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Sonntag 30. Januar 2005
St.Pauli Chronicle. Newsblog ausm Viertel. Und dem umliegenden Kaff. [gefunden via Stacktrace].
St.Pauli Chronicle. Newsblog ausm Viertel. Und dem umliegenden Kaff. [gefunden via Stacktrace].
Ich bin wirklich zu alt fuer dieses rumgesaufe.
Und jetzt wo ich dreissig geworden bin, ist alles nur noch schlimmer.
(Und bald werde ich vergessen im Suff mein Gebiss in das Glas Wasser auf dem Nachttisch zu geben)

Ich habe heute die Grenze von Dreitaussend Besuchern pro Monat ueberschritten. Das muss gefeiert werden, nachdem ich mich die letzten Monate immer zwischen 2700 und 2900 bewog, ist nun die Schallmauer durchbrochen.
Gestern 30 Jahre, heute 3000 Besucher, vielleicht sollte ich meine Glueckszahlen neu definieren und mein Geld auf die Nummer 300, den Hengst Black Blizzard verwetten.
Ich danke euch fuer das Lesen. Das bereitet mir wirklich sehr viel Freude. Auch wenn ich hier nur schreibe um richtig Deutsch zu lernen und um eine Art Notizzettel zu fuehren, fuehle ich mich sehr geschmeichelt, dass das auch wirklich jemand alles liest. Alsob es Interessant waere, das was ich mitzuteilen habe.
Habe ich schon einmal erwaehnt, dass ich 9 Jahre lang strikter Vegetarier war? Bestimmt schon mehrmals. Ich habe in all den Jahren das Fleisch niemals vermisst. Ich ass es einfach nicht, weil mich die Praktiken der Bioindustrie ankotzten und ich mich daher zu Fleischboykot entschlossen hatte. Leidergottes erlitt die Wirtschaft dadurch keinen Schaden, aber trotzdem habe ich in all den Jahren weiterhin als Schmecker und Feinschmecker gelebt und es hat mir vor Augen gefuehrt, dass man sehr wohl ohne Fleisch leben kann. Von einem Tag auf den anderen habe ich jedoch ploetzlich, ohne besonderen Grund, wieder zum Fleisch gegriffen. Nicht, dass mir nach Fleisch geluestete und ich es nicht mehr aushielt ohne es zu leben. Nein es war wie wenn man ein Buch ausgelesen hat und es beiseite legt. An einem etwas regnerischen Mittwochnachmittag kaufte mir eine Dose Tunfisch, weil ich das als Kind auch immer mochte. Und dann kam alles vonselbst.
Kein wichtiger Meilenstein, aber trotzdem schockiert es mich wenn dann zu meinem Geburtstag Pakete aus Suedtirol mit folgendem Inhalt ankommen:

Eine Oase der Lust. Vergleiche zum Geschlechtsverkehr unterlasse ich heute mal.
Meine Mutter meinte es bestimmt gut, ihrem Sohn ein heimatliches Ueberlebenspaket zu schicken. Es hat mich auch sehr gefreut. Ich bin ja nicht besonders waehlerisch wenn etwas gut schmeckt. Ob es nun um leichte Kost geht, oder schwere Kost, ist mir so ziemlich egal. Ich kann fuenf solcher Kaminwurzen zum Fruestueck essen oder eine kleine Schuessel Obstsalat. Hauptsache meine Geschmacksnerven werden verwoehnt.
Wozu aber die letzte Ladung Kaminwurzen und Speck gefuehrt hat, damals beim Besuch meiner Schwester Astrid zu Ostern, duerfte einigen Lesern noch in Erinnerung sein. Fuenf Kilo Bauchspeck innerhalb nur weniger Tage. Und von denen habe ich mich noch immer nicht erholt. Daraufhin habe ich meine Lieben in den Bergen gebeten mir nie wieder ein solches Paket zu schicken. Nicht einmal wenn ich darum flehe und heulend vor Sucht und Heimweh am Telefon plaerre.
Aber Mamma weiss was gut fuer ihren Sohn ist. Wenn er einsam und traurig, naechtens am Fenster sitzt und mit feuchten Augen gen Sueden gerichtet, an die Heimat denkt, da hilft es bestimmt nur, wenn man am Duft einer Kaminwurze riechen kann, die man mit zwei Haenden umschlungen festhaelt und kleine Stuecke abnagt, waehrend die Erinnerungen an die Kindheit aus der Wurst emporzudampfen scheinen.
Sie kann ja natuerlich nicht wissen, dass ich die Dinger gierig mit einem grossen Messer aus der Packung hole, waehrend mir die Zunge aus dem Mund haengt, und mir die Sabberfluessigkeit wie Reschener Etschquellwasser auf das Hemd stroemt, alsob ich voellig ausgehungert ein ganzes Schwein abschlachten wuerde. Sie kann mich nicht sehen wie ich dann drei Wuerste innerhalb weniger Minuten verschlinge und mich nachher vor Bauchschmerzen kruemme. Nein, dazu bin ich schon viel zu lange aus den Bergen weg, als dass sie sowas wissen koennte.
Und wenn man fern der Heimat ein bisschen Bauchspeck antrainiert, dann ist das ja auch ein gutes Zeichen. Das heisst, dass es mir gut geht. Und an der Menge meines Bauchspeckes gemessen, muss ich ein ueberdurchschnittlich gluecklicher Mensch sein. Auch das beruhigt sie. Solange das Fleisch mir nicht von den Knochen faellt ist alles gut.
Ich bewahre sie jetzt erstmal auf. In einem vergrabenen Tresor, in einem zugeschuetteten Bunker zehn Meter unterhalb des Kellers, und ich werde den Schluessel erstmal schlucken. Fuenf zusaetzliche Kilos gehen momentan einfach nicht. Einfach nicht.
Das ist aber ja alles nicht schlimm, auch nicht, dass ich von der Dame des Hauses folgendes Buch bekommen habe:

Das Buch stand gluecklicherweise auf meiner Wunschliste, sonst muesste ich wohl wirklich ein bisschen an meinem Persoenlichkeitsbild herumschaben. Rede ich dauernd ueber Essen? Esse ich viel? Ich esse vielleicht gerne. Vielleicht sehr gerne. Ich koche zum Glueck genauso gerne wie ich esse. Vielleicht hat sie es mir nur geschenkt, weil sie es erotisch findet, wenn ich mit meinem blauen “I bin a Suedtiroler”-Schurz und riesigem Messer in der Kueche stehe, waehrend es ueberall dampft und bruzzelt und die Pfannen scheppern, wobei ich Luciano Pavarotti und die Sex Pistols gleichzeitig interpretiere. Ja, da geht der Punk ab, bei mir in der Kueche.
Man kann es aber auch durchaus als Aufruf zu praeziserem Kochen verstehen. Wieviele Speisen habe ich schon vermasselt? Nur weil ich nicht wusste, wieviel Senf und Wein ich in die Pfanne kippen musste? Ich ass es letztendlich doch, weil neben dem Geschmack, gab es ja auch immer Vitamine in dem einfarbigen und einfoermigen Frass. Aber die verzerrten Gesichter der Mitesser sind mir nie entgangen.
Aber nein, es ist bestimmt gut gemeint. Das Buch hat mich ja sehr viel Freude bereitet. Vielleicht, damit ich in einsamen Naechten mit feuchten Augen am Fenster sitzen kann, mit Blick gen Sueden, in richtung Heimat gerichtet.
Ueberdies schwaerme ich dauernd von der Kueche aus den Bergen.
Sie wird mir erstmal eine Wunschspeise aus dem Buche kochen. Waehrend ich faul auf dem Sofa sitzen kann und ich euch von den Dueften der Kuechenpunketta aus der Kueche berichten werde.
Jetzt kommt alles auf mich zu, wovor ich mich dreissig Jahre lang wehren konnte: Arterienverkalkung, Brustkrebs, Rueckenprobleme, Demenz, Kreislaufstoerungen, Altersschwaeche. Ich kann es nicht mehr aufhalten. Hinzu kommen Kinder, Lebensversicherung, eine feste Anstellung, Fruehrente und gar sollte ich mir schonmal ein nettes Altersheim aussuchen. So oft klingelt der Typ da draussen nicht.
Jetzt wo ich dreissig bin, faengt das Leben doch erst richtig an. Oder sollte ich darauf warten, dass ich vierzig werde? Aber was solls, wenn ich meine immer haeufiger auftretenden Schlafstoerungen erstmal beseite lege, mich noch kurz ins Bett verkrieche, und versuche meine gefuehlten achtzig Jahre zu verdraengen, dann bekomme ich in zwei Stunden auch gleich Torte mit Kerzen. Man erwacht nur einmal zum ersten Mal als Dreissigjaehriger. Das macht man besser mit Torte, und nicht mit drei Zigaretten, halbverschlafen in Allerherrgottsfruehe.
Parmesankaese im Salat! Welch eine Entdeckung.
Das ist fast so viel Sex wie kleine Knoblauchstuecke in heisses Olivenoel zu schmeissen. Nur ein bisschen anders. Waehrend Knoblauch in heissem Olivenoel eher sinnlicher Sex ist, getraenkt in ewigdauernder Erotik, spielt Parmesankaese im Salat, in einer viel rauheren Liga. Wie ein schneller Fick. Feurig und nass vor Schweiss.
Ich bin gar kein so ein schlechter Liebhaber wie man meint.
Die Kategoriefunktion bei Blogeintraegen macht richtig Spass. Warum hab ich das so lange ignoriert? So kann ich nun die Gedanken mit einem einfachen Klick in Schubladen stecken, und alles scheint aufgeraeumt und eingepackt. Das selbe Gefuehl wie wenn man nach einer wilden Kochorgie die Kueche wieder blitzblank sauberwischt. Wenn ich schon im richtigen Leben keine Ordnung habe, dann hab ich es jetzt wenigstens in meinem Weblog soweit geschafft. Und sofort fuehle ich mich wie ein erfolgreicher, junger und dynamischer Kerl.
In meiner Wohnung gibt es nur die Kategorie “Uncategorized”.
Da die Dame bei mir zuhause gestern ihren Geburtstag feierte und mir momentan bei den Geschenkideen etwas die Phantasie entlaufen ist, schenkte ich ihr gestern, neben Obstsalat zum Fruehstueck und oralem Sex auf Kommando (man verschenkt ja am liebsten was man selbst so gerne haette), zur Abwechslung mal eine suedtiroler kulinarische Spezialitaet.Tirtlen. Ich hab die selbst zwar noch nie zubereitet, aber als Kind habe ich sie immer verschlungen, als gaebe es sie nie mehr in meinem Leben. Tatsaechlich verabschiedete sich meine Oma dann in Richtung Himmel und da meine Mutter keine Titlen machen kann, ist meine Erinnerung an die letzten Tirtlen, mit Baumhuetten bauen und Maedchenzoepfe ziehen, in weiter Ferne untergegangen. Aber Frau Risottokoenigin rief letztens die Erinnerung an die Kindheit wieder hoch, und nun ist es soweit.
Rezept fuer suedtiroler Tirtlen mit Spinat und Topfen
(Oder zumindest: So wie ich sie mache)
Die meisten Leute werden wohl erstmal in den Laden gehen muessen, da ich davon ausgehe, dass nicht jeder die folgenden Zutaten im Hause hat, was Tirtlen wiederum fuer ein spontanes Essen mit Freunden mitten in der Nacht ungeeignet macht. Fuer naechtliche Essorgien empfehlen sich weiterhin Spaghetti. Jedenfalls, fuer 4 Personen muss das folgende auf den Einkaufsplan:
150 mg Weizenmehl
250 mg Roggenmehl
passierter Spinat
250mg Topfen (oder Quark)
Salz
Sonnenblumenoel
Zwiebeln
Als allererstes muss man einen Teig machen. Man nehme dazu das Mehl und das Wasser. Man kann auch zwei Essloeffel Oel mitgeben, und statt Wasser Milch eingiessen. Es muss ein fester Teig werden, der nicht klebt, also passt auf, nicht zuviel Wasser oder der Milch zu benutzen. Man kann sich lange darueber streiten wie man einen Teig macht, aber ich schmeisse die Teigzutaten in eine grossen Schuessel und fange an zu kneten, bis er einigermassen fest wird. Also, bis keine kleinen Stuecke mehr herumspritzen, sondern man den Teig ohne weiteres aus der Schuessel nehmen kann und damit knetend herumlaufen.
Habt ihr die Haende schon gewaschen? Gut, weil jetzt waere es zu spaet. Wenn man es vergessen hat, verschweigt man es besser, und waescht sich nach dem Teigkneten gleich stillschweigend die Haende. Aber es fragt eh niemand je danach. Wenn der Teig dann nicht mehr klebt, legt man ihn zurueck in die Schuessel, legt ein (sauberes) Tuch darueber und laesst ihn erstmal 30 Minuten ruhen. Wer beim Kochen Rotwein trinkt, sollte sich den Wein bis zu diesem Moment aufsparen, da man beim Teigkneten eh keine Haende frei hat, und man sonst dauernd auf das Glas schielt, wobei man es nicht trinken kann. Nachdem man den Wein eingeschenkt und die Zigarette angezuendet hat, gibt man sich der Fuellung hin. Es gibt da verschiedene Variationen. Im Pustertal nimmt man dazu auch oft Sauerkraut, aber meine Kindheit ist gepraegt von Spinat/Topfen Tirtlen, deshalb machen wir diese.
Hier in Hamburg hat man erstmal das Problem Topfen zu finden. Ich las jedoch, dass Topfen lediglich etwas trockener Quark ist. Also gab ich den Quark auf ein Kuechentuch und drueckte den Klumpen vorsichtig ueber die Spuele aus. Es ist erstaunlich, dass man da richtig drauflosdruecken kann und der Quark nicht durch den Stoff nach draussen tritt. Ganz berfriedigend ist diese Methode jedoch nicht, deshalb legte ich den Batzen nachher noch auf ein Stueck doppelgefaltetes Kuechenrollenpapier. und dann noch eine Lage darueber, und quetschte ihn platt. Das Papier saugt sich immer noch mit Wasser voll. Diesen Vorgang muss man mehrmals wiederholen, bis man das Gefuehl hat, dass er sich anfuehlt wie Topfen. Dann nimmt man einen Schluck Wein.
Lasst den Topfen ruhig so offen liegen bis er an der Reihe ist. Es kam mir so vor alsob er atmen muesse. Das kann auch Schwachsinn sein, aber geschadet hat es ihm nicht. Dann muessen die Zwiebeln ran. Zwiebeln gehoeren zwar standardmaessig nicht dazu, ich glaubte mich aber zu erinnern, dass meine Oma immer Zwiebeln nahm. Macht sie am besten gaaaahaanz klein und fein, und bratet sie dann mit ein klein wenig Olivenoel in einer Pfanne an. Nur ganz leicht. In einer anderen Pfanne oder Topf, gebt ihr den Spinat. Wenn ihr es richtig machen wollt, dann nehmt ihr Spinatblaetter und passiert den mit der Hand. Da ich aber nichts zum Passieren habe, und ueberdies gar nicht weiss wie das geht, kaufte ich gefrorenen und passierten Spinat. Den in eine Pfanne geben, damit er sich vom Eis loesen kann.
Bitte weder den Spinat, noch die Zwiebeln, noch den Topfen, mit Salz oder irgendwas anderes wuerzen. Den Teig selbst soll man gut salzen, aber wenn man die Fuellung auch noch salzt, dann wird es geschmacklich sehr schwere Kost. Das Geheimnis der Tirtlen ist die Mischung aus fettiger und schwerer Huelle, mit dem sanften, topfigen, ja gar erotischen Kern. Das ist Sex, also kein verdammtes Salz! Lieber noch einen Schluck Wein, damit man nicht auf dumme Gedanken kommt.
Die drei Fuellungskomponenten erstmal getrennt kalt werden lassen. Wenn man sie schon in warmem Zustand mischt, dann geht der Topfen zu sehr in das andere ueber und das ist nicht so gut glaube ich. Die Tirtlen aus meiner Kindheit hatten wirklich so kleine Klumpen, kann ich mich erinnern. Nachdem sie abgekuehlt sind, in eine Schuessel schmeissen, und das Ding richtig versohlen.
So,wenn die halbe Stunde fuer den Teig um ist, stellt man eine moeglich breite Pfanne mit ganz viel Oel auf den Herd. Mit ganz viel Oel meine ich ganz viel Oel. Also nicht bloss den Boden, sondern richtig dreifingerdick Oel reingeben. Das Ding muss eine Frittierpfanne imitieren. Wer eine Frittierpfanne hat, nimmt natuerlich die. Diese richtig heiss machen.
Und dann geht es wieder zurueck zum Teig. Mann nimmt dann am besten gleich drei, vier, fuenf Schlucke Wein, da man sich jetzt wieder die Haende schmutzig macht. Am besten waere es natuerlich einen Kuechengehilfen zu haben, der einem dauernd den Pegel der Koerperfluessigkeit aufrecht erhaelt, aber damit sind die Gaeste ja ueberfordert.
Ziel der Sache ist es jedenfalls, kleine Scheiben von zehn Zentimetern im Durchmesser zu drehen. Dass ihr eine Unterlage braucht ist klar. Ich nahm ein Schneidebrett, das ist zwar etwas klein und man kommt sich auf den paar Quadratzentimetern vor wie ein Origamibastler, aber meine Kueche hat leider keine grossen Flaechen, Ich beschreibe es im Detail, da nicht jeder so geschickt mit Teig umgehen kann und fuer mich war es gestern das erste Mal dass ich ueberhaupt ein nudelholzaehnliches Werkzeug in die Hand genommen hatte (wenn man mal ausser acht laesst, dass der neunjaehrige Supermequito, ein Nudelholz als Geheimwaffe unter seinem Umhang trug und damit dem Boesen im letzten Moment damit ueberraschte, und die ganze Welt rettete), sodass es fuer aehnliche Anfaenger bestimmt hilfreich ist. Was haette ich gestern fuer solch eine detailierte Anleitung gegeben!
Erstmal muss man die Arbeitsflaeche mit Mehl einstaeuben, damit der Teig nicht an die Unterlage festklebt. Das habe ich bei meiner Oma gesehen. Dann ein kleines Baellchen nehmen und dies in das Mehl herumdrehen, und langsam plattkneten zu einem Runden Kreis formen. Achtet darauf, dass immer alles mehlig bleibt, sonst ist man die ganze Zeit damit beschaeftigt, den Teig von Fingern und Werkzeug zu entfernen. Jedenfalls war das bei meinem Teig so. Es kann sein, dass man mit mehr Erfahrung einen besseren Teig hinbekommt, aber das wird erst die Zukunft zeigen.
Dann steckt man den Korken der geoeffneten Weinflasche wieder zurueck in die Flasche und waelzt damit ueber den Teig, einen zehn Zentimeter breiten Kreis. Sie koennen auch groesser sein als zehn Zentimeter. Bei mir wurden sie auch groesser, aber ich glaube, das ultimative Ziel ist es schon, diese auf zehn Zentimeter runterzutrimmen.Der Tradition wegen. Und es ist einfacher sie im Oel umzudrehen, vor allem wenn man schmale Pfannen hat, so wie ich.
Ihr werdet merken, dass das Etikett der Weinflasche die Arbeit stoert. Nicht nur weil die Flasche anfaengt zu fuseln und sich Paierstuecke in den Teig mischen, das koennte man noch irgendwie vertuschen, sondern der Teig klebt sich am Papier viel schneller fest als auf dem Glas. Komisch, was? Ich haette auch gesagt, dass das Glas, wegen der glatten Oberflaeche, viel eher klebt. Leider ist es nicht so. Nun kann man natuerlich die Flasche unter heisses Wasser geben und das Etikett abschaelen, aber das ist wiederum so schlecht fuer den Wein. Bei uns in den Bergen hat man ja immer schwarzgebrannten Schnaps auf Lager, immer ohne Etikette, aber hier ist das ja nicht so. Dshalb heisst es schrubben. Ausser man hat noch weitere Flaschen Wein auf Lager, welch ein Glueck, und kann sie kurz ins heisse Wasser stellen.
Das hat den Vorteil, dass man die Haende wieder sauber hat, und noch ein Glas nachschenken kann. Die Pfanne mit Oel muesste inzwischen sehr heiss geworden sein, also schaltet man die Flamme besser aus. Ihr seid ja noch nicht soweit. Da es sehr warm geworden ist in der Kueche und alles sehr anstrengend ist, nimmt man gleich noch ein Glas Wein.
So, dann knetet und rollt man wieder. Man braucht fuer ein Tirtl mindesten zwei solcher Scheiben. Wenn zwei fertig sind, gibt man die Zwiebel/Topfen/Spinatmischung darauf, breitet sie mit einem Loeffel aus bis zu ein oder zwei Zentimeter vom Rand, gibt dann die andere Scheibe obendrauf und presst die Raender mit einer Gabel fest, damit es geschlossene Behaelter werden. Nun das Oel wieder auf hoechststand bringen und das Tirtl hineingeben und sich an das Naechste wagen. Ihr werdet merken, dass es mit jeder Scheibe schneller geht. Man muss sich nur an die Bewegung des Knetens und Formens gewoehnen.
Wenn das zweite Tirtl auch fertig ist, und ihr es zur Pfanne bringen wollt, werdet ihr leider sehen, dass das erste Tirtl in der Pfanne schon voellig schwarz geworden ist.Tja es geht sehr schnell. Das wusste ich auch nicht. Ich dachte das braucht bestimmt so lange wie Pommes. Deshalb macht man am besten erst die Tirtlen, und schmeisst sie erst nachher ins Oel.
Eigentlich war es das nun schon. Die Tirtlen muessen Goldbraun frittiert werden und koennen dann auf einem Teller gestapelt werden. Essen tut man sie mit Messer und Gabel, oder mit der Hand. Besondere Tischregeln gibt es dafuer nicht.
Schlecht ist es auch nicht, wenn man Salat dazu macht. Tirtlen sind etwas schwer, daher ist die Leichtigkeit des Salates eine willkommene Abwechslung. Zum Trinken ist Bier irgendwie besser als Wein. Aber kwatsch, das ist natuerlich Geschmackssache, jedoch kam es mir so vor, alsob Bier etwas neutraler schmeckt und man den erotischen Geschmack, dieser schwere Schale / sinnlicher Kern -Sache, besser zur Geltung kommen laesst.
Und zum Verdauen spielt man natuerlich eine Runde Schnelln.
Ueberdies sollte man vorher wissen, dass die Kueche nachher ein Saustall sein wird.
Ganz zufaellig war ich im Dezember auf jener Party in der Lutherotstrasse. Ich wollte eigentlich gar nicht hingehen, aber letztendlich war es doch die einzige Alternative des Abends. Ausser meine beiden Begleiter kannte ich dort niemanden, jedoch wurde ich beim Betreten der Wohnung gleich von einer derartig guten Laune uebermeistert, dass ich innerhalb einer halben Stunde gleich ein halbes Dutzend neuer Menschen kennengelernt hatte. Die Leute waren ungezweifelt nett und die Gespraeche sprudelten aus der Kehle heraus, wie das Bier hinuntersprudelte. Besonders lange unterhielt ich mich mit einem Paaerchen aus Wien. Ueber die Tuecken des Lebens und der Liebe und der Bitterkeit von allem Anderen.
Vor wenigen Tagen rief mich der Gastgeber jener Party ueber Umwege an, und sagte, dass er fuer seine Firma PHP- und Perl-Programmierer suchte, die sonst auch ein bisschen weitlaeufiger arbeiten koennten, wie etwa Projekt Management und auch zu Kunden duesen um sich mit denen zu unterhalten, und nebenher eventuell noch ein bisschen an UNIX rumfummeln koennen. Perl und PHP sind zwar nicht meine Staerke, aber auf meiner Liste stehen die ganz oben einsam an der Spitze und warten darauf bis ich mich in sie vertieft habe. Nach einem sehr anregenden Telefongespraech war ich begeistert, da die Firma anscheinend zum Grossteil von den Leuten von jener Feier bestueckt war. Jung, fidel, und keine geschniegelten Frisuren. Genau da wollte ich arbeiten.
Wir verabredeten uns gleich fuer ein Bewerbungsgespraech. “Ehm, soll ich noch meinen Lebenslauf mitnehmen?” – “Nunja, wenn du den hast, nimm ihn ruhig mit, brauchste aber nicht eigens dafuer zu schreiben”. Das war mal was anderes, als der Druck, eine saubere Bewerbungsmappe vorzuweisen, wobei man den Brief und den Lebenslauf, neununddreissigtausendmal durchliest, und nervoes herumkauend hofft, keinen Rechtschreibfehler zu uebersehen, und die man dann an einem besonderen Ort aufbewahrt, damit ja kein Knick oder uebergrosser Staubkruemel, den eh niemals jemand sieht, die Chancen auf eine Anstellung zunichte machen koennte. Ich machte mir schon Sorgen ob ich im schwarzen Anzug nicht zu geschniegelt daherkommen wuerde und ich mir nicht besser eine Jeans kaufen sollte, damit ich ja normal erschiene. Das mit der Jeans liess ich aber sein, da mich solche Hosen nicht besonders gut zieren.
Meine Vorgesetzte wuerde die Wienerin werden, jenige, mit der ich mich den halben Abend unterhalten hatte. Bei dieser Mitteilung wurde ich etwas nervoes. Oh Gott, Mek, worueber hast du an dem Abend gefaselt?. Das Bier war an dem Abend bald uebergegangen in Wein. Die Vodkaflasche hatte ich auch bald entdeckt gehabt. Nicht nur das – die Vodkaflasche stand lange Zeit im Radius meiner Armspanne! Ich schluckte. Aber ich musste wohl keinen allzu schlechten Eindruck gemacht haben, sonst haette man mich wohl kaum angerufen.
Dann kam das Gespraech gestern, der Aschenbecher stand schon bereit und wir unterhielten uns erstmal zu dritt. Er, sie und ich, und alles war gut. Sie nahm meinen Lebenslauf zur Hand, ueberflog ihn, und fragte dann, ohne aufzugucken: “Und was bedeutet der Punkt zu ‘Bei verschiedenen Projekten in Berlin, Zuerich, Mailand und Wien mitgearbeitet’? Ist das was du auf der Party meintest mit: ‘ich habe keine Ausbildung weil ich ein halbes Jahrzehnt lang nur Steine geschmissen, Haeuser besetzt und gesoffen habe?’”. Es war mir peinlich. Nein Mek, wie koenntest du mit ihr nur genau darueber sprechen? Du solltest wissen, dass man im Leben jedem zweimal begegnet. Von wem ist der Spruch nochmal? James Bond? Ich, aeh, ich, aeh, sagte, “ja genau”, laechelte etwas gequaelt, aber beide lachten sie mit. Das Laecheln kam mir ehrlich vor und so entspannte ich mich wieder.
Es verlief aber alles gut. Ich blieb noch lange, liess mir die Sachen zeigen, die sie entwickelten, und wir einigten uns darauf, dass ich erstmal in meinen Abendstunden, von zuhause aus, als Freelancer fuer sie arbeiten wuerde, sozusagen als Probezeit, und wenn alles gut verliefe, dann wuerde ich am ersten April angestellt werden.
Ein Horizont da hinten.
Oha, schon wieder ein Fund der die Geschichte unserer Vorfahren erschuettert. Es stellt sich also heraus, dass wir zu jener Zeit noch gar nicht aufrecht gingen, sondern immer noch gebueckte Primaten waren. Zuerst fand man vor wenigen Monaten Lucy, die Maleisische Frau, die viel zu klein war, fuer die vermutete Groesse der damaligen Zeit, und nun das. Ach, die Wissenschaftler da draussen sind doch alles hinterlistige Illuminaten und wollten uns bisher doch bloss weismachen, dass wir nicht von Adam und Eva abstammen, und versuchen sich krampfhaft an der Darwinschen Lehre und dem Urknall festzukrallen. Dabei ist das doch voellig ueberholt. Wie schon bewiesen, stammen wir alle von einer Gruppe von etwa 1000 Menschen ab, die vor etwa 150.000 Jahren ihr Dasein vervegetierte. Tausend Menschen sind das. Das sind nicht mal die Haelfte der Einwohner des Bergkaffs in denen ich meine Jugendjahre verbracht habe. Diese tausend Leute waren natuerlich Adam und Evas Sippschaft, was anders. Dem Vatikan sind nur die Argumente ausgegangen, daher konnten sie Buch Genesis nicht mehr verteidigen. Aber wir kommen zurueck zur Wahrheit, meine Lieben. Schritt fuer Schritt, und dann uebernehmen wir den ganzen Planeten.
Da bemueh ich mich ein guter Mitarbeiter zu sein, indem ich mich zusammenreisse und eben leiste was ich kann, weil der eintoenige Job sonst eh keinen Spass macht, und natuerlich auch weil ich den Job nicht verlieren will, oder besser gesagt, weil ich gerne zur UNIX-Gruppe befoerdert werde, was ja eigentlich mein Ding ist – und dann kommt sowas. Erst wurde mir neulich definitiv abgesagt fuer die UNIX-gruppe, da die Mutterfirma keine neuen Stellen in jener Gruppe mehr frei machen will. Das war fuer mich dann das Zeichen mich anderweitig umzugucken, aber da mir das bestimmt nicht so auf die Stelle gelingen wuerde, hatte ich mein Auge auf den technischen second Level gerichtet, die einige Stellen ausgeschrieben hatten. Die Arbeit bei denen waere mir hundertmal lieber, weil viel entspannter und viel mehr Zeit mich mit den Aufgaben auseinanderzusetzen.
Der Bereichsleiter, also der Vorgesetzte, des Vorgesetzten meines Vorgesetzten, mit dem ich das Gespraech hatte wegen der Absage der UNIX-Abteilung, wollte sich perseonlich darum kuemmern, dass ich so schnell wie moeglich eine andere Anstellung in der Fabrik bekaeme, die meinen Qualifikationen entsprechen wuerde. Ich sagte ihm, ich haette da so mein Interesse in den second Level. Dafuer wollte er sich einsetzen. Bis ich einige Tage spaeter eine Absage bekam, und eine Stunde darauf flatterte eine Mail des Vorgesetzten meines Vorgesetzten in meine Mailbox – ich solle doch zu ihn kommen. Und das tat ich, voellig wuetend, da ich ahnte, dass er seine Finger im Spiel hatte. Die Umstaende waren so aehnlich wie an jenem anderen Tag (Nein, aus dem Vertrag ist letztendlich doch nichts geworden, aber das ist eine andere Geschichte.)
Er hatte tatsaechlich seine Finger im Spiel gehabt, und wisst ihr was? Der Arsch (ein Pardon fuer meine Zunge, aber auch sie ist nur ein Mensch) will mich nicht in die andere Abteilung gehen lassen, weil ich zu gut bin. Weil ich durch meinen Eifer die Statistiken meiner ganzen Abteilung rette. Weil ich mich immer bemueht habe. Ich dachte ich spucke ihm ins Gesicht. Das waere mein volles Recht gewesen, nach all dem rumgetuhe auf der Arbeit. Aber da ich ja ein aeusserst freundlicher Mensch bin, habe ich den Kopf geschuettelt, mich zum gehen gewandt und gesagt, dass ich mir ab jetzt einen anderen Job suche. Er solle sich schonmal fuer Ersatz umgucken. Er hielt mich an. “Bitte bleibe kurz”. In unserer ganzen Abteilung sollten im ganzen Jahr 2005, bis auf einige ausgesonderte Ausnahmen, keine Festanstellungen vorgenommen werden. Alle sollten weiterhin ueber die Zeitarbeitsfirma arbeiten. Weniger Lohn fuer uns, aber fuer die Firma eben freier, da sie damit frei heraus entlassen koenne, da unsere Abteliung ueber einen laengeren Zeitraum hinweg, in Phasen nach Ostdeutschland ausgewurzelt wird. Moderne Betriebspolitik eben. Er wollte mit mir eine Ausnahme machen, und mir fuer Februar einen Vertrag anbieten, da er mich nicht gehen lassen moechte.
Ich habe zugesagt, unter der Bedingung, dass ich ab Februar mehr verdiene und diesesmal den Vertrag auch wirklich bekomme, und seitdem nerve ich ihn dauernd. Morgen muss er klare Sprache gesprochen haben. Morgen will ich einen Termin zur Vertragsunterzeichnung haben.
Was er natuerlich nicht weiss, ist, dass ich morgen ein vielversprechendes Bewerbungsgespraech bei einer anderen Firma habe. Den Vertrag will ich aber trotzdem. Man muss sich ja eindecken. Und mittlerweile hat dieser Vertrag fuer mich schon nur eine symbolische Bedeutung. Ich werde ihn mir einrahmen, und Pfeile danach werfen.
Wenn man als Weblogger mal einige Tage Nichts mitzuteilen hat, dann moechte man mindestens einen schoenen letzten Eintrag haben, an dem sich die taeglichen Leser wenigstens erfreuen koennen, wenn die Seite schon keine neuen Eintraege enthaelt. Damit die Leser einen in guter Erinnerung behalten, und schon alleine deshalb wieder zurueckkommen, in der Hoffnung die naechste Geschichte waere genausoschoen. Wie am Grab, wenn allein die schoenen Erinnerungen in Gedanken uebrigbleiben.
Bloggen heisst jeden Tag aufs neue zu ueberleben. Eine wahrhaftig verfluchte Taetigkeit, bei der man immer wieder neue Tode stirbt und sich wuenscht, nicht elendig und einsam zu verrecken.
Und am naechsten Tag ist es einfach nur wieder Spass.
Man kann foermlich hoeren wie sie in verschiedene Dichten der Methangaslagen absinkt. Alsob es Turbulenzen gaebe. Ich habe Gaensehaut bekommen. Geraeusche von weit, weit (weit, weit…) weg. Man realisiert oft nicht, dass es da draussen im Weltall auch Geraeusche gibt, wie hier auf dem Erdball wenn man eine Pfanne fallen laesst. Das Geraeusch der absinkenden Huygens Raumsonde heute, in die Atmosphaere des Saturnmondes Titan. Hier bei der ESA.
Der ganze Rummel um Rommel-Harry und sein Hakenkreuz wird voellig aufgeblaeht. Was ja im Prinzip in Ordnung ist – ginge es um das Wesentliche. Aber alle Skandalschreie rufen bloss, wie fuerchterlich es sei, dass der pubertierende Prinz als Nazi verkleidet, und obendrein auch noch mit der Swastika, sich auf einer Party herumtreibt.
Ach armer Harry, dabei bist du bloss ein dummer jugendlicher Adliger, der zuviel Freizeit hat und sich nie mit den kosmokomplizierten Dingen dieser Welt beschaetigen musste, und nun wirst du fuer etwas bestraft, das du eigentlich gar nicht verstehst. Jaja, die Maedchen fanden das bestimmt cool, wie du auffielst. Konnten sie ja nicht wissen, dass es gleich zum Skandal wuerde, ist halt ein Hakenkreuz, ja, mann, sieht man doch im Fernseher auch dauernd in den schwarzweissen Dokus. Haettest du gewusst, dass das bei den normalen Leuten verpoehnt ist, dann haettest du das bestimmt nicht getan, du bist schliesslich ja nicht bloed.
Nein, es ist nicht Harry. Was eigentlich fuer Aufsehen sorgen muesste, ist, dass die Party dieser adligen Kids den Namen “Kolonialbeamte und Eingeborene” zum Thema hatte. Was wohl eher die allgemeinen sozialen Verhaeltnisse der jugendlichen Aristokratie widerspiegeln sollte. Aber dafuer interessieren sich die Medien nicht wirklich. Achja die anderen trugen ja keine Hakenkreuze…
In Utrecht tragen die Frauen diesen Winter kurze Roecke und hohe Stiefel. Ein wahrlich schoenes Land. Gewoehnungsbeduerftig fand ich es nur wieder, belegte Broetchen mit Messer und Gabel zu essen, sonst war alles wie gewohnt. Es war schoen dass die Stadt sich nicht veraendert hat. Alles war nahezu so wie ich sie hinterlassen hatte.
Internetwerkstatt PUSCII war dicht. Wir fanden das furchtbar und beschlossen den Laden zu oeffnen, da wir ja eh nichts besseres zu tun hatten als uns in Utrecht wohl zu fuehlen, und ich hatte den Laden ja jahrelang geschmissen, soviel konnte sich da nicht veraendert haben. Also klingelten wir an, dass uns jemand von den Bewohnern den Schluessel runterschmeissen sollte, aber keiner war zuhause.


Der alte Grieche mit dem langen Gyrosmesser guckte nur launisch und brummte “Bist du nicht in Italien?”. Es freute mich zu wissen, dass er immer noch so war. Dass es ihn jetzt nach all der Zeit erst wundert, dass ich immer noch in Utrecht bin, hat mich auch gefreut. “Griekse Tosti?” fragte er. Julietta und ich nickten. Dann laechelte er. Griekse Tosti, also Griechischer Toast, ist ein saftiger Leckerbissen, und gibt es nur bei seinem Imbiss am Ganzenmarkt.

Das da oben war mein erstes Zimmer. Hier war ich gluecklich.

Die Oude Gracht

Die Kromme Nieuwe Gracht

Der Dom

Dieses Haus wollte ich immer besetzen, das Papsthaus. Es stand lange leer, aber bei den wackeren Nachbarn war nichts zu tun. Die Polizei war immer da, bevor die Tuer nachgab. (Nein, da war damals noch kein Glas drin)

Das beste Stammlokal. ACU.

Noch ein schoenes Nachtfoto.

Ich bin zu muede von der Reise jetzt, um von Details und allen Saufgelagen zu berichten. Ueberdies schreibe ich bekanntlich immer ungerne Reiseberichte. Und wenn, dann schaffe ich Reiseberichte erst ein halbes Jahr spaeter.
Morgen fahre ich zum ersten Mal, seit ich vor fast drei Jahren Utrecht verlassen habe, wieder nach Holland.
Ich war zwanzig Jahre alt. An einem Tiefpunkt angelangt, da ich weder studiert hatte, noch sonstwas konnte, das mich irgendwo haette hinbringen koennen. Ich sass in Wien fest, zerstritten mit einem Freund und eine Liebe der ich nachhing, war aussichtslos geworden. Es war einige Tage vor Weihnachten und ich rief einen Bekannten in Holland an, den ich vor einem Jahr auf einem Festival bei Verona kennengelernt hatte. Ich wusste, dass er in einer besetzten Schule in Utrecht wohnte, und fragte ihn ob er ein Gaestezimmer haette wo ich mich fuer ein oder zwei Monate einquartieren koenne. Ich braeuchte frische Luft, musste aufbrechen, irgendwohin, am besten in den Norden, weit, weit weg von den Bergen, wo wirklich gar nichts nach Kindheit oder nach Vergangenheit roch. Es war kein Problem.
Einige Tage spaeter sass ich im Flugzeug nach Bruessel, mein erster und letzter Flugzeugflug, und kam dann einige Stunden spaeter in Utrecht an. Mein ganzes Hab und Gut hatte ich bei mir. Einen Rucksack mit zwanzig Buechern, mein Tagebuch, etwa 5 paar Socken, 5 Unterhosen, ein Walkman, meine drei Lieblingskasetten und eine Trommel, die ich in der anderen Hand hielt.
Ich war auf der Suche nach einem neuen Leben. Zwar wollte ich immer noch Haeuser besetzten und die selben Sachen tun, aber ich musste etwas los werden in mir drin. Irgend eine alte Haut abstreifen, die mich von oben bis unten ueberzog und sich anfuehlte wie ein Latexschicht, die sich schon mit der Haut verwachsen hat. Ich wusste nicht was in Holland auf mich warten wuerde. Ich nahm alles entgegen, was mir ueber den Weg lief.
Und so segelte ich auf ein neues Leben zu. Ich kannte niemanden, ausser meinen Gastgeber, mit dem ich aber weiter nicht befreundet wurde. Holland war schoen, und ganz anders als die Laender die ich bisher kennengelernt hatte. Die schmalen Haeuser mit den spitzen Daechern, das Wasser das sich ueberall hindurchschlaengelte, der Wind roch nach See, die Menschen irgendwie schoen kuehl aber bestimmt, der Kaese hiess Kaas, und alle fuhren Fahrrad.
Ich machte schnell Freunde, lernte in den Kneipen fliessend Niederlaendisch und nach zwei Monaten steckte ich zusammen mit ein paar Freunden ein Brecheisen in die Tuer eines huebschen, kleinen, leerstehenden Hauses in der Utrechter Innenstadt. Dann war ich gluecklich.
Mein ganzer Kopf schien vom Wind ausgepustet zu werden, und mein Gemuet roch nach See. Bald verliebte ich mich, eine Liebe die mir zwar mehr Schmerzen als Freude bereiten wuerde, aber sie hielt lange. Und war in gewisser Hinsicht auch wieder gut fuer mich. Vielleicht waere sonst vom Seewind nur das Salz in meinem Kopf haengengeblieben.
In Utrecht hatte ich Platz – Platz fuer die Sachen die ich machen wollte. Ich engagierte mich bei vielen Initiativen, schrieb fuer eine subversive Zeitung, oeffnete bei uns im Haus eine Kneipe, malte schlechte Bilder, und der urbane Kampf auf den Strassen schien so quicklebendig wie nirgendwo anders. Zweihundert Leute bei einer Haeuserraeumung zu mobilisieren war kein Problem. Eine Lesung zu organisieren hiess nur, dass man einen Palet als Buehne aufstellen brauchte und Flyers austeilen, dann kamen die Menschen.
Ein Freund und ich hatten die Idee einer Internetwerkstatt. Eine Art Internetcafe, aber dann alles Do-It-Yourself, und schaebig. Alte Rechner, improvisierte Bar, Linux, schlechte Beleuchtung, aber guten Kaffee. Und gratis Internet. Wir bezahlten keine Miete, und das besetzte Haus befand sich schraeg gegenueber dem Rathaus, am Platz, und wir arbeiteten alle auf freiwilliger Basis. Der Laden wurde sehr beliebt und war immer voll. Neue Leute kamen hinzu, wir bekamen neue Rechner, Kuenstler gestalteten das Innere und malten Bilder an die Aussenwand, wir uebernahmen die Technik fuer andere non-profit Organisationen, kauften Bandbreite, schlossen andere Haeuser an unser Netzwerk an, hielten Lesungen ueber Open Standards und gaben Linux Kurse, et cetera et cetera.
Ich war zum richtigen Hollaender geworden. Ich konnte mit Regenschirm Fahrrad fahren, ich ass Patatje Oorlog, und ich fand Heineken Scheisse.
Nach fuenf Jahren zerbrach meine Liebe, und Stueck fuer Stueck hatte ich in den Niederlanden alles erreicht was ich machen wollte. Mein Kopf war befreit von all dem Ballast der an mir festklebte. Es wurde wieder Zeit fuer einen Umbruch. Paris, eine Stadt die ich in jenen Jahren mehrmals besucht hatte und mir sehr ans Herz gewachsen war, rief mich. Doch ich scheiterte daran, in Paris Fuss zu fassen. Mittlerweile fand ich in Holland einen guten Job, ich hatte ploetzlich richtiges Geld und verdiente mehr als ich ausgeben konnte. Und dann verliebte ich mich wieder, aber mein Entschluss das Land zu verlassen, war genommen.
An meinem letzten Tag in Utrecht war ich alleine. Ich hatte die Zugkarte nach Madrid in der Tasche, einen Koffer mit Kleidern und Buecher, den Rucksack den ich bei der Ankunft in Utrecht schon hatte, voll mit Kleidern und eine kleinere Tasche, mit meinem Tagebuch und Reiseproviant. Meine Firma kuemmerte sich um die groesseren Sachen. So fuhr ich, voellig ueberladen, auf dem Fahrrad zum Bahnhof, wollte das Fahrrad abschliessen, realisierte aber, dass ich nicht mehr zurueckkommen wuerde um es wieder aufzuschliessen, also steckte ich nur das Schloss zu und liess den Schluessel stecken. Dann stieg ich in den Zug, den ich um ein Haar verpasst haette, und liess die Stadt an mir vorbeiziehen. Ich wollte mindestens zwei Jahre wegbleiben, um Utrecht gefuehlsmaessig abgeschlossen zu haben. Warum ich mir das vorgenommen habe, weiss ich nicht. Ich habe einen Hang zu solchen dramatisierenden Massnahmen.
Morgen komme ich wieder, liebes Utrecht, und werde mich an deine engen Gassen erfreuen, werde an der Oude Gracht entlanglaufen, von der Stadhuisbrug ins Wasser spucken, und sieben Jahre meines Lebens abwandern, Stueck fuer Stueck, von Haus zu Haus, werde wieder in deinen Kneipen sitzen, wo ich mich so gerne betrunken habe, und nach Hause torkeln, waehrend die Strassenlaternen sich zwischen den Eichen, in den Kanaelen, widerspiegeln.
Und wenn ich was vergessen habe, dann nehme ich es mit.
Ich kann mich nicht entscheiden, welchen Gemuetszustand das gestern entdeckte Lied Mutual Friend von Divine Comedy bei mir hervorruft. Ist es nun so ein Lied das mein Gemuet widergibt, wenn ich verliebt bin, und von Melancholie und Hoffnung und frischen Gefuehlen getraenkt, an die Angebetene denke? Oder weckt es einen dieser schmalzig-pathetischen Zustaende, wo man das Lied laut hoert, und sein eigenes Leben in Gedanken vorbeiziehen laesst, alsob es ein autobiographischer Film waere, der beim eigenen Begraebnis aufgefuehrt wird, wo man dasteht wie ein wirklich toller Mensch, und grossartiges geleistet hat? Und wo sogar die Ausrutscher wieder einigermassen ins positive Licht gerueckt werden. Weil man halt tot ist, und, Gott habe meine Seele, ueber die Toten redet man nicht schlecht.
Er hatte mich nicht bemerkt. Er lief nur an mir vorbei, und das war vielleicht das letzte Mal, dass ich ihn sehen werde. Gestern in der Garderobe des Chores wurde uns vom Dirigent, von seinem Schicksal erzaehlt. Kurz vor dem Konzert. Er selbst war natuerlich nicht dabei. Er hatte als Tenorsolist seine eigene Garderobe, wo er sich die Stimme einwaermte und mental auf den Auftritt vorbereitete. Ein junger Mann, vielleicht Ende dreissig, etwas mager wenn man ihn mit seinen wohlbeleibten Berufskollegen verglich. Vor einigen Jahren war er von Leukaemie befallen gewesen, nach langwierigen und koerperzerfressenden Chemo- und Strahlentherapien nahm jedoch alles ein gutes Ende. Bis er vor wenigen Wochen von allem wieder eingeholt wurde. Er haette sich sofort wieder einer Therapie unterziehen muessen, wollte das aber nicht. Nein, er wollte erst noch an der Sylvestergala und im NDR singen, bevor er vielleicht nie mehr singen konnte. Dass der Aufschub der Behandlung, ihm vielleicht die letzte Moeglichkeit nahm, geheilt zu werden, hat er bestimmt gewusst. Wenn es nicht gar Absicht war. Die andere Moeglichkeit waere gewesen, sich ins Krankenhaus zu begeben und sich ausbrennen zu lassen, und dem Koerper ein zweites Mal, noch mehr bleibende Schaeden zuzufuegen, und letztendlich vielleicht trotzdem zu verenden.
Er sprach waehrend der Proben mit heiterem Gemuet zu uns, und sang wie ein Ire in seiner besten Laune. Das Konzert war sein letztes Ziel. Noch einmal wollte er leuchten wie ein Stern, alles um sich hin vergessen – wo er enden wird, seine Schmerzen, das Leid seiner Frau, der man die Sorgen vom Gesicht ablesen konnte wie von einem Telefonbuch, wie sie da im Parkett sass, und dass vielleicht Nichts mehr gut kommen wuerde. Er sang wie Papageno und sprang von Ast zu Ast. So schwebte er noch einmal, dafuer richtig, waehrend im Hintergrund seine Lebensuhr weitertickte, nachdem es schon geklingelt hatte.
Die drei Stunden im Saal gingen dann vorbei, er strahlte, das Publikum toste, die Blumen wurden ausgeteilt, und knicksend verliessen die 170 Mitwirkenden die Buehne. Der Chor ging nach vorne und die Solisten nach hinten. Ich war einer der letzten und kreuzte seinen Weg. Er sah mich nicht, guckte im Gehen an mir vorbei und sein Strahlen von eben, war einem versteinerten Blick gewichen, der ins endlose Leere fuehrte, alsob es Nichts mehr vor ihm gab, an das er sich festhalten koennte. Ich spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, ihm alles Gute zu wuenschen, aber es ging alles so schnell, und ich bekam meinen Mut nicht schnell genug in den Griff. Er war schon auf dem Weg ins endlose Leere. Und schien es eilig dabei zu haben.
Dass es heute ein sehr frueher Sonntag werden wuerde, wusste ich schon. Das Konzert im NDR-Gebaeude sollte schon um 11 Uhr beginnen, auch wenn es erst um 20Uhr ausgesendet wird. Das hiess natuerlich um sieben Uhr aufstehen, fruehstuecken und zaehneputzen. Nachdem ich das gemacht hatte, schaute ich auf die Uhr und sah dass es erst 4Uhr frueh war. Ich wurde augenblicklich muede und tauschte den verdammten Fruehstueckstisch gegen das Bett.
Drei Stunden spaeter wiederholte ich das ganze Ritual und kam anderthalb Stunden spaeter erfolgreich beim NDR an. Einsingen, Eintritt proben, Thee trinken, Stimme einraeuchern, und dann stroemte schon das Publikum in die Lounge. Wir verliessen den Konzertsaal und zogen uns in unsere Garderobe zurueck. Es blieben noch zehn Minuten, dann fiel mir auf, dass ich meine Noten nicht bei mir hatte. Ich habe normalerweise kein Lampenfieber, aber wenn ich heute die Noten nicht dabei gehabt haette, dann waere es vorbei gewesen. Ich bin fuer dieses Konzert im letzten Moment eingesprungen, kenne die Einsaetze nicht auswendig, den Text erst recht nicht, und bei dem russischen Stueck vom Tschaikowski bewege ich nur den Mund, da ich nicht gleichzeitig den unverstaendlichen russischen Text und die Noten lesen kann. Heute ohne Noten zu sein haette bedeutet, dass ich vor tausend Leuten stehe und nicht mal den Mund zum richtigen Text bewegen kann, und wenn ich die Melodie wusste, dann wusste ich den Text immer noch nicht.
Es war also zehn Minuten vor Konzertbeginn und meine Noten waren verschwunden. Meine Mitsaenger drehten sich schon weg, wenn ich mich ihnen zu sehr naeherte. So nervoes war ich geworden. Aber aus einem duesteren Hinterkaemmerchen meines Gehirnes kam eine neblige Erinnerung heraus, die mich an den Moment erinnern liessen, wo der Dirigent die Pause ankuendigte, und ich in der Eile meine Noten auf den Boden legte und zwei Stockwerke hinunterlief zum Rauchen. Die Noten mussten also noch vorne auf der Buehne liegen. Ich verliess unsere Garderobe und lief hinauf zum Konzertsaal. Der Saal war schon voll. Und zu meinem Glueck sah ich meine Notenmappe in der Ferne. Die Buehne war beleuchtet und und eine grosse Vase mit einer riesigen Pflanze stand in der Mitte der Buehne, worauf alle Scheinwerfer gerichtet waren. Und daneben, auf dem Boden, ganz schlampig hingeschmissen, meine schwarze Notenmappe. Ich konnte nichts tuhn. Ich konnte unmoeglich vor den tausend Leuten nach vorne auf die Buehne klettern und mir die Mappe holen. Aber das war in dem Moment wurscht. Ich wusste nun wo meine Noten waren, und ich braeuchte sie eh erst wenn ich da bei der riesigen Pflanze stand.
Fuenf Minuten spaeter kam der Auftritt. Erst die Baesse, dann die Tenoere, dazwischen irgendwo ich, der Hybride, der sowohl beide Stimmlagen singt, wie auch in beiden Choeren, dem Kammerchor und dem Philharmoniachor. Ich kam in der Mitte der Buehne an, sah die riesige Pflanze, aber, welch ein Schreck, meine Notenmappe lag nicht mehr da! Ich brach in Panik aus, wurstelte mich durch einige Mitsaenger, die mich genervt darauf hinwiesen, dass wir gerade vor tausend Leuten stuenden die uns anguckten, dann drehte sich mir ploetzlich jemand zu und fragte mich ob ich die Notemappe suchte, die er mir entgegenhielt. Ich weiss gar nicht mehr wer das gewesen ist, es muss daher wohl ein Engel gewesen sein. Dann blickte ich auf zum Publikum, und das Konzert fing an. Zigeunerbaron, Fledermaus, Tschaikowski, Verdi etcetera. Bis auf Verdi, alles fuerchterliches Material.
Eine Stunde spaeter kam die Pause und wir begaben uns in die Garderobe. Da ich aus dem Notendilemma gelernt hatte, legte ich meine Notenmappe in der Garderobe auf das Fluegel (ja ein Chor hat ein Fluegelklavier in der Garderobe stehen) und ging meine Stimme einraeuchern und ein paar Snacks vom Buffet naschen. Als die Pause um war, schritt ich zum Fluegel hin, nur um festzustellen, dass die verdammte Notenmappe nicht mehr da war. Ich singe ab jetzt nur noch Punkmusik dachte ich und stampfte auf den Boden. Ich lief zu meinen Mittenoeren und beklagte das Verschwinden meiner Mappe. Einer der Tenoere hielt mir meine Noten entgegen und sagte nur, dass er sie aus Vorsorge mal unter den Arm gesteckt haette. Er wolle ja nicht, dass ich nochmals so einen Tamtam auffuehren wuerde. Ich nahm die Noten grummend entgegen, ohne mich zu bedanken und wir stampften wieder los, hinauf in den Konzertsaal.
Nach der Pause sollte der Kammerchor singen. Das Halleluja aus Haendels Messias. Ein wunderbares Stueck, schade nur, dass wir heute lediglich vom Klavier begleitet wurden, es fehlten wirklich die Pauken und die Trompeten um das noetige Volumen zu bekommen. Wie auch immer, wir standen mit der kleinen Kammerchorbesetzung und dem Klavier im Scheinwerferlicht, wo sich voellig unangekuendigt und aufgeregt, meine Blase zu Worte meldete. Sie wollte pinkeln. Und zwar jetzt! Ich senkte die verwunschene Notmappe in meinen Schambereich und huepfte etwas ungeduldig, aber unauffaellig von einem Bein auf das andere. Ich haette es wissen koennen, ich hatte schliesslich vor zwei Stunden einen ganzen Liter Wasser getrunken. Das Halleluja wurde angekuendigt, also verwies ich meine Blase in die Puschen. Dann betrat der Dirigent sein Pult und ich merkte in dem Moment, dass ich meine Notenmappe noch gar nicht geoeffnet hatte. Hilfe, wo war das Halleluja nochmal? Ich blaetterte mich wild durch den ganzen Stapel, Verdi, Strauss, irgendwo dazwischen musste es ja sein. Das Klavier fing schon an. Ich guckte zum Nachbarn, aha, der hatte einen anderen Stapel! Genau, das gehoerte nicht zu den Operetten, sondern war ja vom Kammerchorrepertoir. Aber oh weh, hatte ich die Sachen vom Kammerchor ueberhaupt dabei? Und dann musste ich meine Stimme erheben: “Haaaaa-le-luja! Haaaaaa-le-luja!”, Scheisse, die Noten, die Noten, wo sind die Noten. Ich musste jetzt aufhoeren zu suchen, ich konnte nicht weitersuchen waehrend das Lied schon angefangen hatte und ich laut mitgroehlte. Ich kannte es ja mehr oder weniger auswendig. Bis auf ein paar Passagen, die ich zur Sicherheit etwas leise und verzoegert mitsingen wuerde. Aber genau da ging es schief. Da war ein Stueck in der ersten Haelfte wo der Tenor beim “For ever and ever”, einen unerwarteten Oktavensprung nach unten macht, und da ich mir jene gemeine Stelle nur in den Noten markiert hatte, aber nicht in meinem versengten Hirn, und ich mich bei der Stelle vom Bauchgefuehl her, aeusserst sicher fuehlte, ich natuerlich so laut und halleluja sang wie es nur ging, den Oktavensprung verpasste, und frohlockend jauchzte, waehrend alle Maenner sich in die tieferen Gefilde zurueckgezogen hatten. Es war unueberhoerbar gewesen, aber gar keine schlechte Verzierung – muss ich auch mal sagen.
Von da an wurde ich leiser. Es gab bestimmt mehrere solcher Stellen. Und ja, die gab es. Meiner Vorsicht wegen, gingen die aber in den Hintergrund unter.
Danach kam wieder der Kinderchor, einige Soli, und spaeter Verdi und Strauss, und irgendwann war alles vorbei, Applaus, Rosen, Verbeugungen, Dankesworte und ich konnte pinkeln und nach Hause.
Naechstesmal wieder Punkmusik.