[28.6.]

Gestern früh sind wir um zehn Uhr mit den Federbetten ins Wohnzimmer umgezogen und haben 3Sat eingeschaltet, um mit Kaffee und dem Wettlesen in Klagenfurt im Ohr, ein bisschen weiterzudösen. Gregor Sander zum Frühstück war angenehm, diese warme Stimme, der Ton der Erzählung. Um 14 Uhr war alles vorbei und anschließend machten wir ein bisschen dies und ein bisschen das. K wollte das ganze Wochenende keine Pläne haben, weil ihre letzten Wochenenden alle so verplant gewesen sind. Ich hatte nichts gegen Planlosigkeit. Wir sind dann die Brunnenstraße in den Wedding hochspaziert und haben über die Sachen geredet die uns gerade über den Weg liefen.
Später mit dem Gedanken gespielt, vielleicht noch nach Schöneberg, zum CSD zu gehen. Doch war das zu aufwändig, denn, wenn Plan das erste ist das man nicht haben will, dann kommt Aufwand direkt danach.

Mein Basilikum hat Läuse. Ich habe meinen Basilikum ein paarmal zu oft lieblos behandelt (Trockenheit, keine Lieder vorgesungen), was ihm etwas von seiner Lebenskraft genommen hat. Läuse riechen es wenn Pflanzen mal ein bisschen down sind, und ich weiß nicht woher sie kommen, möglicherweise haben sie überall schlafende Eier verstreut, die mit Anlässen schlüpfen wie Winterschläfer nach dem Winterschlaf. Jedenfalls riechen Läuse das und nun sind sie über meinen Basilikum hergefallen. Der Schreck war groß, der Ärger auch. Und vor allem das Schuldgefühl. Zumal es meine neuen Babies betraf. Die, die ich als Samen, sozusagen mit der Milchflasche großgezogen habe. Läuse.
Ich habe jedes einzelne der hundert Blätter händisch abgestreift und damit die Läuse zerquetscht. Ich habe sie noch laufen sehen, es herrschte große Aufregung im Pestopflanzenhain.
Danach habe ich ihm Waiting For The Sun von den Doors vorgesummt.
Meine Finger stanken nach Läusepisse. Und in meinem Nacken und meinem Rücken, und in meinem Haar, an meinen Armen, zwischen meinen Beinen – überall juckte es auf einmal.
Jetzt wieder während ich das so niedertippe.

[27.6.]

Mit dem zweiten Kaffee in der Hand ging ich zu meinem Chef, ein paar Sachen zu besprechen. Wie der kritische Bug zu bewerten sei und wie das Wetter am Wochenende werde, und dass wir das Kickermatch nächste Woche unbedingt gewinnen müssen, da der Pokal in unserer Abteilung zu bleiben hat. Ich fragte ihn, warum er keine Tore mehr schieße, ob ich mir Sorgen mache müsse, vielleicht bräuchte er eine Pause, wer weiß, ihm Sommer bei dieser stickigen Luft in dem Raum mit dem Kickertisch, vielleicht sei das einfach nicht sein Ding, man rieche ja schon den Schweiß in der Luft, das sei alles so FightClub-mäßig und er sagte, er wisse nicht ob er ein sportlerisches Tief habe, aber er würde ja immer noch diese fetten Schüsse von ganz hinten machen und ich sagte, Michael Jackson sei gestorben, woraufhin sich die eine Kollegin umdrehte und sagte, das sei so tragisch und ich sagte, ja nicht toll das und Chef sagte, Jacko wäre unsere Jugend gewesen, er hätte uns alle ziemlich geprägt oder mindestens begleitet und ich fragte in die Runde warum wir alle so blöd in indirekter Rede reden würden, worauf die beiden mit den Schultern zuckten und wie aus einem Mund sagten: “Wees ick nüscht”. Ich wusste auch nicht, weshalb wir erstmal schwiegen, doch dann kam KK aus der Entwicklung und sie sagte: Mek ich brauche Dich nicht mehr, ich habe alles klären können. Das freute mich und ich sagte: das ist super, hast Du übrigens gehört, Michael Jackson ist gestorben, und sie sagte: Ja, ich habe es vorhin von jemandem gehört, nicht schön das. Ich nickte. Mein Chef schaute. Und die andere Kollegin schaute auch.

Ja, und jetzt weiß ich auch nicht mehr.

Heute hatte ich kein einziges Meeting. Was aber nicht heißt, dass man dann Arbeit vom Tisch schafft, wenn man nämlich dauernd am Platz sitzt, wird man auch dauernd von den Kollegen unterbrochen die immer schonmal fragen wollten, sich aber nie zu fragen wagten. Denen habe ich dann ein Beat it vorgesungen.
Wir haben Großraumbüro. Später fragte jemand lautstark: Wollte der Jackson sich eigentlich nicht einfrieren lassen? Und ich dachte: Herrje, wenn das heute so weiter geht, dann kann ich wirklich nur noch über Michael Jackson tagebuchbloggen, weil sonst nichts anderes passiert, aber dann unterbach jemand meinen Gedanken, der sagte: nein, der wollte doch in Sauerstoffzelten wohnen, und dann rief jemand dazwischen: aber jetzt ist er ja tot und daraufhin sagte jemand anders: dann kommt er eben als Zombie in Thriller2.0 zurück und irgendwie fanden das alle zum lachen.
Ja und jetzt. Passt alles nicht so zum Bachmannpreis.

[26.6.]

Zu lange im Büro gesessen um noch guter Dinge zu sein. Trotzdem noch abgewägt zur OPAK-Release-Party ins NBI zu gehen, weil das ja der eigentliche Plan war, und Plänen folge ich manchmal bäuchlings blickdichts blindlinks. BlindLINKS? Weitlinks Trassenkiez. [Himmel]

Doch dann die Pläne links liegen lassen und den Laptop an den Fernseher angeschlossen um mit K die Bachmannpreisfilme anzuschauen. Ich wollte erst Christiane Neudecker sehen, wegen des roten Rockes den sie scheinbar trug, doch sahen wir, aus Gründen die ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, zuerst Karsten Krampitz und danach Philipp Weiss.
Danach war ich so müde, dass ich sagte: ich gehe jetzt tagebuchbloggen und danach falle ich tot ins Bett.
Jetzt sitze ich hier und falle bestimmt gleich tot ins Bett.

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Von Klagenfurt berichten:
Moni
Die Sopranisse
Andrea Diener

[25.6.]

Ich war am Vorabend doch betrunkener gewesen als ich in Erinnerung hatte, oder: betrunkener als ich gedacht hatte. Das merke ich meist erst am nächsten Tag wenn ich im Büro sitze und die Zeit nicht vorangehen will. Irgendwann bekomme ich schlechte Laune und seitliche Kopfschmerzen (Kopfschmerzen an der Seite) und dann fange ich an so deprimierende Musik zu hören mit der ich eine Symbiose eingehe und dann kippt die Laune von schlecht nach schwer, und die Laune bleibt nicht Laune sondern heisst dann tiefes schwarzes Loch, ich werde also zum schweren tiefen schwarzen Loch und dann weiß ich es wieder: so ein Kater der subtilen Sorte.

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Über die Chausseestraße gen Norden geradelt und dort den engen Stellen getrotzt. Ich fahre gerne durch die Chauseestraße, gleich wie ich gerne durch die Friedrichstraße fahre. Die Enge, das Abmessen, diese gewisse städtische Düsterkeit im Schatten der großen Straßen. Wie wir Verkehrer uns als zähe Masse durch die abgedunkelte urbane Kulisse fließen lassen.
Diesmal hatte ich aber keinen Bock auf diesen poetischen Scheiß und nahm den Füßgängerweg (Teer und Schwefel), was es nicht unbedingt besser machte, die Chausseestraße hat nämlicht nicht nur viel Verkehr auf dem Asphalt sondern auch auf dem Fußgängerweg, und bald stieß ich vor dem Hotel Soundso auf eine Menschentraube die das Hotel zu verlassen schien und damit den Fußgängerweg blockierte. Eine Menschentraube japanischer Touristen, Menschen aus Japan, die mir gerade so ungewöhnlich vertraut vorkommen, wegen dieser Murakami-Phase die ich momentan wieder habe, drei Bücher von ihm in einem Rutsch durchgelesen und jetzt gerade beim Vierten, ich lebe gedanklich schon fast in Japan, denke mich an diese, mir mystisch vorkommenden Orte wie Sapporo, hin, und die nächtlichen Fahrten durch Tokyo, die Gespräche mit den Menschen, sie sind mir so deutlich vor Augen und diese ganze japanische Welt, wie bekannt sie auch wirken mag, ja sehr europäisch sogar, aber immer liegt eine gewisse Firnis über den Figuren, über den Landschaften, unantastbar, die man nur mit den Augen betrachten darf, was sie dann für alle, die nicht ungläubige Thomase sind, zu einer Art Überwesen stilidingsen. Und so stieß ich in der Chauseestraße auf die Menschentraube japanischer Touristen und ich war auf einmal in Tokyo, auf dem Fahrrad, und ich wusste mich nicht mehr zu verhalten. Was waren die Regeln, waren sie an Fahrradfahrern gewöhnt, würden sie den Weg freimachen? Von Fahrrädern liest man in den Murakamibüchern ja nie.
Ich bin dann abgestiegen.

[24.6.]

Beim Sektempfang im Neuköllner Schillerkiez gewesen. In des Verlegers der Herzen neuen Wohnung. Pjaer las nämlich in einer Pianobar dort ums Eck, was gleichzeitig der Ankündigung seines Buches diente. Wir werden uns freuen. Es waren wieder viele (Ex-)Blogger da, die ich jetzt nicht alle aufzählen werde. Aus Angst man fänge an mir aus dem Weg zu gehen wenn man mich trifft. Landet man ja nur in seinem Tagebuch wenn man den Wito trifft.
Albern, die letzten drei Sätze, aber irgendwie muss ich die Sache ja rund kriegen.

Ich hatte beim Empfang ein wenig zu nahe am Sekttisch gestanden und mir vermutlich ein paarmal zu oft nachgeschenkt und so zahlte es sich nicht mehr aus nach der Pause weiter an der Veranstaltung teilzunehmen, deshalb spazierte ich mit V die Sonnenallee hoch in Richtung Hermannplatz, dort kaufte ich mir einen Schawarma und ein Stück weiter eine Flasche Bier und wir hatten beide keine Lust Fahrrad zu fahren, so schoben wir die Drahtdingens einfach neben uns her und redeten über Vieles und über emotional praktische Handlungen, schlenderten den Kottbusser Damm weiter, in die Ritterstraße hinein und sechzehn Stunden später standen wir plötzlich am Alexanderplatz und wir fragten uns beide: Wow, sind wir jetzt das ganze Stück gelaufen, einmal durch halb Berlin und wir sagten beide: Wow, ja wir sind das ganze Stück gelaufen, einmal durch halb Berlin.
Am Alex trennten sich unsere Wege und wir stiegen beide auf das Fahrrad. Ich radelte gefährlich unstet, selbst mein Autopilot war nicht ganz bei Sinnen.

[23.6.]

Wieder vernünftiges Internet. Letzte Woche brach mir das Netz die ganze Zeit weg, bis am Freitag die Lämpchen auf dem Modem erloschen, ich also unfreiwillig aus dem Netz schied und die Dinge nicht mehr erledigen konnte (Mails lesen, Blogs lesen) die ich noch zu erledigen hatte. Ich stieg entfremdet in das Auto gen Süden.
Zudem konnte ich mich nicht gebührend aus dem Internetz in Richtung Österreich verabschieden. Diese Geste war mir als Tagebuchblögger wichtig, sowas wie: Wenn ich im Tauerntunnel ersticke, dann will ich euch eines sagen: Ich liebe euch, habe ich immer schon getan.
Als das Internet weg war habe ich zum Telefon gegriffen und Alice angerufen, die mir heute ein neues Modem zukommen hat lassen. Jetzt ist alles wieder gut.

In Villach habe ich Käsekrainer gegessen. Bratwurst mit kleinen integrierten Käsekammern. Gebraten schmilzt der Käse ins Wurstfleisch. Es hat einen Grund warum man sie die Eitrige nennt. Schmeckt übrigens köstlich. Und schafft ein statisch stabiles Fundament für Marillenschnaps.

Heute endlich den neuen Duschkopf montiert, die neue Duschstange angeschraubt und Milchglas gekauft gegen die Nachbarn die mir direkt in die Kloschüssel starren.

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[...] Meine neuen Freunde aus der neuen Nachbarschaft hat diese Fernliebe sicher irritiert [...]” Wunderbar.

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Radiowellen im Tunnel

[22.6.]

Zurück vom Speedurlaub in Kärnten. C ist dreißig geworden und hat in ihre Heimat geladen um Bergfest zu feiern, dreißig ist ja schon so eine Art Berg, weil die Frauen dann das Mädchenhafte hinter sich lassen und endlich zur Frau werden. So habe ich ihr das erklärt. Und dass wir Männer uns Frauen ab dreißig als Geheimtip zuwünschen.

Österreich war ein bisschen verregnet, aber die meiste Zeit saß ich ohnehin im Auto. Am Freitag zehn Stunden fahrt gen süden, dann schlafen, dann Kaffee in Villach, dann Schnaps und Bier und Wein, dann schlafen und Sonntag wieder in zehn Stunden Auto zurück. Und plötzlich ist Montag.

So war das. Sehr schön. Und notiert habe ich nichts.

[17.6.]

Gestern wäre ich mit ein paar Bloggern verabredet gewesen. Oder eher Ex-Bloggern, wenn ich mir die Liste so ansehe, wobei sich ohnehin die Frage stellt ob man diese Bezeichnung überhaupt noch anwenden darf. Blogger. Das klingt so nach Achtziger. Verstaubt, überholt und mit peinlichen Frisuren. Dann besser Ex-Blogger, das hat wenigstens etwas Veteranenhaftes, ähnlich wie: Ex-SPD-Wähler.
Doch plagte mich den ganzen Tag über mein schiefgeplanter Haushalt. Laut Planung liege ich zwei Wochen im Rückstand. Zu vieles das noch aufgeräumt werden will, dann die Wäsche, das Geschirr und letztendlich die Koffer die neu gepackt werden wollen. Es hatte mir schon wenig Freude gemacht, aus Usedom in diese unpäßlich sortierte Wohnung zurückzukehren. Und morgen fahre ich für ein paar Tage nach Kärtnen, ich habe beschlossen mich das ganze Wochenende über, auf eine aufgeräumte Wohnung freuen zu wollen.
Absagen war natürlich schwierig, liebes Tagebuchblog. Ich konnte ja nicht sagen: hey ihr, ich werde heute nicht kommen weil ich aufräumen muss.
Das wäre unhöflich gewesen, respektlos, zudem eine öffentlich dargelegte falsche Prioritätensetzung. Vor allem aber wäre es uncool und Coolness habe ich so wenig, dass ich es mir nicht leisten kann, noch etwas davon abzugeben. Also bat ich, mich zu entschuldigen, mit dem Grund, ich würde es nicht mehr schaffen.
Nicht mehr schaffen. Das hat etwas atemloses.
Ich nehme an man hat mir geglaubt. Ohne gelogen zu haben.

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In der Brunnenstraße mauern die Bewohner der Nummer 183 gerade die Fenster im ersten OG zu. Es soll diese Tage geräumt werden. Diese kalte Aufregung, ich weiß noch so gut um sie und ich bekomme ein warmes Kribbeln in der Brust wenn ich daran denke, wie alles verschwindet, alles zurückgesetzt wird, alles diesem Ziel weichen muss, dem konkreten Ding um das es sich zu kämpfen lohnt.
Das war jetzt ein bisschen zu poetisch formuliert. Es ist vor allem der Geruch von Rauch und Benzin den ich sofort in der Nase hatte.
Senior Hausbesetzer

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Er kippt, dann kippt er wieder nicht, dann vielleicht, dann wieder doch nicht, dann wieder. Berlin Blase. Sehr bewegend und vor allem auch sehr amüsant, doch saß ich jetzt beim Duschen eine zeitlang über die Schlußfolgerung zu zweifeln, wie unfertig sie ist, als wäre sie nicht zu ende gedacht. Oder unstimmig. Vermutlich sogar falsch gedacht.

[16.6.]

Heyho, liebes Tagebuchblog, ich muss mich wieder in Dich hineinfinden, das ist manchmal gar nicht so einfach, vor allem wegen einem Abend wie gestern, der sehr lange und mühselig war, dass man nicht genau weiß wie man das jetzt kneten soll. Wir hatten Hausversammlung und es wurden, bis auf übliche Lappalien, lediglich drei Punkte besprochen, doch das hat sich über 4 Stunden und zwanzig Minuten hinweggezogen. Warum so ein Abend mir die Lust nimmt es Dir mitzuteilen ist der ganze Batzen den ich Dir jetzt auftragen müsste. Ich könnte jetzt natürlich bis ins Detail die einzelnen, durchaus spannenden, Charaktere beschreiben, die Themen einzeln durchlaufen, wie erbittert darum gekämpft wurde (es ging vornehmlich um die Farbe der Fassade), die Demütigungen, die Beleidigungen, die wissenden Blicke, die Verbindungen und wie wir uns letztendlich nur verhedderten. Tu ich aber nicht. Das wäre ein psychologischer Bürokratenthriller. Und ich will ja nicht in ein Genre abgleiten.
Ich wurde jedoch den ganzen Abend über am Leben gehalten weil ich für nachher auf ein paar Drinks verabredet war. Mit Kollegen. Im Abendlicht sinnieren. Das war eine gute Aussicht un dich sagte, ich stieße nach dieser Versammlung dazu, jaja eine Stunde, vielleicht anderthalb. Das hätte mir auch als Spannungsutensil für den Erzählbogen der bürokratischen Versammlung dienen können. Die Erwartung, die der Erzählung das Tempo vortrommelt, das wäre toll gewesen, aber jetzt ist es ja zu spät, müsste ich das da oben alles wieder streichen.
Es wurde jedenfalls dreiundzwanzig Uhr und ich hätte noch nach Kreuzberg müssen. Natürlich war der Abend gelaufen.
Nicht traurig nicht witzig und keine kluge Erkenntnis. Aber eine Erkenntnis ohne Adjektiv vorneweg.

[Notizen, Usedom]

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Regen, Wind, Regen, Regen, Regen, Wind.
Und Kälte.
Also: Regen, Wind, Regen, Regen, Kälte, Regen, Wind, Kälte.
Freitagabend in Zinnowitz.
Ich schrieb meiner Mutter eine SMS. Meine Mutter hat ein eigenartig inniges Band zu Usedom. Dass es nördlich der Alpen Strände gäbe, war ihr früher niemals in den Sinn gekommen. Letztes Jahr schrieb ich ihr ich läge an der Ostsee auf der Insel, auf Usedom. Das fand sie unheimlich toll, diese gewisse mystische Exotik einer Insel im Norden wenn man, wie sie, nur die brennenden Mittelmeerstrände kennt. Sie spricht den Namen Usedom aus als handele es sich um eine nordische Göttin. Zu allem Überfluß hat sie letzten Winter einen netten Südtirolurlauber aus Usedom kennengelernt und jetzt musste ich ihr eine Karte versprechen. Weil das Wetter aber dermassen Pest und Hagel war, beließ ich es erstmal bei einer SMS. Ich schrieb:
Bin auf usedom. Wunderbares wetter, wir liegen auf dem strand und stecken die füsse in den sand. Grüße dich herzlich. Dein sohn.
Sofort wurde mir wärmer.

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Den Preußenhof betreten wir hungrig. Und mit durchnässter Garderobe, mir durchnässtem Haar und durchnässtem Gemüt. Es gibt zwei freie Tische, doch sagt man uns sie seien reserviert. Die typischen Reservetische die man für erwünschte Gäste bereithält. Und dass wir nicht erwünscht sind ließt man dem Geruch ab, den Gästen, und dem Gesicht der Maitren. Trotz unserer guten Kleidung. Man ahnt unsere Gesinnung. Überhaupt, wie die sozialen Klassen verschwunden sind und durch die Gesinnung ersetzt wurden.

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Zum Ortspavillon gegangen weil Musik über die Bäume hinweg ins Dorf getragen wurde. Es spielte das Jugenorchester. Die Musiklehrerin dirigierte. Sie spielten La Bamba und ein Lied von ABBA. Im Publikum saßen Menschen zwischen 60 und 70. Sie klatschten den Rythmus. Was haben die bloß 1968 gemacht?

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LaConga, eine Cocktailbar. Die Szenekneipe in Zinnowitz. K bestellte einen Bushmills und dazu bitte ein Glas Leitungswasser. Die Szenewirtin, offensichtlich stolze Chefin des Hauses, lehnte ab. Sie könne ein Mineralwasser bringen, aber kein Wasser aus der Leitung. Das tun wir nicht. Komische Sache, Wasser zum Whiskey sei wie das Wasser zum Espresso– doch die Szenewirtin lehnte ab. Machen sie nicht. K fragte daher nach ein paar Eiswürfeln in einem eigenen Glas. Die würden schmelzen und sich als Wasser zum Verdünnen eignen. Das war wiederum in Ordnung.
Dann nahm sie meinen Wunsch auf. Auf der Getränkeliste gab es den Ardberg – Still Young, doch bei den ausgestellten (leeren) Flaschen an den Wänden sah ich den Ardbeg – TEN stehen. Ich zeigte auf den Stillyoung in der Karte und fragte ob sie von Ardbeg auch den zehnjährigen hätten, Stillyoung wäre mir heute nämlich ein bisschen zu grün. Und sie sagte: Stillyoung ist der zehnjährige. Ich sagte, neinnein, Stillyoung ist nicht der zehnjährige, Stillyoung ist der achtjährige, der zehnjährige trage den unmissverständlichen Namen: TEN. Und sie entgegnete: der Stillyoung ist der zehnjärhige.
Mir war das unangenehm, ich bin wahrlich kein Snob, es liegt mir nicht mit Namen und Fakten zu protzen, ich weiss nur was mir schmeckt und kenne mich daher ein bisschen aus, doch wollte ich nur wissen ob sie auch den zehnjährigen hätte. Ich zeigte auf eine der ausgestellten Flaschen an der Wand worauf stand: Ardbeg – TEN. Ob sie mir ein Glas aus so einer Flasche einschenken könne. Und sie sagte: Aber das sei doch der Stillyoung, und ich sagte resignierend, nein das ist der zehnjährige, auf dem Stillyoung stünde auch Stillyoung drauf. Und sie sagte, nein, das sei aber bei ihnen der Stillyoung. Ich sagte schongut. Also, fragte sie, Sie wollen einen Stillyoung? und ich dachte mir Baby, Dir geht es wirklich ums rechthaben, bevor ich also einen zehnjährigen als einen Stillyoung trinke, bestelle ich mir lieber einen Jack Daniels, nein, bäh, ich sagte: bitte einen Ardbeg aus der Flasche wo TEN draufsteht. Das reichte glücklicherweise.

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Am Montag auf dem Rückweg von den Ergebnissen der Wahlen im Iran gelesen.

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Ich wollte eigentlich schöne Sachen aufschreiben und jetzt habe ich nur von so bösem Zeug berichtet. War jedenfalls sehr schön wieder.

[12.6.]

Adieu, liebes Tagebuchblog. Die nächsten Tage wandern erstmal auf Papier.
Fürn der Webe.

[11.6.]

CocoRosie in der Stadt, wir waren zu spät dran, und das Konzert wurde vom Lido in Kreuzberg in den AstraClub auf dem RAW-Gelände im Friedrichshain verlegt, wobei das eine ziemlich gute Wahl ist, RAW-Gelände, da scheint noch der ganze anarchische Corpus Berlins zu atmen, jedenfalls in ästhetischer Hinsicht, von den Dogmatikern vermutlich befreit, aber dann wiederum zu sehr ästhetisiert wie es mir scheint, aber egal, sind die Werte nicht ohnehin ästhetisiert?, zumindest solange wir nicht hungern, und bis dahin tanzentanzentanzen wir. Nur: AstraClub in Berlin. Das ist eine komische Sache. Das ist ein bisschen zu viel Hamburg hier in der Stadt. Und schlechtes Bier muss man in Berlin wirklich nicht importieren.

Wir waren jedenfalls spät dran, es gab eine Riesenmenschenschlange auf dem RAW-Gelände die bis hinaus auf die Revaler Straße führte. Wir wollten nicht so recht glauben, dass das tatsächlich die Schlange für CocoRosie sei, denn 200 Meter lange Schlangen gibt es nur bei so Sachen wo Mega draufsteht, wo wir also ohnehin nicht hingehen. Wir spazierten also an der Schlange vorbei auf der Suche nach dem richtigen Geäude, das ist auf dem RAW-Gelände ja immer so eine Sache, so groß, so viele verschiedene Schuppen, Hallen, herumlungernde Menschen, Hunde. Die Schlange mündete an einem kleinen Torgebäude. Dort liefen wir hin und fragten einen irgendwie beteiligten Mann welches der Gebäude der AstraClub sei und der beteiligte Mann zeigte auf den Boden und sagte: dieses hier.
Das war natürlich blöd. Weil wir jetzt vorne in der Schlange standen und ganz zurück bis an die Revaler Straße hätten laufen müssen um uns in den Schwanz der Schlange zu, öhm, beißen.
K sagte, komm lass uns hier einreihen, und ich sagte, nein, sowas kann ich nicht, und K sagte, komm lass uns hier einreihen und ich sagte, nein, sowas kann ich nicht, und K sagte, komm, lass uns hier einreihen und ich sagte, nein, sowas kann ich nicht.
Die Schlange war ein ziemlich breiter und wendiger Organismus, der von einer eigenartigen Leichtigkeit durchzogen war, der beim Laufen den Boden nicht zu berühren schien, und mit einer Ruhe sich fortzog als wäre die Zeit eine Biegung am Ende des Raumes. Wir konnten in die Biegung schauen, ein paar junge Frauen tranken Bier, ein Liebespaar hatte den Fokus verloren, und MenschenMenschenMenschen die Bier tranken und den Fokus verloren hatten, und ohne den Boden zu berühren an diesem lauen Frühlingsabend für CocoRosie in der Reihe standen.
Und K sagte, komm lass uns hier einreihen und ich sagte, nein sowas kann ich nicht. Dann waren wir Teil der Biegung und berührten den Boden nicht mehr.

C war auch da. Ich habe uns zwei Astra und ein Carlsberg geholt. C hat keine Ahnung von Hamburg und auch keine Ahnung von Astra. Er meinte aber, er habe vorhin von dem Astra getrunken, und das sei komisches Bier, er habe lieber ein Carlsberg. Das fand ich witzig. Ich habe aber trotzdem ein Astra genommen. Wenn jemand anders schlecht über Astra redet dann schlägt mein Beschützerinstikt an.

CocoRosie waren live ein wenig enttäuschend. Diese starke Entfremdung der Lieder, die sehr nach gelangweilten Interpretationen klangen, wie wenn man eines Liedes überdrüssig ist, ihn tausend mal als Ohrwurm gesummt hat. So klang das. Ist aber sehr subjektiv natürlich. Zudem wurde mir zu viel mit dem Falsetto kokettiert und irgendwann nervte es mich, dass man den Text nicht verstand, was aber nicht die Eigenschaft des Live-Auftrittes war, sondern deren Stil ja generell, aber gestern hat es mich einfach genervt, und dann wurde ich so genervt, dass es besser war das Konzert zu verlassen, sonst wäre mir das genervnervnertsein auf die Nervenervenerven gegangen.
Dann sind wir zum Rosa-Luxemburg-Platz gefahren und haben dort den besten Schawarma der Welt gegessen.

Ahso. Und Heute. Ja heute habe ich im Büro Kugeln und Striche an die Wand gemalt und den Leuten die Abhängigkeiten erklärt. Und danach habe ich am Ostbahnhof zwei Tickets für Usedeom gekauft.
Weil morgen, ja morgen.

[10.6.]

Der gestrige Tag hat dann noch ziemlich lange gedauert. Bis heute 7 Uhr. Danach stand ich zuhause etwa zehn Minuten in der Unterhose vor dem Stadtplan von Berlin und die Gedanken kreiselten wie ein Purzelbaum. Als ich merkte, dass ich etwa zehn Minuten vor dem Berliner Stadtplan stand mit Gedanken im Kopf die kreiselten wie ein Purzelbaum, dachte ich mir, Mensch, Du bist zu aufgekratzt bin um Dich ins Bett zu legen, nimm Dir doch den neuen Kehlmann mit ins Bett vielleicht stirbst Du dann vor Langeweile, worauf ich antwortete: aber ich will ja nicht gleich sterben sondern nur ein bisschen schlafen. Und da musste ich mir natürlich recht geben, schlug mir deshalb einen beruhigenden Whiskey vor, den ich aber dankend ablehnte, da ich meinte ich hätte schon einen getrunken, aber das helfe nicht wirklich, zur Beruhigung müsse ich schon dreivier Gläser trinken und dafür sei mir das Zeug nun wirklich zu schade, und das war natürlich blöd. Als ich mich dann spaßeshalber einfach mal ins Bett legte und ein Buch zur Hand nahm, las ich zwei Zeilen und dann war ich weg.

So wird mein heutiger Tag ablaufen:
-jetzt mal sehen ob ich mit dem heutigen Nachmittag noch etwas anfangen kann
-Vielleicht zu Kaisers gehen einkaufen, da ich das gestern nicht gemacht habe
-Auf K warten, dann nach Kreuzberg fahren zum Cocorosiekonzert

#
Bei Moni. Und nochmal. Bachmannpreis Wettleser und das Internet. Jetzt habe ich leider keinen Weg gefunden im vorigen Satz ein halbwegs literarisches oder poetisches ohne oder kein einzubauen, weshalb ich es jetzt ganz postmodern referenzieren muss.

Karl-Gustav Ruch
Keine Website und auch sonst nichts zu finden.

Das hat wiederum fast schon was.

[9.6.]

Mal Tagebuchbloggen in die Zukunft.
So wird der heutige Tag sein:
-Ich werde gleich zu Kaisers gehen ein bisschen einkaufen
-Ich werde erst um 19 Uhr ins Büro gehen, da wir heute nachts etwas machen müssen.
-Werde vorher noch ein bisschen reserveschlafen, weil es unterUmständen sehr spät werden kann
-Ich werde Pizza essen (mit Käserand!)
-Wir werden Kickern bis es losgeht
-Irgendwann werde ich dann schlafen gehen

[5.6.]

Als ich ins Büro komme herrscht Krise. Große Schwierigkeiten. Das war mein Thema. Ich setze mich dazu, man sagt ich sähe schlecht aus, die Augen verquollen, das Haar nicht frisiert, das Hemd verrutscht, die Krawatte wieder zu locker. Sie spielen natürlich nur mit meinen Gefühlen. Bei uns kämmt sich nämlich niemand, es trägen niemand Hemden. Und niemalsnie eine Krawatte. Deshalb machen sie sich über mich lustig.
Ich räche mich und halte meinen Atem an.
Niemand kümmert es.

Es wird zwölf. Jemand erwähnt die Pizzeria am Strausberger Platz, die allgemeine Antwort lautet: da waren wir schon lange nicht mehr. Beim Gedanken an eine saftige Pizza mit Knoblauchöl bekomme ich sehr starken Hunger.
# Wir sind bekannte Gäste. Das Knoblauchöl steht auf dem Tisch. Ich schmeisse einen Salatteller (die Vorspeise) um und lösche dabei eine Kerze. Ich bekomme einen neuen Salat, aber man vergißt meine Apfelschorle. Der Kellner sagt das wäre wegen dem Salat. Man lacht.
Dann kommen die Pizzen. Ich ertränke sie in Knoblauchöl und bespicke sie mit rohen Knoblauchzehen. Wir sind zufrieden. Wir lachen.
Später klingelt mein Mailprogramm. Ein Meeting mit ungeliebten Leuten in einer ungeliebten Athmosphäre. Ich schwitze Knoblauch, ich dünste Knoblauch aus, ich spreche Knoblauch und Knoblauch wächst mir aus den Ohren heraus.
Man nickt mir zu und gibt mir recht.
Ich gehe zurück zu meinem Team und brauche körperliche Züchtigung. Wir spielen Tischfußball. Ich verliere.
Ich öffne Facebook und adde mir ein paar Freunde.

[4.6.]

K ist heute aus Chicago zurückgekommen. Jettlägrig. Sie konnte ein bisschen schlafen, hat dann aber ihre Koffer umgepackt und ist am Nachmittag nach TXL und abgedüst nach Zürich.

Ich habe hallo gesagt.

#
Ostkreuz im Friedrichshain: Lostkreuz. So lange es noch.

[3.6.]

Gestern mit MadameModeste essen gewesen, in der Fleischerei an der Schönhauser Allee. Das Essen war jedenfalls klasse und das Lokal auch. Probleme bereitete mir lediglich meine Wildtaube (in Rosmarinsauce gebraten). Beim dritten Bissen fand ich diese dann doch ziemlich blutig und ich habe zu viel Halbwissen um mir keine Sorgen zu machen, denn mein Halbwissen sagt mir: Salmonellen sehen aus wie kleine langgezogene Schafe und haben so Antennen auf dem Kopf und das Schlimmste ist: sie gehen in mein Blut und machen alles hin und am Ende bin ich tot. Gleichzeitig bin ich allerdings zu geistesbeschränkt (hungrig) um mit dem Essen aufzuhören, und fragte die Madame daher alle zehn Sekunden ob das wirklich unbedenklich sei worauf ich da rumkaue. Modeste wußte das auch nicht so genau, äußerte ihre Unwissenheit aber in einem dermaßen beruhigenden Ton, dass sich mein Puls stets für acht Sekunden beruhigte. Als ich dann die zweite Keule aufschnitt und sah, dass diese hingegen durch war und ganz anders aussah, um nicht zu sagen, gut, war mir klar, dass ich auf eine rohe Taube (die Ratten der Lüfte) gekaut hatte und mir wurde schwindlig und der Sauerstoff entwich mir aus den Ohren und ich musste die Kellnerin herbeirufen.
Taube. Worauf hatte ich mich da eingelassen. Beim Lesen von Wildtaube muss ich an etwas Abstraktes gedacht haben, an etwas wie Falscher Hase, oder Kalter Hund oder ichweißnicht, dass so krankes Kanalgefieder kein Witz ist sonder wirklich gegessen wird war mir erst beim Gedanken an Salmonellen und einen qualvollen, die Magenwände auffressenden Tod bewusst geworden.
Die Kellnerin hat dann den Teller in die Küche gebracht und ich versuchte mich entspannt mit meiner Begleitung zu unterhalten während mir der Schweiß von der Stirn plätscherte in der Hoffnung jeden Salmonell einzeln über die Hautporen ausschwitzen zu können, und
die Kellnerin sie kam nicht, es dauerte und dauerte, währenddessen lächelte ich und nickte, sagte aha, im Magen kitzelte der erste Salmonell, ich spürte ihn genau, dann auch den Zweiten, es juckte sogar hinter den Ohren und dann war ich plötzlich tot.
Die Kellnerin kam wieder, mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, sagte aber sehr sachlich: —
Nunja, was sie sagte weiß ich jetzt nicht mehr, ich war immernoch außerstande zuzuhören, ich war ja tot, aber es war jedenfalls irgendwie alles OK, und dass es irgendwie OK war hatte ich verstanden, oder wollte ich verstanden haben, sie bot uns dann einen Wein auf das Haus an und da merkte ich auch schon, dass ich gar nicht gestorben war.

[1000]

Eintrag #1000

(Oh, wie merkwürdig wehmütig ich jetzt plötzlich werde, mein kleines Blögchen wird 1000, vielleicht wegen der eigenartigen Lust die mich wieder erfasst hat, vielleicht weil es in einem mal so rasant auf die 1000 zuging, so hatte ich vor einigen Monaten noch berechnet, wenn ich in diesem Tempo weitermache, diese zwei Einträge im Monat auf die das Tempo mittlerweile geschrumpft war, dann käme ich irgendwann im Rentenalter (oder im Dementenhospiz) auf den tausendsten Eintrag, und jetzt plötzlich kloink: 34 Jahre alt und ich stosse auf die drei Nullen als wäre es eine Frührente boah, aber dann, was ist schon 1000, ich blogge seit März 2003, das sind jetzt schon mehr als 6 Jahre, dann müsste ich- und jetzt weiss ich gar nicht wie ich diesen Satz gescheit zu Ende bringen soll, weil ich jetzt irgendwas sagen müsste über das rasante Tempo der Tage wie sie verfließen [...]
Aber nein, ich fange den Satz ganz neu an um zu sagen, dass alles ganz toll ist, und ihr ganz super seid. Und dass ich jetzt feiern gehe.)

[2.6.]

Auch die Kaltmamsell und Nicwest bloggen jetzt Tagebuch.

Gestern hat überraschenderweise mein Vater angerufen. Unser jährliches Telefonat. Nicht dass wir ein schlechtes Verhältnis hätten, aber telefonieren finden wir beide irgendwie doof. Wir begnügen uns mit der Gewissheit Vater und Sohn zu sein, dass alles gut geworden ist und uns einmal im Jahr zu sehen. Die Zwiste von früher lassen wir nicht mehr zu, sie haben in unserer Vater-Sohn Beziehung nichts mehr zu suchen, wir haben verstanden wie sie funktionieren und was sie auslösen. Jetzt geht es nur noch um das Sein. Und manchmal wissen zu lassen, dass man einander das Beste wünscht.
Ich habe ihm davon abgeraten Internet anzuschaffen. Und war dabei ein wenig von mir selbst überrascht. Aber es würde sein Leben nicht bereichern, eher nur verwirren und er würde sich unter Druck setzen das Medium zu verstehen und es richtig zu gebrauchen. Der Mann geht in den Dörfern tanzen, mag Urlaub am Strand und hat es gerne wenn Menschen da sind. Zudem liest er nicht und hört keine Musik. Internet ist für ihn zuviel Meta. Außerdem bliebe es bei ihm DAS INTERNET und nicht das Medium womit er sich täglich die Nachrichten reinzieht, womit er seine Textdateien oder PDFs mit einem FYI versehen an den Freund schickt, womit er nach Musik sucht. Am Ende würde er sich eine vordefinierte Meinung annehmen und sagen: Ach das Internet, ist ja alles nur für Leute die zu viel Zeit haben.
Ich lasse ihn lieber im Glauben, das was ich mache, sei HokusPokus.

Ein schlapper Post Nummer 999. Jetzt bin ich aufgeregt.

[muss nachtragen]

Ich muss korrigieren. Ich lag falsch. Es sind nicht die Banalitäten die als Inhalte für das Handwerk herhalten müssen sondern es ist tatsächlich romantischer Natur das Ganze. Die kleinen Banalitäten, die unfertigen Gedanken, Possen, Dialogen, die Gebete, es ist in Wahrheit immer ein Gebet.
Und ein bisschen ist es auch der Zwang, die Chronistenpflicht, all diesen zeitlichen Aufläufen, Microgeschichten, Microplötte, Geschichten ohne Plot, festzutackern, das Vergängliche festhalten, was an sich ja schon merkwürdig ist, wie schön das Vergängliche ist wenn man ihm beim Vergehen zusieht. Madre mia piena di grazia.

Ich bin dann doch noch hinausgegangen, mich in den Weinbergspark gesetzt und als ich saß, las ich zweidrei Zeilen und da hörte ich ein leises Prasseln, das allmählich lauter wurde, dann fiel ein Tropfen auf die Buchseite und ich schaute auf, sah die Menge der Menschen sich gleichzeitig vom Gras erheben und ich bin ja schon so internetifiziert, dass ich dachte, hey, könnte ein Flashmob sein.
Und dann fiel mir das ein. Das mit den Banalitäten. Und das mit dem Beten.