[Di, 25.8.2026 – Filmliste, Sprache]

Neulich berichtete ich davon, dass es eine ganze Reihe von Filmen oder Serien gibt, die ich sehen möchte, die für mich aber aus praktischen Gründen schwierig sind, zu sehen. Das kommt daher, dass ich fast nur in Gesellschaft vor dem Fernseher sitze und meine Frau bei der Selektion von Filmen und Serien äußerst wählerisch ist und wir oft keinen Konsens finden. Deswegen wollte ich eigentlich eine Liste pflegen, in der ich alle Filme eintrage, die ich in Abwesenheit meiner Frau einmal schauen werde. Diese Liste würde den Titel tragen: „Filmkultur, dessen Aneignung mir meine Frau vorenthalten will.“ Jedoch schaffte ich es nie, diese Liste zu erstellen.

Weil meine Frau gerade in England ist, schaute ich heute „Train Dreams“. Der Film fiel mir als erstes ein, weil ich vor einigen Monaten die gleichnamige Novelle von Denis Johnson las. Wenn ich den Film vorschlug, sagte meine Frau immer: „Gerne, aber nicht heute.“ Das sagte sie an mehreren Tagen. Eines Tages sagte sie, der Film deprimiere sie. Ein Holzfäller im Amerika der Dreissigerjahre, der seine Frau und seine Tochter verliert. Na gut. Ich verstehe schon, warum man sich das nicht geben will. Ich hielt dagegen, dass ich das Buch gut fand. Nicht supergut, aber gut.

Zugegebenermaßen war das ein wenig überzeugendes Plädoyer.

Der Film trifft den Sound und meine inneren, bei der Lektüre erzeugten Bilder erstaunlich gut und transportiert das ganze Gefühl beim Lesen auf diese 110 Minuten, als würde ich das Buch noch einmal lesen. Es ist nicht so, dass ich das Buch empfehlen müsste, mich hat vor allem der Autor interessiert, dessen erster Roman „Angels“ von David Foster Wallace mit den Worten „ein total amerikanisches Buch mit großartiger, wirklich großartiger Prosa“ gelobt wurde. Warum ich statt „Angels“ aber „Train Dreams“ kaufte, weiß ich auch nicht mehr.

Obwohl die Geschichte in den USA zur Zeit des Ersten Weltkriegs beginnt, verstehe ich schon, warum man Denis Johnsons Texte zu den wichtigsten der amerikanischen Gegenwartsliteratur zählt. Nicht zuletzt liegt es auch an der Sprache. Einfache, klare, rhythmische Prosa.

Ich merke, wie wählerisch ich gegenüber Sprache geworden bin. Mit gekünstelter oder was man landläufig als gehobene Sprache bezeichnet, kann ich nichts mehr anfangen, es stößt mich regelrecht ab, ich kann das nicht lesen. Umständliche Satzstrukturen, gekünstelter Wortschatz, gehobene Sprache. Es transportiert nur etwas Elitäres, Gebildetes, eine Haltung vielleicht, es transportiert keinen Sound, keine Gegenwart. Ich verstehe, warum man das vor hundert Jahren noch tat, zum einen verfügten nicht alle Menschen über Bildung, oder über den kulturellen Hintergrund, sich überhaupt Belletristik reinzuziehen, dann galt es vielleicht, Sprache zu stilisieren, zu konservieren, oder auf intellektuelle Weise zu entwickeln. Das kommt mir nicht mehr zeitgemäß vor. Meine Erwartung an Kultur ist eher, dass es etwas Großes für die ganze Welt zu sein hat und nicht etwas Großes für einen erlesenen Kreis. Meine Erwartung an Sprache ist es, dass sie den Ton der Gegenwart findet, ein Bindeglied in der Gesellschaft, Authentizität als Stilmittel um jemanden mitzureißen.

Neulich programmierte ich einen Wortschatzzähler und so fand ich heraus, dass Goethe aus einem etwa dreimal so großen Wortschatz schöpfte, wie Kafka. Jetzt weiß ich auch, warum ich Goethe immer einen unlesbaren, elitären Streber fand, während Kafka mich verzauberte.

Ich hänge mich an dem Thema auf, weil ich gerade André Gides „Verliese des Vatikans“ lese und ich genau weiß, dass ich das vor dreißig Jahren gemocht hätte, aber heute muss ich mich sehr anstrengen, weil mich die Sprache abstößt. Aber ich kann doch André Gide nicht nicht-mögen.

Natürlich ist das alles sehr vereinfacht dargestellt. Ich bin kein Kulturwissenschaftler, sicherlich bringe ich nicht alle Perspektiven zusammen.

Ah, jetzt weiß ich auch wieder, warum ich Train Dreams lesen wollte. Weil die Novelle ein ganzes Holzfällerleben in 80 Seiten unterbrachte. Ich wollte schlichtweg wissen, wie sich so etwas liest. Das mit den achtzig Jahren stimmte aber nicht. Die Geschichte beginnt mit dem dreissigirgendwastem Lebensjahr des Protagonisten.

[Mo, 24.8.2026 – Tirolensien, Devon, Assistentin]

Auf Facebook schickt mir eine ehemalige Schulfreundin ein Foto aus der Stadtbibliothek Meran. Darauf abgebildet ist meine Novelle mit einem gelben Bibliothekssticker, auf dem steht: Gesellschaft. Jetzt habe ich schon ein bisschen Tränen in den Augen. Aber es kommt noch dicker. Das Buch liegt auch in der Südtiroler Landesbibliothek, da diese den Auftrag hat, Tirolensien zu sammeln, und da ich Südtiroler Wurzeln habe, ist die Novelle eine Tirolensie. Das finde ich wirklich schön.

Was ist sonst noch passiert? Gestern war ich mit meiner neuen Regenjacke auf der Hundewiese. Es regnete zwar nicht, aber diese Regenjacke ist dermaßen schick, dass ich sie der ganzen Welt zeigen werde. Ich behalte sie übrigens in beiden Größen, also in L für den Sommer und in XL für den Winter, wenn ich darunter eine Jacke trage. Apropos Regen. Meine Frau ist auf Dienstreise nach England. Sie meinte, der Ort befände sich ein paar Stunden außerhalb von London. Am Abend schlug ich den Ort auf Maps auf und ich stellte fest, dass sie sich offenbar in Cornwall befindet. Devon sagt sie, heißt das, nicht Cornwall, den Locals ist die Unterscheidung wichtig, aber ich meine eben diese lange Landzunge im Südwesten, die in Cornwall endet. Als Südtiroler sollte ich wirklich präziser sein, wenn es um geografische Verortung geht, aber was ich damit ausdrücken wollte, ist: England ist wirklich nicht groß, das vergesse ich oft.

Meine Schwestern und ich wollten vor ein paar Jahren mal mit meiner Mutter nach Cornwall fahren. Weil sie gerne Rosamunde-Pilcher-Filme schaut. Ich hatte mich schon der Reiseplanung hingegeben und Unterkünfte sowie touristische Ziele und Restaurants ausgesucht. Eine der Unterkünfte verbot in ihren Hausregeln ausdrücklich das Drehen von pornografischen Filmen. Ich möchte nicht wissen, was dort vorgefallen ist. Wobei. Das möchte ich eigentlich schon wissen.

Die ganze Reiseplanung verlor allerdings an Fahrt, weil die Gültigkeit des Reisepasses meiner Mutter ausgelaufen war und es ewig dauerte, bis sie sich einen neuen ausstellen ließ. Gleichzeitig wurde sie zunehmend vergesslich und mittlerweile ist es keine gute Idee mehr, sie auf Reisen zu schicken. Es verwirrt sie zu sehr, wenn sie ihre gewohnten Routinen unterbricht. In ihrem kleinen Leben ist sie aber mehr oder weniger happy. Wir lassen es jetzt so, wie es ist.

Inzwischen baue ich wieder meine KI-Assistentin um. Ich habe festgestellt, dass sie für jeden nächtlichen Durchlauf, bei dem sie meine Änderungen am Romanmanuskript überprüft, fast einen Euro an Tokens bei Anthropic verbrennt. Also baute ich sie komplett um, damit sie alles lokal auf dem Laptop mit einer lokalen KI ausführt. Der Durchlauf dauerte früher wenige Sekunden, auf dem Laptop ohne gescheite Grafikkarte und mit einem sehr kleinen KI‑Modell dauert es mehr als zehn Minuten. In der Firma habe ich mir jetzt allerdings einen Laptop mit einer großen Grafikkarte bestellt, mit dem ich lokale Modelle testen kann, damit werde ich in den Abendstunden auch meine KI-Assistentin ausprobieren. Es bleibt spannend.

[So, 23.8.2026 – Stiefel, Autobahn, die nicht existierende Eifersucht der Hündin]

Frauen tragen wieder Stiefel. Schwarze Stiefel mit langem Schaft. Ich werde diesen Spätsommer als den besten Spätsommer für eine ganz lange Zeit in Erinnerung behalten. Und bald geht es mit dem Herbst los. Wahrscheinlich der beste Herbst für eine ganz lange Zeit.

Am Samstag brachte ich die Schwiegereltern zum Flughafen. Der neue Autobahnabschnitt verkürzt und vereinfacht meine Autofahrt nach Schönefeld ja spürbar. Früher rumpelte man durch Treptow und Britz. Ich finde die Autobahn super und das sage ich als Fahrradfahrer, ich ärgere mich nur darüber, dass der Ausbau der Fahrradwege so unfassbar langsam vorangeht und teilweise sogar ausgebremst wird. Aber die CDU ist ab dem Herbst wahrscheinlich ohnehin wieder in der Opposition. Wie zuvor erwähnt: Es wird ein guter Herbst. Andererseits glaube ich nicht, dass eine Bürgermeisterin der Linken die Probleme dieser Stadt wirklich versteht. Ja, das Mietenthema. Das Problem ist richtig erkannt, aber eine Lösung hat die Linke auch nicht. Ich werde in den nächsten Wochen noch etwas darüber schreiben, es deprimiert mich nur so. Berlin wurde noch nie gut regiert. Immerhin eine Kontinuität.

Deswegen ein Thema aus der Themenliste:

„Hast Du der Hündin Dein Buch mal vorgelesen? War/wäre sie auf die anderen Hunde, mit denen du in Amsterdam gelebt hast, eifersüchtig?“

Ich habe ihr das Buch tatsächlich vorgelesen. Mehrmals. Beim Üben der Passagen, die ich für die Lesungen vorbereitete, aber auch den ganzen Text, als ich es als Hörbuch einlas. Dabei fällt mir ein, dass ich das Hörbuchprojekt nicht mehr weiterverfolgt habe. Manchmal denke ich daran, aber ich müsste die Freundin, die den Titel einspricht, reaktivieren und ich kann mich erinnern, dass irgendwo in den ersten 30 Minuten zwei oder drei Versprecher passierten. Jetzt fehlt mir aber die Lust, 30 Minuten lang konzentriert meiner Stimme zuzuhören und auf Versprecher zu achten. Die Versprecher könnte ich eigentlich drinlassen, mir liegt nicht viel an Perfektion, ich habe nur das Gefühl, bei einem Hörbuch müsse etwas Perfektes herauskommen. Also die Erwartung der anderen daran, nicht meine eigene Erwartung.

Also ob die Hündin auf die anderen Hunde eifersüchtig ist? Ich glaube nicht. Zum einen ist meine Hündin wie meine Frau: Sie liebt mich und interessiert sich eher wenig für ihre Artgenossen. Wir reden auch in ihrem Beisein über unseren nächsten Hund. Meine Frau möchte nämlich einen Berner Sennenhund, mir sind die aber zu groß. Während wir diese Gespräche führen, steht sie nur da und wirkt eher unbeeindruckt. Es kann daher sein, dass sie entweder kein Deutsch kann, oder sie schlichtweg keine Eifersucht verspürt.

Ah, was ich aber zum neuen Autobahnabschnitt noch sagen wollte. Es wundert mich, dass sie keine Lösung für das abrupte Ende der Autobahn gefunden haben. Die werden die Autobahn doch nicht immer mit einer Ampel enden lassen wollen, oder? Die Autobahn endet dort immer mit einem Stau. In der Regel ist der Stau zwischen einem halben und 1,2 Kilometer lang. Das hat auch nichts mit der Baustelle auf der Elsenbrücke zu tun, das hat einfach mit der Ampel zu tun. Die Ampel steht am Ende der Autobahn, Patzbumm. Es gibt Leute, die wählen deswegen die AfD.

[Fr, 21.8.2026 – geschnittene Äpfel]

Wir öffneten eine Flasche Champagner. Das hatte er sich so gewünscht. Er schrieb, dass er keine Trauerfeier wünscht, kein Drama, kein Nix, aber die Freunde sollten sich eine Flasche Champagner öffnen und auf ihn anstoßen. Er war ein Freund meiner Schwiegerfamilie, die Eltern waren seit nunmehr 60 Jahren befreundet. Als er mit Anfang 30 aus Göteborg wegzog, arbeitete er lange für die schwedischen Botschaften in der Schweiz und in Brüssel. Zuletzt lebte er seit über zwanzig Jahren in Berlin. Ein vornehmer Mann alter Schule, zu seinem weißen vollen Haar, trug immer weiße Hemden und ein Halstuch darunter. Wir besuchten ihn manchmal in seiner Charlottenburger Wohnung, wo er uns seine Kunst und seine Bücher zeigte und uns schließlich aufwendig bekochte. Zum Aperitif servierte er immer getrocknete Oliven, Salzstangen und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das fand ich so ungewöhnlich und ich dachte nur: Das müsste man öfter tun. Vor einigen Jahren starb seine Frau. Eine beeindruckende, sehr dominante Frau mit schwarzen Fingernägeln und langgezogenen Kajallinien. Ich habe sie erst spät kennengelernt, da war sie schon eine alte, vom Alkohol unbeweglich gewordene Frau, die sich aber nie um einen schmutzigen Witz oder makabren Kommentar zu schade war. Sie flirtete ganz offen mit mir und nannte mich einen Knaben. Nur ein bisschen zu dick sei ich für sie. Als sie starb, fanden wir heraus, dass sie gar nicht den Vornamen trug, mit dem wir sie kennengelernt hatten. In diesem Zuge fanden wir heraus, dass auch seine vorherige Frau einen anderen Namen trug als den, mit dem er sie seinen Freunden vorgestellt hatte. Er gab ihnen mondäne, französisch klingende Namen. Ihre wirklichen Namen waren schwedisch, zu ordinär. Nach ihrem Tod kümmerte sich die Haushaltshilfe um ihn. Eine ähnlich dominant auftretende Frau. Es hätte eine jüngere Schwester der verstorbenen Frau sein können. Er stellte sie uns als seine neue Frau vor. Dabei verriet sie uns mehrmals, heimlich zuzwinkernd, dass sie mit einem anderen Mann verheiratet sei. Wir fragten nie nach, wir fanden es zu witzig. Erst nach seinem Tod hinterfragten wir den auffällig mondän französischen Namen der Haushaltshilfe. Aber auch hier. Wir fragten nicht mehr nach.

Zum Champagner servierte meine Frau heute Salzstangen, getrocknete Oliven und geschnittene Äpfel. Geschnittene Äpfel – das müsste man echt öfter tun.

[Do, 20.8.2026 – Unterwältigtes]

Gerade aus logistischen Gründen keine Zeit, die Dinge aufzuschreiben. Meine Schwiegereltern sind zu Besuch und die Tastatur meines Laptops ist kaputt, was bedeutet, dass er nur an meinem Schreibtisch mit der Dockingstation zu betreiben ist, da aber mein Arbeitszimmer gerade belegt ist, verfüge ich nicht über mein Schreibgerät. Außerdem wurde mein Chef gestern entlassen, deswegen traf ich mich mit ihm am Abend auf einen Drink, wo wir ein bisschen über die Dinge redeten. Entlassungen sind schon immer etwas Emotionales, aber meine Einstellung dazu, sowie auch seine, ist: Unsere Chefköpfe rollen immer als erste. Das ist okay so. Wenn ich das sage, fühle ich mich immer wie ein Vollprofi. Jetzt bin eben ich in der zweiten Hierarchieebene statt er. So laufen die Dinge.

Apropos rollende Köpfe. Mein Schwiegervater ist total angetan von diesem leichten, neuen Wild Coast Ale von der Störtebeker Brauerei. Es ist nicht ohne Grund immer als Erstes ausverkauft. Heute fragte er mich, was das Wort „Störtebeker“ eigentlich bedeutet, und weil ich vier Jahre lang in Hamburg wohnte, weiß ich natürlich alles über Hamburg und fing an, über den Piraten Klaus Störtebeker zu referieren, bis hin zur Geschichte mit dem rollenden Kopf, der das Leben seiner Matrosen rettete. Leider stellte sich nachher, als ich im stillen Kämmerlein auf mein Telefon schaute, heraus, dass ich zum einen die Geschichte mit dem rollenden Kopf falsch in Erinnerung hatte, aber auch, dass es sich bei Klaus Störtebeker weitgehend um eine Legende handelte. Ähnlich wie Robin Hood. Allerdings gab es ihn immerhin als real existierende Person, die als Pirat ihren Lebensunterhalt verdiente, aber die Geschichten sind Legenden.

Nun.

Ein underwhelmtes Gefühl blieb übrig.

Einen wirklich guten deutschen Ersatz für das Wort „underwhelming“ gibt es nicht. Enttäuschend ist ein gutes Wort. Aber nicht, wenn man underwhelmed ist. Underwhelming hat dieses Dämpfende, wie ein Pft, das die Luft rauslässt. „Ernüchternd“ vielleicht, oder „wenig berauschend“. Aber weder „nüchtern“ noch „wenig rausch“ spielt in meiner Lebenswelt eine positive Rolle.

[Mo, 17.8.2026 – Hausmeisterliches]

Ich habe es sehr vermisst, Herthapodcasts zu hören. Jetzt, wo wir unbesiegbar sind und nie wieder verlieren werden, macht es auch wieder Spaß, alle abonnierten Herthapodcasts anzuwerfen.

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Daneben arbeite ich gerade an der KI-Schreibassistentin weiter. Es gibt noch ein paar Dinge, die nicht gut funktionieren. Die Probleme sind technisch, weil ich hier ein kompliziertes Setup mit Backups und Git auf einem Raspberry Pi betreibe, und ich lasse die KI auf die Backups los, anstatt lokal mit dem schicken Client von Claude auf dem Laptop zu arbeiten. Lieber Herr Paul, die Dokumentation dauert noch ein klein wenig, dabei würde ich das Setup mit dem Raspberry weglassen, außer das interessiert dich auch.

Zudem habe ich ein neues Favicon erstellt. Sieht man jetzt oben im Browsertab. Fast zwanzig Jahre lang hatte ich als Favicon das umgekehrte Logo der Wikipedia, also M statt W. Fand ich damals witzig. Ich glaube aber nicht, dass das je jemandem aufgefallen ist. Warum ich mich jetzt auf einmal mit meinem Favicon beschäftige, ist wieder einmal Felix, bzw. Frank Westphal, die über Blockroll geschrieben haben, eine föderierte, bzw. verteilte, maschinenlesbare Blogroll. Wie Frank Westphal schrieb: „Eine Blogroll ist ein öffentliches Follow. Eine Blogroll-Sammlung ist ein soziales Netzwerk. Und ein Blogroll-Netz ist ein Rabbit Hole.“ Ich habe es noch nicht zur Gänze verstanden, und auch noch nicht zum Laufen bekommen, aber ich weiß jetzt schon, dass das super wird. In der Blockroll von Felix sah ich schließlich, dass mein Favicon für die Blockroll hochskaliert wird, aber das sieht natürlich miserabel aus. Deswegen erstellte ich nach zwanzig Jahren einfach ein neues. Eine Wolke, als SVG, sieht also in jeder Größe scharf aus.

[Sa, 15.8.2026 – Barrieren, Oly, Mobi Dick, Typo]

Mit der Tochter einer Freundin aus Essen gewesen. Sie sitzt im Rollstuhl und ich dachte ja, dass gastronomische Lokale mittlerweile barrierefrei umgebaut sein müssen. Mit dieser Annahme lag ich allerdings ziemlich daneben. Das erste, gebuchte Restaurant musste ich stornieren, weil sie schlichtweg nicht auf meine Frage nach Barrierefreiheit eingingen, also kontrollierte ich die Bilder auf Insta und Google, wo ich dann die zwei Stufen im Eingangsbereich sah und es damit hinfällig wurde. Auch wenn wir ohnehin draußen sitzen würden, Menschen müssen auch auf die Toilette. So ging das mit mehreren Lokalen, also suchte ich schlicht direkt nach barrierefreien Restaurants, und fand schließlich ein koreanisches Lokal, das als barrierefrei gelistet war. Gingen wir also hin. Im Eingangsbereich gab es eine Stufe und später checkte meine Frau die barrierefreie Toilette, die „out of order“ war, es funktionierten also nur die WCs im Keller.

Die junge Frau im Rollstuhl sagte, das sei immer so. Sie ginge immer auf gut Glück.

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Heute ins Olympiastadion zum ersten Heimspiel der Saison. Auch das zweite Spiel gewannen wir. Unsere Mannschaft schoss den Absteiger aus der ersten Liga mit 4:1 aus dem Stadion. Weder hatten wir den Sieg letzte Woche erwartet, noch den heutigen Sieg. In der Kurve stimmten wir ein übermütiges Lied an, ein Lied darüber, dass wir jetzt unschlagbar sind und mit 100 Punkten ohne Niederlage die Saison beenden. Das Lied war so eingängig und machte uns alle dermaßen gut gelaunt, dass es mindestens viermal in Dauerschleife gesungen wurde.

Sabine war heute zum ersten Mal bei uns in der Kurve. Sie saß die letzten Jahre immer oben bei den Mecker-Rentnern in 2.1, wie sie sie nennt. Vorher sagte sie, sie habe ein bisschen Angst. Als ich sie nach dem Spiel im Messenger danach fragte, schickte sie nur Smileys mit Sternen in den Augen.

Das Ganze bei 34 Grad. Unten im Block staute sich die Hitze. Der Großteil meines Fanclubs steht in Q3, dort brannte die Sonne ab der zweiten Hälfte herein wie ein Hitzestrahler, ich kenne das noch von den vergangenen Saisons. Ich meine, ich hatte auch darüber geschrieben, wie ich auf einmal nicht mehr singen konnte, weil mir schlichtweg das Wasser und der Sauerstoff vom Kopf in die Füße gesackt waren. Die Hitze schien aber niemanden zu stören. Es ist Teil der Journey, wenn man übermütig Lieder singt. Bei uns weiter links in T1 stehen wir aber im Schatten.

Auf dem Rückweg in der S-Bahn wurde mir ein Gemälde von Moby Dick in meine Timeline gespült und das löste sofort Gefühle in mir aus.

Mit Moby Dick und mir ist das so eine Sache. Ich habe das Buch dreimal begonnen und dreimal weggelegt, weil es mich anödet. Denke ich aber an Moby Dick, dann löst das starke Bilder in mir aus. Ich glaube nämlich, lebte ich Mitte des 19. Jahrhunderts, wäre ich Matrose gewesen. Als junger Bursche wäre ich in meinem Südtiroler Bergdorf erstickt. Als ältester Sprössling hätte ich das Erbe des Bauernhofes übernehmen sollen, diesen hätte ich jedoch an meine Schwester abgegeben, die über wesentlich bessere Anlagen verfügt, um eine Bauernhofswirtschaft aufrechtzuerhalten. Ich hingegen wäre nach Birmingham gereist, oder nach Liverpool, dort hätte ich auf einem Schiff angeheuert und hätte die Weltmeere bereist bzw. das Schicksdeck geschrubbt. Ganz sicher. Und keineswegs romantisiert.

Das Bild, das ich in meiner Timeline sah, war „Moby Dick“ von einem französischen Illustrator namens Gerard DuBois. Es stellt Kapitän Ahab dar, wie er mit einer Harpune an der Reling steht. Der ganze Hintergrund ist weiß. Und ein Auge. Es ist der weiße Wal. Der Hass. Die Obsession. Ein sehr starkes Motiv. Die künstlerische Umsetzung finde ich nicht ganz gelungen, sie ist zu kinderbuchmäßig, aber als Motiv wesentlich stärker als der sonst übliche Pottwal, der mit seinen Kiefern Boote zertrümmert.

Weil ich jetzt kein viertes Mal Moby Dick zu lesen anfangen will, bestellte ich „Tage des Grauens und der Verzweiflung“ von Owen Chase, einen Bericht des Kapitäns der „Essex“, das ist die wahre Geschichte, die Melville dazu inspirierte, Moby Dick niederzuschreiben.

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Felix schrieb neulich in seinem Blog darüber, dass er sich an der Schriftgröße hier in meinem Blog stört. Zuerst sagte er natürlich, wie schön er manche Dinge findet, etwa den Titel, jedoch ist ihm das gesamte Textbild zu gedrungen und die Unterstriche sind ihm zu fett und enganliegend. Er hat nicht unrecht. Ich habe wirklich wenig Ahnung von Typografie, kann aber immer alles nachvollziehen, wenn jemand darüber spricht. Nett, wie er ist, hat er das CSS veröffentlicht, mit dem er für sich mein Blog aufgehübscht hat. Jetzt geriet ich natürlich unter Zugzwang und baute das sofort ein. Es sieht in der Tat besser aus.

[Mi, 12.8.2026 – Lesung, Sofi]

Liebe Münchnerinnen, Bajuwarinnen und Münchenbesucherinnen. Haltet euch den 24. Oktober frei. Dort lesen ein paar feine Webloggerinnen und ich in einem Boxring Texte vor.

Das Lineup:
Die Katmamsell
Frau Novemberregen
Vanessa Giese
und ich.

Durch den Abend führt uns Frau Klugscheisser. Ich freue mich. Mehr dazu morgen.

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Für eine Sonnenfinsternis, egal wie partiell, setze ich mich ja in den Park und nehme daran teil. Dafür schnitt ich den Sushikarton vom Wochenende zurecht, setzte eine Aluminiumfolie ein und punktierte sie mit einer Nadel. Wir schnappten uns die Hündin und holten uns zwei kalte Biere im Späti und setzten uns in den Park. Tausend andere Menschen waren schon vor uns da. Mit Spezialbrillen, mit Telefonen, manche hatten eine ähnliche Camera Oscura gebaut wie ich, und so saßen wir da, wie Sonnenblumen, alle der hellen Scheibe zugewandt.

Lustig auch das letzte Bild. Wie die Kamera ein seltsames Artefakt bildet.

[Di, 11.8.2026 – KI, Fetischclubs]

Gestern und heute sehr schwer mit künstlicher Intelligenz beschäftigt gewesen. Bis tief in die Nacht hinein und danach tat ich mich schwer, einzuschlafen. In der Firma bereite ich einen KI-Workshop vor und zuhause habe ich mir eine Agentin gebaut, die täglich die Fortschritte an der Romanarbeit überprüft und analysiert. Ja, sie ist weiblich. Sie trägt aber keinen Namen. Sie soll jede Nacht um drei Uhr die Änderungen am Text durchgehen, Inkonsistenzen von Figuren aufspüren, logische Fehler überprüfen, Handlungsstränge bzw. Fäden im Blick behalten und weitere, ähnliche Dinge, die mir im kreativen Prozess nicht auffallen, die sonst erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt auftauchen. Auch erstellt sie Statistiken zum Fortschritt, zur Anzahl der Wörter, Anzahl Korrekturen, Tage, Peaks, Rhythmus. Ich habe sie so eingestellt, dass sie keine Emotionen hat, lediglich Hinweise zu Fehlern gibt, allerdings keine Rechtschreib- oder Grammatikfehler, dafür aber stilistische Inkonsequenzen. Die KI kann das wirklich gut.

Hauptsache, sie greift nicht in den Text ein. Und sie soll mich auch nicht zu irgendwas motivieren.

Trotzdem wird sie nicht das Lektorat ersetzen, aber manchmal überrascht sie mich dann doch mit seltsamen Details. Sie schrieb mir beiläufig, in einem Nebensatz: Köpenick liegt übrigens südöstlich, nicht südwestlich. Eigentlich traue ich ihr fast alles zu, aber dieses Detail hat mich dann seltsamerweise überrascht. Wobei eine geografische Verortung technisch ja Kinderwerk ist. Wie sie das beiläufig anmerkte.

Ich habe noch das Bedürfnis, einen KI-Disclaimer zu verfassen. Die Kaltmamsell garantiert ein KI-freies Blog. Es sträubt sich in mir, meine Texte als 100% von Menschen geschriebene Texte zu kennzeichnen, aber ich fürchte, dass sich der Standard gerade wandelt.

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Aus der Themenliste:
Erzähl mal was über Deine Erfahrungen in Fetischclubs (Zitat Wetterschwitzen-Eintrag: „Als ich das Büro betrat, fühlte ich mich, als käme ich aus einem Fetischclub“)

Ich musste gerade mal gucken, was Fetischclubs eigentlich genau sind, damit ich keinen Scheiß sage, wenn ich nämlich sage, dass ich aussähe, als käme ich aus dem Fetischclub, dann denke ich an Clubs wie das Kit Kat oder die Partys in der Wilden Renate, und damit meine ich eher ein Gefühl, einmal völlig durchgenudelt worden zu sein und man nicht mehr weiß, ob die Kleidung verrutscht ist bzw. noch in ganzen Stücken am Körper hängt. In diesem konkreten Fall sprach ich von meinem vom Regen durchnässten, weißen Hemd, das ich bei dem Wetter ohne Unterhemd trug. Das Hemd war sommerlich eher dünn, darunter sah man meine Bauchhaare und die Tätowierungen, das wirkte wirklich, als sei ich durchgenudelt worden. Aber Fetischclubs. Jetzt weiß ich nicht, ob meine Erfahrungen dahingehend zu mainstreamig sind, beim Kit Kat dreht es sich ja schon ums Ausgehen und Musik, dass nebenbei auch gevögelt wird und es so etwas wie einen Dresscode gibt, kann man auch wieder als normalen Samstagabend in Berlin betrachten. Ich weiß nicht genau, wo die Grenze gezogen wird. Das Berghain zählt nicht wirklich dazu, wenn man den Darkroom-Bereich einmal ausklammert. Habe ich gelesen. Aber dass ich in solche Clubs ging, ist nun schon fast zwanzig Jahre her.

Die Lokale, die ich früher in den Niederlanden besuchte, waren oft sexuell, aber auch keine klaren Fetischclubs. In der Novelle erzählte ich nebenbei vom besetzten Haus am Vismarkt. Dort hatten die Leute ständig Sex. Oben in den Wohnbereichen gab es keine Wände, sondern nur Stofftücher, die Zimmer simulierten. Unten in der Bar war es gesitteter, aber unter der Bar im Keller lief Techno, da hatten Menschen Sex. Man lief da aber auch nicht herum und hatte einfach Sex, das geschah bei mir tatsächlich nur mit meiner Freundin. Wenn man dort ist und jemand hat zwei Sofas weiter Sex, dann kam es eben vor, dass man selbst auch Sex hatte. Auf der Toilette aber.

Ich habe mich jedenfalls nie in Sex- oder Fetischszenen bewegt. Sex und Fetische waren eher oft ein Begleitumstand. Fürs Kit Kat und die Wilde Renate fühle ich mich mittlerweile zu alt. Ich finde es schon schade, dass ich das in jüngeren Jahren nicht so verfolgt habe. Es ging auch meist mit elektronischer Musik einher, die mir lange eher missfiel. Musikalisch bevorzugte ich bekleidete Menschen wie die Bad Seeds.

Vor einigen Jahren sprach ich mit einer Freundin darüber, dass wir mal zu einer Sex-positive-Party gehen sollten. Das finde ich ungemein spannend. Sexpositivismus. Ich kann mir vieles unter dem Begriff vorstellen. Ich sagte, ich würde eine Anzugsweste tragen und mir einen schwarzen, dicken Strich quer über das Gesicht ziehen. Und sonst nichts. Okay, untenrum würde ich mir auch etwas anziehen. Aber das war eher ein lustiger Gedanke. Ich glaube nicht, dass ich da noch hineinpassen würde. Zumindest nicht in der heterosexuellen Welt. Für Heteros kämen dann nur noch Swingerclubs infrage, aber die wirken so unästhetisch, dass ich sie schon aus Stilgründen nicht besuchen möchte.

In anderen Worten: Ich gehe nicht in Fetischclubs. Ich finde aber, ich hätte mich früher mehr damit beschäftigen sollen.