“Hey Mek, kannst Du mir n Blog besorgen?”

Nachdem mir Abwandlungen dieser Frage in letzter Zeit schon mehrmals gestellt wurden, überlege ich mir, nur noch mit dunkler Sonnenbrille auf Parties zu gehen. Ich werde Optionen bei twoday verlangen und alle Minderjährigen die noch nicht rauchen dürfen, schicke ich zu 20six. Nachdem ich bei den Wienern ganz dick abgesahnt habe, leiste ich mir einen geilen Schlitten ohne Dach, verhökere die Blogs im Sitzen, rauche Zigarren und in einer ruhigen Minute moblogge ich dann meinen ganzen Erfolg ins Netz hinein und verlange in die Top100 der Businessblogger aufgenommen zu werden. Und die Frauen, ja Die, die sitzen natürlich neben mir, auf meinem Schoss und auf der Rückbank. Und auf der Motorhaube.
Nachdem man mich in einer Kokainverschnupften Nacht, tot und mit einem Gin-Tonic in der Hand, auf einer Luftmatratze mitten in meinem Swimmingpool vorfinden wird, wird auf meinem Grabstein stehen:
“In stillem Gedenken an Mek Wito, der uns alle zusammengebracht hat und uns die Mittel gegeben hat unseren Senf in die Welt zu streichen. Und achja, den Journalismus den Stinkefinger zu zeigen”. Und alle Frauen werden weinen.

Schade eigentlich, dass mir dieser Lebensstil nicht gefällt. Würde mir nämlich stehen, glaube ich.

Springweg (vorgelesen)

Purplerain aus Berlin tut Podcasten. Seit dem Donnerstag schon gibt es ihre Lesung zu meiner Springweggeschichte, und ich habe es gar nicht gemerkt. Die holländische Depression der letzten Tage hatte nicht nur Stromausfälle und Schneestürme zur Folge.
Sehr schöne Stimme, die -auch wegen dem Apfel-Sanddornmus- zur damaligen und der jetzigen Jahreszeit passt. Ich bedanke mich recht herzlich und schmeisse es gleich nochmal an. Und nochmal.

risan

Reisen kommt aus dem althochdeutschen risan und bedeutet aufstehen, aufbrechen, wie to rise auf englisch.

Meine nächsten verkochten Nudeln preise ich dann einfach als reduzierte Pasta an.

Pride and Prejudice

Ich bin ja ein grosser Liebhaber von Liebesfilmen in denen es von grossen Emotionen und endlosen Liebesschwüren und -Bekenntnissen nur so trieft. Mein liebster Film war bisher Sense and Sensibility (Ich glaube auf deutsch heisst der “Sinn und Sinnlichkeit”), der bis vor einigen Tagen unübertroffen an der Spitze der Liste stand. Bis ich neulich Stolz und Vorurteil sah. Jetzt gibt es Krieg in der Topliste. Später kam ich zwar drauf, dass die Geschichte mehr oder weniger die selbe ist, eine Familie von niedrigem adligen Stand, ausschliesslich aus Töchtern bestehend die unbedingt mit einem reichen Mann vermählt werden müssen, weil sonst die ganze Familie im Elend versinken wird. Aber das soll einen nicht von dieser grandiosen Liebesgeschichte abhalten, zumal die Parallelen auch nicht verwunderlich sind, denn beide Geschichten sind von der englischen Autorin Jane Austen anfang 1800 geschrieben.
Auch diese Familie wohnt auf dem Lande und natürlich leisten sie sich Mägde, obwohl das Geld dazu eigentlich gar nicht mehr reicht, aber ein Adel braucht auch Haushilfen, weil es sich sonst so schwierig langweilen lässt. Aber trotzdem ist es ein sehr schöner Film. Vielleicht gerade auch deshalb.
Ich ging ins Kino weil die Frauen im England um 1800 herum Korsagen trugen, wurde aber wiedermal belehrt, dass es weitaus wichtigeres gibt als bloss stramm gezüchtigte Frauenleiber. Die Liebe zum Beispiel. Der Faden der Geschichte ist, dass die Mädls unter die Haube müssen. Die Hauptrolle Elizabeth, eine sehr sympathische junge Frau im Alter von sechsundzwanzig Jahren, mit Hang zur Schrift und den schönen Worten ist die Zweitälteste und nicht ganz so makellos schön wie die ruhige und ausgeglichene ältere Schwester. Ihre grosse Sorge ist, wie auch bei allen anderen vorkommenden Frauen, der fehlende Mann an ihrer Seite. Sie ist zwar ganz hübsch anzusehen, jedoch lacht sie mit den Zähnen. Ich glaube das mit den Zähnen fällt zwar nur mir auf, weil sie ja mittlerweile ein Star geworden ist, aber trotzdem muss das mal erwähnt werden. Lachen geht auch anders. Elizabeth ist halt ein wenig schwierig. weil sie einen wunderbaren dicken Schädel hat und nicht jeden dahergelaufenen Mann zum Gemahl nehmen will. Eine die halt viel liest. Dann gibt es diese Party für adlige auf dem Lande, für die ein junger und stinkreicher Mann angekündigt wird, den alle junge Frauen im Lande haben wollen. In unserer Familie hat natürlich die älteste Tochter Jane den Vorrang, da es für sie wirklich langsam Zeit wird. Sie gehen hin, saufen und tanzen und tratschen und zwischen Jane und dem reichen Bingsley oder Kingsley, der neben reich zu sein, auch noch gut aussieht, knistert es tatsächlich. Sie tanzen die ganze Zeit und es ist eine grosse Freude.
Elizabeth jedoch lernt auf dieser Party den noch stinkreicheren Darcy kennen, in dessen Begleitung Bingsley oder Kingsley sich befindet. Darcy ist mein grosser Held im Film. Erst teilt der Film uns mit, dass man ihn wegen seiner ungeheuren Arroganz zu verabscheuen hat, mit dem Fortschreiten der Geschichte fängt man aber genau diese Hochnäsigkeit an zu schatzen, vor allem wenn man dabei zusieht wie sie langsam vor der Liebe zu zerbröckeln scheint und man am Ende draufkommt, dass er einfach nur so schön ernsthaftig ist. Er kann bloss keine andere Miene aufsetzen als diese traurige Ernsthaftigkeit. Wunderbar. Natürlich blickt er anfangs auf Elizabeths Familie hernieder als seien sie der letzte Abschaum und das lässt er Elizabeth auch fühlen, er ist ja reich und sehr gebildet, liebt die Kunst und die schönen Worte, schreibt mit einer Vogelfeder am offenen Fenster, doch sie schafft es im Laufe des Abends auf derart gut platzierte Weise und sprachlich sowie intellektuellem hohen Niveau zu beleidigen, dass sie beim ihm bleibenden Schaden hinterlässt.

Die Geschichte nimmt dann so ihre Lauf, Elizabeth lacht ab und zu mit den Zähnen, Jane und Bingsley sehen sich noch ein paarmal, doch weil sie beide so schüchtern sind wird nie wirklich was aus den zweien. Schliesslich müsste er ihr ja ein Angebot machen, weil er der Mann ist. Dass sie sich lieben ist deutlich, aber manchmal raffen sich die Leute halt nicht dazu auf. Ein wenig quälend, aber man weiss im Film ja schon, dass das bestimmt noch zu einem glücklichen Ende führen wird. Witzig ist vor allem wie die liebenswürdige aber geldgierige Mutter mit prophetischen Tricks fertig bekommt, dass Jane im Hause Kingsley zu Besuch erscheint und dort auch die Nacht verbringen muss. Dass Jane in jener Nacht Fieber bekommt und daher nicht nach Hause kann, sollte eigentlich Sorgen bereiten, es ist für die Mutter jedoch lediglich ein Erfolg, weil sie dadurch länger bei den Bingsleys verbleiben muss und so hoff-en-tlich dem jungen Kerl näherkommt und letztendlich heiratet. Viele Tage vergehen, Jane wird nicht gesund, schreibt jedoch Briefe und irgendwann macht sich Elizabeth auf dem Weg. Dort trifft sie -natürlich- Darcy. Eine Art Dauergast bei Bingsley. Liz und Darcy kommen sich näher, streiten sich aber auch. Immer auf dieser steifen und distanzierten Art, ich könnte sie beide knutschen dafür. Aber so waren sie ja alle damals. Als Jane dann wieder gesund ist und zwischen ihr und Bigsley immer noch kein Sex stattgefunden hat, nehmen sie eine Kutsche nach Hause und bald darauf bekommt Jane einen Brief von ihm, der ihr deutlich, wenn auch in anderen Worten, zu wissen gibt, dass er jetzt nach London fortzieht und dass es wohl nichts zwischen ihnen beiden werden wird. Da will man natürlich erstmal einen Whiskey kippen, da das so unlogisch scheint. Die Mutter zögert nicht lange und schickt Jane nach London, wo sie Parties feiert und den Bingsley eigentlich gar nicht trifft. Dazwischendrin kommt dann dieser eklige Mister Collins daher, der das Haus unserer Familie erben soll und daher Elizabeth heiraten will, und ihr dabei verspricht, dass ihre Familie weiterhin im Hause leben dürfe. Der kriegt dann einen amüsanten Korb (weiter so Liz) und bald darauf trifft sie den schönen Wickham, der ihr eine ganz böse Geschichte über Darcy erzählt, wodurch Elizabeth ihre latent anwesende, aber niemals zugegebene Liebe zu Darcy vollkommen zu verlieren scheint. Und dann kommt sie auch noch drauf, dass Darcy dafür verantwortlich ist, dass Bigsley weggezogen ist, anstatt um Janes Hand zu fragen. Weil Darcy zu ihm sagte Janes Familie sei ein peinlicher Haufen Leute und unter seinem Stand.
Die ganze Welt scheint dann in den Abgrund hinunterzugehen, bis Elizabeth dann auf einer Reise mit Tante und Onkel auf Darcy in seinem Palast stösst. Seine Liebe keimt dann auf und … ach ja, letztendlich kriegen sie sich alle, und Herr Mek hatte Tränen in den Augen.

Wenn ich Darcy gewesen wäre, dann hätte ich ja die ältere Schwester genommen, oder wenigstens Elizabeth gesagt, sie solle den Mund schliessen wenn sie lacht. Ich war den ganzen Film über in Alarmbereitschaft, um mich bei Szenen, in denen jeden Moment ihre zähnefletschende Freudensgrimasse angedeutet wurde, in Schutz zu nehmen und meinen Blick meinen zu Tränen gerührten Nachbarn zu widmen. Oder in deren Popcorn.
Aber sonst war der Film wirkliche Klasse. Die wunderbaren, endlosen Dialoge, in denen die Darsteller schon drei Sätze und fünf Nebensätze benötigen, bloss um nach einem Glas Wasser zu fragen, und all die schönen Gewänder die sich über die Leinwand entlangziehen, nebst der wirklich rührenden Geschichte um Liebe, das hat mir alles gefehlt, seit vielen Jahren. Seife auf hohem Niveau sozusagen.

Ich liebe Gesicht

Gut, die Mailflut kann jetzt aufhören. Ich habe das Wort “neckisches Gesicht” herausgenommen. Eigentlich hätte es sogar ein paarmal öfter dort gestanden, aber das hatte ich vorher schon aufgrund zweier irrelevanter Sexpassagen weggeschnitten. Neckisch ist also furchtbar, teilt man mir mit, aber was gibt es für Alternativen? Ihr seid ja Scherzkekse. Mein “Textor, Sag es treffender” sagt mir zu neckisch: affig, albern, kess, kindisch, lächerlich, läppisch, töricht, capriccioso, drollig, humoristisch, launig, possenhaft, putzig, schalkhaft, schelmisch, spasshaft, spassig.

Toll: “Sie sass auf mir, ich liebte auch ihre Brüste, nicht bloss ihren hübschen Hintern und ihr affiges Gesicht.”

oder: “Ich lief ihr nach, es war meine Schuld, wie konnte ich es bloss wieder gut machen? Sie drehte ihr von Tränen durchtränktes, humoristisches Gesicht zu mir um. Ich blickte in ihre Augen…”

Nun, um dem randalierenden Mob nachzugeben, habe neckisch herausgenommen. Jetzt ist noch Gesicht da.

Springweg 23 – Teil III

-Die Rache des Feuerteufels-
Eine Trilogie in vier Teilen mit coolen Untertiteln.

(Zu Teil1 und zu Teil2)

Frühmorgens als die Dämmerung hereinbrach weckte ich Jurij kurz, um zu sagen, dass ich das Haus verliesse, es sei alles glimpflich abgelaufen, ich hatte die ganze Nacht Wache geschoben und wollte nun nach Hause ein wenig zu schlafen.
Als ich in der Lange Nieuwstraat die Tür öffnete und Clumsy mir von Innen her entgegenkam, fiel mir erst auf, dass ich Roos den ganzen gestrigen Tag seit der Besetzung und die darauffolgende Nacht nicht gesehen hatte. Clumsy musste sich wohl äusserst hardneckig gegeben haben, bis sie sie einfach bei uns eingesperrt hatte. Roos hatte unseren Hausschlüssel. Roos hatte immer und überall Hausschlüssel von allen Häusern. Roos war mit allen befreundet. Auch wir beide waren gut befreundet. Nicht auf die sexuelle Art, sondern lediglich gut befreundet. Zwar hatte sie einen grossartigen Hintern, und ich mochte ihr Gesicht, aber irgendwie war da nie wirklich was, sie war immer zu kumpelhaft, was bei mir immer jegliche Romantik zunichte macht. Ich mochte immer eher die ernsthaften Frauen.
Das will ich nur vorweg sagen, weil ich beim Betreten meines Zimmers ihre Beine aus meinem Bett stecken sah. Sie schlief. Nein, sie pennte. Angezogen und mit ihren Springerstiefeln an, lag sie in in meine Bettdecke eingewickelt und schnarchte. Ich war totmüde und legte mich daneben.
Als ich einige Stunden später aufwachte, hatte ich eine Latte. Mein Schoss war gegen ihren Hintern gepresst und mein linker Arm auf ihrem Oberschenkel unter dem Rock, den ich irgendwie hochgezogen haben musste. Naja, ein richtiger Rock war es nicht, sondern so ein breiter Fetzen Leder, den die Punkfrauen damals immer über ihren drei Lagen zerrissener Nylonstrümpfe trugen. Es war mir peinlich und ich zog erschrocken meine Hand zurück. Daraufhin drehte sie sich um und lachte mich an. Dann merkte ich erst, dass sie die ganze Zeit schon ihren hübschen Arsch gegen meinen Schoss reibte. “Dir macht man aber leicht eine Latte” sagte sie und lachte weiter. Ich drehte mich um und liess mir meine Verlegenheit nicht anmerken, sondern fragte sie mit einer verschlafenen
Stimme, wo sie denn gestern gewesen sei. Sie sagte sie sei erstmal Clumsy fast eine ganze Stunde lang nachgelaufen, und als sie sich nach einem nervigen Katz-und-Maus-Spiel endlich an der Leine nehmen liess, hatte sie es nicht geschafft Clumsy in die Nähe des Hauses am Springweg zu bekommen. Das Problem mit Clumsy war nunmal ihre Grösse und ihre Stärke, was sich normalerweise zwar nie als Problem dargestellt hatte, da sie ein träger und gutmütiger Riese war, aber so sieht man halt mal, dass das doch schon ab und zu relevant sein kann. Clumsy hat irgendwie ein Problem mit diesem Haus. Vielleicht knüpfte sie traumatische Erinnerungen an jenes Haus, obwohl Roos das ausschliessen wollte, da sie ja kein Utrechter Hund war, oder vielleicht hätte da irgendein unsympathischer Rüde sein Territorium markiert, Clumsy war schliesslich ja nicht die paarungswilligste aller Hündinnen.
“Und warum drehst du dich jetzt weg von mir?” wollte sie anschliessend wissen “ich fand das sehr angenehm, komm, dreh dich wieder um”. Also drehte ich mich wieder um und drückte meine Latte gegen ihren Hintern.
So konnte ich unmöglich weiterschlafen. Ich musste das Thema wechseln.
“Du Roos, im Springweg da spukt es”, sagte ich und drehte meinen Mund ein wenig zur Seite, da ich sie nicht mit meinen morgendlichen Mundgasen ausräuchern wollte. Sie tat es als Quatsch ab doch ich wies sie auf Clumsy hin, dass Hunde doch diesen ausgeprägteren sechsten Sinn haben, und, dass es bei diesen drei tragischen Toden im Springweg durchaus Sinn machte. Dann erzählte ich ihr vom vorigen Tag, die Szene mit den bellenden Hunden und die Geräusche nachts im Zimmer der Selbstmörderin.
Sie drehte sich zu mir um, hob ihr rechtes Bein über meine Hüfte und drückte ihren Schoss gegen meinen Hüftknochen. Sie umarmte mich und vergrub ihr Gesicht in meiner Brust. Ich hielt sie etwas steif und manierlich fest. Dann fragte sie: “Warum willst du denn nicht mit mir vögeln?”
Ich sagte, dass ich das nicht gesagt hatte, worauf sie sagte: “Also willst du doch”. Darauf sagte ich erschrocken, dass ich das wiederum auch nicht gesagt hatte. Deswegen sagte sie ich solle mich einfach dazu entscheiden ob ich sie vögeln wolle oder nicht. Ich erklärte ihr, dass sie ja einen hübschen Hintern hatte, aber… “Na dann nimm mich einfach von hinten”.
Ich will nicht abstreiten, dass mich dieses Gespräch durchaus anregte, ihr Hintern auch, aber ich wollte ihr die Sache mit der Liebe und der Romantik erklären, womit ich jedoch nicht weit kam, weil sie ihren Pullover auszog und sagte: “Komm Geisterjäger!”.
Bei Jäger und Tiger und Hengst, da werde ich schwach.
Dann vögelten wir.

Die Früchte, die diese vormittägliche Romanze abwarf, waren, dass Clumsy sehr oft bei mir übernachtete und Roos sich in Cafe Belgie oder im ACU die Birne zersoff. Aber das habe ich schonmal erwähnt. Roos kam dann meistens mitten in der Nacht sturzbetrunken nach hause, pennte ein, und wollte nach dem Aufwachen eine Runde Sex. Dies nur um ein wenig Sex in die Geschichte zu bringen. Tagsüber reparierte ich zusammen mit Jurij und Alex das Dach und den Boden im Seitenflügel vom Springweg. Alex war von der Nikolaasstraat in den Springweg gezogen, obwohl der Nikolaasstraat keine Räumung bevor stand.
Er mochte die Stimmung im Springweg die damals herrschte, dieses alte und schäbige Spukhaus wieder in Schuss zu bringen. Da hatte er eine Mission. Spukhaus war natürlich bloss scherzend gemeint weil die Hunde dauernd die Wände anbellten. Gespenster gab es nämlich nicht. In den ersten Wochen blieb es sonst auch relativ ruhig. Vielleicht aber auch nur weil die vorläufigen drei Bewohner, Jurij, Maleentje und Alex niemals nüchtern ins Bett gingen und wahrscheinlich in tiefem Steinschlaf durchpennten bis die Sonne wieder aufging. Und tagsüber war man immer zu beschäftigt mit dem Bohren und Hämmern, alsdass man etwas Ungewöhnliches -ich nenne es jetzt mal Schwingungen- hätte mitbekommen können. Aber da war ja noch dieser Karel. Karel arbeitete immer schweigsam mit. Niemals in einer Gruppe, sondern immer ganz alleine, redete kaum mit jemandem und guckte eigentlich immer nur irre vor sich hin. Er bewohnte als einziger die Hinterseite des Hauses, hatte sich das unter dem ausgebrannten Zimmer befindliche Zimmer zur Wohnstätte gemacht, hegte jedoch Pläne irgendwas mit dem Ausgebrannten zu schaffen. Er reparierte oft den Schaden in diesem seit 22 Jahren verwahrlosten Zimmer, legte neue Bretter auf den Boden, bestrich die verkohlten Balken mit mehreren dicken Lagen Farbe und verputzte später die Wände neu. Das Zimmer wurde letztendlich sehr ansehnlich und schliesslich zog er auch dort ein. Karel war komisch. Als im Springweg eine neue Mitbewohnerin einzog, Greetje hiess sie, die sich im Seitenflügel niederliess, erzählte sie oft von Karels unheimlichen Ritualen, wie er fast jeden Abend am Fenster eine Kerze anzündete und die Flamme mit Handbewegungen zu beschwören schien. Oft erfasste ihn eine merkwürdige Wut, dann fing er an laut zu fluchen. In dieser Wut fing er auch öfter an mit einer Steinschleuder kleine Geschosse auf das Hinterhaus zu schiessen.
Einfach in die Dunkelheit der verlassenen Scheune hinein.
Er war der einzige der sich mit diesem Hinterhaus zu beschäftigen schien. Vorne bekam es niemand mit, nur Greetje bemerkte das, weil sie sozusagen direkten Blick in sein Zimmer und auf den Hinterhof hatte.
Einmal war Karel nachts in die Scheune gerannt und hatte laut geschrien. Ohne Licht und Plan kletterte er über das ganze Sperrholz und rostigen Metallen und Dreck in jenes Gebäude hinein. Nach fünf Minuten rief sie seinen Namen, weil sie anfing sich Sorgen zu machen, aber er antwortete nicht. Sie traute sich nicht ihn zu suchen, weil sie sich mittlerweile vor ihm fürchtete. Und erst recht war ihr unwohl dabei nachts zu Karel in das finstere, hintere Haus zu gehen. Sie verliess das Haus und ging ins ACU auf ein paar Biere.
Am nächsten Tag traf sie Karel im Flur mit verbundenen Händen, der sich jedoch um eine Erklärung zu seinen Verbänden drückte.

Die Geschichte mit Karel bekam eine merkwürdige Schleife, die uns alle ein wenig überforderte. Als einmal eine Bekannte von Greetje zu Besuch kam und während den Arbeiten Karel zu Gesicht bekam, schrie sie laut auf und fing an ihn anzupöbeln. Karel hatte einmal versucht eine Freundin von ihr zu vergewaltigen und sowieso sei er ein irrer Junkie, der seit diesem Vorfall Hausverbot im besetzten Haus am Vismarkt auferlegt bekommen hatte. Vismarkt 4/5 war ein grosses Haus voller Hippies, mit dem wir -wir, von der etwas militanteren und steineschmeissenderen Sorte- immer Probleme hatten.
Eigentlich war es bloss Neid, weil das Haus selbst ein Traum war. Riesig gross, in der schönsten und fast teuersten Strasse der Stadt, direkt an der Gracht, neben dem Rathaus. Die Hippies hatten dort eine Kneipe, die überdies noch gut besucht war. Und natürlich gingen wir dort immer gerne hin, auch wenn wir mehr die Typen vom ACU waren, aber die Stimmung war dort besser. Weniger Licht, bessere Musik und sogar billigeres Bier. Wir sassen dort gerne um uns über die ganzen Batiktücher aufzuregen, weil Hippies eben immer und überall Tücher aufhingen und wir regten uns über den Leute auf die in den Ecken kifften, aber trotzdem hingen wir dort oft herum.
Was jedoch intern in der Vismarktszene abging wussten wir nicht. Das war eine eigene Szene. Deshalb überraschte uns auch die Sache mit Karel.
Bei uns als hauptberuflichen Hausbesetzern stand das Wohnrecht über das Menschenrecht. Weil wir alle unsere Taten, so kriminell sie auch waren, mit dem Recht auf Wohnung legitimierten. Aber da unsere Szene eigentlich
sehr homogen war, kam man mit Verrückten eigentlich nie in Kontakt. Die Szene war nicht absichtlich homogen, nein, man wollte schliesslich offen sein für alles, aber richtig aktives Häuserbesetzen fordert eben einiges an Tatkraft ab. Häuser zu besetzen ist etwas anderes als in ein leerstehendes Haus einzubrechen um einen Schlafplatz zu haben. Deshalb fiel ein Grossteil der Menschen schonmal ab. Als im ACU in den Siebzigern die Besetzersprechstunde gegründet wurde, führte man schonmal Auftragsbesetzungen durch. Für Gastarbeiterfamilien oder später für Flüchtlingen, aber diese Zeiten waren mitte der neunziger schon vorbei. Da war es nur noch eine Szene die mit Feuer und Bier die Wohnungspolitik mitgestaltete.
Richtig gefährliche Menschen, oder Menschen die für ihre psychischen Probleme professionelle Hilfe brauchten, gab es damals nicht bei uns. Im Vismarkt vielleicht, aber das ist wieder eine andere Sache. Und Karel war sowohl gefährlich als auch von schweren psychischen Problemen geplagt. Überdies hatte er einen Hang zum Heroin.
Weil es aus ethischen Gründen für uns unvorstellbar war, einen Bewohner aus dem Haus zu schmeissen, verlief die Diskussion erst im Sande und mit der Zeit wurde einfach nicht mehr darüber gesprochen. Völlig verantwortungslos gegenüber Greetje natürlich, die die Wahl hatte mit einem potentiellen Vergewaltiger zusammenzuleben oder auszuziehen. Doch sie blieb. Vor allem weil sie nicht der Typ Frau war, der sich nicht wehren konnte. Glaube ich. Jedoch kam es zum Glück niemals zu Zwischenfällen.
Karel fing dann an mit dem Feuer zu spielen. Erst jonglierte er mit brennenden Bällen im Hinterhof, doch schlimmer wurde es als er anfing mit langen Ketten auf dem platten Dach des Seitenflügels zu stehen, an denen er brennende Kugeln festmachte, die er dann in einem weiten Bogen herumschwang. Stundenlang. So begannen einige kleinere Probleme mit den Nachbarn, die Angst bekamen und die Polizei riefen. Polizei kam nicht ins Haus, das war klar, aber niemand unternahm auch wirklich etwas gegen Karel.

Als es im Springweg 23 am einem Novembertag am frühen Morgen heftig brannte, war Karel eigentlich schon seit einigen Tagen nicht mehr gesichtet worden, deshalb kam man auch nie auf den Gedanken ihm dafür die Schuld zuzuweisen, obwohl die Versicherung des Gebäudes später nachweisen konnte, dass es sich tatsächlich um Brandstiftung gehandelt hatte.
Als ich, nachdem ich alarmiert geworden war im Springweg ankam, stand Jurij draussen mit viele Nachbarn und anderen Schaulustigen herum. Es hatte im Dachzimmer gebrannt. Im Zimmer mit dem umgefallenen Stuhl. Ich fragte Jurij wie das geschehen konnte, aber es sagte er wisse von nichts, er habe geschlafen und dann sei er plötzlich von Catsros Bellen aufgewacht. Normalerweise kriege er ihn ja immer zum Schweigen -ich wisse ja, dass er im Springweg immer völlig grundlos drauflosbellt- aber diesesmal wollte er nicht aufhören. Dann habe er den
Rauch gerochen und sei aus dem Haus geflüchtet. Das ganze Treppenhaus war schon vollgequalmt gewesen. Dann habe er Berta aus dem Bett geklingelt und die habe dann die Feuerwehr gerufen.
Ein ausgebranntes Haus kann einem die Stimmung gehörig vermiesen. Nachdem es gebrannt hat, riecht ein Haus sehr unsympathisch und wenn es regnet, tröpfelt es zusätzlich noch ins Haus herein. Zumindest wenn das Dach beschädigt war. Und das war hier der Fall. Und von den Kosten um das alles zu reparieren will ich gar nicht sprechen. Zudem war das ganze Haus von den Löscharbeiten nass geworden.
Natürlich war mein erster Verdacht Karel, aber Jurij winkte ab, der habe den Schlüssel zum Vorderhaus nicht gehabt, der könne das nicht gewesen sein.
Wenn ich jetzt mal ganz fest nachdenke, dann habe ich seitdem nie mehr etwas von Karel gehört noch gesehen oder sonstwie vernommen. Er war aufgetaucht und wieder von der Bildfläche verschwunden. Nein, ich will jetzt keine grusligen Spekulationen anstellen und mir ausdenken, dass er vielleicht in den Flammen umgekommen ist, sozusagen als Erbe des verbrannten Sohnes, weil er ja in gewissem Masse, obsessiv sein Zimmer bewohnte, aber doch stimmt mich das nachdenklich.

Es war erstmal tragisch, jedoch fasste man schnell neuen Mut, alle Bewohner zogen vorläufig an die Hinterseite und in den Seitenflügel, und danach schaffte man es das Haus ziemlich schnell wieder zu reparieren.
Nur das Dach blieb provisorisch. Aus der Vogelperspektive sah es mittlerweile bestimmt aus wie ein Fleckenteppich aus, gut die Hälfte bestand schliesslich aus verschiedenfarbigen Planen. Wirklich wasserdicht wurde es nie mehr, die Planen waren ja auch nur als Provisorium gedacht. Dauernd lagen Stellen frei, oder regnete es an den Schnittstellen untendurch, aber der Aufwand das Dach wieder ordnungsgemäss zu reparieren war zu gross. Und zu teuer.
Jedoch war es ein guter Grund das Zimmer der Selbstmörderin endlich zu übertünchen. Neue Bretter an den Boden (Boden ist ein grossherziges Wort, eigentlich waren es nur verkohlte Balken die einem freie Sicht ins untere Zimmer gewährten), Lackfarbe an den Dachbalken und irgendwann später wurden auch die Wände geschliffen und gestrichen. Der umgefallene Stuhl war weg. Und das war gut. Die ganzen verkohlten Stellen an der Aussenmauer liessen wir stehen, das verlieh dem ganzen einen dramatischen Eindruck.

Als die Vorderseite wieder bewohnbar war, zogen Jurij und Alex in ihre Zimmer zurück und Maleentje blieb an der Hinterseite, im ursprünglichen Zimmer von Karel, nachdem dieser in das ausgebrannte Zimmer hochgezogen war.
Maleentje war es die dann eines Nachts eine Frau im oberen Geschoss der hinteres Hauses stehen sah, die zu ihr herüberschaute. Eine etwa dreissigjährige Frau mit langen Haaren.
Maleentje war nicht die Sorte Frau die an Gespenster glaubte, eigentlich war ich der einzige der davon sprach, aber beim Anblick dieser Frau wurde ihr anders zumute und rief das ganze Haus beieinander. Niemand sah danach auch nur die kleinste Andeutung einer Frau in der Scheune. Und man lächelte. Eine Spiegelung war auszuschliessen. Erstens hatte Maleentje kein langes Haar und zweitens hatte die Scheune keine Fenster in der sich eventuell ihr Abbild hätte widergegeben werden. Sie war aufgescheucht, doch im Laufe des Tages, als ich sie dann traf, war sie wieder entspanner. Solche gruselige Vorfälle sehen tagsüber immer wieder ganz anders, rationaler aus. Vielleicht war es schlaftrunkenheit, oder eine optische Täuschung, da es sehr gut sein konnte, dass sie erst in eine Lampe geguckt hatte und sich dann ein Bild auf der Netzhaut eingebrannt hatte. Wer weiss, tagsüber sieht die Welt wieder anders aus.
Als sie dann in der nächsten Nacht jedoch vier tanzende Lichter hinter den finsteren Fenstern der Scheune sah, reichte es ihr, weil die Lichter auch bei näherem Hinsehen noch da waren und auch nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie nicht schlaftrunken war oder kurz vorher in eine Lampe geguckt hatte. Sie zog in jener Nacht noch aus und kam zu uns in die Lange Nieuwstraat.
Diese unheimlichen Dinge geschahen immer in Schüben. In den nächsten Tagen waren auch die Hunde wieder unruhig.

Obwohl eigentlich nur Castro wirklich dort wohnte, gab es im Springweg immer Besuch. Und auch Besuch mit Hunden natürlich. Über mehrere Tage hinweg bellten die Hunde beim Hereinkommen erstmal die Wände ab und beruhigten sich erst nach zehn Minuten wieder. Wenn man dann in einer geselligen Runde beim Bier oder beim Kaffee sass, dann sprangen sie öfter mal auf, knurrten ins Leere, oder bellten und sassen sich nach ein paar Minuten wieder hin. Danach war zwei oder drei Wochen lang Ruhe.

Im Januar oder Februar flog ein Brief des Anwalts des Besitzers durch den Briefenschlitz. Anklage gegen die Bewohner des Gebäudes Springweg 23. Man habe vor Gericht zu erscheinen. Ich will mich jetzt nicht in Details
über den Prozess und den Anwaltsbesuchen verlieren, weil ich daran nicht teilgenommen habe, es sei nur kurz gesagt, dass der Besitzer einen Mietvertrag vorzuweisen hatte und deshalb das Gebäude geräumt werden müsse. Beim Gedanken, dass er bei diesem Zustand des Hauses einen Mieter gefunden hatte, war schnell deutlich, dass das ein Bluff war. Der Prozess wurde verloren, obwohl ich glaube, wenn man einen vernünftigen Anwalt genommen hätte, wäre die Sache vielleicht zu gewinnen gewesen. Aber das ist nicht mein Gebiet, deshalb will ich mich dazu auch nicht weiter äussern. Ende Februar musste das Haus geräumt sein, sonst würde es am 1. März von der ME (mobile eenheid) geräumt werden.

In der ersten Nacht nach dem Prozess brannte des Besitzers Porsche, der Anwaltskanzlei wurden alle Fenster eingeschlagen (besonders heulten sie sich in der Zeitung über den teuren massiv-hölzernen Tisch aus, der von den Farbbeuteln völlig verschandelt wurde) und das Rathaus bekam Parolen an die Fassade geschmiert. “Springweg 23 blijft” stand in den Folgetagen an jedem zehnten Haus, an Schaufensterscheiben und auf Transparenten die aus befreundeten Häusern hingen. Es war vor allem der Räumungsgrund, mit dem wir alle Trümpfe in der Hand hielten. Ein Mietvertrag für eine Ruine. Die Nachricht verbreitete sich erst in den einschlägigen Medien von Amsterdam bis nach Den Bosch, und erreichte am Vortag der Räumung sogar die nationale Presse.
All diese Nachrichten fachten die Stimmung an. Sowohl innerhalb der Szene wollte man das Haus behalten, als auch in den Medien wurde Utrecht auf eine Eskalation vorbereitet.
Springweg 23 wurde bis in die erste Etage mit Bettrosten und alten Fahrrädern zugeschweisst. Dahinter wurden Unmengen an Sperrmüll aus der Nachbarschaft und den befreundeten Häusern einfach dazugeworfen, bis wir in der letzten Nacht die 5 Menschen die im Haus verblieben waren, mittels einem Eimer am Seil ernährt werden mussten. Das Haus war dicht wie ein Bunker. Höchstens mit einem Kran hätte man in den oberen Etagen in das Gebäude einsteigen können, aber die randalierende Menge auf der Strasse würde schon dafür sorgen, dass kein Fahrzeug auch nur in die Nähe des Hauses kommen würde.

Der ganzen Spannungen im Vorfeld wegen, versuchte die Polizei erst eine deeskalierende Politik, indem erst die sogenannten Sociocops kamen und mit den Leuten die im Haus verbarrikadiert waren, reden wollten. Doch wenn man zum Mariaplaats hochlief oder in der Lange Smeestraat um die Ecke guckte, dann sah man schon die Wasserwerfer und Arrestatiebussen aneinandergereiht stehen wie Sardinen.
Zum Erstaunen aller Anwesenden Besetzer -vor dem Haus hatten sich etwa hundert vermummte und weniger vermummte Menschen versammelt und mit Sofas, auf denen sie sassen, die Strasse verriegelt- kam plötzlich die alte Berta, mit einem ganzen Schlagerchor auf die Strasse, stellten sich vor Polizisten und den Fernsehteams und fingen an – zu singen! Die Nachbarn jubelten von den Fenstern, viele kamen auf die Strasse und klatschten und es kam eine plötzliche Feierstimmung auf. Berta gab daraufhin Interviews, dass das Haus doch sowieso nur leer zu stehen käme, weil der Besitzer nie und nimmer einen echten Vermieter für diese Ruinen bekommen würde, das sei alles bloss eine grosse Lüge und sie wollen hier keine Junkies mehr in dem Haus haben, sondern ordentliche Leute, wie die Hausbesetzer eben. Das ganze dauerte bestimmt über einer halben Stunde, alle Journalisten bekamen Interviews der Nachbarn, die dann auch wieder mit Krakelingen daherkamen, doch die Sociocops bekamen meist nur ein knappes “Wir bleiben”. Die beredeten Polizisten wollten nicht im klassischen Sinne verhandeln, sondern uns bloss zur Vernunft bringen das Gebäude in Frieden zu verlassen. Politik wurde also keine mehr geschrieben, deshalb wurde plötzlich der Hausrat auf der Strasse gestapelt und ging gleich darauf in Flammen auf. Die Polizisten verzogen sich und dann sah man schon oben am Mariaplaats sich Formationen der ME bilden. Von der Lange Smeestraat kam eine Wand behelmter Schutzschilder im Gleichschritt daher. Auch an der Seite der Langen Smeestraat brannte daraufhin der Hausrat. Einer von den Leuten im Haus selber rief auf die Strasse, dass ein ganzes Peloton der ME vom Gelände des Deutschen Ritterordens her das Haus angriffen. Damit hatte man jetzt nicht gerechnet, da gab es keine Verteidigung. Als einige der Leute auf der Strasse die ganze Runde liefen um auf das Gelände des Deutschen Ritterordens zu kommen, war es schon zu spät. Eine ganze Horde behelmter Spezialisten waren auf das Dach geklettert und machten sich schon daran mit einer Motorsäge die Barrikaden vom Dach des Seitenflügels in die Hinterseite des Hauses aufzusägen. Spätestens dann war schon deutlich, dass man sich nicht mehr wehren konnte. Das wussten aber nur die wenigsten.
Vorne auf der Strasse wurde den Nachbarn nahegelegt ins Haus zu gehen und die Fenster zu schliessen, worauf sie Folge leisteten. Nur Berta protestierte: “Ben je gek?” Ob wir verrückt seien, das bisschen Feuer und Rauch täten ihr nichts. Was wir denn wohl glauben würden, früher stand sie ja auch immer auf den Barrikaden. Die Scheissbullen kämen ihr nicht in die Quere.
Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor die Tür 23 bis und bewegte sich keinen Zentimeter mehr von dort weg.
Es war etwas befremdlich. Mit dieser alten Frau wollte man keine richtige Konfrontation angehen, es konnte schliesslich gefährlich für sie werden, aber es hatte eine durchaus interessante Wirkung. Man koordiniert auf Besetzerseite kaum je etwas, (was heisst hier “kaum”, nein, eher “nie”), jedoch liess man die ME näher kommen und obwohl die meisten Leute Steine in den Händen hielten fing niemand an zu schmeissen. Als die erste Reihe gepanzerter Polizisten die Barrikaden überwunden hatten, was das späteste Zeichen dafür war, endlich einen Steinehagel loszulassen, wichen wir zurück. Liessen die Steine fallen und folgten Bertas Beispiel. Wir stellten uns mit verschränkten Armen vor das Haus. Die Sofas wurden vor die Türen gestellt und man setzte sich drauf.

Letztendlich verlief alles unspektakulär. Die ME war nach einer Stunde des Sägens undBohrens in das Haus gelangt, hatte die Anwesenden drinnen festgenommen und über die Hinterseite abgeführt.
Vorne an der Strasse wurde niemand festgenommen, die ME blieb auch die ganze Zeit über auf Abstand. Die Bilder von Berta, Arm in Arm mit den Besetzern gingen jedoch durch die Fernsehstationen und Zeitungen des ganzen Landes.

Den Nutzen dieser friedlichen Aktion lernten wir erst in den nächsten Tagen zu schätzen. Weil wir gleich darauf beschlossen Springweg 23 ein drittes mal zu besetzen. Und zwar ohne lange zu warten. Jurij hatte einen Plan.

(Spätestens an dieser Stelle würde ich mich als Leser furchtbar aufregen und nie wieder dieses Weblog anklicken. Weil ich Serien hasse. Weil ich bei Serien immer bis zur nächsten Folge in Aufregung bin. Am schlimmsten fände ich es jedoch, wenn der Autor die letzte Folge ankündigt, und bei der letzten Folge dann doch wieder nicht hält was er verspricht. Vor allem wenn eine Trilogie dann aus vier Teilen zu bestehen scheint. Also ich, würde jetzt gehen. Für diejenigen die bleiben, gibt es jedoch demnächst die vierte Folge.)

Neu: die vierte Folge.

Springweg 23 – eine gruselige Trilogie mit coolen Untertiteln

Band II – die Rückkehr der Revolutionäre
(zu Band I geht es hierlang)

Eine Woche vor der zweiten Besetzung von Springweg 23 stand noch gar nicht fest wer überhaupt dort einziehen wollte. Jurij natürlich, der die ganze Aktion vorantrieb und eine junge Punkette namens Malentje, aber die versiffte Bande aus der Boorstraat war irgendwie anderweitig untergekommen. Richtig aktiv ein Haus zu besetzen verlangte schliesslich einige Einspannung, die die Meute aus der Boorstraat nicht oft aufzubringen vermochte. Einige zogen in die Bauwagen im ACU und hie und da gab es überall noch freie Zimmer. Utrecht zählte Ende der Neunziger Jahre immerhin etwa achtzig besetzte Häuser. Zu der Zeit stand auch die Räumung der Balistraat an. Die Strasse im Marokkanerviertel hinter dem Bahnhof. Schon alleine dort gab es mehr als zwanzig solcher Häuser. Die Leute in der Balistraat wohnten dort schon etliche Jahre und wurden nach einem jahrelangen juridischen Streit von der Stadt vor die Wahl gestellt ihre Häuser zu kaufen oder zu räumen. Viele entschlossen sich zu einem Kaufvertrag, doch einige wenige schauten sich wieder nach leeren Häusern um. Das lange, sichere Wohnen in der Balistraat hinterliess aber gewissen Spuren, viele die von der anstehenden Aktion am Springweg erfuhren und sich danach erkundigten, zeigten erst Interesse, waren dann auch bei der Besetzung dabei, als sie jedoch den riesigen Berg an Arbeit sahen und den fehlenden Komfort der ersten Zeit überdachten, verliessen sie alle Hals über Kopf das Haus. Witzigerweise blieb niemand aus der Balistraat im Springweg.

Am Tag der Besetzung war die Gruppe gross, natürlich waren alle aus meinem Haus anwesend, schon nur aus sentimentalen Gründen und weil Jurij unser Gast war, dann eigentlich sowieso jeder der bei der ersten Besetzung dabei war, ein gutes Dutzend aus der Balistraat, einige vereinzelte Dauerbesetzer die immer dabei waren und drei oder vier Hunde. Und Clumsy.
Das Aufbrechen der beiden Türen ging nicht ganz so einfach wie beim vorigen Mal. Der neue Besitzer hatte grosse Holzplatten an die Türen geschraubt, die ich nicht sofort weg bekam. Jurij hatte bei der linken Tür die selben Probleme, bekam dann Hilfe von einem Reservisten, der beim ersten Anzeichen von Problemen aus seiner Ecke sprang und das Brecheisen zückte. Auch das half nichts, es waren zu viele Schrauben im Türpfosten versenkt worden. Ich liess meine Tür sein und sprang ihnen bei. Ich steckte meine Stange unten hinter die Platte, Jurij in der Mitte beim Schloss und der Helfer fast ganz oben. Dann zweimal wippen und auf der “drei” rissen wir mit aller Kraft and der Platte, die laut samt den langen Schrauben aus dem Pfosten krachte.
Jurij sammelte sein Werkzeug vom Boden auf, während alle anderen Mitkämpfer aus den Hauseingängen und umliegenden Gassen hervorsprangen und zum Haus her liefen. Ein grosser Teil verschwand in der ersten Tür, und einige blieben stehen, weil wir abgesprochen hatten, dass die andere Hälfte in das andere Hausteil gehen sollten. Aber die verdammte Tür war immer noch dicht. Jurij suchte das Schiebeschloss in seiner Tasche um das an die erste Tür zu montieren, und der Helfer und ich eierten an der Platte der zweiten Tür herum, die sich nicht bewegen wollte. Wir brauchten Jurij, aber es war schwierig abzuschätzen was in jenem Moment wichtiger war. Die erste Tür von Innen zu verriegeln oder die zweite Tür aufzubekommen. Wenn die Polizei in jenem Moment auftauchte, dann musste eigentlich schon beides geschehen sein, weil wenn die zweite Tür nicht offen war, mussten wir alle durch die erste Tür ins Voderhaus, damit war der Rest aber nicht besetzt.
Und dann fingen drinnen im Haus die Hunde an zu bellen, es gab irgendwie Krach und Unruhe da drin, aber ich konnte mich nicht darum kümmern, die Tür musste auf. Und dann sah ich auch Clumsy unweit von mir, weil Roos auf meiner Seite des Hauses stand. Clumsy schickte sich wieder an merkwürdige Sachen zu machen, zog und jaulte. Ein anderer Hund stand auch dort der schon seit längerem zu bellen schien, so kam mir das jedenfalls vor. Jedoch wusste ich im Stress nicht ob der nun von Clumsy aufgesscheucht war oder gar von den lärmenden Hunden oben im Vorderhaus, oder – und bei dem Gedanken ging ich mir selbst schon auf die Nerven – gab es da tatsächlich Gespenster?
Ich schlug meinem Helfer vor, tief durchzuatmen und ein anderes System zu testen. Stück für Stück, an zwei Schrauben gleichzeitig mit zwei Brecheisen die Platte erstmal zu lockern. Wenn wir es bis dann nicht schafften, dann sei Jurij mit dem Schiebeshloss fertig und würde uns helfen. Gesagt getan, immer paarweise von unten nach oben, zweimal wackelten wir die ganze Schraubenrunde ab und als wir dann beschlossen zu zweit anzusetzen, löste sich die Platte ohne jegliche Widerrede wie Pappe vom Türpfosten.
Die Tür hinter der Platte war geschlossen. Sie konnte aber nicht abgeschlossen sein, weil ich das letzte Mal beim Verlassen des Hauses alle Schlösser abmontiert hatte. Überdies sah ich, dass kein neues Schloss angebracht war. Nägel und Schrauben sah ich keine, also musste sie bloss klemmen. Ich nahm Anlauf und warf das gesamte Gewicht meines Körpers gegen die Tür, die ging mit einem ächzenden quietschen sofort auf und da ich zu viel Kraft angewendet hatte, stolperte ich in weit den dunklen Hausflur hinein. Als ich zum Stillstand gekommen war, stand dort in der Finsternis ein grosser, junger Mann mit zersausten Haaren vor mir, der mich von allen Geistern verlassen ansah.
Ich blickte ihm in seine weit aufgerissenen Augen, weil das, neben dem Umriss seines gefühlten doppelten Körperumfangs, das einzige war, das ich dort weit drin im dunklen Flur einigermassen deutlich erkennen konnte. Nach einem sekundenlangen Zögern kam er mir mit einem etwas steifen Schritt entgegen und streckte seine Hand aus. Ich war in dem Moment erstarrt und in Gedanken war ich schon meilenweit davongelaufen. Ich glaube er wollte mir etwas sagen, aber bevor es dazu hätte kommen können, polterte schon die ganze Meute der anderen Besetzer von hinten nach, in den Flur gestürmt, an mir vorbei, an die Gestalt vorbei und mir zwängte sich die Frage auf ob ich nun wirklich der einzige war der ihn sehen konnte. Ich hörte meinen Namen rufen, vorne an der Tür brauchte man meine Hilfe mit dem Schloss, aber ich hatte bereits Wurzeln geschlagen. Stattdessen umging mich die grosse Gestalt und machte sich ganz selbstverständlich an der Tür behilflich.

Die Lage im Haus war angespannt. Normalerweise beruhigen sich die Gemüter sobald der Riegel vorgeschoben ist. Man setzt sich hin oder besichtigt erstmal die nei eroberten Räume, trinkt Kaffee, fängt mit kleineren Räumarbeiten an und wartet erstmal auf den ersten Besuch der Polizei. Doch im Vorderhaus bellten die Hunde und man hörte es oben poltern. Oben, weil das sogenannte Wohnzimmer des hinteren Teiles des Hauses sich genau unter dem Vorderhaus befand. Das Vorderhaus war in diesem Sinne gar nicht wirklich das Vorderhaus, sondern belegte lediglich die vordere Seite des Vorderhauses, das heisst, alle Zimmer die auf die Strasse schauten hatten eine eigene Haustür und waren mit einem eigenen Treppenhaus verbunden. Das war die Nummer 23bis. Das sogenannte Hinterhaus war der ganze Rest, also das Parterre, die Hinterseite des Vorderhauses, der Seitenflügel, der Hof und das hintere Gebäude, die Schlachtscheune. Wir sassen also Hauptsächlich im Parterre, dieses grosse Wohnzimmer, was früher vielleicht der Laden gewesen ist. Vorne war der Giebel mit einer grossen Holzplatte zugenagelt, aber es kam genügend Licht aus dem Hinerhof. Und im Laden konnten wir die Hunde von oben hören. Bei uns unten sassen zwei Hunde die sich zwar über den Lärm der Artgenossen zu wundern schienen, sich sonst aber vorerst sehr ruhig verhielten. Nur Clumsy war wieder davongelaufen. So sagte man mir.

Die Gestalt, der ich im Flur begegnet war, war natürlich auch allen anderen aufgefallen, weil es ja keine Gespenster gibt. Er war einigen sogar bekannt, hiess Karel und war irgendwie reibungslos in der Besetzergruppe aufgegangen. Er half mit bei den Räumarbeiten, kochte auf dem Gasbrenner Kaffee und schien auch sonst recht eifrig unterwegs zu sein.
Unsere Hunde fingen erst an als es oben aufhörte. Wir sassen in der Runde auf einigen miefigen Sofas und Stühlen im Parterre, die noch vom letzten Mal zu einer Sitzecke zusammengeschoben waren und tranken Kaffee, als unsere beiden Hunde plötzlich gleichzeitig ihre Köpfe gegen die Wand drehten, augenblicklich aufsprangen und anfingen die Wand anzubellen.
Einfach so die Wand. Dabei schienen sie einen unsichtbaren Punkt anzubellen, der sich langsam an der Wand entlang zu bewegen schien, weil die Hunde erst nebeneinander nach links oben bellten und sich langsam nach rechts unten hinbewegten. Hart und kämpferisch gaben sie sich, als würden sie als miltantes Doppelpack einem immaginären Feind den Weg versperren. Rechts unten angekommen schien dieser immaginäre Punkt kurz verweilen, die beiden Hunde wurden dabei noch lauter und böser. etwa zehn Sekunden nur, dann baumten sich die Hunde auf, weil dieser Punkt sich nach oben hin bewegte.
Als die Hunde schon fast die Decke anzubellen schienen, hörten sie plötzlich auf, knurrten nur noch ein wenig und schauten zu uns herüber. Eine Dosenbierpunkette rief ihren Hund, dieser stellte sich laut schnaufend neben sie auf den Hinterbeinen und schielte dauernd zu seinem Kumpanen.
Wir, etwa sieben oder acht Menschen die dort auf dem Sofa sassen, hatten alle mit offenen Mündern die kurze, etwa zwei Minuten dauernde Vorstellung verfolgt, wagten kein Wort zu sagen, sondern sassen sprachlos da, und versuchten erstmal die Tasse Kaffee auszutrinken ohne allzuviel zu zittern.
Wir sprachen vorerst nicht darüber. Schon wenige Sekunden nachdem unsere Hunde mit dem Bellen aufgehört hatten, ging es oben wieder weiter. Auf der rechten Seite an der Decke polterte es, wahrscheinlich die Hunde, und das Gekohle ging von vorne los.

Es dauerte noch fünf Minuten an und dann war vorläufig Ruhe. Später kam Jurij nach unten und wir liefen in die Zimmer des Seitenflügels und besprachen, dass diese wohl als erste wenigstens Wetterfest gemacht werden mussten. Der gesamte Seitenflügel, der nur zwei Stockwerke hoch war, hatte die grössten Schäden die auf das Wetter zurückzuführen seien. Regen ist nämlich der schlimmste aller Hausvernichter. Der Regen frisst sich in das Holz ein, weicht alles auf, lässt schimmeln, das Holz morsch werden und alles andere vermodern. Wasser frisst mit der Zeit richtige Löcher aus dem Boden durch die man dann hinunterwinken kann, vorausgesetzt es sich jemand darunter befindet, der dann auch zurückwinken kann. Und im Winter gibt es dann Risse, insbesondere in diese leeren Häusern in denen es im Winter auch friert, da ja nicht geheizt wird. Das Dach hatte an mehreren Stellen kleine Lecks, durch die der Flur und alle Zimmer morsche Stellen auf dem Boden bekommen hatten. Vor allem im Flur gab es Stellen an denen wir Bretter hinlegten, weil es gut sein konnte, dass sich jemand beim Darüberlaufen plötzlich ein Stockwerk tiefer befinden würde. Das hinterste Zimmer hatte gar ei zwanzig Zentimeter breites Loch im Boden und in der Decke, obwohl der Rest des Bodens dort relativ gut beinander war. Es regnete dort halt richtig rein. Ein Dach zu reparieren ist immer teuer. Jedenfalls wenn man es gut machen will und dauerhaft. Mit Dauerhaftigkeit ist es bei Besetzungen immer so eine Sache, aber “gut”, das kriegt man meistens schon hin. Ich schlug ihm vor, erstmal Planen über das Dach zu spannen. Ich hatte noch reichlich Planen in der Lange Nieuwstraat liegen. Über das ganze Dach des Seitenflügels, weil man die kleinen undichten Stellen kaum ausmachen kann. Ein geteertes Dach sieht nämlich immer nach Löchern aus. Jurij zog tief an seiner Zigarette und wechselte ganz plötzlich das Thema. Er habe vor, so sagte er, das Haus nicht zu verlassen wenn wir am Abend die Meldung der Räumung bekommen würden. Er möchte hier eigentlich gar nicht mehr wegziehen, das Haus sei genau richtig für ihn, er möge die Nachbarschaft, die verwinkelten Gänge des Hauses und überhaupt alles, so genau ihn den Details wisse er es auch nicht. Und obwohl man kaum etwas über den neuen Besitzer wusste, schien es ihm nicht als wollte der nun wirklich bald etwas machen. So ein 0815 Spekulant eben, der wahrscheinlich Porsche fuhr und gerade ein wenig mit seinen ersten Häusleins spekulierte. So einer müsste sein Handwerk noch richtig kennenlernen und mal auf die Fresse fallen, damit er es sich nochmal überlegt. Wenn ich, Malentje und Alex aus der Nikolaasstraat bleiben würden, dann würde er die Konfrontation angehen. Wir vier würden den Rest schon dazu bewegen können.
Nun war es in Utrecht nicht wirklich schwierig jemanden zu einer spektakulären Räumung oder eben zu einer spektakulären Nicht-Räumung zu überreden, man brauchte eigentlich nur abends in ein Besetzercafe zu gehen und zu sagen, dass man bleiben wolle, man solle am Räumungstag doch mit Hausrat, brennbarem Material und dicken Jacken vorbeikommen. Dann leuchteten die meisten männlichen Augen hell auf. Mit einem Drittel der aufleuchtenden Augen konnte man dann auch rechnen. Es bedarf bei einer grossen Räumung lediglich jemanden der dazu aufrief und tagelang über nichts anderes mehr reden wollte. Damit sich das Wort verbreitete. Der Rest lief dann von selbst. Obwohl der Grund des Bleibens sehr dürftig war, sagte ich ohne zu zögern zu: Wir bleiben.

Nachdem die Polizei am Morgen Leerstand überprüft hatte, kam sie am frühen Nachmittag schon zurück und meldete die juridische Duldung der Besetzung. Der neue Besitzer konnte keine Nutzung des Hauses vorweisen und sein Recht als Hausbesitzer wurde somit vorläufig beiseite geschoben. Nach der ganzen Lust auf Lärm kam diese Aussprache überraschend. Ab jetzt gab es also Hausfrieden, Recht auf Wasser und Strom und wenn der Besitzer sein Haus zurückhaben wollte, dann musste er eine Klage eindienen die dann zum Prozess führen würde, und letztendlich in den meisten Fällen auch gewinnen. Da vergingen meistens Monate und in einigen Fällen Jahre. Und in einzelnen, sogar Jahrzehnte. Es gab kleine juristische Tricks mit denen man sich bedienen konnte, die die Zeiten etwas in die Länge zogen, manchmal musste man mit Pflastersteinen bei den Fensterscheiben der Anwälte ein wenig nachhelfen und bei manchen ekligen Besitzern brannte schon mal der Porsche, vor allem wenn sie mit lächerlichen Räumungsgründen daherkamen. Oder bloss weil sie Porsche fuhren und eklig waren.
An jenem Tag war aber Feierstimmung am Springweg. Die Nachbarinnen der ersten Besetzung hatten sich seit Mittag auch wieder um das Haus herum versammelt und brachten nach der Verkündung der Polizei noch belegte Brötchen vorbei. Für die Nacht, weil wir ja gut schlafen sollten, damit wir morgen wieder bei Kräften sein würden, wenn wir anfangen würden, den ganzen Müll aus dem Haus zu schaufeln. Von Ausschlafen und arbeiten wollten wir vorerst aber nichts wissen, sondern wir verschlangen die Brötchen, danach spendierten wir aus der Lange Nieuwstraat eine Kiste Bier, danach noch eine und irgendwann holten wir beim Spanier in der Strasse eine Flasche Wein nach der anderen.

Weil es noch keine feste Bewohnergruppe gab, blieben viele Leute in der ersten Nacht dort schlafen. Aus Solidarität. Die erste Nacht ist immer etwas schwierig. Das Haus ist neu, es gibt meistens keine Stromschalter und man weiss auch meistens nicht wie der Hausbesitzer mit dieser Situation umgehen würde. Es gab schon genügend Geschichten von Schlägertruppen, dass man wenigstens in der ersten Nacht das Gefühl haben wollte, in der Überzahl zu sein. Beim nächtlichen Umtrunk im ersten Geschoss des Vorderhauses verkündete Karel, die etwas verwirrende Gestalt im dunklen Flur, dass er da eigentlich ganz gerne wohnen bleiben möchte. Mir war er suspekt. Er hatte diesen Blick eines Irren den ich nicht traute. Auch redete er nicht viel, und wenn er etwas sagte, dann sprach er mit einer monotonen Stimme und einem verwirrten Blick, wie es nur Irre aus Film und Fernsehen zu tun pflegen. Ich mochte ihn nicht, aber die Entscheidung ihn in das Gemäuer des Springwegs aufzunehmen, lag nicht an mir, ich sass ja warm und freudig an der Lange Nieuwstraat. Es stellte dich heraus, dass Karel momentan kein Zuhause hatte und schon seit einigen Tagen im Springweg 23 schlief. Er hatte eine leise Einstiegsmöglichkeit an der rechten Seite des Hauses gefunden gehabt, durch ein Loch in der Mauer vom Gelände des ehemaligen Deutschen Ritterordens her. Jurij lachte laut auf und scherzte, dass er dann also der Urbesetzer des Springwegs sei, und natürlich könne er bleiben und er solle ihm doch noch eine Flasche Bier herüberreichen.

Irgendwann war ich eingeschlafen, auf einem grossen Kissen in dem ich mich vorher schon biertrinkend hineingekuschelt hatte. Ich weiss nicht wie spät es gewesen ist als ich aufgewacht war, es war jedenfalls noch stockdunkel, obwohl es damals August war und die Nächte somit noch kurz. Wir waren nur noch zu viert im Zimmer oben, die anderen hatten sich wahrscheinlich unten auf die miefigen Sofas gelegt. Ich war von Castros Knurren aufgewacht, der unweit von mir mit aufgestützten Vorderpfoten an die Decke starrte. Als er bemerkte dass ich wach war, sah er mich an und stand auf, blieb jedoch an der selben Stelle stehen. Oben hörte ich langsame und schwere Schritte an der Decke, irgend ein Holzmöbel wurde herumgeschoben, machte dabei einen furchtbaren und unnötigen Lärm, dann war für einige Augenblicke Ruhe, und danach hörte ich ein lautes Poltern dieses Holzmöbels. In dem Moment bellte Castro drauflos. Die restlichen vier Schlafenden regten sich und stöhnten, Jurij befahl seinem Hund seine Schnauze zu halten. Dieser folgte seinem Befehl nur widerwillig, bellte erst etwas leiser, hörte jedoch ganz damit auf als er merkte, dass sein Herrchen wieder eingeschlafen war.
In dem Moment war ich wach wie ein Hase, oder meinetwegen wach wie Espenlaub. Ich räusperte mich und sagte etwas davon, dass da oben jemand herumliefe, aber meine Stimme klang so einsam in diesem Zimmer, dass ich es gar nicht mehr wagte zu wiederholen. Der Satz blieb unerhört.
Dann ging mir dieser verdammte Gespensterkrams auf die Nerven, ich nahm mein Brecheisen in die Hand, zündete mir eine Kerze an und zog Catsro an seinem Halsband mit in das Treppenhaus nach oben. Castro lief hinter mir. Ein treuer, wenn auch nur halbmutiger Geselle. Ich hasste es, mich nachts in schwachem Kerzenschein durch dieses Haus zu schleichen. Vor allem weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass da oben in jenem Zimmer sich tatsächlich jemand von uns schlafengelegt haben würde, weil da oben gab es keine Sofas, oder Kissen. Nicht einmal einen Teppich, der einen ein wenig Wärme spenden konnte und Schlafsäcke hatte sich niemand besorgt soweit ich wusste, es war ja August. Es gab da oben nichts. Ausser diesen umgefallenen Stuhl, aus Holz.
Als ich das Zimmer betrat sah ich erstmal überall Geister und Gespenster. Der Schein der Kerze malte überall flackernde und umherirrende Ungeheuer an die Wand. Der umgefallene Stuhl zog verschiedene lange und bewegende Schatten und die Stützbalken an den rissigen Wände taten das ihre. Ich merkte, dass Castro das Zimmer nicht betreten hatte, sondern draussen im Treppenhaus stehengeblieben war. Ich ging nicht weit in das Zimmer hinein, sondern vergewisserte mich nur mit der Brechstange in der rechten Hand, dass hier keine Schlägertruppe eingebrochen war, die uns gleich im Schlaf überfallen würde.
Ich sah niemanden und deshalb drehte ich mich schleunigst um und eilte zurück ins Treppenhaus, mit diesem kalten Gefühl im Nacken, dass es hinter mir wieder dunkel geworden war. Ich beschloss den Rest der Nacht wachend im Parterre zu verbringen. Vorne bei der Tür. Ab und zu ging ich hinaus und rauchte eine Zigarette. Castro blieb bis zum Morgengrauen bei mir. Auch ihm schien es unten wesentlich besser zu gefallen.

(zum ersten Band der Trilogie)

(der nächste Teil demnächst, vielleicht morgen oder übermorgen, oderso, wobei ich ganz besonders auf das “oderso” verweisen möchte.)

(Aktualisiert: Teil3)

Sprechertraining

Da ich selbst von meinen Vorleserqualitäten nicht so begeistert bin wie einige der Leser hier, weil ich nämlich sehr undeutlich spreche und die Texte derart monoton lese als seien es repetitive Gebete, etwa wie ein Rosenkranz, in denen sich die alten Weiblein aus meiner Heimat in Trance zu beten pflegen, hat mir Frau Arboretum das Buch Sprechertraining nahegelegt. Und weil ja schon bald die Weihnachtsglocken klingen, war ich einfach mal so unverschämt und habe das Buch auf meine Wunschliste geparkt. Es geht ja immerhin um das gemeinschaftliche Wohl.

etwas zum Lauschen

Als grosser Fan der FrauFrankschen Texte griff ich letzten Samstag wieder zum Mikrophon. Der freundliche K Alex von HerrK hat auf meinen Wunsch hin die passende Musik seiner Band dazu ausgesucht und das Ganze durch den Mixer getrieben. Jetzt kann man es sich bei Blogread runterladen oder per Podcast auf den MP3-Player ziehen und in der U-Bahn danach lauschen.

Post von Bargeld Entertainment

bargeld entertainment

Und heute lag das langersehnte Päckchen in meinem Postfach, das Päckchen wofür ich vor genau zwei Jahren 60€ an Bargeld Entertainment überwies, weil ich Herrn Bargeld und seine Musikanten mit ihrer Webseite, bei ihrem Versuch unabhängig von der Musikindustrie ein Album zu produzieren, unterstützen wollte. Weil ich ein alter Geliebter der Einstuerzenden Neubauten bin. Und weil mich deren Musik immer noch erschauern lässt wie vor sechzehn Jahren. Die einzige Band die mit den Jahren sogar besser wurde.

Heute erreichte mich das neue Album Grunstueck, das aus diesem Projekt entstanden ist. 3 CD’s und eine DVD. Und ich entflamme in erneuter Liebe.

Redukt

Gesternabend meine Möhrensuppe vom Vortag zu einer Nudelsauce reduziert und in Marmeladegläsern abgefüllt. Redukt, redukt, den halben Abend glückseelig gerührt. Fühlt sich an wie Hexerei.

(und wenn es im Kühlschrank nichts mehr zum Reduzieren gibt, dann bin ich irgendwann selbst dran)

Springweg 23

Eine gruselige Trilogie mit coolen Untertiteln

Als wir das erste Mal das Haus am Springweg 23 besetzten war tiefster Winter, Januar 1996, der kälteste Winter seit Dekaden. So kalt, dass die Grachten zugefroren waren, und in der asbestverseuchten Schule in der ich zu dem Zeitpunkt wohnte, stellten wir schon die Bierflaschen in den Kühlschrank um sie vor dem Erfrieren zu bewahren. Jedoch war der Winter auch überaus amüsant, wenn ich jetzt daran zurückdenke, wie wir uns alte Schlittschuhe besorgten und von Ufer zu Ufer schlittschten, weil dort an der Gracht an der Kaimauer die Kneipen waren. Ein Bier hier, ein Bier dort, schlitsch, mit dem Arsch wieder aufs Eis, die Knie auch gleich dazu, am anderen Ufer an die Mauer gelehnt und das nächste Bier bestellt und irgendwann war man so besoffen, dass man vierbeinig über das Eis kroch und mit ein wenig Glück irgendwann nachhause kam.
In jenem Winter war meine Sorge das Wohnen, da ich gerade in den Niederlanden gelandet war und ich in jener Schule nur vorübergehend das Gästezimmer bewohnte. Ziemlich bald hatte ich mich aber schon auf das alte Pferdeschlachthaus am Springweg fixiert. Ich mochte dieses heruntergekommene Haus in dieser etwas düsteren Strasse mitten in der Alstadt. Parallel zur Oude Gracht, gleich dahinter sozusagen, ein wenig verschlafen und nachts sehr dunkel.
Wenn ich nachts dort durch die Strasse lief, um an der Nummer 23 mögliche Einstiegsmöglichkeiten zu suchen, kam ich mir immer wie im tiefsten Mittelalter vor. Es gab nur vereinzelte Lanternen, die Strasse war sehr grob gepflastert, die Häuser standen nahe aneinander, sowieso war die Strasse eng und alle Häuser waren uralt.
Springweg 23 war eines dieser typischen Utrechter Häuser aus der Zeit um 1850, drei Fenster schmal, drei Stockwerke hoch, spitzes Dach, kleiner Innenhof und ein etwas niedrigeres zweistöckiges Hinterhaus. An der linken Seite war ein kleiner, vergitterter Steg durch den man das Dach des Hinterhauses erblicken konnte und rechts davon zog sich eine sehr alte Steinmauer davon, hinter der sich das Gelände des ehemaligen deutschen Ritterordens befand. Die kleine Gruppe Leute mit denen ich dort wohnen wolte, sechs Menschen, war genau richtig. Keine grossen Häuser mehr, kein unkontrollierbarer Haufen von fünfzig oder mehr vergammelter Künstler oder hundehaltender Dosenbierpunks, sondern eine kleine Familie halt, trautes Heim, ein Holzofen und eine grosse Küche in der wir abends beinander sitzen wollten und uns Geschichten erzählen. Ja, das wollte ich.

Springweg spricht man ßprinngwech aus, sp wie Spacecake, nicht wie Spiegeleier oder Springerverlag. Und mit einem kurzen e, wie Becks. Und so brachen wir an einem eiskalten Januartag, in allerherrgottsfrühe zum Springweg auf um an der Hausnummer 23 die Türen aufzubrechen. Unser etwa fünfzehn Leute. Wir stellten unsere Fahrräder auf sicherem Abstand ab, ich steckte Vorschlaghammer und Brechstange unter die Jacke und stapfte auf die Tür zu. Es waren eigentlich zwei Türen, eine für das Vorderhaus, die Nummer 23, und eine für die Hinterseite des Vorderhauses und den Hof samt Hinterhaus, die Nummer 23 bis. Die Türen gingen auf wie ein Pizzakarton. Nichtmal der Rede wert.
Ich war überrascht von diesen Holländern, wie gut organisiert sie zur Tat schritten. Nachdem ich die Türen aufgebrochen hatte, montierte mein Kumpane Alex, mit dem ich zusammen die bescheidene Brechtruppe bildete, sofort ein dickes Schiebeschloss auf die Innenseite der Tür und der Rest der Truppe, der an allen Ecken, mit Thermoskannen und Decken gerüstet Schmiere standen, auf Alex’ Pfeifen hin alle gleichzeitig losspurteten und ins Haus stürmten. Der Riegel ging zu: Gekraakt! Besetzt eben. Sehr sauber wie das alles ablief, da in diesem Holland.
Und dann die Formalitäten. Die Polizei anrufen, das machen die Hausbesetzer in Holland selber. Gleich morgens schon, als erstes nachdem das Haus in Beschlag genommen war. Einer der Besetzer der Schmiere steht, betritt nicht das Haus, sondern läuft zur nächsten Telefonzelle. Es gab in ’96 noch keine Mobilfunke. Die Polizei kommt dann in der Regel eine Stunde später, man lässt sie rein, sie überprüfen ob das Haus auch wirklich leer steht und gehen anschliessend zum Staatsanwalt, der daraufhin ein Urteil fällt ob die Besetzung widerrechtlich ist oder ob sie toleriert wird. Reine Routine.
Man darf sich bloss nicht beim Brechen der Türen erwischen lassen, weil dann geht es ab in den Knast. Das ist illegal.
Weil wir äusserst routiniert zu Werke gingen, geschah es schonmal, dass die ganze Aktion derart daneben ging, dass es für die doofesten Hausbesetzer des Königreiches Preise geben sollte. So geschah es einmal, dass mein fester Telefonierer, das heisst, derjenige der nach der frischen Besetzung die Polizei anrufen sollte, keine Zeit für die Besetzung hatte, weil er unbedingt irgendwas wichtiges erledigen musste. Da fragt man sich natürlich erstmal ob es denn überhaupt etwas wichtigeres gibt als ein Haus zu besetzen, aber manche Leute setzen komische Prioritäten. Jedenfalls gefiel nicht jedem die Arbeit des Telefonisten. Den meisten war es gar ein Gräuel sich mit der Staatsmacht abzugeben. Man sagte man hasse das, aber wahrscheinlich bekamen die meistens Revolutionäre bloss wildes Herzklopfen, oder kamen ins Stottern, wenn sie einen Polizisten am Hörer hatten. Ich war immer der mit der Brechstange, für die richtige Arbeit sozusagen, ich konnte daher nicht anrufen. Weil ich immer denselben Telefonisten hatte, und mich dieser unstete Umstand sehr durcheinander brachte, sagte ich ihm er solle sich nicht so anstellen. Nach kurzem überlegen schlug er vor, die Polizei einfach von einer Telefonzelle in der Uni aus anzurufen. Wir brachen um acht zum Brechen auf und er würde um zwanzig nach acht zum Hörer greifen. So geschah es dann, dass diese verdammte Tür in der Annastraat nicht aufgehen wollte. Das Brecheisen ging ohne Hilfe des Hammers sofort in den Türspalt, doch sie war wie Gummi, sie gab zwar nach, war aber sehr zäh, kein brüchiges Holz. Ein Kumpane steckte kleine Metallkeile in die öffnung die ich aufgemacht hatte, damit ich von dort aus mit dem Brecheisen noch einmal ansetzen konnte, aber das Schloss brach nicht durch. Wir liessen uns Zeit. Die Strasse war sehr ruhig, weil sie hauptsächlich aus Hinterseiten von Läden bestand. In der Annastraat waren wir nur eine kleine Gruppe junger Männer. Niemand stand Schmiere sondern jeder kümmerte sich nur um diese hartnäckige Tür. Wir testeten Techniken aus diskutierten über fehlendes Werkzeug, weil wir halt Männaer waren. Eine Viertelstunde später, stieg ein ungeduldiger Mitkämpfer die Fassade hoch um im ersten Stock das Fenster einzuschlagen und dann die Tür von Innen zu öffnen. Als er jedoch halberwege an der Regenrinne baumelte, bog ein Streifenwagen westlich in die Annastraat ein, wodurch uns die Sache mit dem Telefon wieder einfiel. Die beiden Polizisten im Wagen schienen wohl auch ein wenig überrascht davon zu sein, dass wir uns gar nicht im Hause selbst befanden sondern noch mit Brechstangen uns an der Türe zu scshaffen machten, denn der Wagen bremste kurz, dann ging erst das Blaulicht und die Sirene an, und daraufhin fuhren sie eilig in unsere Richtung. Weil niemand von uns Lust auf Knastessen hatte und auch die Gefängnisbibel schon hundertmal durchgelesen war, rannten wir um unser Leben. Nicht nur darum. Aber das klingt eben besser.

Bei der ersten Besetzung des Springweg 23 verlief jedoch alles sauber. Fast alles. Lediglich Roos’ Hund Clumsy überfiel an der Eingangstür plötzlich eine Panikattacke und lief anschliessend wie verrückt in Richtung Mariaplaats hoch. Sofern man von hoch und runter sprechen kann in Holland. Sie lief jedenfalls Richtung Norden, und Norden ist immer oben.
Ich will ja nicht schlecht von den Toten sprechen, weil Clumsy vor einigen Jahren gestorben ist, aber Clumsy war halt, naja, wie soll ich sagen ohne schlecht über sie zu reden, aber sie war halt (Komm Mek, jetzt stell dich nicht an) ein sehr dummer Hund. Sie war gross und stark und wenn ich mich nicht täusche, floss sogar edles Blut durch ihre Venen. Aber sie war halt elend dumm. Was vielleicht den Namen erklärt. Sie war jedoch gutmütig und absolut liebenswürdig, deshalb tuhe ich mich auch so schwer, schlecht über sie zu sprechen. Aber zusätzlich war sie auch noch unheimlich träge und auch dauernd deprimiert, und so sah sie auch aus, weil zwei riesige Augenringe von ihren treuen Hundeglotzern herabsackten, parallel zu den hängenden Backen. überdies runzelte sie auch noch die Stirnfalten, sodass man in ihrer Gesellschaft nichts anderes mehr als Nick Cave oder die BadSeeds aufzulegen vermochte. Ich schwöre es, wenn ich alleine zuhause sass und alte Briefe las während sie vor mir kniete und mich beim Ship Song so anguckte wie sie halt immer tat, dann war ich den Tränen dauernd nahe und musste sie, um michselbst zu schuetzen, heulend umarmen. Ein liebenswürdiger Hund war sie, das schon.
Deshalb war es etwas merkwürdig Clumsy plötzlich so aufgeweckt zu sehen. Als sie vor der Tür stand, die ich für die restlichen Mitrevolutionäre aufhielt, fing sie auf einmal an zu bellen und machte einige entschlossene Schritte rückwärts. Ich guckte Roos an, die von Clumsies aufmüpfigem Verhalten ebenso verwirrt zu sein schien. Roos zog an Clumsies Leine, jedoch war der Hund keinen Meter zu bewegen. Ich wollte mich nicht einmischen, nicht mein Hund, und viel zu gross. überdies kannte ich Clumsy damals noch nicht so gut, damals war ich noch nicht ihr ständiger Babysitter während Roos sich in den Kneipen die Birne zersoff. Darum wartete ich ab. Roos redete ihr gut zu, zog an der Leine, ging auf sie zu, doch jedesmal entfernte sich Clumsy noch weiter von der Tür. Als Roos dann böse wurde und Clumsy anbrüllte, nahm sie reissaus und lief die Strasse hinauf. Nach Norden also. Roos rannte daher ihrem Hund nach. Aber sonst war jeder innerhalb einer Minute im Haus.

Von innen war das Gebäude alt und zum grossen Teil sehr verlottert, vor allem die hintere Seite, aber vorne war es noch halbwegs bewohnbar. Für die Hinterseite hätte man teilweise den Boden rausreissen müssen und neue Bretter in den Flur und in den Zimmern legen. Eines der Zimmer an der Hinterseite war zum fast vollständig verkohlt. Die Balken und Fensterrahmen. Und die Wände waren schwarz vor Russ. Auch neue Fenster mussten fast überall eingesetzt werden, oder halt Glas auf die Löcher geklebt. Das schlimmste aber waren wohl die ganzen Blätter, eine richtige dicke Lage und menschliche, sowie tierliche Fäkalien, die den ganzen hinteren und grösseren Teil des Wohnhauses bedeckten. Ich war in jener Zeit schon an einiges gewohnt, aber Menschenscheisse war mir immer zuwider. Ein Zeichen einer völlig verkümmerter Existenz das mich immer sehr berührte, irgendwo zwischen Herz und Magen. Jedenfalls ging ich davon aus, dass sich in einigen Wochen die grösseren Schäden bestimmt beseitigen liessen. Nur das hintere Haus entpuptte sich als unbewohnar. Für Menschen jedenfalls. Das Hinterhaus war eher eine Art Stall, das Gebäude in dem früher wahrscheinlich die Pferde geschlachtet wurden. Seitdem der Fleischer die Hütte verlassen hatte, wurde in jenem Gebäude wahrscheinlich keinem Gewerbe mehr nachgegangen. Und gemessen an der Anzahl Tauben und Vögel die dort lebten, musste das schon sehr lange her gewesen sein. Sowieso war dort kein Durchkommen. Alles stand vollgebaut mit Maschinen und altem Holz an dem dicke Spinnweben und faulende Blätter hingen und klebten. Das Hinterhaus wurde stillschweigend zum ausgeschlossenen Gebiet erklärt. Auch bei den späteren Besetzungen hat man sich nie um das Hinterhaus gekümmert.

Die alte Frau von schräg gegenüber hiess Berta. Eine alte Kommunistin. Berta war weit über sechzig, klein, dick und laut. Und wenn sie lachte, fühlte man den Boden unter den Füssen zittern. Berta war aber ausgesprochen freundlich und schien in der Strasse so eine Art übermutter zu sein. Sie brachte uns frischen Kaffee und Krakelinge. Ich liebte Krakelinge, die kleinen, süssen Kekse in der Form von Brezen, nur kleiner. Krakelinge, weil wir Krakers waren, Besetzer halt und den Kaffee gab sie uns weil wir starke Nerven brauchten. Ins Haus hinein wollte sie nicht kommen, aber liebend gerne unterhielt sie sich mit uns vor dem Haus, erzählte von der Strasse, wie es früher hier war, dass damals hier nur Kommunisten wohnten und man bei ihr in der Küche revolutionäre Versammlungen hielt. Ich glaube es lag an Berta, dass sich dann in kurzer Zeit mehrere Nachbarn zu uns gesellten, alsob ihre Anwesenheit eine Art Signal für die Nachbarschaft gewesen wäre, als Zeichen, dass alles in Ordnung sei. Man hatte ja die Polizei gesehen und es gingen plötzlich viele schräge Leute in der Nummer 23 ein und aus. Besetzer hatte man im Springweg schon lange keine mehr gesehen, das letzte mal war schon 8 Jahre her gewesen, als die Nummer 90 besetzt wurde. Aber das war nur von kurzer Dauer, weil der Besitzer am ersten Tag schon mit der Pistole das Schloss kaputtknallte und mit zwei grossen Burschen das Haus erstürmte. Die handvoll Besetzer die sich an jenem Tag in dem Haus aufhielten, fanden, dass das deren Erwartungen von Wohngenuss bei weitem verfehlte, liessen ihre Siebensachen liegen und schafften es gerade rechtzeitig das Gebäude über die Hinterseite zu verlassen.

Eine der Nachbarinnen, eine ältere Dame, auch schon über sechzig, fragte ob sie eine kleine Runde durch das Haus machen könne. Sie wohne nun ja schon beinahe vierzig Jahre im Haus nebenan und wollte jetzt mal wissen wie es hier drinnen so aussah. Ich bot mich als Führer an, weil der lange Flur an der Hinterseite teilweise morsch war und die obere Treppe einige wackelige Stufen hatte. Auf dem Weg durch das Haus erzählte sie mir von der einsamen Frau die hier bis vor etwa einem Jahr gelebt hatte. Sie war die Tochter des Fleischers gewesen. Eine etwas geheimnisvolle Frau die keinen Kontakt mit den Nachbarn pflegte. Man sagt sie sei verrückt gewesen, aber das wusste man nicht so genau, sie habe ja niemanden an sich heran gelassen. Aber wundern würde es sie nicht, ist ja nicht so schön was damals passiert sei, obwohl sie vorher ein durchaus liebenswertes Mädchen gewesen ist. Das klang nach einer spannenden Geschichte und ich konnte mich nicht zurückhalten, daher fragte ich sie was es mit der Sache auf sich hatte. “Ihre Mutter wurde geschlachtet. Hinten im Stall. In kleine Stücke.” Polizei sei überall im Haus gewesen, tagelang. Es war der Vater gewesen, der Fleischer. Sein Sohn hatte eine Vermutung oder wusste es gar sicher, und hat daraufhin seinen Vater angezeigt. Der kam natürlich gleich ins Gefängnis, der Schurke. Eine kaputte Familie sei das immer gewesen, aber die Tochter war doch immer irgendwie wie eine kleine Sonne, ein zonnetje in huis.
Der Sohn hatte dann angefangen zu trinken und verbrannte in seinem Bett bei lebendigem Leibe. Das war nicht viel später, höchstens ein Jahr. Wahrscheinlich hatte er im Bett geraucht. Ihr eigener Mann machte das ja auch immer, aber der trank zum Glück nie. Er hat es sich auch stillschweigend abgewöhnt seit der Nachbarjunge im Bett verbrannt war. Sie hatte dazu nie was gesagt, aber es sei schon gut, dass er so vernünftig sei, ihr Remco. Naja, und die Tochter blieb in dem Haus noch zweiundzwanzig Jahre wohnen, ganz alleine an der Vorderseite, und war seitdem nicht mehr die alte gewesen. Man müsse doch nur sehen wie sie das Haus verkümmern lassen habe. Bis sie dann letztes Jahr verstarb. Ich zeigte ihr das verkohlte Zimmer und stellte die überflüssige Frage ob das das Zimmer des Sohnes gewesen sei. Sie nickte und fügte hinzu, dass sie es jedoch nicht ganz sicher wisse, es habe halt an dieser Seite des Hauses gebrannt und daher wird es wohl so gewesen sein. Gottogott, zweiundzwanyig Jahre her ist das schon, wiederholte sie mehrmals.
Ins Hinterhaus wollte sie nicht, also brachte ich sie wieder zur Tür. Draussen stand eine Schar alter Weiber um Berta und einigen Revolutionären herum und waren in aufgeregten Gesprächen vertieft.
Aus diesen Gesprächen erfuhr ich, dass die letzte Bewohnerin, die Tochter, sich erhängt hatte. Oben im Dachgeschoss. Da hatte sie wochenlang gehangen bis Verwandte sie entdeckt hatten. Ach es sei doch so viel Elend geschehen in diesem Haus, hoffentlich sei es nun endlich vorbei.
Das hoffte ich auch, und langsam reichten mir diese Geschichten. Ich musste da schliesslich auch noch wohnen.

Bald darauf kam Roos mit Clumsy vom Mariaplaats heruntergelaufen. Sie hatte Clumsy erst hinter der Brücke zur Bemuurde Weerd zu fassen gekriegt. Berta bot ihr Krakelinge und Kaffee an und Roos strahlte. Nur Clumsy war sofort wieder unruhig, bellte in Richtung Tür und zog an der Leine. Diesmal zum Glück ohne wieder reissaus zu nehmen.
“Schau der Hund mag das Haus nicht” sagte eine der Weiber, und fügte hinzu, dass es sie überhaupt nicht wundere. Das Haus sei verflucht.
Und dann kamen die Geistergeschichten. Eine sah des öfteren Licht im obersten Zimmer, eine andere behauptete sie höre Geräusche von umfallenden Stühlen, eine andere hatte sogar eine singende Mädchenstimme aus dem Haus gehört. Berta regte sich auf, sie solle uns jungen Leuten doch keine Angst machen, und Geister gäbe es nunmal nicht, aber sie liessen sich nicht davon abbringen, weil auch der Hans von gegenüber seit dem Tod der Tochter komische Schleier hinter den Fenstern gesehen hatte, und wir sollten mal die Leute von dem spanischen Lokal fragen, die hatten erst unheimliche Geschichten davon zu erzählen.
Ich war es satt und verliess die Runde.

Ungefähr gleichzeitig kamen zwei Polizisten und fragten nach jemandem der ihnen das Haus zeige, weil sie Leerstand konstatieren mussten. Reine Routine. Ich führte sie durch das Haus. Erst hinten, dann vorne und die Polizisten scherzten, dass da ja Tauben wohnen würden, also nichts mit Leerstand, haha. Im Dachzimmer fiel mir der umgefallene Stuhl zum ersten Mal auf. Wie er dort genau unter dem Balken lag. Man hatte bis auf den Stuhl alles leergeräumt. Bestimmt Verwandte die vom Todeshergang gewusst haben mussten.
Die Polizisten stellten fest, dass das Haus also wirklich leer stand, nahmen unseren formellen Besetzerbrief entgegen und machten sich auf den Weg zur Staatsanwaltschaft.
Danach fingen wir erstmal an zu räumen und zu schaufeln, einige Stunden lang, tranken Kaffee und unterhielten uns mit der Nachbarschaft vor dem Haus, die die Besetzung zum willkommenen sozialen Tratschtag deklariert zu haben schienen.

Am frühen Abend kehrten die Polizisten zurück und teilten uns mit, dass das Haus vor fünf Monaten von einem Unternehmer der es renovieren wollte, gekauft worden sei. Die Besetzung war von gesetzlicher Sicht aus also illegal, weil es unter dem neuen Besitzer noch kein Jahr leer gestanden hat. Für uns gab es schliesslich die Wahl das Haus zu verlassen oder einfach zu bleiben. Zu bleiben hiesse jede Menge Theater. Dem Theater waren wir grundsätzlich nicht abgeneigt, aber in solchem eindeutigen Fall brachte man nur die Presse und das Volk gegen sich auf. Das war nutzlos. Nach einer zweiminütigen Diskussion beschlossen wir das Haus zu verlassen. Die alten Frauchen fanden das natürlich schade, wir seien doch eigentlich ganz nett, und wenn das Haus in sieben Monaten immer noch leer stünde, dann sollten wir doch einfach wiederkommen. Sie würden auch wieder Kaffee kochen und Krakelinge bringen. Das war äusserst reizend und wir versprachen wiederzukommen.

Zwei Wochen später stemmte ich mein Brecheisen in den Türpfosten des Hauses in der Lange Nieuwstraat 37, welches wirklich leer stand und überraschenderweise in einem sehr guten Zustand verkehrte. Dort blieben wir dann wohnen und vergassen das Haus am Springweg.

Bis etwa sechs Monate später die fünf Häuser in der Boorstraat geräumt wurden. Fünf baufällige, kleine Häuser die der Ausbreitung der Eisenbahnschienen weichen mussten. Ein schneller Prozess, schnelle Räumung und die Bewohner verliessen widerstandslos ihre Hütten.
Jurij aus der Boorstraat, mit seinem Hund Castro, zog vorübergehend in unsere Besenkammer. Solange er nichts neues gefunden hatte. Eines nachts als wir trunken aus Cafe Belgie kamen, forderte ich ihn auf, einen kleinen Umweg zu laufen und deshalb führte ihn ich durch den Springweg. Beim Anblick dieses alten, finsteren Hauses bekam er wässrige Augen. Es schien ihm genau so gut zu gefallen wie mir damals. Ich warnte ihn vor den alten, geschwatzigen Nachbarinnen, und sonst sei es ein wenig verkommen, vor allem an der Hinterseite und das Hinterhaus sei vollkommen unbrauchbar. Das störte ihn jedoch wenig. Jedes Haus bekommt man halbwegs vernünftig hin.
“Es sieht aus alsob es hier geistert”, sagte er noch und lachte. Ich nickte – sagte aber nichts.

(ich habe beim Abwaschen vorhin beschlossen hier aufzuhören, weil ich aus dieser Geschichte eine Trilogie mache. Weil ich immer schon einmal eine Trilogie schreiben wollte. Eine richtige Trilogie, mit coolen Titeln wie “die Rückkehr” und “die Rache von irgendwas” oderso. Diese Geschichte wird also eine Trilogie. Der zweite Teil kommt morgen. Oder übermorgen. Oderso.)

(Aktualisiert: der zweite Teil)

Friedrich Schiller und ein Haufen Links

Sowieso ist Basimo.de der bessere Schockwellenreiter, und damit meine einzige Quelle geworden bei der ich mir Infos zu den Wundern der modernen Technik hole (mal abgesehen vom Weichwarenladen und der Seite von Ralf, die ich erst vor Kurzem entdeckt habe) . Manchmal hat er dann auch so tolle Links wie den zum Podcast von Schillers Kabale und Liebe. Zum runterladen, also los.
Seit ich von der Existent des Blogread weiss, bin ich ein wahrer Anhänger des Hörspiels geworden.

manchmal…

Manchmal, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, dann möchte ich einfach in die Hocke gehen und abwarten. Die dicken Fische mit den Glubschaugen würden mich verwundert anschauen weil ich zum Spass grosse Luftblasen hochblubbern liesse. Dann würde der grösste aller Glubschaugenfische Grimassen schneiden und ich würde dicke Backen machen und ein paar Blasen aus der Nase wachsen lassen, wie ein närrischer Unterwasserstier der wild geworden ist.

Stattdessen überlege ich mir wiedermal ein Kistchen Hängegeranien zu kaufen.

Allerheiligen

So sitze ich hier dann als guter Kathole, am späten Abend noch, zu Allerheiligen, von Heiden umgeben an meinem Arbeitsplatz.
Dabei frage ich mich dauernd warum hier im gottlosen Norden nichtmal das heidnische Helloween gefeiert wird. Also die paar Hanseln die gestern als Dumbledore und Snape verkleidet in die U-Bahn stiegen will ich jetzt mal nicht als richtige Feiernde bezeichnen, die hübschen Hexen in schwarzen Netzstrümpfen schon eher, aber trotzdem, das kann es doch nicht gewesen sein. Mich erschleicht das Gefühl, Helloween wurde hierzulande, und dann vor allem in den südlichen, katholischen Gefilden, lediglich eingeführt um uns Romtreuen den ersten November zu entweihen. Weil die Heiden wissen, wie gerne wir feiern, und sie wissen auch wie ungerne wir mit einem Dreikilometerschädel am nächsten Tag in die Kirche gehen unsere Toten und Heiligen zu ehren.
Trotzdem würde ich mich auf einen arbeitsfreien Allerheiligentag freuen. Des Feierns wegen. Ich ziehe mir als Entschädigung auch eine Hexenmeisternase auf. Und küsse hübsche, schwarzhaarige Hexen.