziert. Viele alte Freunde getroffen, die mir immer noch wichtig sind und einige neue schöne Bekanntschaften gemacht. Dieses Gefühl am nächsten Tag aufzuwachen und einen sehr intensiven, schönen Tag gehabt zu haben.

Was in drei Wochen schön war zusammenzufassen geht nicht so wie ich es mir vorgestellt habe. Es bilden sich lediglich so etwas wie größere Highlights heraus. Ich muss die Abstände verkürzen.

[was schön war]

Das was Anke macht. Zurückschauen auf den Tag und protokollieren was schön war an dem Tag. Solche Ideen finde ich so, wie soll ich sagen: so toll, dass ich mir die Hände vors Gesicht schlagen will, weil ich nicht mehr weiß wie gucken. Das mache ich jetzt auch. Protokollieren war schön war, weil es die schönen Dinge sind, auf die ich zurückgucken will. Vor allem auch um die kleinen Freuden besser zu verstehen, wie neulich, als der Schlosser meine Wohnungstür reparierte. Meine Wohnungstür kann man nur mit zwei Händen und einigem an Kraft bedienen. Seit der Schlosser sich an der Tür zu schaffen gemacht hat, geht sie zu wie Butter. Ich kann den Schlüssel drehen, ohne mit der zweiten Hand die Tür anzuheben und es gibt keine Geräusche mehr, die das Treppenhaus zum Beben bringen. Ich saß den ganzen Tag im Büro und freute mich darauf nach hause zu kommen und diese butterweiche Tür zu öffnen. Es war dann wirklich so: die Tür ging auf als würde ich ein Messer in weiche Butter versinken lassen. Das war schön. Aber natürlich gibt es noch viel schönere Dinge. Muss ich alles mal aufschreiben. Einmal in der Woche. Vielleicht auch einmal am Tag. Einmal am Tag wäre besser, aber für den Anfang: einmal die Woche. Mindestens.

Vielleicht mache ich das irgendwann auch mit den schlechten Dingen, die Dinge, die mich richtig anpissen, also die Dinge, gegen die ich Antimittel erfinden muss. Überhaupt: man ist ja ständig dabei, Methoden zu finden um allen möglichen Scheiß zu ertragen. Vielleicht mache ich statt der schlechten Dinge, eine Blogserie über Antimittel. Genau. Lebensprotokoll für Erfindungen gegen die schlechten Momente im Alltag und die schlechten Dinge überhaupt.

[mein Leben als Wikipedia Editeur]

Weil wir im Juni sind, wenn der Götterbaum wieder die ganze Stadt mit seinem Spermageruch einweht, musste ich an den Wikipedia Artikel denken den ich letztes Jahr geändert habe. Auf den Artikel stieß ich, weil ich mich schlichtweg dafür interessierte, ob jemand es auf elegante Weise verstanden hatte, den Spermageruch zu benennen. Mich interessiert das, wie man unverkrampften Duktus bei sexuellen Themen findet, wie es mich generell fasziniert, gute Formulierungen für alle möglichen Dinge zu finden. Als ich den Wikipediaartikel aufschlug, stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass in dem Artikel das Wort “Sperma” gar nicht vorkam. Der Geruch wurde als “unangenehm, stinkend” bezeichnet.
Nun führe ich schon mein ganzes Leben einen privaten Kreuzzug gegen alles was mit konservativ erscheint. Alles verklemmte, rückwärtsgewandte, engstirnige und auch mutlose. Ich kann so etwas nicht sehen, ich bin da fast schon missionarisch aus Angst in vergangene und düstere Zeiten zurückgeworfen zu werden. Wenn ein Baum so offensichtlich nach Sperma riecht, dann muss das auch so dastehen, auch in einem Wikipedia Artikel wenn er wissenschaftlich daherkommt. Ich dachte, jetzt haust da mal das Wort “Sperma” rein. Mal sehen wie lange es dauert, bis ein Konservativer Sittenwächter kommt und es löscht. Aber: nix ist passiert. Ich schaute noch wochenlang jeden Tag rein. Niemand löschte es. Fast ärgerlich, wenn man im missionarischen Eifer keinen Gegner hat.

Meine zweite Änderung eines Wikipediaartikels (in meinem an Wikipediaartikeländerungen nicht sehr reichem Leben), war eine Änderung des italienischen Eintrags von Hertha BSC. Es gab da eine Passage die sich mit dem Artikel befasste. In Italien gibt es zwei männliche Artikel. Das “il” und das “lo”. Meistens wird das “il” verwendet, bei ein paar Ausnahmen gilt allerdings das “lo”. Der Absatz beschäftigte sich anhand einiger Beispiele damit, dass beide Artikel angewandt werden können. Jetzt kommt mein Problem. Hertha ist ein Frauenname. Ich bin durch und durch Gynophil. Wenn ich sowas lese krümmen sich mir die Zehennägel.
Also holte ich aus, ergänzte, dass Hertha einn Frauenname sei, dass “il” komplett falsch sei, man “lo” zwar mit Verweis auf “BSC” anwenden könne, es aber üblich sei von “la” Hertha zu reden. Das ganze garnierte ich bedeutungsschwer als eigenes Unterkapitel mit dem Namen “articolo”.
Am nächsten Tag kam jemand und löschte die gesamte Passage. Die meines Vorschreibers und meine Ergänzungen. Hab mich da nicht mehr aufgeregt.

[...]

Ah und hört doch endlich mit diesem ethnischen Zuordnungsquatsch auf. Deutsch-Türke, Deutsch-Ghanaer, Deutsch-Tunesier. Ich kann Sportkommentatoren nicht mehr zuhören. Boateng ist einfach Deutscher, Basta. Immer dieses Bedürfnis unblonde deutsche in ethnische Schubladen zu denken, kein Wunder, dass so viele Idioten ihr realitätsfremdes Deutschenbild ständig bestätigt glauben.

[...]

Diese Wohltat als ich aus Malta kommend in Berlin landete und wieder gutgekleidete Menschen sah. Dieser Touristenlook, das ist so eine Verwahrlosung, die fängt zuerst außen an und geht bis ganz nach innen. Zuerst werden die Hosen kurz, verbleichen, werden beige, die Tshirts auch, das Gemüt, das schattensuchende Hängen unter den Sonnenschirmen, das langsame, gebückte Laufen. Wie ich gebückt durch das kleine Städtchen lief und im Schaufenster diesen dicken, haarigen Mann sah und dachte, shit, wer ist dieser dicke, haarige Mann.

[Kufstein Bhf]

Vorletzte Woche fuhr ich mit der Bahn von Bozen nach Berlin. Der Bozner Bahnhof war immer schon ein Ort an dem Leute herumhängen, in Grüppchen zusammenstehen, oft Drogengeschäfte, Sexgeschäfte, Männer die Wurst essen oder Zeitung lesen. In diesem April 2016 sah man natürlich viele Menschen mit dunkler Hautfarbe ein wenig zielos herumirren. Draußen vor dem Gebäude, drüber in dem kleinen Park, aber auch auf dem Bahnsteig und in der Halle. Junge, vermutlich aus Afrika stammende Männer mit Gepäck. Keine großen Koffer, eher kleinere Taschen, gut gefüllte Turnbeutel oder Rucksäcke.

Ich musste in Kufstein umsteigen, dabei hatte ich fast zwei Stunden Aufenthalt. In der Nacht davor hatte ich mein Telefon nicht aufgeladen, da ich der Steckerinfrastruktur der ÖBB und Trenitalia vertraute. Ich würde diesen letzten Satz nicht aufschreiben, wenn sich dieses Vertrauen nicht als großes Missverständnis herausgestellt hätte. Die Fahrt bis nach Kufstein sog ich also den Akku meines Telefons leer. Ich mache ja fast alles nur noch auf diesem Telefon. Nachrichten lesen, Emails schreiben, Bücher lesen, OK mehr ist es nicht, aber mein Leben besteht nur noch aus diesen drei Dingen.

In Kufstein am Bahnhof bot sich ein ähnliches Bild wie in Bozen. Männer, die mit gefüllten Taschen herumstanden. Auffallend viel Polizei auch. Eine seltsame Stimmung des Beobachten und beobachtet werden.
Ich ging in die Bahnhofshalle und fragte die Frau der ÖBB nach Steckdosen. Sie wollte mich in eine Kneipe gegenüber des Bahnhofs schicken, aber das wollte ich nicht. Mein Akkuzeichen war nur noch eine dünne, rote Linie. Als ich dann auf die Bahnhofstoilette ging da sah ich neben dem Waschbecken eine einsame und verwaiste Steckdose. Die mit dem Rasiererzeichen. Rasiererzeichen. Das ist das neue Hipsterzeichen für Telefonladedose. Ich, voll im Hipsterglück, steckte mein Telefon in die Ladedose und fühlte mich gerettet.
Ich blieb eine ganze Weile da stehen, las Nachrichten und schrieb Emails. Die Toilette war erstaunlich ruhig, eine ganze Stunde lang kamen lediglich zwei Männer ins Klo. Ich tat betont desinteressiert, auffällig mit Kabel an meine Ladedose genabelt.

Dann kam dieser junge, afrikanische Mann. Er war mir im Zug durch Österreich schon aufgefallen, er hatte seine kurzen Kraushaare nach oben gezwirbelt, das gefiel mir, deshalb hatte er im Zug meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich hatte gehört wie er jemanden in sehr brüchigem englisch ansprach. In Kufstein am Bahnhof sah ich ihn dann nicht mehr. Um ehrlich zu sein, hatte ich ihn vergessen. Erst als er auf die Toilette kam, erkannte ich ihn gleich wieder. Er hatte keine Taschen bei sich, er reiste mit Händen in der Jackentasche.
Er ging zum Pissoir. Ich tat wieder betont desinteressiert. Hinter mir hörte ich erstmal nichts. Der Toilettenraum war sehr eng, so eng, dass wir Rücken an Rücken vielleicht einen Meter auseinander standen. Er pinkelte nicht. Er schien zu warten. Aus den Augenwinkeln erkannte ich im Spiegel (ich stand ja am Waschbecken), dass er stillstand. Vermutlich versuchte er die Situation oder mich einzuschätzen, ich weiß es nicht genau. Ich las einfach Dinge auf meinem Handydisplay. Es raschelte, er suchte etwas in seinen Jackeninnentaschen, ich hörte etwas Zelophanartiges, er zog es heraus und steckte es in die Socken. Dann eine Weile lang nichts. Dann sprach er mich an: excuse me. Ich setzte ein freundliches Gesicht auf. Menschen mit einem schwierigen Leben verdienen es freundlich behandelt zu werden. How can I help you, fragte ich. Er fragte ob es in der Bahn Polizeikontrollen gäbe. Sein englisch war sehr schlecht.
Ich sagte: ziemlich sicher ja.
Während er mit mir sprach richtete er sich das Zelophanpäckchen in seiner Socke, er redete praktisch auf einem Bein mit mir. In meiner Jugend versteckte man Hasch und Grass in den Socken. Dass ich mit meiner weißen Mittelstandsschicht an Betäubungsmittel dachte, spricht vermutlich für sich, als hätte ein Mensch auf der Flucht nichts besseres zu tun als Betäubungsmittel mitzuschmuggeln, als ginge es darum den Worstcase noch wörster zu machen.
Do they control in train? Police? fragte er wieder.
Ich wiederholte, dass das sehr wahrscheinlich sei. Er wusste mit meiner Antwort aber nicht viel anzufangen. Ich hingegen wusste mit der Situation nicht viel anzufangen, ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass man einfach mit der Bahn eine Grenze überquert. Ich fragte ihn, ob man nicht einfach besser auf die Nacht warte und dann durch den Wald ginge. Er verstand mich nicht. Dabei weiß ich nicht, ob es an der Sprachbarriere scheiterte oder ob mein Vorschlag seltsam war. Ich öffnete Googlemaps zoomte auf den Bahnhof ein, zeigte den Fluss, zeigte die Grenze im Wald. Naiv von mir vielleicht. Er schaute nicht wirklich hin. Er sagte, dass er alle seine Dokumente in Italien gelassen habe. Er richtete sich wieder das Zelophan in seinen Socken. Wir standen dann ein bisschen nebeneinander. Es verging einige Zeit. Dann sagte er: OK. Und drehte sich um. Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könne. Er blieb kurz stehen, dann ging er raus.

Fünf Minuten später musste ich zu meinem Zug. Der Zug nach München stand abfahrbereit auf einem Stumpfgleis. Von weitem sah ich schon, dass uniformierte Sicherheitsleute den Einsteig in die Bahn kontrollierten. Sie standen lediglich am ersten Wagen, ich ignorierte sie und wollte weiter zu den nächsten Wagen. Man rief mich heran, ich müsse hier einsteigen, ich erwiderte, dass mein Wagen weiter hinten sei, sie sagte, dass es heute nur hier vorne einzusteigen ginge. Man forderte mich auf mich auszuweisen. Ich sagte, ihr seid keine Polizisten, ich muss mich nicht ausweisen. Dann zeigten sie auf einen Polizisten der im Wagen saß. Dieser nickte. Ich zog meinen Privilegiertenpass hervor und zeigte meine privilegierte Staatsangehörigkeit.

Wenig später saß ich auf meinem reservierten Platz am Fenster. Und der Zug fuhr los.