Hier Teil 1.
Am Wochenende hatte ich keine Zeit, das Thema digitale Souveränität weiterzuführen. Aber jetzt. Weiter geht es mit Browsern.
Chrome. Wann fing das eigentlich an, dass plötzlich alle auf Chrome umstiegen, und vor allem: Warum? Als Firefox-Benutzer verstand ich nie so richtig, warum man einen Browser verwenden sollte, der vom größten Datensammler der Welt entwickelt wird. Auch wenn Chromes Unterbau namens Chromium Open Source ist, so verwenden doch alle das bunte Chrome-Produkt von Google, mit all seinen Tracking- und Targeting-Funktionen. Ich habe an Firefox nie etwas vermisst. Einzig empfinde ich es unter den heutigen Umständen als Nachteil, dass die Mozilla Foundation ihren Sitz in San Francisco hat. Aber gut, es ist eine Non-Profit-Organisation, es hat wenigstens nichts mit den sogenannten Tech-Bros zu tun.
Trotzdem gibt es europäische Alternativen, wie den neuerdings sehr populär gewordenen und datenschutzfreundlichen „Vivaldi„-Browser aus Norwegen. Er basiert, wie Chrome, auf der offenen Chromium-Engine, aber eben ohne das Tracking. Selbiges gilt für den deutschen Ecosia-Browser. Auch mit Chromium-Unterbau, allerdings mit starkem Fokus auf Umweltbewusstsein (die Suchmaschine mit den Bäumen, siehe weiter unten).
Google weiß schon fast alles über mich. Meine Suchen, die Seiten, die ich besuche, mit wem ich das Bett teile, wo ich arbeite, welche Lokale ich besuche, wann ich mit dem Hund Gassi gehe und mit wem, welche Geräte ich besitze, welche Filme ich schaue, das ganze Netz ist von Google durchzogen. Ich will wirklich nicht noch deren Browser verwenden, um ihnen den Zugang zu mir zu erleichtern.
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Google-Suchmaschine. Stimmt. Google hat ja auch noch eine Suchmaschine. Zum Suchen verwende ich hauptsächlich Ecosia.de bzw. Qwant.com. Die beiden Firmen bauen zusammen einen europäischen Suchindex auf. Er kommt bisher nicht ganz an Google heran, aber er ist bereits sehr gut und reicht mir vollkommen.
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Twitter/X. Okay, ein No-brainer. Das fiel mir mit BlueSky und Mastodon ziemlich leicht. Viele Menschen beklagen die fehlende Reichweite und auch das einseitige Meinungsbild auf den beiden neuen Plattformen, weil die bürgerlichen Leute doch eher auf Musks Propagandaplattform geblieben sind. Ich war allerdings nie ein großer Microblogging-Nutzer. Immer noch nicht. Für mich war das kein großes Opfer.
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Amazon. Die Einkaufsplattform. Ich verwende Amazon nur noch wegen der Bewertungen. Ich lese zuerst die Bewertungen und kaufe das Produkt danach anderswo. Otto, Kaufland, Zalando, oder den zahlreichen kleinen Shops. Preislich nimmt es sich fast nie etwas. Manchmal drängt Amazon aber immer noch die Kleinen mit den Versandkosten aus dem Markt. Unschlagbar bei den Versandkosten, sagen die einen. Fuck you Amazon, sage ich.
Bücher bestelle ich online bei der Buchhandlung im Kiez und hole sie dann persönlich ab. Die mögen meine Hündin. Klingt jetzt ein bisschen simpel, aber ich mag es, wenn Menschen nett zu meiner Hündin sind.
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Netflix, Prime Video, Apple TV, Disney etc. – hier wird es richtig schwierig. Wenn wir ehrlich sind, gibt es dazu keine Alternativen. Überraschenderweise hat MagentaTV der Telekom ein wirklich gutes, unscheinbares Programm, aber es fehlen die großen, modernen Titel. Sky Deutschland wäre da noch. Aber die haben außer Fußball kaum noch etwas Gescheites zu bieten. Wahrscheinlich wird es auf absehbare Zeit auch keine Alternativen zu den großen Streaminganbietern geben, da die Film,- und Serienproduktionen aus den USA zum einen schlichtweg durchgehend besser sind, in Stil, Form und Qualität, und sie einfach dermaßen große Massen produzieren, die dann über ihre eigenen Plattformen vertrieben werden, dass da erstmal niemand mithalten kann. Zumindest würde mir kein Geschäftsmodell einfallen, mit dem man der Marktmacht entgegentreten könnte.
Andererseits: Die Streamingdienste tun erst mal nicht so weh. Das hat mit digitaler Souveränität nur sekundär zu tun. Sollte man mir drohen, Prime Video abzuschalten, dann sollen sie es eben abschalten. Problem gelöst.
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Insta, TikTok und Facebook. Die großen Social-Media-Plattformen. Diese halte ich am problematischsten. Weil es mittlerweile Propagandamaschinen sind. Der US-Supreme COurt hat in 2026 bestätigt, dass „wer den Algorithmus beherrscht, auch entscheidet, welche politische Meinung oben im Feed steht“. Aus diesem Grund wurde das amerikanische TikTok-Geschäft aus dem chinesischen Mutterkonzern herausgelöst und unter amerikanische Hoheit gesetzt. Das mag jetzt paranoid klingen, aber ich vertraue Trump und seinen Social-Media-Gefolgsleuten nicht. Vance, Bannon, Musk, Zuckerberg, sie reden alle ständig davon, dass man das Narrativ kontrollieren und die Kultur beherrschen muss, und wie unverholen sie die AfD aufbauen wollen. Ich finde das unfassbar. Vor allem, wie wenig sich darüber empört wird. Und dann kommt die Blase dazu. Alle reden immer davon, wie aktiv und erfolgreich die AfD auf Social Media ist, aber ich habe noch niemals ein Reel der AfD in meinen Feed bekommen. Der Algorithmus kennt mich. Der weiß, dass ich das ohnehin nicht mag. Ganze Schichten der Gesellschaft befinden sich in ihrer parallelen Realität.
Tjanun. Alternativen? Dünn gesät. Pixelfed, also das Insta-Mastodon, ist nett, aber das ist etwas ganz anderes. Um Insta oder TikTok abzulösen, muss man einen anderen Weg gehen. Für „Creator“ sind Insta oder TikTok eine relevante Einnahmequelle geworden. Oder wenn der Nachbarsjunge stolz erzählt, wie ein albernes Video mit ihm und seiner Schwester viral ging und er damit 3 € verdiente, dann ist das die Welt, die Social Media triggert. Das kann das offene Pixelfed nicht bieten. Wenn man aus gesellschaftspolitischer Sicht will, dass die Massen von Insta und Konsorten wegziehen, muss wahrscheinlich Geld her. Ja, langweilig.
Immerhin gibt es ein deutsches Projekt namens „Wedium„. Im Oktober in Berlin gegründet. Mit dem Ziel, ein entshittetes, faires, botloses und hassfreies Instagram zu schaffen. Kommerziell soll es werden, aber gleichzeitig auch gut. Die wichtige Frage, die sich mir stellt, ist, wie man verhindert, dass Meta oder Bytedance die Firma irgendwann aufkauft, aber sonst finde ich es aus wirtschafts- und sozialpolitischer Sicht ein sehr interessantes Projekt. Man kann sich bereits voranmelden. Aber es geht erst im Juni live. Oder so.
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Spotify. Spotify ist schwedisch. Ich bin bei Spotify geblieben. Letzten Herbst gab es eine große Kündigungswelle bei Spotify, nachdem herauskam, dass der CEO in das bayerische Rüstungs-Startup „Helsing“ investiert. Für mich war das kein Kündigungsgrund. In der heutigen militärischen Bedrohungslage, stört es mich nicht im Geringsten, wenn man in europäische Verteidigung investiert. Schließlich sind wir vor allem militärisch erpressbar geworden, siehe Grönland und Ukraine. Es ist traurig, dass wir in Militär investieren müssen, aber so hat sich die Welt gewandelt.
An Spotify stört mich hingegen, dass sie Künstlerinnen schlecht bezahlen, das ist für mich ein Kündigungsgrund. Das Problem gibt es schon lange, aber das hat noch nie eine Welle ausgelöst. Viele sind dann zu Apple Music abgewandert, aber da sind wir wieder bei USA und digitaler Souveränität. Tidal soll aber gut sein. Kommen aus Norwegen. Habe ich mich aber nicht näher mit auseinandergesetzt.
Es gäbe jetzt noch ein paar technischere Projekte, die in meinem beruflichen Kontext wichtiger sind, wie zB Teams oder Slack, das sich unter anderem gut durch Matrix/Element ersetzen lässt. Wir verwenden Matrix/Element für die Kommunikation und Kollaboration in unserem Fanclub. Funktioniert prima.
Statt Confluence gibt es xWiki
Statt Jira gibt es OpenProject
Statt MS365 gibt es OpenDesk
Statt Google Translate gibt es Deepl
Für Cloud-Dienste (Dateien) gibt es mailbox.org (siehe anderer Eintrag) und Cloudserver kann Hetzner, oder das französische OHVCloud, das fast schon mit den Funktionen von Hyperscalern wie Amazon AWS mithalten kann.
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Was ich explizit weglasse, sind KI und LLMs. Neben GPT, Gemini, Claude, Llama etc. gibt es nichts Vergleichbares. Das einzige europäische LLM ist das französische Mistral. Ich verwende es regelmäßig, aber es hinkt schon sehr hinterher und ich kann es in meinem beruflichen Umfeld kaum verwenden. Ich würde mir wünschen, dass Mistral einen Qualitätssprung macht.
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Das müsste ziemlich genau meinen Tech-Fußabdruck abbilden. Habe ich ein Fazit? Was ich so gut wie bei jedem Produkt hinzufügen wollte, ist der Zusatz „fast“. Dass es fast so gut ist, fast so umfangreich in Funktionen. Die europäischen Alternativen waren nämlich meistens Alternativen, die eine kleinere Userbase und wesentlich weniger Geld hatten. Dieser Umstand kann sich jetzt ändern. Insofern blicke ich ziemlich zuversichtlich nach vorn.





