[...]

Beim Anflug auf Tegel auch. Wenn dieses Berlin auftaucht. Man sieht die ganze Stadt vor sich liegen, so erfassbar, nicht in ihren Einzelteilen sondern sie als Ganze, wie sie daliegt im märkischen Sand, ich klebe an der Scheibe, wir kommen vom Westen und umkreisen sie einmal, wir sehen den Fernsehturm, sehen das Tempelhofer Feld, den Tiergarten, wir überfliegen Schönefeld, drehen eine weite Schleife über die Ostbezirke, wir kommen immer näher, immer tiefer, steigen ab. Ich habe noch keinen Soundtrack dafür gefunden, es gibt bestimmt diesen perfekten Soundtrack für eine Tegellandung, so als Vorspann zu einem Film, wo die Protagonistin zum Fenster hinausschaut und mit ihrer Off-Stimme etwas bedeutungsschweres erzählt, von einem Wiedersehen, einem Abschied, während sie hinabsinkt, dahinter die Radialen, die auf den Alex zulaufen und die Turbinen dröhnen, die Dächer der Häuser kann man schon fast anfassen, Kurt-Schumacher-Damm, Aufschlag.

Ich sollte schnell Filmemacher werden bevor Tegel schließt. Ein paar Jährchen dürfte ich noch Zeit haben.

[fb #2]

Beim Fallrückzieher muss man fallen, bleibt man nämlich stehen, heißt das Stehrückzieher und man schießt sich ins Gesicht. Lerne niemals aus.

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Baj heißt auf schwedisch: Scheiße. Wenn man so will, dann heißt Scheißen in schwedischer Kindersprache: Bayern.

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Hach, Sommerregen.

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Die Amerikanerin in der Ubahn fragt, warum die Lautsprecherstimme immer “Einstein bitte” sagt. Ich finde, die BVG sollte wissenschaftliche Referenzen abschaffen. In Hamburg hat man es vorgemacht.

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Ich wusste den ganzen Tag, dass heute Freitag ist. Aber ich weiß erst seit vorhin, dass Morgen Samstag ist #yeah

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9:00Uhr Morgens Kottbusser Damm. Ein junger Mann mit Kopfhörern geht zur Mülltonne, hält sich mit dem Finger ein Nasenloch zu, zielt und schießt einen Rotzklachel durch den Öffnungsschlitz. Ah, Preussen.

[...]

Gestern spielten wir in der Mittagspause in diesem Fußballkäfig an der Boppstraße. Wir schoben uns den Ball zu, schlugen ein paar Flanken, später übten wir harte Schüsse ans Gitter. Sechs Erwachsene Männer in Sportbekleidung. In der Zwischenzeit wurden wir von Grundschülern umringt, die auf dem Gelände ihre Pause verbrachten. Die Kinder fanden unsere harten Schüsse natürlich toll. Ich bin das ja nicht gewohnt, durch kleine Menschen bewundert zu werden. Wenn ein Schuss über den Käfig hinausging, rannten mindestens drei Jungs los und stritten sich darum, wer uns den Ball zurückschießen durfte. Wenn der Ball ins Seitenaus ging landete er bei ein paar Mädchen mit Kopftuch. Die hatten ein paar tolle Tricks drauf am Ball. Eine von denen nahm den Ball mit der Hacke an und lupfte ihn Volley wieder zurück. Wir klatschten. Irgendwann passte ich den Ball absichtlich zu dem Mädchen und sagte: mach den Trick nochmal. Davon war sie so erschrocken, dass sie den Ball verfehlte. Ich bin das ja nicht gewohnt, fand das aber schon rührend.

Als die Kinder von den Lehrern wieder eingesammelt wurden, kam ein kleines Mädchen auf uns zu, stemmte die Arme in ihre Seiten und sagte: Mann, ihr habt uns voll die Mittagspause versaut!

Das hat uns erstmal mitgenommen.

[iron]

Jetzt hat es mich auch erwischt. Fünf Euro, weil ich letzte Woche nichts gebloggd habe. Ich bin seit Januar auch ein Ironblogger, was nichts anderes bedeutet als eisern jede Woche mindestens einen Eintrag im eigenen Blog zu verfassen. Tut man das nicht, zahlt man fünf Euro in einen Topf ein, der regelmäßig geleert wird. Bei diesen Leerungen kommen die Ironblogger zusammen und trinken so viel Bier bis kein Geld mehr im Topf ist. Wenn das Geld weg ist, trinkt man vermutlich einfach weiter.
Ich bin da ja total die Zielgruppe. Ich blogge seit einigen Jahren etwa 0,8 Beiträge in der Woche. Früher habe ich täglich etwas geschrieben, mittlerweile beginne ich oft Einträge, habe aber keine Lust sie zu Ende zu denken, oder ich bin zu müde, manchmal fehlt mir auch der Glaube, dass den Eintrag jemanden interessieren könnte, die Relevanzfrage also. Was natürlich Käse ist. Jetzt bleibe ich eisern dabei. Diesen Eintrag zum Beispiel schiebe ich schon seit Wochen mit mir herum. Ich wollte über das Ironbloggen schreiben, falls ich mal nichts zum Schreiben haben, ist ja praktisch, so ein Thema auf der hohen Kante zu haben. Letzte Woche Sonntag wusste ich dann nicht, wie ich diesen Eintrag anfangen soll. Dann Patzbumm. Woche um, fünf Euro weg. Am Montag begann ich dann diesen Eintrag, ich schrieb “Jetzt hat es mich auch erwischt”. Ich schrieb jeden Tag eine oder zwei Zeilen darüber. Jetzt ist aber wieder Sonntag, es war keine sehr blogbare Woche, aber ich habe ja dieses Thema, jetzt muss ich den Text nur noch irgendwie fertigkriegen.

[uh]

Das Gekeife der Leute. Dass Hoeneß in den Knast muss. Dieses Bestrafen, Rächen, ihn leiden sehen, die Befriedigung, der Schaum vorm Mund.

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Als er sagte, er wolle sich nicht dagegen wehren, sich der Strafe stellen, das Eingeständnis der Schuld, die Demut auch, ich kaufe ihm das alles ab, wie er sich dem Schicksal stellt. Natürlich kommt er früher frei, natürlich wird er im Knast nicht mit feuchten Handtuchknoten bearbeitet, natürlich ist er ein Edelknacki, aber wie er sich dem Schicksal stellt, mit seinen Millionen, dieses Übermaß an Freiheit und Möglichkeiten, die sein Leben ihm immer boten. Dies jetzt unter Demut einzutauschen mit der Akzeptanz des Freiheitsentzugs, während draußen die Leute weiterkeifen. Boah, was für eine Grandezza.

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Andererseits: Während die vielen Millionen draußen warten sind die paar Knastjahre ohnehin nichts weiter als eine Pause. Vergleichbar mit Managern, die sich ins Kloster zurückziehen um ihr Leben zu reflektieren. Wie gesagt, ich kaufe es ihm ab, wenn er die Steuerhinterziehung als seinen größten Fehler bezeichnet. Jetzt bezieht er mit gesenktem Haupt seine Mönchszelle und wird beten.
Das meine ich völlig unironisch.

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Allerdings: ich wünsche ihm keinen zahnlosen Dortmund-Hool als Zellengenosse.

Dabei finde ich Steuerhinterzug wie auch seinen Fussballclub ziemlich Stuhlgang.

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Außerdem habe ich Knast ohnehin nie verstanden. Sperrt man nicht Leute weg, wenn sie gefährlich für die anderen sind? Was habe ich davon einen Steuerstraftäter wegzusperren? Immerhin kostet er “uns” jetzt Geld. Ist es nicht sinnvoller jemanden wie ihn am Geld zu belangen? Irgendeine Wurzelrechnung aus den Siebenundzwanzig Millionen ziehen, das Geld den Armen geben und den Hoeneß ziehen lassen?

Achso, das Keifen der Leute.

[tumileid]

Man kann sich ja nicht entschuldigen. Man kann nur um Entschuldigung bitten. Es bleibt dem anderen überlassen ob er einen entschuldet. Dieser Andere kann auch keine Entschuldigung annehmen, sondern er kann nur entschulden. Dafür wurde das Leidtun erfunden. Man kann sagen, dass es einem Leid tut, damit sagt man dem Leidtragenden, dass das eigene Verhalten nicht okay war, jedoch ist es ihm freigestellt, ob es zu so etwas wie einer Entschuldung kommt. Man selbst gerät in die Rolle des Demütigen, der über sich urteilen lässt. Findet eine Entschuldung des Leidtragenden nicht statt, worauf der Leidtragende sein gutes Recht hat, ist er halt ein bisschen grummelig und nachtragend, es ist aber sein Recht. Leidtun ist hauptsächlich für Eilige sinnvoll, wenn man mit Koffern durch den Flughafen (oder mit Ellbogen durch die Welt) marschiert. Man hat nicht die Zeit, stets abzuwarten ob es zu einer Entschuldung kommt, sondern man wirft bei Anremplern einfach ein “Tut mir leid” durch die Gegend, in der Hoffnung, dass der eine oder andere eine Entschuldung ausspricht. Mit ein bisschen Glück kommt man auf eine Entschuldungsquote von über 50% (“Ist okay, kein Problem”) und man selber läuft nicht mit dieser ungeheuerlichen Schuldlast herum. Und mal ehrlich, die Grummeligen und Nachtragenden, die einen nicht entschulden, sind doch immer ein bisschen selbst schuld.

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Jetzt bin ich auch weg von ICQ Whatsapp und hinüber zu Telegram. Dort sitzen schon zehn meiner Kontakte. Die üblichen Verdächtigen. Punker, Quersitzer, Blogger, Mörder und Räuber. Back home.

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Wiedermal die Retouren-Kartons auf die Post gegeben. Den letzten Karton habe ich aus Mangel an Fußballzeitungen mit einem Ausdruck eines älteren Manuskriptes ausgepolstert. Da ich Angst hatte, jemand bei der Telekom würde mit meiner Arbeit zum Millionär und gefeierten Romancier, habe ich die erste von 160 Seiten weggelassen. K sagt, ich hätte besser jedes zweite Wort durchgestrichen. Da hat sie natürlich recht. Ich dachte, das Fehlen einer Seite bringt das Kunstwerk aus der Balance. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen: unterschätzt nicht den Wert von Fragmenten.

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Wenn Männer in der U-Bahn breitbeinig und das Territorium markierend sitzen, braucht man nur zärtlich zu sein. Den Oberschenkel an seinen Oberschenkel reiben. Ohne Druck, nur zärtlich reiben. Zwei mal, das reicht. Dann hat man wieder Platz. Das funktioniert natürlich nur unter Männern.

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Es gibt die zwei Situationen, in denen ich zahm wie ein Lämmchen bin. Die eine Situation ist bei meiner Zahnärztin, wenn sie sich beim Aufreißen meines Mundes über mich beugt und dieser Geruch von frisch gewaschener Wäsche meine Sinne benebelt. Sie könnte mir die Zähne mit einem Meißel bearbeiten und ich säße nur da, zahm wie ein Lämmchen, verzaubert. Ich habe mich nie getraut nach ihrem Waschmittel zu fragen.

Die andere Situation ist das Radio beim Schnipseln von Obst und Gemüse. Ich höre selten Radio und ich schnipsle ungerne Obst oder Gemüse. Kombiniere ich allerdings das Schnipseln mit dem Radiohören, dann erledige ich beides mit einer bisher ungekannten Intensität. Es müssen diese Redesendungen sein, wo Menschen endlos über Dinge reden, Interviews, Reportagen, Gesräche. Wenn ich dabei Obst oder Gemüse in kleine Stücke hacke interessiert mich jedes Thema, wirklich JEDES Thema und ich schneide dabei wie ferngesteuert Gemüse oder Obst. Wenn ich nichts mehr zwischen den Fingern habe was sich zerkleinern lässt, dann ärgere ich mich regelrecht, manchmal viertle ich dann einfach die bereits vorher geschnittenen Teile oder schnipsle Vorräte auf. Ganz klein und quadratisch.

[Bushi No Kondate]

Vorgestern auf der Berlinale diesen japanischen Film gesehen. Er spielte im Japan des frühen achtzehnten Jahrhunderts und zeigte Menschen beim Zubereiten von schönen Speisen, also beim schönen Zubereiten von schönen Speisen. Schöne Werkzeuge, erlesene Zutaten, zeremoniertes Zubereiten, Riten. Ich weiß nicht, inwiefern der Film die Zustände weichzeichnet, dafür kenne ich Japans Geschichte zu wenig, wenn man mal von den Taten im zweiten Weltkrieg hinwegsieht würde es mich nicht wundern, wenn den Japanern so etwas wie eine superschönes und supersauberes kulturgeschichtliches Selbstverständnis zugrundeliegt. Denke ich an Japan, denke ich an, öhm, Sauberkeit, papierne Wände, Höflichkeit, Menschen, die barfuß über Bastmaten oder auf Pantoffeln laufen, kniend auf dem Boden sitzen und dort essen.

Denke ich an das frühe achtzehnte Jahrhundert in Europa, dann denke ich an Friedrich Zwo in seinem Potsdamer Schloß und denke an seine vornehmen französischen Gäste, die in die Ecken hinter die Vorhänge urinierten.
Dieser Film zeigt ein Japan, in dem es bereits damals in niedrigeren sozialen Schichten die strikte Trennung zwischen Innen- und Außenbereichen gab. Die Innenbereiche waren Bohlen auf denen die Leute in ihren Pantoffeln liefen oder in unpraktischen Haltungen auf dem Boden knieten und ihre Hände falteten. Unmöglich, dass da jemand ins Eck hinter die Vorhänge urinierte.

Andererseits: es wurden keine Klos gezeigt. Es wurden allerdings auch keine Vorhänge gezeigt, hinter die man hätte pissen können. Es wurde nie aufs Klo gegangen. Passiert in Filmen ohnehin selten. Aber hier: ausgeschlossen. Jetzt weiß ich natürlich nicht wie japanische Klos im Japan des frühen achtzehnten Jahrhundertes aussahen. Macht mich ganz fertig, wenn man sich so in ein Weltbild hineingedacht hat und dann an Toiletten verzweifelt.

[fb #1]

Im Deutschlandfunk läuft eine Sendung über Internationale Gerichte. Ich denke: oh nein, Kochsendung.

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Mitgliedsnummer 88. Ha. So was kann man doch sicher für viel Geld verkaufen.

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Ich werde das jetzt einmal im Monat tun. Meine Zweizeiler aus Facebook oder Twitter ins Blog stellen. Zumindest bis Reclaim.fm das automatisch für mich erledigt. Dieses Wegdriften meiner Vergangenheit in die Datensenken von Facebook oder den anderen Diensten. Ich fühle mich da immer matrixmäßig fremdgesteuert.

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Was ich in Italien immer vermisse: einen ordentlichen, deutschen Latte Macchiato.

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Meine ersten richtigen Turbulenzen. Plötzlich roch es nach verschmortem Plastik. Ich wäre fast wieder katholisch geworden.

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repepetitiv

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Wish schreibt man nicht Whish sondern Wish. Meine Finger: immer Whisky wenn die WH’s zu nahe beinander stehen.

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Screenagerliebe. Am schlimmsten sind Gesellschaftskritiker, wenn sie religiös verstrahlt werden. Als würde Selbstgerechtigkeit nicht reichen.

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Heute früh den Schornsteinfeger ins Haus gelassen. Er trug seine schwarze Uniform, hatte einen grauen Rauschebart, lange, wellige Haare und einen samtenen Zylinder auf dem Kopf. Ich war so hin und weg, ich wollte fragen: bringen Sie mir Glück? Stattdessen sagte ich aber: Guten Morgen.
Ich bin ja Profi.

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In der U-Bahn dann der junge, gutaussehende, offensiv lässige Student. Dreitagebart, Brille, nuckelt an einem Bier. Er lehnt sich an die Stange und schlägt ein abgegriffenes Taschenbuch auf: Nietzsche »der Antichrist«. Und war so hin und weg, ich wollte sagen: Punk is dead. Aber er war ja kein Punk.

[#hitzlsperger]

Am Ende ist Hitzlspergers Outing doch ein weiterer Beitrag zur Normalisierung der Homosexualität. Ich glaube da ja total an den Mainstream, wenn Homosexualität durch Identifikationsfiguren oder der Darstellung in Serien, Filmen zeigen, wie normal homosexuelle Menschen sind, es langsam auch in alle Gesellschaftsschichten durchdringt und es einfach normal wird, langweilig eben, kein Thema mehr, denn was bedeuet schon Homosexualität, genau, jemanden zu lieben, basta. Beim Lesen der homophoben Leserkommentare in Foren und ähnlichen Bühnen kotzt mich vor allem an, dass die gleichen Idioten das in fünfzig Jahren einfach scheißegal fänden, aber jetzt eben die Scheißidioten sind, die anderen Leuten eine Scheißangst einjagen, diejenigen zu lieben, die sie lieben wollen.

[so war 2013]

Januar
Im Januar hatte ich Geburtstag.

Februar
Einen neuen Dielenboden in meiner Wohnung verlegen lassen. Eiche. Wollte ich in meinem Leben immer schonmal tun: einen Dielenboden verlegen lassen.

März
Im März ist dieses Blögchen zehn Jahre alt geworden. Den Rest des Monates habe ich vor allem damit zugebracht, eine Entscheidung zu erwägen, die ich dann im April gefällt habe.

April
Die Entscheidung gefällt, meinen Job nach zwei Jahren zu kündigen.

Ende April stieg Hertha wieder in die Bundesliga auf. Das war ein guter Tag.

Mai
Im Mai haben K und ich geheiratet. Das war super. Zwei Tage vorher war das Wetter schlecht und kalt. Am Hochzeitstag: Sonne. Das haben wir natürlich sofort symbolisch interpretiert.

Juni
Mit dem Joggen begonnen. Tennis gespielt. Fussbal gespielt. Mir das Sprunggelenk verletzt. Das muss man sich mal vorstellen. Das Sprunggelenk verletzt. Wie Ben-Hatira, Arjen Robben und Schweinsteiger. Wir sind ein illustrer Kreis.

Juli
Urlaub im Wald in Schweden.

August
Bundesligaauftakt. Hertha gegen Europapokal-Teilnehmer Eintracht Frankfurt. Wie groß die Freude über die Rückkehr in die Bundesliga auch war, die starken Gegner würden es im Laufe der Monate sicherlich wieder vermiesen. Beim ersten Spiel der Saison ggen Frankfurt war es eher die Frage, wie hoch wir verlieren. Dann das. Wir gewinnen 6:1. Das Stadion stand Kopf. Nach dem Spiel erhob sich das gesamte Olympiastadion und applaudierte der Mannschaft lange.

September
Neuer Job.

Urlaub in Island. Hochzeitsreise Teil 1.

Oktober
Ich reise von berufswegen viel.
Mit dem Joggen wieder aufgehört.

November
Ich reise von berufswegen viel.
Zudem habe ich mir mein erstes eigenes Auto angeschafft. Nicht von berufswegen.

Dezember
Viel Auto gefahren.

Hertha gewinnt mit 2:1 gegen Borussia Dortmund und überwintert auf einem Europe-League Platz. 28 Punkte, yeah.

ENDZEITFRAGEN:

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es mir steht.

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger. Bewusst entschieden.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr :)

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr bewegt. Ich habe den ganzen Sommer über gejoggt.

Der hirnrissigste Plan?
Zu glauben, mit mehr Freizeit würde ich mehr Zeit haben, an dem langen Text zu schreiben. Mit mehr Freizeit habe ich aber schlichtweg mehr Zeit vedödelt. War aber auch gut.

Die gefährlichste Unternehmung?
Fliegen.

Der beste Sex?
Mit K.

Die teuerste Anschaffung?
Ein Dielenboden.

Das leckerste Essen?
Ob es das beste Essen war, weiß ich nicht, es war allerdings das Beeindruckendste (und Teuerste). Im Reinstoff in der Schlegelstraße. Wir saßen etwa 4 Stunden an einem neun Gänge Menü, das von Gang zu Gang aufwändig inszeniert und uns von mehreren Bediensteten gleichzeitig erklärt und vorgeführt wurde. Als wir zuhause angekommen waren, blieb ein vages Gefühl übrig, im Theater gewesen zu sein.

Das beeindruckendste Buch?
»Monster« von Benjamin Maack. Insbesondere die Erzählung »Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster«. Diese Geschichte (etwa 70 Seiten) hätte gerne doppelt so lang sein dürfen.

Der ergreifendste Film?
Ich habe in diesem Jahr so viele Filme gesehen, dass mir ein objektiver Rückblick total vernebelt vorkommt. Die stärksten Bilder vielleicht und der Sog, in dem mich der Film vom ersten Momentan an hinengezogen hat, war vielleicht »Gravity« mit Sandra Bullock. Dieser Weltall Film. Denke ich an den Film, sehe ich mich noch immer mit offenen Augen und Mund im Kinosaal sitzen.

Die beste Musik?
Lana Del Rey. Ihre Texte sind und ihre Attitüde sind, nunja, nicht so mein Ding, vor allem glaube ich nicht, dass das ironisch ist. Aber ihre Musik finde ich fast ausnahmslos super. Ich hege seit einem oder zwei Jahren eine Faszination für einfache und groß orchestrierte Popmusik.

Das schönste Konzert?
Neko Case im Heimathafen Neukölln.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
K

Die schönste Zeit verbracht mit …?
K

Vorherrschendes Gefühl 2013?
Viel Zeit auf dem Balkon verbracht.

2013 zum ersten Mal getan?
Alleine geflogen.

2013 nach langer Zeit wieder getan?
Mich um mich selbst gekümmert.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) Hertha (schon wieder) in der zweiten Liga
2) jetzt fällt mir nichts mehr ein. Offenbar sind die Dinge, für die ich selbst verantwortlich bin, unverzichtbar.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dazu fällt mir nichts ein. Das bedeutet dann wohl, dass das nicht nötig war. Zumindest nichts Wichtiges.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich habe soeben gefragt. Das Tablet zu Weihnachten. Neben Ehering und dem Maßbecher von Pyrex.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Grüne Stoffschuhe. Nachdem ich seit mehr als fünfzehn Jahren ausschließlich schwarze Lederschuhe getragen habe, kaufte mir K unangekündigt und unaufgefordert hellgrüne Stoffschuhe. Selten war ein Erlebnis, öhm, erlebnisreicher. Ich wollte ständig aus dem Haus um mit meinen grünen Schuhen herumzulaufen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ja, ich will :)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ja, ich will :)

2013 war mit einem Wort …?
Super.

Foto: Angela Leinen

[...]

Am Vierundzwanzigsten sind wir mit dem Auto durch die Stadt gefahren. Einfach im Kreis und über die großen Radialen. Wir lieben es, wenn die Stadt sich leert, wir lieben aber auch Filme über Schnee oder Filme, die in Alaska spielen, wenn es kalt und dunkel wird und die Menschen weniger werden. Große Städte sind zu Weihnachten immer ein bisschen Alaska-mäßig. Diese Introvertiertheit der Weihnacht. Ich wollte die Gunst des leeren Berlins nutzen um die Stadt mit dem Auto zu erkunden. Neue Wege kennenzulernen, etc. ich bin ja so ein Autoabwürger. Abwürgen geht besser wenn wenig Verkehr auf den Straßen ist.
Wir hatten eine CD mit Weihnachtsliedern von Bing Crosby. Als wir über die Frankfurter Allee fuhren, immer weiter und weiter stadtauswärts wurden wir von den Feierabendmassen auf den Weg nach Brandenburg mitgesogen, wie sie hinausfuhren, weg aus Alaska.

[...]

Hier auch nochmal verlinkt: Ich habe den Proust Fragebogen auf Zeit-Online ausgefüllt.

[mad]

Wie unglücklich ich in Madrid eigentlich gewesen bin. Das wusste ich schon, aber es kommt alles noch einmal wieder, wenn ich an meiner alten Wohnung vorbeilaufe, wenn ich die Wege von damals nachgehe, den Weg zur Metro, oder über die Corredera Alta, das ungute Gefühl, dieses Unrund sein, es ist sofort wieder da, zum Anfassen, nicht in mir drin, aber greifbar. Ich kann es fast riechen. Wie wir uns halbe Nächte am Telefon gestritten haben, wie ich in diesen heißen Sommernächten noch oft mitten in der Nacht aus dem Haus gegangen bin um in der nächsten Kneipe Frustbier zu trinken. Zehn Jahre war ich nicht mehr da, es hat sich auch kaum etwas geändert, außer die neuen Hochhäuser an der Plaza Castilla und die spacigen neuen Bushaltestellen, es ist beinahe heimelig. Ich habe wenig Zeit, ich will nur ein paar alte Wege nachlaufen, schauen ob die versiffte Sidreria noch da ist (ist sie) und ob man noch blaue L&M kaufen kann (kann man). Unfassbar auch, dass ich mal geraucht habe. Wie lange das alles her ist.

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An der Metro Tribunal fällt mir die Geschichte mit der Frau meines damaligen Chefs wieder ein. Jetzt sind elf Jahre vergangen, es liest hier niemand mit, die Geschichte kann man erzählen.
Die Frau meines damaligen Chefs zog erst ein halbes Jahr später nach Madrid, sie war fast dreißig Jahre jünger als er und musste noch ihr Studium in London beenden bevor sie ihm auf die Halbinsel folgen konnte. Als die junge Frau nach Madrid kam, brauchte sie “natürlich” Ausgang und Unterhaltung, für die sich ihr alter Mann nicht sehr interessierte. Da ich als einziger des Teams in der Innenstadt lebte und mir der nicht immer zweifelsfreie Ruf vorauseilte, mich in der Madrilenischen Nacht auszukennen, wurde mir prompt die Aufgabe übergeholfen, seine Frau durch die Clubs der Stadt zu führen.
Ich bin nicht immer dienstbeflissen, zudem ging ich nie besonders gerne in laute Clubs, jedoch bin ich der Gesellschaft einer Frau immer zugeneigt, weshalb ich zeimlich einwandslos den Dienst antrat.

Die Frau meines damaligen Chefs war sehr hübsch, sehr blond, sehr jung und sehr offen. Sie hätte aus einem Hochglanzmagazin entstammen können. Das wusste ich vorher nicht. Mein damaliger Chef war alt, hatte graue Haut, gelbe Zähne und ausgelaufene Tätowierungen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie seine Frau aussehen würde, aber so gesehen muss ich natürlich so etwas wie eine Vorstellung gehabt haben. Ich ging schlichtweg nicht davon aus, dass sie so modelmäßig aussah. Ich kannte vorher nur ihren Namen und wusste, dass sie Mitte zwanzig war, und ich kannte böse Geschichten, dass sie zB. nun einen kleinen Hund bekäme, weil der Chef schon drei oder vier Kinder mit den vorigen Ehefrauen hatte (Gelächter), etc. ich hatte unbewusst wohl auch eine Art Mitleidsgefühl mit in die Verabredung gebracht. Das Gefühl verschwand allerdings schnell.
Wir waren im Cafe Commercial an der Glorieta de Bilbao verabredet. Ich dachte, ein klassisches, spanisches, altehrwürdiges Gesellschaftscafé um ein bisschen zu plaudern und ein Bierchen zu trinken, sei vielleicht ein guter Start in den Abend. Aber mit ihrem Lack-Mini, ihren zwölf Zentimeter Absätzen und dem glitzernden Oberteilchen, sah sie aus wie ein Ufo. Ältere Männer blickten prüfend über ihre Zeitungen hinweg zu uns herüber. Wir tranken ein Bier. Wir tranken es etwas hastig. Also wechselten wir in eine Cocktailbar (Dimmlicht), das entspannte uns ungemein. Sie war sehr lustig und sie redete gern, ich mochte sie, sie hatte so eine positive Art über Leute zu reden, außerdem wirkte sie sehr interessiert und interessierte Leute kriegen mich immer. Ich vermied das sich mir so aufdrängende Thema ihrer Ehe mit meinem Chef, vermintes Gebiet. Wir tranken Cocktails als wären es Biere und entsprechend schnell wurden wir betrunken. Als wir ins Pacha liefen (stolperten) waren wir schon ziemlich hinüber. Deswegen war das Eintrittsgeld auch ziemlich schlecht investiert, wir fanden eine Sofaecke und daraus krochen wir erst am Ende des Abends wieder hervor. Die Frau meines damaligen Chefs parkte ihre Beine vor meiner Nase, bzw. überschlug sie ständig und lag einmal quer, einmal auf dem Rücken, saß dann wieder aufrecht, ihr Rock verrutschte ständig. Ich tat, als sähe ich nichts, ich hielt nur die Konversation aufrecht. Es verging etwa eine Stunde und zwei Cocktails, als sie körperlich wurde (Handlesen, Oberschenkel festhalten, dann Kopf in meinen Schoß, etc.) und schließlich knutschen wollte. Ich sträubte mich und äußerte ein ziemlich verkrampftes “Oh, no, please, this is difficult, difficult..”, dann sagte, sie wolle mir einen Blowjob geben.

Ich bin im Grunde monogam. Ich bin nicht notwendigerweise treu, aber ich bin im Grunde monogam. Wenn ich hier von Treue spreche, dann meine ich die klassische Treue, wie wir sie aus unseren Gesellschaft kennen, dass man eben nicht mit anderen Menschen Sex haben soll, etc. Wenn ich dann sage, ich sei nicht notwendigerweise treu, dann meine ich damit, dass ich es nicht als Verrat an meine Person oder an meine Beziehung sehe, wenn die Person, mit der ich verheiratet oder ver-bezogen bin, mit jemand anderem schläft. Es stimmt mich zwar nicht euphorisch, aber es zerstört nicht die Liebe, die ich für eine Person hege. Ich nehme es zwar als Gefahr wahr, jedoch nicht als Verrat. Ich knutsche und vögle natürlich nicht wahllos herum, im Gegenteil, das mache ich in Wirklichkeit gar nicht, aber Treue bedeutete für mich immer eher sowas wie Loyalität, nicht die körperliche Loyalität, sonder das Helfen, dass man zueinander steht (übrigens auch nach einer Trennung), dass man starke Gefühle füreinander empfindet, dass man einen Weg zusammen beschreitet. Ich halte es für falsch, sich nicht zuzugestehen, dass man auch einmal sexuelle Gefühle für eine andere Person empfindet, oder sich verknallen kann. Wie man damit umgeht, ist natürlich eine andere Frage — und damit wird es kompliziert.

Das muss ich sagen, um zu erklären, warum ich sagte, dass auch ein Blowjob difficult sei. Was dagegen sprach war, dass ich seit anderthalb Jahren eine Freundin hatte. Die Freundin wohnte zwar weit weg und ich war zu der Zeit nicht immer glücklich, aber ich liebte sie doch sehr, und so eine Geschichte fühlte sich für mein Gefühlsleben falsch an. Der zweite Grund war, dass ich sehr betrunken war, und ich mich den ganzen Abend durch ihre offensive Aufmachung irgendwie billig verführt fühlte. Zudem war sie mir auf einer sehr fremden Art unglaublich fremd. Diese ganze Geschichte mit ihrer Ehesituation, ihr Leben (zumindest so, wie ich es mir ausmalte), das machte sie mir unerreichbar fremd. Emotional weit, weit weg. Zumindest aus meiner subjektiven Sicht. Wäre ich single gewesen, hätte ich mich vielleicht nur in drei oder vier Gedankengängen dagegen gesträubt, aber sie war außerdem die Frau meines damaligen Chefs. Sex mit der Frau meines Chefs würde einfach keine gute Sache sein.

Das sagte ich so ähnlich. Also den letzten Satz. Und das mit meiner Freundin.

Damit kippte natürlich die Stimmung. Wir hörten den Beats zu. Sie war leise geworden. Es dauerte nur wenige Minuten, dann wollte sie gehen, ich sollte sie zum Taxistand bringen. Also gingen wir die hundert Meter bis zur Metrostation Tribunal. Weshalb mir diese Geschichte wieder eingefallen ist.

Im Laufe des nächsten Jahres habe ich sie noch vier mal gesehen. Auf einer Firmenfeier und dreimal in einem Café, wo sich das Team nach der Arbeit oft traf. Sie hat vier mal “hi” zu mir gesagt, sonst aber kein Wort mit mir gewechselt. Meine Kollegen waren am nächsten Tag natürlich heiß auf Geschichten gewesen, ich sagte lediglich, dass es nett war und wir im Pacha waren, ein little expensive, aber ok, etc. Das Interesse schwand schnell.
Ich weiß nicht, was sie dem Chef erzählt hat. Er hatte sich am Montag darauf bei mir bedankt, sagte aber sonst nichts, weder einen Kommentar dazu, ob es seiner Frau gefallen habe oder mit einer Nachfrage, ob ich mich denn amüsiert habe. Er sagte nur, thanks for taking out my wife. Das war es. Seitdem kam er mir auch viel reservierter vor, er hielt sich mit der Kumpelhaftigkeit, die er in meiner Wahrnehmung vorher viel deutlicher gezeigt hatte, zurück und suchte auch sonst nicht mehr das Gespräch. Allerdings kann ich das nicht sonderlich gut einschätzen. Wenn ich ihn um die Ecke kommen sah, dachte ich immer nur: Blowjob. Ein ganzes Jahr lang.
Ein Jahr später wollte man immerhin meinen Vertrag mit einem ordentlichen Gehaltsaufschlag verlängern. Aber vielleicht ist das auch nicht seine Entscheidung gewesen.

[...]

Frau Montez hat mir netterweise ein Stöckchen gereicht. Ich war sehr beschäftigt (sorry dafür), aber jetzt hat es geklappt:

1. Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?

Die zweite Frage ist vermutlich provokativ gemeint. Die Antwort auf die erste Frage ist: ich würde sonst die Zeit vergeuden.
Würde ich nicht bloggen, würde ich die Dinge irgendwo anders hinschreiben. Dinge in ein Blog zu schreiben, führt dazu, dass andere es lesen. Finde ich super, das.

1b. Wieviel Zeit geht täglich drauf fürs Bloggen? Und wann schreibst Du?

Ich blogge nicht täglich, zudem blogge ich ganz unterschiedlich (in Länge und in Form). Zur Frage wann ich schreibe: ich glaube, ich schreibe zu jeder Tageszeit. Allerdings führe ich keine Statistik dazu.

2. Welcher Artikel aus anderen Blogs ist dir spontan im Kopf geblieben? (nicht zu lange nachdenken)

Immer wieder unterschiedliche. Der letzte Satz aus einem Blg, der mir unglaublich wuchtig daherkam ist Frau Casinos Eintrag, in dem sie auch genau diesen Fragebogen beantwortet. Da schrieb sie: “[...] so richtig welthaltig ist mein leben eh nicht, ich selber habe zum beispiel nur wenige meinungen und komme im alltag ganz gut ohne sie aus, meinungen sind immer abschlüsse und damit auch tot [...] und irgendwie nicht mehr so interessant.”
So etwas finde ich stark.

3. Deine absoluten Lieblings-Artikel in deinem Blog? (bitte mit Linkangabe)

Auf meiner About-Seite habe ich weiter unten einige Einträge verlinkt, die ich gut finde. Die Liste ist mittlerweile ein bisschen eingestaubt. Ich geh da bei Gelegenheit mal mit dem Feudel drüber.

4. Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?

Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, alle Blogs, die ich gut finde, haben so ihren Lesezirkel.

5. Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?

In meiner Selbstwahrnehmung schreibe ich ja immer nur tiefgründig.

6. Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?

Es überschneidet sich meist. Macht mittlerweile nicht jeder irgendwie Internet?

7. Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast)

Immer wenn ich etwas schreibe. Momentan ja eher weniger. Je weniger ich schreibe, desto seltener schaue ich auch in die Statistiken. Wenn ich viel verlinkt werde, klicke ich alle fünf Sekunden drauf.

8. Kennt Deine Familie (falls Du sowas hast) Dein Blog? Und wie finden die deine Bloggerei?

Ja. Eigentlich kennen alle in meinem sozialen und beruflichen Umfeld das Blog. Ist kein Geheimnis. Manche Menschen finden es anfangs merkwürdig, wenn ich mich sehr persönlich gebe. Manche mögen das mit der Zeit. Diejenigen, die das nicht mögen, lesen es nicht.

9. Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?

Ja, oft. Ich bin durch und durch unseriös. Das einzige, was an mir seriös ist, ist mein Verlangen, seriös zu sein. Das geht natürlich nicht gut.

10. Was würdest du anders machen, wenn du mit den Erfahrungen von heute noch einmal neu im Alter von 14 Jahren beginnen dürftest?

Ich habe zu dieser Frage ganz lange nachgedacht und stelle nun fest, dass ich sie nicht deutlich beantworten kann. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass alle meine Fehlentscheidungen (und das waren wirklich viele) irgendwie so sein mussten und letztendlich auch das in mir bewirkt haben, was mich heute ausmacht. Gähn. Vielleicht wäre es von Vorteil gewesen, wenn die Fehler in Zeitraffer abgelaufen wären, so maschinengewehrmäßig hintereinander, als ich Anfang zwanzig war, oder so, aber ich mache ja immer noch so viele Fehler, ich glaube, wenn alle meine möglichen Fehler maschinengewehrmäßig abgerattert werden würden, dann würde ich immer noch rattern, vermutlich bis ans Ende. Daher ist es vielleicht ganz gut, so wie es läuft.
Doch dann fällt mir etwas ein: ich habe einmal jemanden sehr verletzt. Sehr. Aus Eitelkeit. Das würde ich rückgängig machen wollen.

[portanuova]

Nach getaner Arbeit fährt mich einer der italienischen Kollegen zum Bahnhof. Ich kann mich noch erinnern, dass der Bahnhof einmal ziemlich modern vorkam. Da war ich siebzehn und musste ins Militärkrankenhaus nach Verona, zur Musterung. In Trento galt ich als schwieriger Fall (“Meine Stimmen sagen mir, dass ihr alle Faschisten seid”), also schickte man mich zu den Spezialisten nach Verona. Aber das ist eine andere Geschichte. Den Bahnhof nahm ich damals als groß und hell wahr. Ich bringe das mit dem heutigen Bahnhof nicht mehr in Einklang, er ist nämlich eng und dunkel. Ich weiß nicht, was ich damals gesehen habe. Verona ist jedenfalls eiskalt und ich muss eine Stunde auf meinen Zug nach Mailand warten. Ich stelle mich in eine Ecke der Halle und warte einfach. Ich kann ziemlich gut warten. Ich stelle mich einfach in eine Ecke und schalte mein Innenleben an. Dann vergeht die Zeit. Eigentlich warte ich sogar ziemlich gerne. Das Reisen hat mir zugesetzt, ich sehe mitgenommen aus, rasiert habe ich mich seit sechs Wochen nicht mehr, mein Haar ist keine Frisur, meine Lederjacke habe ich mir bis zum Kinn hochgezogen, ich gucke müde, ich gucke wie jemand der wartet. Vor allem sehe ich aber aus, wie jemand der nicht angesprochen werden möchte. Das sehe aber offenbar nur ich so. Zuerst vertraut sich mir ein junger Inder an, der den Fahrplan nicht versteht. Er möchte nach Venedig, er hat auch eine Karte gelöst (Regionalbahn mit tausenden Stopps), er weiß jetzt aber nicht mehr weiter, er kann kein italienisch und ich nehme an, das Bahnpersonal konnte kein englisch. Ich nehme ihn mit zur Anzeigetafel, finde seinen Zug und Gleis und weise ihm den Weg. Als er geht, stelle ich mich einfach an die nächstbeste Wand und mache wieder das, was ich eine ganze Stunde lang machen wollte: warten.
Dann kommt eine sehr junge Frau. Sie ist vielleicht zwanzig, sehr dünn, Rehaugen, Brünett, Rehblick, grazil, ich würde sagen, sie ist sehr schön. Sie stellt sich mit ihrem roten Koffer vor mir und fragt mich, ob ich wisse, welcher Zug nach Bozen fahre. Ich zeige auf die Tafel und sage, das ist der Zug um 19:12 nach Brenner. Sie fragt: Brenner? Ich sage, ja, Brenner. Sie schaut ungläubig. Ich gebe mich freundlich, sage, ich weiß das, ich bin in Bozen geboren, keine Sorge also. Sie lächelt erleichtert. Dann bleibt sie vor mir stehen. Es ist eiskalt im Bahnhof, der Wind zieht durch die Halle. Auch die junge Frau hat den Kragen bis zum Kinn hochgezogen. Sie bleibt da einfach stehen. Ich gebe mich betont uninteressiert. Mir ist es unangenehm, mit einer grazilen, jungen Frau das Gespräch zu suchen. Es könnte als Flirt missverstanden werden, könnte es das nicht? Junge, schöne Frauen werden ja ständig angequatscht, sie gelten als Maß des Begehrens, jeder will was von ihnen, jeder sucht so etwas wie Bestätigung von ihnen. Wäre ich eine junge, schöne Frau, würden mir Männer vermutlich wie Haare aus den Ohren wachsen.
Sie stellt ihren roten Koffer schräg vor mir und sie steht daneben. Sie schlottert. Es ist kalt. Eiskalt. Habe ich das schon gesagt? Sie hat auch einen Schal an und Handschuhe. In Verona hat es -4 Grad. Ich schaue auf mein Handy, in Berlin misst es sieben Plusgrade. Verrückte Welt. Je mehr sie schlottert, desto kälter wird auch mir, ihr Schlottern geht sozusagen direkt in mich über. Dabei habe ich mich so erfolgreich coconmäßig in diese Ecke des Bahnhofes gestellt. Wie sie so offensiv vor mir steht, kommt mir das Gefühl auf, als läge die Schuld für ihre blöde Situation bei mir. Sie gibt mir keine vorwurfsvollen Blicke, aber das Gezittere macht etwas mit mir. Ich überlege, sie auf ein Café an der anderen Seite des Durchgangs hinzuweisen. Dort ist es wärmer. Andererseits ist das Café dermaßen versifft, dass sie es möglicherweise als Zumutung empfindet. Ich weiß es auch nicht, deshalb lächle ich sie an und sage: freddo. Das bedeutet kalt. Sie antwortet: freddissimo. Das ist eine Steigerung davon. Ich sage: freddissimissimo. Das Wort gibt es nicht, aber dem Klang nach ist es eine Steigerung der Steigerung. Ein Witz aus meiner Kindheit, ich weiß nicht, ob der Witz noch ankommt, erst recht nicht bei jungen Frauen, wenn ältere Männer sie aussprechen. Sie lächelt. Ich schaue auf mein Telefon, lese Nachrichten, meine rechte Hand wird kalt. Mir ist es egal.

Zwanzig Minuten vergehen, sie hat sich nicht von ihrer Stelle bewegt, dann fragt sie, ob ich auf ihren Koffer auspassen könne, sie müsse die Fahrkarte entwerten. Ich sichere ihr zu, dass ihrem Koffer nichts passiert. Als sie zurückkomt, fragt sie nach meinem Namen, dann frage ich sie nach ihrem. Sie fragt, ob ich nach Bozen fahre, ich verneine, ich fahre nach Mailand. Dann reden wir über Herkunft und Wohnorte. Sie kommt aus Elba, sie will wissen, wo ich meinen Meerurlaub verbringe. Ich sage, wenn du aus Elba kommst, dann willst du das nicht wirklich wissen. Sie sagt, sie wolle das unbedingt wissen, ich sage, da liegt im Winter Schnee auf dem Strand. Erst sagt sie: oh. Dann sagt sie, das sei bestimmt lustig. Wir geraten in ein nettes Gespräch, sie erzählt mir aus ihrem Studentenleben und warum sie nach Bozen fährt, ich erzähle ihr etwas über Bozen und aus meinem Leben in Berlin. Uns wird warm. Dann ist es plötzlich, patzbumm, 19:03. In einer Minute fährt mein Zug. Ich schrecke auf, sage, ich muss zu den Gleisen, wir versichern uns, dass es uns gefreut hat, einander kennenzulernen und ich laufe zu den Gleisen. So. Das war’s.

[bcn]

Am Morgen hin und am Abend wieder zurück. Ich fliege frühmorgens irgendwo hin, spreche mit Leuten und lande spät am Abend wieder in Berlin. Ich bat den Taxifahrer an der Sagrada Familia vorbeizufahren, damit der Ort nicht austauschbar wird.

Andererseits, unaustauschbar: als mein Kollege und ich uns etwas zu essen suchten (Tapas natürlich), was in solchen ranzigen Außenbezirken kein leichtes Vorhaben ist, traten wir nach einigen Runden um Häuserblöcken, in ein Lokal ein, das uns versprach Paella und Tapas aufzutischen. Der Laden war ziemlich lieblos mit weißen Plastikstühlen und weißen Plastiktischen eingerichtet. Glückspielautomaten standen in den Ecken. So lieblos, dass es fast schon urig war. Außerdem roch es nach altem Fett. Die Betreiber waren Chinesen, die ganze Großfamilie schien im Lokal vertreten, sie saßen am Tresen oder dahinter, niemand aß etwas, mein Kollege und ich waren die einzigen Gäste. Man sagte mir unaufgefordert, dass es keine Paella gäbe, also bestellte ich in ziemlich verrostetem Spanisch sechs Tapas für zwei Personen. Als das Essen kam, waren es aber Bocadillos, also Baguettes, mit dem bestellten Tapas-Inhalt. Das war natürlich blöd. Drei Baguettes pro Person ist ja eher viel. Einer der Chinesen am Tresen lachte laut und sagte dann mit breitem österreichischen Akzent: des is bled.
Ich fragte, ob mein Spanisch wirklich so schlecht gewesen sei. Er grinste und sagte, das wisse er doch nicht, er könne kein Spanisch.
Dann weiß ich auch nicht was ich falsch gemacht hatte.

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Letzten Freitag Barcelona, die Woche davor Verona, und so weiter. Wenn ich Leuten von meinem neuen Job erzähle, schwingt erst immer so etwas wie Glamour mit, man ahnt es aber, dass dem nicht so ist. Nächste Woche Sevilla. Das sind so Abstände, die ich sonst auf Googlemaps betrachte und mit Urlaubsplanung verbinde, mit gewisser Fremde auch, vor allem aber mit Entfernung, für die man Urlaubstage killen muss. Und dann: bloss ein mehrstündiger Kulissenwechsel. Abstände sind eigentlich merkwürdig banal. Das wusste ich nicht.

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Diese Woche: Dinslaken.

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Easyjet, Freitagabend, nach Berlin TXL. Große Gruppen junger Menschen. Es wird Prosecco bestellt, Bier, Wein. Leute wechseln ihre Plätze, flirten, tauschen Telefonnummern aus, schießen Gruppenselfies oder lassen sich vom Steward fotografieren, prosten mit dem Bier der Kamera entgegen, sie singen. Wie Freitagnacht in der M10, wenn die Leute von Hotspot zu Hotspot partyhopsen. Partytram international.
Mich stimmt das versöhnlich. Ich bestelle ein Bier, ein zweites, ein drittes. Dann landen wir.

[rola]

Bitte, darf ich vorstellen: Rola. So hat K es genannt. Rola ist mein erstes Auto. Seit einigen Tagen steht es unten vor der Haustür. Rola heißt Rostlaube. Doch jetzt haben wir gesehen, dass es eigentlich gar nicht rostig ist. Rot aber. Rot Laube also. Mittlerweile benennen wir es aber gar nicht mehr, nur “das Auto”. Wir sind bereits drei mal damit gefahren. Als erstes sind wir zu Kaufland. Das wollte ich immer schon mal. Mit dem Auto nach Kaufland, in das Parkhaus fahren, Parkhaustickets ziehen, Schranken und dann den Einkaufswagen bis zum Rand hin füllen. So wie Erwachsene das tun. Das war total aufregend. Es ging auch beinahe alles gut. Bis auf die Verwechslung des Vowärts- und des Rückwärtsganges. Das war aber nicht schlimm. Von dem anderen Auto hat nur das Plastik geknackt. Es war auch nur ein Mercedes. Zudem saß auch niemand drin.
Als wir dann mit den Einkaufstüten zuhause ankamen, standen wir ein bisschen verloren im Hausflur herum. Das ganze fühlte sich gar nicht so erwachsen an, wie erwartet. So viel Aufwand für nichts. Das war schon komisch. Hat uns aber nicht weiter beschäftigt.