[blubb]

Wie der Gerstensaft da auf meinem Wohnzimmerboden vor sich hinblubbert, mensch, ich könnte dem stundenlang zugucken.

[ohr]

Die Ohrenärztin hat mir zuerst die bösen Sachen aus den Ohren rausgenommen und dann die Guten Sachen in die Ohren hineingesteckt. Ich müsse die guten Sachen zwei Tage in mir behalten, sagt sie. Danach sage ich, ich würde fast nichts mehr hören, meine Ärztin antwortet mir, sie nickt und bewegt die Lippen, aber aus meinem seltsamen Aquarium klingt sie wie ganz weit weg, dumpf, mein Herzschlag übertönt sie. Sie gibt mir einen Zettel mit. Salben. Ich schwanke in die UBahn, gehe in die Apotheke, zeige der Frau an der Kasse den Zettel, sie sagt etwas, ich nicke einfach, schaue auf die Kasse, sehe den Preis und bezahle. Ich gehe ins Büro, ich werde angesprochen, ich sage, ich höre nichts, die Leute finden das lustig, ich rede so laut, so viel und so schnell, dass niemand die Chance bekommt, das Gespräch zu übernehmen, würde ich das Gespräch aus der Hand geben, würde ich hoffnungslos untergehen, die Konversationen gehen von mir aus, in den Meetings, ich sage vorher, dass ich nichts höre und fange an zu reden, superpraktisch das, ich muss nicht mehr zuhören. Hätte ich viel früher machen sollen.

[notizen, LA/NY]

Im Flieger nach Los Angeles »Boyhood« geschaut. Das ist der Film, der tatsächlich über zwölf Jahre hinweg gedreht wurde. Eigentlich habe ich nur wie ein verliebter Hamster dagesessen und Patricia Arquette beim Altern zugeschaut. Wie sie immer dicker, älter und schöner wird. Erstaunlich, das.
Ganz nebenbei erzählt der Film von der Vergänglichkeit, von der kindlichen Erwartung an die Liebe, die Enttäuschungen und vor allem über dessen Banalität. Der Film hat mich zu vielen Gedanken angeregt, ich muss das alles einmal ordnen und aufschreiben.

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Zum ersten Mal am Pazifik gewesen. So sah der Blick aus der Firmenwohnung aus:

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Der Pazifik ist so laut, man kann genau so gut an einer Autobahn schlafen.

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Ich verstehe Los Angeles nicht ganz. Leider hatte ich so viele Termine, dass ich nicht nach Downtown oder Hollywood fahren konnte. Vielleicht würde sich die Stadt mir dann eher erschließen. Diese Entfernungen. Wir fahren durch ein Meer an Flachbauten. Flachbau an Flachbau an Flachbau. Ampel an Ampel an Ampel. Es würde anderthalb Stunden bis nach Downtown dauern, es gibt nicht wirklich Bahnen. Zu Starbucks “around the corner” fährt man mit dem Auto. Es befindet sich zwei Straßen weiter. Später habe ich gesehen, dass man die Strecke tatsächlich kaum laufen kann. Es gibt nur einen Zebrastreifen, der einen Umweg bedeutet, und die Strecke ist nicht durchgehend mit Gehsteigen ausgestattet. Der Rest der Grundstücke ist privat. Mich fasziniert das total.

Das Wetter. Fünfundzwanzig Grad Mitte November, das ist schon toll. Positiv auch: Palmen. Zumindest am ersten Tag. Fotos von Palmen kann man allen Freunden ins kalte Europa schicken und alberne Grinsesmileys anfügen. Ich weiß nicht, warum man so etwas macht. Vielleicht wie mit dem Fotografieren von Essen, das drängt sich so auf. Überhaupt habe ich in Los Angeles nur Essen und Palmen fotografiert. Und ein Selfie am Pazifik. Und den Pazifik natürlich. Und meine Füße im Sand. Aber kaum etwas von der Stadt an sich. Vielleicht sagt das etwas über die Stadt aus. Sie ist nicht sehr anwesend, sie fühlt sich nicht sehr nach Stadt an, eher wie eine riesige Vorstadt, Reihenhaus an Reihenhaus. Die Hochhäuser der Downtown habe ich aus der Ferne gesehen, als wir über eine Brücke des Freeways fuhren. Zum Essen waren wir in einem Einkaufszentrum verabredet. Dort gab es Restaurants und auch Bars. Auf die Frage, ob die das immer so machen, essen zu gehen in Einkaufszentren, bekam ich unbefriedigende Antworten. Das meine ich damit, wenn ich sage, ich hätte LA nicht ganz verstanden. Ich muss da wieder hin. Ich bilde mir ein, dass dieser Erkentnisgewinn unerlässlich ist um einen Teil der Zivilisation zu verstehen. Das ist mir noch nie passiert, das Gefühl, einen Ort nicht verstanden zu haben. Mir ist durchaus bewusst, dass man als Besucher in wenigen Tagen keine Stadt wirklich verstehen kann, ich meine nur, dass mich LA völlig verständnislos zurückgelassen hat. Das fällt mir schwer zu akzeptieren.

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Im Flugzeug nach New York saß Captain Picard zwei Reihen hinter mir. Ich muss gleich googlen wie der richtig heißt, ich kann ja nicht jedem erzählen Captain Picard hätte im Flugzeug zwei Reihen hinter mir gesessen.

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New York saugt mich auf. Das ahnte ich schon vorher. Sicherlich bin ich geblendet von allen Bildern, die sich im Laufe der Jahre über diese Stadt angesammelt haben. Ich gehe durch die Stadt und habe das Gefühl, dass alles sehr magisch ist. New York hat eine immense Wirkung, sie ist sehr physisch. Ich bin glücklicherweise übers Wochenende da und habe Zeit, die Stadt zu verstehen. Um mir zum Einstieg einen schnellen Überblick zu verschaffen steige ich in einen dieser Hop-on-hopp-off Busse ein und fahre bei drei Plusgraden im offenen Bus stundenlang durch die Stadt. Ich nehme auch noch die zweite Tour durch das nördliche Manhattan. Irgendwo in Harlem verlasse ich als Eisklumpen den Bus und muss mich in einem Ubahn-schacht auftauen.

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[keine weiteren Notizen mehr gemacht]

Roma

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Roma.

[...]

Neulich festgestellt, dass mein Blogdesign altmodisch geworden ist. Das war mir eine unangenehme Erkenntnis. Es sah so nach Nullerjahre aus. Dann festgestellt: letztesmal 2007 daran herumgefeilt. Da gab es noch nicht mal Smartphones.
Jetzt habe ich das Blog ins nächste Jahrzehnt gehievt. Sieht OK aus, wie ich finde. Die größere Texte erschlagen jetzt nicht mehr so wie früher, es sieht alles ein bisschen freundlicher aus.

[right now]

Bei Kaltmamsell und Montez gesehen.

Ich lese … seit 14 Monaten keine Bücher mehr. Damit meine ich: keine Romane, keine Krimis, keine Literatur, keine Kurzgeschichten, keine Fiction. Auch keine E-Books. Es ist kompliziert das zu erklären. Werde ich beizeiten aber tun.

Ich trage … eine Wollhose, die mir ein anonymer Verkäufer in Chicago über die Umkleidetür gelegt hat. Die Hose sitzt so perfekt, ich will sie gar nicht mehr ausziehen.

Ich habe … ein chinesisches Handy mit zwei SIM-Karten. Das sage ich immer gerne, wenn ich nach meinem Handy gefragt werde. Ich sage voller Stolz: das ist so ein chinesisches Ding mit zwei SIM-Karten.
Ich weiß nicht, ob mich das cool macht. Manchmal schon. Manchmal eher nicht.

Ich höre … Max Richter. November.

Ich trinke … Wasser.

Ich esse … Popcorn.

Ich stehe … morgens gerne auf.

Ich gehe … Freitags oft ins Kino.

Ich lache … eher oft.

Ich sehe schaue … jetzt doch American Horror Story. Nachdem mir Staffel 1 einigermaßen gefallen hat, war mir die zweite Staffel dann doch zu sehr Horror Porn. Zwar sind die Nonnen allesamt super, aber diese Splattergeilheit ist mir zu offensichtlich, zu absichtlich. Nachdem Jessica Lange in der vierten Staffel Lana del Rey’s Gods and Monsters covert habe ich es mir jedoch anders überlegt. Ich kannte bisher nur die Originalversion. Die Coverversion ist aber noch ein ganzes Stück eindringlicher. Vor drei Wochen habe ich jemandem gesagt, in zehn Jahren würden wir “Gods and Monsters” als einen der genialsten Popsongs der Geschichte bezeichnen. Die Hermetik dieses Songs, wie die Anfangssequenzen ständig lasziv in diese Kadenz übergehen, und wie die Kadenzen in ein Thema zurückkippen, das sich dann wieder als die Anfangssequenz gibt. Das seltsam Umnachtete der Melodie, die sich an diesem bestimmenden, vielleicht sogar stampfenden, Rhythmus entlanghangelt, oder mit halbgeschlossenen Augen drüberräkelt.
Schade ist lediglich die Nennung von “Jim Morrison”, was dem Text auf eine brutale Art die Hermetik nimmt. Damit werden wir auch in zehn Jahren noch leben müssen.

Ich mag … Fischstäbchen mit Kartoffelpuree und Rosenkohl wenn ich krank bin.

Ich schreibe … gerne Postkarten. Sie sind aber nicht sehr lustig. Auch nicht interessant oder klug. Ich schreibe sie aber total gerne. Blöde Kombi, ich weiß.

Ich weiß … dass ich keine interessanten oder klugen oder lustigen Postkarten schreibe. OK, der war albern.

Ich möchte … öfter mal zum Arzt gehen.

[autofahrschwierigkeiten]

Nun war nach meiner Rückkehr aus den USA mein Auto abgeschleppt. Anfangs fühlte sich das sehr erwachsen an, hey, das erste Mal mein Auto abgeschleppt, das war fast so gut wie das erste Mal in die Werkstatt zu fahren. In meiner Straße sollten Bäume gepflanzt werden und ich hatte natürlich die Schilder nicht gesehen.

Auf der Wache sagte man mir, nach Vorlage meines Ausweises, dass man das Auto in der Gartenstraße abgestellt habe, im Weddinger Teil, also im Brunnenviertel, das sei so üblich, weil da immer Parkplätze frei wären und es keine Parkraumbewirtschaftung gäbe. Schön, super Idee, ich mag das immer, wenn Leute gute Ideeen haben. Ich war extra zu Fuß gekommen um flexibel zu sein, in die Gartenstraße, das war höchstens ein halbstündiger Fußmarsch, das war okay.

Ich hatte mich bereits auf Probleme mit dem Auto eingestellt, da ich es schon einige Monate lang nicht mehr gefahren hatte und der Wagen hatte mir schon einige male schmerzlich vorgeführt, dass der Akku nicht mehr der Jüngste ist. Und natürlich: ich so ins Auto gesetzt, Schlüssel umgedreht und nichts.

Drei mal ist mir das schon passiert. Üblicherweise ist das kein Problem. In der Straße in der ich wohne gibt es so viele Menschen, dass sich innerhalb weniger Minuten jemand findet, der mir Starthilfe leistet. Diesmal war ich aber in der Gartenstraße im Brunnenviertel, das ist dieser Teil Westberlins, der auf drei Seiten ummauert war und auf der vierten Seite von den Ringbahn Gleisen abgetrennt wird. Um die Leute von damals vor dem Wegzug zu hindern hat man die alten kaputten Häuser durch neue Betonparadiese ersetzt. So sieht es da jetzt aus, also weniger Paradies aber desto mehr Betong. Und es ist da tot. Die wenigen Autos auf der Straße waren vom Herbstlaub bedeckt, gegenüber läuft der Bahndamm der ehemaligen Nordbahn, zu Mauerzeiten als Grenzmauer umfunktioniert, ich stieg aus, schaute mich um, ob ich einen Helfer erblicken könne, aber nein, es gab niemanden. Es fuhren nicht wenige Autos, Taxis vor allem, es ist die Schleichroute nach Tegel, aber Autos heranzuwinken ist sozusagen nicht mein Stil, ich war auch unrasiert, ich sah sehr nach Samstagmorgen aus und hätte ich so einen Typen wie mich im Brunnenviertel neben der Straße winken sehen, hätte ich vermutlich aufs Gaspedal gedrückt. Ich beschloss zu warten, ich lehnte mich ans Auto und schaute auf das Handy, las Facebook, las Nachrichten, irgendeine Eingebung würde mir schon vom Himmel fallen.
Dann rief ich meine Frau an, die zuhause lag und ein wenig kränkelte, um meine Situation zu schildern, dass es nun eben ein bisschen dauern würde, sie solle sich nicht sorgen. Ich hatte nichts besonderes vor, außer einer lose Verabredung Fußball zu gucken, es war eben noch Vormittag, ich hatte viel Zeit.

Als mir nichts vom Himmel fiel beschloss ich den ADAC anzurufen. Das macht man doch so oder? Das Auto hat ein Problem und dann ruft man den ADAC an, ist das nicht so ein Lobbyverband für Autofahrer, sowas wie Fielmann für Brillenträger, Leute mit Lösungen? Beim ADAC hatte man tatsächlich eine Lösung, man würde mir jemanden schicken, ich wollte vorher aber wissen, wieviel das kostete, ich sei kein Mitglied, sondern suche nur nach einer Lösung. Man sagte mir, das sei kostenlos. Das fand ich super. Wie bei Fielmann eben. Ich wartete also auf den Rückruf.
In der Zwischenzeit lernte ich einen jungen, bulligen Mann in Trainigshose kennen. Er führte seinen großen Hund spazieren. Ich fragte ihn, ob er mir Starthilfe geben könne. Zur Sicherheit sagte ich im dritten Satz “Schöner Hund”. Er wurde sofort freundlich. Leider konnte er mir nicht helfen, er hatte keinen Führerschein mehr.

Eine halbe Stunde später rief mich der ADAC zurück. Man wollte wissen wo ich stand, ich nannte Straße und Hausnummer, fragte aber zur Sicherheit noch einmal nach dem Preis. Dieser Herr nannte mir jetzt 135€. Das ist ungefähr das 135-fache von kostenlos. (OK, Rechnung stimmt nicht). Das lehnte ich natürlich ab. Der ADAC-Mensch empfahl mir eine Taxe heranzuwinken, die hätten immer Startkabel dabei und würden immer helfen. Gute Idee dachte ich, ich legte auf und lief in das Viertel hinein auf der Suche nach einer Geldautomaten. Ich begegnete wieder dem jungen Mann mit dem Hund, der mir sagte, der nächste Automat befände sich am Nordbahnhof. Nordbahnhof, seufzte ich. Ein halber Kilometer südwärts.

Am Nordbahnhof bekam ich dann Geld. Ich dachte ich winke mir dort ein Taxi heran, das mich bis zum Auto bringt und dann Starthilfe gibt. Ich winkte unterwegs, es kam allerdings kein freies Taxi bis ich wieder am Auto stand. Also rief ich den Taxifunk per Telefon an, die mir ein Taxi zum Starthilfegeben schickten. Das ist tatsächlich ein Service, den Taxifahrer so geben. Kostet 15 Euro, ist billiger als der ADAC.
Mein Taxifahrer war ein Hertha-Fan, beim Abschied wünschten wir uns ein gutes Auswärstsspiel gegen Schalke, ich stieg dann in mein Auto mit dem nun laufenden Motor, wollte losfahren und würgte die Kiste ab. Tot. Und natürlich sprang es wieder nicht an. Ich konnte den Taxifahrer noch im Rückspiegel sehen, ich sprang aus meinem Auto und winkte ein bisschen wild. Das Taxi bremste und kam zurück. Er fand das schon lustig, ich sagte, ich sei kein sehr guter Autofahrer. Nachdem er den Motor wieder zum Laufen gebracht hatte, bat ich ihn kurz bei mir zu bleiben, bis ich losgefahren sei. Er sagte: immer feste Gas geben beim Anfahren. Das funktionierte.

Ich wusste aus den vorigen Erfahrungen, dass man ein bisschen fahren muss, um die Batterie aufzuladen. Am besten auf die Autobahn rauf und eine Stunde ordentlich fahren. Ich hatte aber Angst auf dem Weg zur Autobahn zu versagen, ich hatte Angst, auf einer großen Straße an einer Ampel den Motor abzuwürgen und mich plötzlich mitten in einer hupenden, bösen Welt wiederzufinden. Also bog ich in das Brunnenviertel hinein und fuhr um zwei oder drei Blocks. Ich fuhr immer im ersten Gang, 50 Km/h, ich fuhr völlig obertourig, das muss sich furchtbar angehört haben, aber nur so würde ich die Batterie aufgeladen bekommen. Dann gelangte ich in die Ackerstraße in eine Sackgasse, kurz vor Ende links stand eine sehr alte Frau bei einer Art Einfahrt, ich glaube, das muss ein Altersheim gewesen sein, ich fuhr in diese Einfahrt ein um zu drehen. Diese sehr alte Frau lehnte über einen Rollstuhl. Sie stand nur da, schaute mich mit einer schwer einzuschätzenden Miene an und lehnte über diesen Rollstuhl. Ich wollte den Rückgang einlegen und (Kunstpause) würgte den Motor ab.

Dummerweise stand ich jetzt ungünstig und quer in einer Auffahrt zu einem Altersheim, ich möchte mir nicht ausmalen, wie böse die Welt geworden wäre, wenn die Feuerwehr zum Altersheim hätten gelangen müssen.

Routiniert wie ich war, rief ich also wieder den Taxifunk an. Man versprach mir ein Taxi binnen zehn Minuten. In diesen zehn Minuten stand ich beim Wagen und schaute auf mein Handy. Die sehr alte Frau schaute ganze zehn Minuten lang mich an. Mir war nicht wohl. Der Taxifahrer, der diesmal kam, war ein BVB Fan. Nachdem er mir geholfen hatte, bat ich ihn, kurz stehenzubleiben und mir beim Starten zuzusehen, ich sei ein schlechter Autofahrer und eventuell würde ich den Wagen wieder abwürgen. Er fand das amüsant. Diesmal drückte ich ordentlich aufs Gas und alles lief gut. Nun fuhr ich zwanzig mal um zwei Häuserblocks herum. 50 Km/h im ersten Gang. Vielleicht fuhr ich auch dreißig mal. Als ich ein gutes Gefühl hatte, traute ich mich hinunter auf die Bernauer Straße und fuhr heim. Vor meinem Haus saß ich noch eine Weile mit laufendem Motor und schaute auf mein Handy.
Echt jetzt. Smartphones. Wohin hat man früher eigentlich geschaut?

[chicago]

Bei Banana Republic einen schicken Pullover mit Reißverschluss gefunden. Als ich mich in der Umkleidekabine beäugte, hing von draußen jemand eine Hose über die Tür. Eine Männerstimme fügte an, dass mir die Hose gut passen würde. »It will fit you, sir«. Ich war ziemlich überrascht, mir war niemand aufgefallen der mich beobachtet hatte. Überhaupt war der Laden ziemlich leer, es hatte niemanden gegeben, der sich in meiner unmittelbaren Nähe aufgehalten haben könnte.
Bevor ich mit dieser Anekdote jedenfalls weiterfahre muss ich zuerst mein Hosenproblem erwähnen. Es fällt mir grundsätzlich schwer Hosen zu finden. Ich habe verhältnismäßig kurze Beine und bin an den Hüften äußerst kräftig. Das ist ein Unmaß. Ich finde eigentlich selten Hosen, die ich nicht nachträglich bearbeiten lassen muss. Diese Hose aber. Diese Hose passte wie an-ge-gossen. It will fit you, sir. Er hat mich wohl nur kurz zwischen den Kleiderstangen gesehen und sofort muss es bei ihm in Großbuchstaben aufgeblinkt haben: HOSENPROBLEM.
Als ich die Kabine verließ, wollte ich mich bei dem mysteriösen Herren bedanken, es liefen aber nur vereinzelte Kunden durch die Hallen.


Ich bin mit diesem Bild von Amerikanern groß geworden das sie als oberflächlich bezeichnet. Das hängt möglicherweise mit einer oft als übertrieben scheinenden Freundlichkeit zusammen. Sicherlich auch wegen des Glitzerns der amerikanischen Kulturexportes, aber vor allem wegen der Freundlichkeit. Nach meiner anfänglichen Reaktion, die Freundlichkeit als Übergriffig wahrzunehmen, kam ich ganz schnell zum Schluss, dass man sich mit dieser Freundlichkeit im Alltag einen unglaublichen Gefallen tut. Sowohl für sich selbst als auch für die anderen.


RedBull verleiht gar keine Flügel. Ich habe davon im amerikanischen Frühstücksfernsehen erfahren. Die Moderatoren machten sich darüber lustig. Sie wissen natürlich nicht, dass man in Europa tatsächlih glaubt, die Amis seien Freaks.


Überhaupt: Frühstücksfernsehen.


In diesen Tagen ganz merkwürdig über Europa verstimmt gewesen. Über Traditionen auch. Wenn ich mir die Stadtplanung ansehe, die Architektur, das Geschäftemachen, das Zusammenleben der Ethnien, die Offenheit, der Sport auch, die Art wie man nach vorne schaut. Europa steht sich mit ihren heiligen Traditionen so oft im Weg.

[displays, etc.]

Der junge Mann der gestern vor mir aus der U-Bahn stieg und auf sein Telefon-Display starrte. Er ging auf die Absperrung vor der Rolltreppe zu und wäre beinahe in das dahinterliegende Loch gestürzt. Ich warnte ihn rechtzeitig, pass auf, da ist ein Loch im Boden. Er schaute auf und sagte, oh, das stand nicht auf meinem Display. Das war so witzig, dass wir uns ein paar Sekunden lang kaputtlachten, da vor diesem Loch an der Rolltreppe.

Dann unterhielt ich mich heute mit einem Kollegen über die Telefonfußgänger-Pfade in chinesischen Städten, das wohl die Sicherheit der telefonnutzenden Fußgänger erhöhen soll. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich das auf postillon.de gelesen habe oder ob es eine halbwegs seriöse Meldung war, ich muss das nochmal nachgooglen, ich fragte mich nur nach der Notwendigkeit dieser Maßnahme, ich meine ich HÖRE seit meinem neuen Telefonverhalten viel dreidimensionaler, ich fragte mich, ob wir nicht besser ein paar Tote in Kauf nehmen und uns dafür evolutionstechnisch akustisch den Fledermäusen anpassen.

Andererseits heute der junge Mann in der Sanderstraße beim Überqueren der (ok, verkehrsarmen) Straße: Siri, wo ist das näheste mexikanische Restaurant?
Wie er das sagte. Mit luter Stimme, aufrecht und stolzen Schrittes. Er war alleine. Ich dachte erst, wow, ein progressiver Maximalist. Mein zweiter Gedanke war, wow, Siri, das ist möglicherweise die elegante Abkürzung vom mühsamen Weg durch die Evolution. Kurz vor dem dritten Gedanken dachte ich dann, Scheiße, Siri, ist das Sprechen in ein Telefon hinein nicht furchtbar altmodisch?

Hier noch der vierte Absatz. Es sieht irgendwie blöd aus, die drei obenstehenden Absätze mit einer Frage ohne Conclusio zu beenden.

[...]

In Tegel zeigt sich dieses Land vielleicht von der charmantesten Seite. Es ähnelt bisweilen einem Metalfestival-Zeltlager, wie die Herden sich durch die Hallen bewegen, wie die Menschen auf Koffern kampieren, wie sich die Schlangen ständig neu formen, sich kräuseln, gutgelaunte und laute Flughafendamen, die durch die Schlangen laufen und Flüge aufrufen, sich die entsprechenden Leute schnappen und in die eigens für sie geöffneten Sicherheitsschalter schleusen, diese Minischleusen mit diesen Mini-Taxfrees mit diesen Mini-Coffeetogogos, und wie das Personal den aufgeregten älteren Passagieren Zuversicht zuspricht, dass sie den Flug sicherlich erreichen werden, dieses hocheffiziente Chaosmanagement, ich wollte fast sagen PERSONALISIERTES Chaosmanagement, Punktpunktpunkt und niemals, ich sage NIEMALS, habe ich in Tegel schlechte Laune erlebt.

Das ist ein Aggregatzustand dem ich am liebsten einen Namen geben möchte.

[fb #4]

In ein Meeting gegangen, dann in ein zweites, im Anschluss Mittag gegessen, dann ein kurzes Meeting gehalten, das bis 18:00 Uhr ausgeufert ist, daraufhin zwei Mails geschrieben und nach hause gegangen. -> etwa neun Stunden.

Neulich: auf einer Geburtstagsparty gewesen. Mich um 19 Uhr hingesetzt, ein Bier bekommen, geredet, einen Hamburger bekommen, weitergeredet, ein zweites Bier, ein drittes, etc. irgendwann aufgestanden und gegangen. Auf die Uhr geschaut -> etwa 8 Stunden.

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Schokolade. Immer ein guter Grund Rotwein zu trinken. Rotwein. Immer ein guter Grund Schokolade zu essen. (Satanischer yeah-Kreis)

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Heute mit dem Fahrrad ins Olympiastadion gefahren. Das ist ja total machbar. Einmal den Kaiserdamm hoch. Von Mitte aus dauert es nicht mal eine Stunde. Bin immer wieder überrascht, was für ein Kaff Berlin eigentlich ist.

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So viele Schokokekse gegessen, dass ich mir den Appetit verdorben habe und jetzt ist Mittag. Ich kann jetzt doch nicht NICHT essen, ich esse ja so gerne Mittag, verdammt. Schokokeksen kann ich nie wiederstehen, Mittagessen aber auch nicht.

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Homer Simpson ist offenbar 39. Wir sind also Jahrgangskollegen. [...]. Das hat mich jetzt furchtbar deprimiert.

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Schmollen ist das Selbstmitleid für Stolze – sorry musste das schnell irgendwo hinschreiben. Satz kommt mit gerade so genial vor. Muss ihn mir Morgen nochmal ansehen.

[tegel1]

Weil man neuerdings auf gewissen Flügen die elektronischen Geräte bei Landungen angeschaltet lassen darf, fiel mir dieser Eintrag wieder ein und habe spontan mit dem Filmen begonnen. Ich versuche das jetzt mal. Es ist noch zu schnell und zu bäh, aber ich habe ein paar Sachen gelernt. Ich habe keine Ahnung vom Filmen, ich taste mich bei jeder Landung heran in der Hoffnung, dass das Landen auf Tegel so dargestellt wird, wie ich mir das vorstelle. Später muss ich noch einen Soundtrack dazu schreiben. Jedenfalls gelernt für das nächste Mal:

  • Das Telefon in Landschaftsmodus halten
  • Alle 200 Millisekunden ein Bild statt nur jede Sekunde
  • Die Aufnahme schon über Schönefeld beginnen
  • Seid bereit für “Tegel2″

    [sv]

    Diese porzellanern wirkende Haut bei den jungen schwedischen Leuten. Glatt und immer einen orangenen Ton. Manchmal ist der orangene Ton nur um den Wangenknochen herum, wie ein Verlegenheitsrot, jedoch orangefarben, ein Verlegenheitsorange. Nicht ganz akut in Verlegenheit geraten. Ich verfalle manchmal ins Starren, weil mir die Haut so unecht vorkommt. Ich suche die Oberfläche nach Brüchen ab, nach Spalten, Rissen. Der junge Mann aus dem Espresso House, der mir den Kaffee zubereitet könnte aus einer Puppenstube entstiegen sein, mit einem Gesicht aus hautartig gebackenem Porzellan.

    #

    Wald

    #

    [am ring]

    Meine alte Wohnung an der Prenzlauer Allee lag genau am S-Bahn Ring. Hinten raus beim Schlafzimmer fuhren die Bahnen vorbei. S-Bahnen, Regionalbahnen, internationale Züge und vermutlich wird auch der gesamte Güterverkehr zwischen Nordsee und Osteuropa über den nördlichen Berliner Ring gelenkt. Mir hat das Freude bereitet. Dieses Geräusch metallener Räder auf Schienen, diese wilde Weite, die dieser Klang vermittelt. Dabei muss ich erwähnen, dass ich Lärm gegenüber eher unempfindlich bin. Das Durchfahren der Züge, das ist so etwas wie eine sich bewegende Brandung. Im Halbschlaf bin ich bei diesem Geräusch und den immaginären Bildern von vorbeiziehenden Landschaften an Zugstrecken, Bahnhöfen, Wäldern – immer sofort eingenickt. Guterzüge. Güterzüge waren die Besten. Güterzüge kamen, klangen noch metallener, noch romantischer als alle anderen und das beste war: sie hörten niemals auf.

    Heute lese ich, dass die Bahn ihre Güterzüge auf eine Länge von 1500m verdoppeln will. Ich meine: das sind anderthalbe Kilometer (Ausrufezeichen). Warum bin ich da bloß weggezogen.

    [...]

    Vorher tranken wir ein paar Biere in der Vagabund Brauerei, danach spazierten wir ein bisschen angedingst durch diesen warmen Sommerabend im Wedding. Es war ihr letzter Abend bevor sie in den Urlaub fuhr, wir würden uns eine Zeit nicht mehr sehen, also setzten wir uns zu diesem Italiener in der Nazarethkirchstraße, an einen Tisch draußen auf der Straße. Wir bestellten Wein und waren sehr angetan von diesem kleinen Lokal, wie unprätentiös es geführt wurde und wie liebevoll dennoch alles war, das Glas mit dem Besteck, die komischen Blumen und die kleine Karte. Ich bin nach dem dritten Bier immer verzaubert, gebt mir noch ein Glas Wein und dann bestelle ich so Sachen wie Trüffelcarpaccio, ich meine, ich wollte nur etwas einfaches essen, dann sagte K “Schau, es gibt Trüffelcarpaccio” und ich sagte “Trüffelcarapaccio” und dann bestellten wir Trüffelcarpaccio – Trüffelcarpaccio und noch ein Glas Wein.
    Wenn man gehobelte Trüffelspäne mit etwas Öl in den Mund nimmt, dann machen die ungefähr so:

    Das geht dann ewig so. Unter dem Trüffel liegt das feingeschnittene Rindercarpaccio, das macht wiederum so:

    Wir saßen verzaubert in der Weddinger Sommernacht und alles in uns drin machte so:

    Das war schon sehr okay.

    [all I reallyreallyreally want to see]

    Gestern musste ich an die Sonnenfinsternis im August 1999 denken. Ich arbeitete damals in einem Recyclingladen auf einem Gewerbegebiet südlich von Utrecht. Das war so ein gemeinnütziges Projekt in dem wir alte Sachen wieder in Schuss brachten und dort verkauften. Ich stand meist vorne im Laden. Als die Sonnenfinsternis über Mitteleuropa anstand, waren viele Bekannte und auch Kollegen in den Süden gereist, nach Frankreich, Belgien, Deutschland, dort wo der Kern der Finsternis hinwegziehen würde. Wir Übriggebliebenen waren nur so Halbbegeisterte, so halbbegeistert wie halt alle, die nicht den Aufwand betrieben, extra deswegen zu verreisen. Als der Tag der Finsternis dann kam, waren wir natürlich trotzdem alle aufgeregt, den ganzen Vormittag lang gingen wir ständig hinaus auf den Parkplatz und hielten CD’s in den Himmel und konnten das angenagte Stück in der Sonne stetig wachsen sehen. Die dunkelste Phase sollte irgendwann gegen Mittag eintreten, ich weiß heute nicht mehr welche Uhrzeit das genau war, damals kannten wir sie aber auf die Minute genau, es stand ja überall in den Zeitungen und je näher man dieser Uhrzeit kam, desto seltsamer wurde das Tageslicht. Zehn Minuten vor dieser sogenannten Deadline kamen noch Kunden in den Laden. Drei oder vier Frauen mittleren Alters. Das hatte mich damals sehr gewundert. Gab es nichts besseres als während einer Sonnenfinsternis in unseren ollen Recyclingladen zu kommen? Ich meine, jeder wusste, wann es passieren würde, dieser allgemeinen Aufgeregtheit konnte man sich nicht entziehen. Aber als dann tatsächlich diese Deadline eintraf, dann bemerkte ich, dass diese Kundinnen nicht an unserer Aufgeregtheit teilnahmen. Während wir verstrahlt und dödelig CD’s in den Himmel streckten, stöberten sie konzentriert zwischen den Kleiderständern, hielten sich Kleider vor den Spiegel, prüften kritisch den Stoff. Sie kannten einander offensichtlich nicht. Sie schienen sich auch nicht zu beachten.
    Zehn Minuten später verließen sie mehr oder weniger gleichzeitig den Laden ohne etwas gekauft zu haben.

    Ich erzähle diese Geschichte nur, weil ich während des gestrigen Finalabends durch das Fernsehprogramm zappte und versuchte so etwas wie ein Muster bei den ausgestrahlten Sendungen zu finden, so etwas wie einen gemeinsamen Nenner für das, was Leute gucken, die sich dem Fußball völlig entziehen oder entziehen wollen. Dann sind mir die Kundinnen wieder eingefallen. Es hat nichts mit dem Fußball zu tun, auch nicht mit einem Muster. Hat mir keine Ruhe gelassen, das. Damals nicht und gestern wieder.

    [fb #3]

    Ich sitze in der U-Bahn. Ein alter Mann mit Stock kommt herein, er läuft gebückt. Ich, Mister Superkorrekt, stehe sofort und zackig auf, schlage meine Hacken zusammen und weise dem kranken, alten Mann meinen Sitzplatz. Der Mann zeigt mir seinen Bettlerbecher und schüttelt, müde lächelnd, den Kopf. Ich so: achso, sie wollen gar nicht sitzen. In der U-Bahn alle so: augenroll. Mister Superkorrekt.

    #

    Warum ich Dennis Quaid nicht mag? Er hat mir damals Meg Ryan ausgespannt. Mitten in meiner Pubertät, das ist grausam.

    #

    Zum ersten mal gesagt bekommen: Glückwunsch zum Hochzeitstag.

    #

    Sinnieren. Das tun nur selbstverliebte, alte Männer.

    #

    Ein ganzer Stapel save icons.

    #

    Megaunwetter über Europa und wer hat drei Flüge an zwei Tagen? Hint: es ist nicht der Verkäufer der euch neulich den faulen Apfel verkauft hat.

    #

    Wenn ich will, dass es in der Kantine Rote Beete gibt, brauche ich nur ein weißes Hemd anzuziehen. Funktioniert immer.

    #

    Heute früh das Auto in die Werkstatt gebracht. Unfassbar, wie erwachsen ich geworden bin.

    #

    Weil wir hier bei Wünschdirwas sind: eine Fußballsendung von Frauen. Ich meine nicht, halb Frauen halb Männer, ich meine richtig hundertprozentige Quote, nur Frauen, wo keine männliche vermeintliche und vermeintlich etablierte Fußballexperten dazwischenquatschen und entweder von uninteressantem Technikkäse faseln oder die Vergangenheit zitieren, mit dieser Attitüde von: ich war dabei und weiß Bescheid. Ich weiß nicht, ob das gut sein würde, ich weiß nur, dass ich keine langweiligen Herrenrunde mehr sehen bräuchte und vielleicht, ja vielleicht hoffe ich auch ein kleines bisschen, dass man sich einfach mal traut über Christiano Ronaldos Frisur zu reden. Verdammtnochdings.

    #

    Das Übriggebliebensein.

    bin dann mal ein faschistischer Blockwart

    Diesen Sommer wollte ich dem Taubennest voraus sein. Letzten Sommer hatte sich unter dem Taubennest im Hof ein sehr breiter und zwei Zentimeter dicker Taubenscheiß-Streifen gebildet. Dummerweise genau auf dem Weg zu den Mülltonnen und zwar genau so, dass man dem Kot kaum ausweichen konnte.

    Wenn ich im Haus den Nachbarn begegnet bin, wusste jeder Bescheid, ja, das sei natürlich ärgerlich, aber wir waren uns einig, so ein Taubennest herunterzuschlagen geht ja gar nicht, da löscht man ja das Leben von kleinen Taubenbabys aus. Ich war dann so clever, das Nest im Winter zu entfernen. Ich weiß nicht, wo Tauben im Winter schlafen, jedenfalls nicht in jenem Nest in unserem Hof. Der Balkon meines Nachbarn, dem Taxifahrer, ist näher am Nest, ich bat ihn, die Arbeit für mich zu erledigen, da ich keinen so langen Stock hatte. Er weigerte sich aber, es gäbe bestimmt so europäische Gesetze, die ihm das Entfernen von Taubennesten verbieten würden. Ich beruhigte ihn aber und erklärte ihm, dass das Nest ja leer sei und leere Neste dürfe man sicherlich abschlagen.

    Vor ein paar Tagen sah ich dann wieder ein Taubenpaar, das den Baum im Hof inspizierte. Sie standen auf diesem dicken Ast, der genau über den Weg zu den Mülltonen ragt. Sie gingen hin und her, hackten mit dem Schnabel ins Holz. Ich ging davon aus, dass es sich um das selbe Taubenpaar wie letzten Sommer handelte, da sie gleich aussahen (taubenblaues Federkleid, Schnabel und Flügel). Ich vermutete, dass sie, enttäuscht über ihr verschwundenes altes Ehenest in dem sie diesen herrlichen Sommer 2013 verbracht hatten, bald wieder abzögen. Ich wollte das in den nächsten Tagen aber beobachten. Falls sie mit dem Nestbau beginnen sollten, würde ich aber sofort irgendwas unternehmen. Wie dieses Irgendwas aber aussehen würde, hatte ich keine Ahnung.
    Als ich am nächsten Tag in den Baum schaute, waren die Tatsachen aber schon geschaffen. Ein richtiges, fertiges Nest war gebaut und eine dicke Taubenmama saß darin. Ich wusste nicht, dass Nestbau so schnell geht. Jetzt geriet ich in Panik. Nicht wieder einen Sommer lang über Taubenscheiße steigen. Nicht wieder diese Spuren bis ins Haus hinein. Ich nahm einen Besen und schritt damit auf den Balkon. Der Besen war nicht lang genug und ich wollte ja nur die Blätter zum Rascheln bringen, die Taubenmutter muss allerdings mein Entsetzen gespürt haben, sie sprang sofort auf und flog davon. Es lagen noch keine Eier im Nest. Ich war erleichtert. Das war wirklich einfach gewesen.
    Am Abend saß sie da aber wieder. Natürlich. Eigentlich hatte ich es auch geahnt. Ich wiederholte das Prozedere, nahm den Besen und stieg auf den Balkon. Diesmal flog sie aber nicht weg, sondern stand lediglich auf und wartete ab, was nun geschehen würde. Ich konnte mit dem Besen aber das Nest nicht erreichen, ich wollte ja auch nichts kaputt machen ich raschelte nur ein bisschen durch die Blätter. Ich tat es allerdings so lange (etwa eine halbe Minute) in der Hoffnung, dass sie den Mut verlöre und sich einfach irgendwo anders ihr Nest baut, auf einem anderen Ast meinetwegen, auf der anderen Seite des Baumes ist alles okay, aber nicht auf diesem Ast, der genau über dem Weg zu den Mülltonnen hängt. Ich war aufgeregt, ging in die Wohnung hinein, kam wieder heraus, ging wieder hinein. Die Taube schaute mich die ganze Zeit lang an. Ich muss für sie den Terror verkörpert haben. Ich wusste auch nicht, was tun, konnte nur wieder in den Blättern rascheln. Psychoterror. Ihr das Gefühl geben, dass ihre Kinder hier nicht sicher sind. So funktioniert Biologie doch, oder? Ein Nest ist ja ein Nest. Wie eine Höhle aber dann für Vögel. Von K erhielt ich wenig Unterstützung. Sie sagte, ich sei ein Blockwart. Ein faschistischer, tierquälender Blockwart. Sie ist aber auch nicht die Müllbeauftragte in unserem Haushalt und musste nicht letzten Sommer durch den Hof laufen.
    Ich ging schlafen.
    Am nächsten Tag schaute ich wieder nach dem Rechten. Die Taube saß wieder da. Diesmal war auch das Männchen dabei. Ich raschelte wieder in den Blättern. Doch dann tat ich etwas, das ich jetzt aufschreiben muss um mir der vollen Tragweite meines Handelns bewusst zu werden. Ich meine, der Sommer 2013 war wirklich hart, ich hielt mir manchmal sogar den Mund zu, wenn ich über den Taubenhaufen zu den Müllcontainern lief, ich habe einmal eine Doku gesehen, in der vor Taubenschiss gewarnt wurde, und als der Kot mit der größten Erregerdichte überhaupt bezeichnet wurde. Was ich dann tat, war also das Folgende: ich griff zur Wasserpistole.
    Ich füllte die Wasserpistole und beschoss die beiden Tauben. Der Wasserstrahl war nicht hart sondern eher von der pft-Sorte, aber die beiden Tauben mochten das nicht. Nach dem ersten Schreck blieben sie jedoch im Nest sitzen und die Taubenmutter hatte wieder diesen Blick auf, bei dem ich wusste, dass sie den totalen, absoluten Totalterror in mir sah.
    Sie taten mir leid. Sie hatten ja keine Ahnung was in mir vorging. Wie sie da als Totalmutter bloß ihren Nachwuchs in die Welt setzen wollte, ein ganz natürlicher aber hochemotionaler Prozess. Wie sie da saß und meinen Wasserspritzern trotzte. Irgendwie war das so sehr Mutterliebe, dass ich die Wasserpistole beiseite legte und aufgab. Und mich schämte.

    Ich fuhr dann für das Wochenende nach Brandenburg hinaus. An den See. Ein weiterer Sommer mit ein bisschen Taubenkot im Hof wird nun ja nicht gleich eine Katastrophe sein. Für den nächsten Sommer muss ich halt bessere Vorsorgemaßnahmen treffen. Ich bin eben unerfahren. So etwas passiert. Als ich heute aber zurückkam, war das Taubenpaar ausgezogen. Wenn man so will, ein Happyend.

    [bring the boys back home]

    Natürlich schaue ich mir die Länderspiele an. Ich verfolge die Ergebnisse und schaue einzelne Spiele von Ländern, dessen Spieler ich mag, und ich schaue auch ein paar Spiele der großen Fussballnationen. Die Deutschlandspiele natürlich auch. Schon nur, weil meine Firma da den Grill anschmeißt und kühle Biere bereitstellt. Dennoch ist mir das Abschneiden der einzelnen Mannschaften relativ egal. Ich werde nicht sonderlich warm für dieses Auflaufen der Nationen. Das mag zum einen daran liegen, dass ich in Südtirol geboren und aufgewachsen bin, ich konnte daher nie etwas mit Italien anfangen. Mit Österreich aber erst recht nicht. Mit der Schweiz hatte ich nie etwas zu tun, auch wenn die Grenze nur 50 Kilometer entfernt war. Dies nur um die geographischen Möglichkeiten aufzuzählen. Später wohnte ich lange in der Niederlanden, danach in Spanien. Jetzt in Deutschland. Ich habe mich nie sehr meinem Herkunftsland zugehörig gefühlt. Ich fühlte mich aber immer zuhause da wo ich wohnte. Meine Frau ist Schwedin, sie hat jahrzehntelang in Italien und Wien gelebt. Würde ich sie fragen, wo sie zuhause ist, würde sie vermutlich sagen: Berlin.

    Am ehesten bin ich für Deutschland. Aber vor allem, weil ich die Spieler kenne und deren Werdegang verfolge, allerdings auch weil mir diese ungenierte Euphorie in den Städten gefällt. Vor allem vor den Spielen. Diese aufgeregte Vorfreude. Die besoffenen Männergruppen nachher weniger. Dennoch ist die Stimmung vermutlich überall ähnlich. Lebte ich noch in Holland, würde ich eine ähnliche Sympathie für die oranje Elftal haben. In Holland freuen sich die Niederländer über einen Sieg gegen die Spanier, und in Spanien erwidern sie die Freude natürlich mit unguten Gefühlen. Bleiche Käsegesichter gegen haarige Männer. Länderspiele gucken ist immer ein bisschen ein Messen der Kulturen. Gut gegen böse. Gutes Essen gegen gute Wirtschaft, Wein gegen Bier, Schnitzel gegen Pizza, Sonne gegen Regen. Ich habe nie verstanden, warum Fußball die Nationen vereinen sollte. Es ist doch eher das Gegenteil der Fall. Die Franzosen waren nach der Niederlage 2006 keine Italienfreunde.

    Da ich vorhin so pseudoweltmännisch meine Herkunft aufgelistet habe: ich fühle mich hier sehr wohl und komme mit den Dingen die man allgemein als deutsch bezeichnet sehr gut klar, ich bin in dieser Hinsicht vermutlich sehr deutsch geworden, ich bin bewusst hierher gezogen, weil ich das so wollte. Ich mag das hier. Aber ich habe keinen deutschen Pass. Wenn mich am Potsdamer Platz vor ein fahrendes Auto laufe, dann steht in der Zeitung, dass ein Italiener totgefahren wurde. Ich. Berliner. Basilikumzüchter, Balkonbesitzer, Liebhaber von guten Geschichten. Patzbum unters Auto und bin plötzlich Italiener.
    Da wollte ich mir einen deutschen Pass anschaffen. Jedoch fiel mir ein, wenn ich Deutscher bin, dann bin ich zu einem Teil auch ein Bayer. Deswegen habe ich das sein lassen. Okay, das war ein blöder Scherz.

    Benzema ist Algerier, spielt für Frankreich, weil er so gut ist, dass er es kann, er soll die französische Fußballseele heilen. Vor vier Jahren klappte das nicht, dann wurde er als Algerier abgewatscht. Es wundert mich keineswegs, wenn er nicht die Mareillaise singen will. Bei Hertha haben wir Brooks. In Berlin geboren, Vater aus Chicago, er musste sich entscheiden, ob er für Deutschland spielt oder für die USA. Lange hat er gezögert, vermutlich hat er sich bei den USA mehr Chancen zu Spielen ausgerechnet. Cigerci ist in der niedersächsischen Provinz geboren und großgeworden. Vor einigen Jahren kam er drauf, dass er sich im Land seiner Eltern (Türkei) super wohl fühlt. Deshalb spielt er da. Cacau. In Brasilien geboren, als siebenundzwanzigjähriger deutscher Staatsbürger geworden und in die deutsche Nationalelf berufen, singt das Deutschlandlied inbrünstig und mit der rechten Hand am Herz. Das ist natürlich supercool und lustig. Özil, geboren in Gelsenkirchen, spielt für Deutschland, weil er durch alle Jugendmannschaften des DFB durchlaufen hat und so gut war, dass er schlichtweg von alleine in die prestigeträchtigere deutsche Nationalelf kam. Er muss sich ständig rechtfertigen, warum er nicht für die Türkei spielt. Er hat keinen Bock auf die türkische Mannschaft, aus welchen Gründen auch immer, er singt aber auch nicht das Lied vom deutschen Vaterland. Warum auch? Solche Geschichten gibt es zu hunderten. Zuordnungen zu Nationen sind mir zu langweilig, zu willkürlich, zu banal auch. Mich langweilt es auch, dem Ganzen mitzufiebern.

    Ich schaue lieber Clubfußball. Jeder kann Spieler bei einem FC werden (zumindest, wenn er bezahlbar ist) und jeder kann irgendeiner Trikotfarbe zujubeln. Ich glaube zwar nicht, dass Fußball auch nur den geringsten Beitrag zur Völkerverständigung beiträgt, aber wenigstens gehen da keine Nationen aufeinander los.
    Ich freue mich darauf, dass die Spieler nach der WM von ihrem nationalen Auftrag wieder zurückkommen.

    Bring the boys back home.