12 August Donnerstag/Thursday – Sternschnuppen/shooting stars

Gestern Abend uns im Schanzenpark verkrochen den Perseidenschwarm Funkenregen zu sehen. Drei kurze Flitzer erblickt, das war alles. Ich habe mir gewuenscht dass ich diesen Job noch weiterhin machen werden muss. Weil wenn man sagt was man sich gewuenscht hat, dann geht der Wunsch nicht in erfuellung.

(links Himmel ueber Hamburg ohne Blitz. Rechts mit Blitz. Das Blitzlicht wird in einigen Miliarden Lichtjahren unter dem Wasserturm im Schanzenpark zurueckkehren und ahnungslose Liebespaaerchen erschrecken)

10 August – Dienstag/Tuesday – Lutti

Lutti war mein bester Freund aus meiner Kindheit und fruehen Jugend. Wir wuchsen zusammen in einem 600-Seelen-Dorf in einem ziemlich abgelegenen Teil inmitten der Dolomiten auf. Lutti und ich verstanden uns schon im Kindergarten sehr gut. Wir brauchten nie viel miteinander zu reden. Wir mochten einfach einanders Gesellschaft. Das ging ueber viele Jahre so. Lutti und ich rauchten unseren ersten Joint zusammen, entdeckten zusammen die Liebe zum Alkoholruss, rauchten zusammen die erste Zigarette und sprachen das erste Mal zusammen ueber Maedchen. Lutti war immer sehr ruhig. Sagte nie besonders viel, hielt sich gerne im Hintergrund, aber war immer dabei wenn es darum ging Scheisse zu bauen. Er war zwar nicht besonders Intelligent, auch wenn mir nie in den Sinn kaeme zu sagen dass er Dumm waere, nein, hoechstens dass er vielleicht zu vertraeumt und manchmal zu apathisch war um richtig strukturiert zu denken im Sinne dass er dadurch ein intellektuelles Archiv in seinem Kopf aufbauen koennte. Ausserdem las er nicht gerne. Jedoch konnte ich mit ihm herrliche Nachmittage verbringen beim Austausch von Gedanken ueber das Leben und die Liebe. Er verstand immer meinen Drang die Welt zu verbessern und immer wenn ich frustriert war hoerte er mir zu. Er war ueberhaupt der beste Zuhoerer den ich je in meinem Leben getroffen habe. Er war in der Mittelschule sitzengeblieben und ein Jahr spaeter blieb ich auch sitzen und liess mich in seine Klasse versetzen. So sehr mochten wir einander. Wir waren als 13-jaehrige die ersten Heavy-Metal freaks des ganzen Gadertales und trugen zerrissene Jeansjacken mit Totenkoepfen und Iron Maiden Aufklebern und gaben in der Klasse fuerchterlich an wenn wir von unseren teilweise erfundene Saufgeschichten erzaehlten. Nach der Mittelschule standen wir dann als 14-jaehrige vor einer voellig unsicheren Zukunft. Die Pflichtschule war fertig, Lutti fing eine Lehre in einer Metzgerei an, meine Eltern planten den Umzug in ein 80 Kilometer weit entferntes Dorf und ich wollte mit allen Mitteln da bleiben wo ich war. Weitersaufen mit Lutti und seinem kleinen Bruder Moje, an Nachmittagen Iron Maiden hoeren und eben hoffen dass die schoene Christina mir mal ein Laecheln schenken wuerde. Ich flehte meinen Vater an mich doch in meinem Dorf bleiben zu lassen, hatte sogar schon eine Lehrstelle als Konditor gesucht, aber als 14-jaehriger hat man da wenig zu sagen. Ich wurde meinem Dorf entrissen und musste umziehen.
Ich habe ihn danach noch zweimal gesehen. Einmal etwa zwei Jahre spaeter, da kam er mich zusammen mit Moje und einem anderen Freund besuchen und einmal viele viele Jahre spaeter hatte ich ihn selbst einmal besucht. Aber der Draht war schon gebrochen. Damals wo ich ihn besucht hatte war ich etwas erschrocken, da ich an allem merkte dass er ein Alkoholproblem hatte. Wir waren an jenem Tag des Besuches beide etwa 23. Er war noch immer Metzger, hatte immernoch keine Freundin, wohnte immer noch bei den Eltern, hing an den Abenden in der Tennisbar herum, soff Bier, und wartete auf das Wochenende. Der Besuch war sehr kurz damals, aber hatte mich sehr traurig gestimmt.
Und so vergingen noch viele weitere Jahre ohne dass wir voneinander hoerten. Obwohl ich ihn immer noch als meinen besten Freund meiner Kindheit in mir herumtrage. Und jedes Jahr am 8. August denke ich mir dass ich ihn eigentlich gerne anrufen moechte ihm alles gute zum Geburtstag zu wuenschen und um ihn einfach mal zu sprechen. Ob er verliebt waere, ob er eine andere Arbeit haette, und was sonst noch. Doch immer wieder verschiebe ich es. Die Huerde ist mir einfach zu gross.
Bis vor einigen Tagen wieder dieser 8. August naeher kam und ich tagelang die Zeit hatte mich auf diesen Anruf vorzubereiten. Vorgestern rief ich also meine Mutter an ob sie mir im Telefonbuch Lutti’s Nummer raussuchen koenne. Und ohne weiter zu zoegern wahlte ich dann seine Nummer.
Seine Mutter ging ran und war aeusserst erfreut ueber meinen Anruf. Sie mochte mich immer schon gerne. Lutti war nicht zuhause. Er hing „irgendwo“ herum. Sie sagte mir ich solle doch am naechsten Tag zurueckrufen, er wuerde immer so gegen halb acht von der Metzgerei nach Hause kommen, da wuerde ich ihn bestimmt erwischen. Er wuerde sich bestimmt freuen.
Und nun sitze ich hier schon den zweiten Abend und habe nicht den Mut ihn anzurufen. Was sollte ich ihm sagen? Sollte ich ihm erzaehlen von meinen Reisen? Von den Laendern wo ich ueberall gewohnt habe, dass ich wieder verliebt bin, was ich in all den Jahren alles aufregende erlebt habe? Was koennte ich ihm erzaehlen das ihn nicht kraenken wuerde und ihn nicht ein kleines unbedeutendes Menschlein erscheinen liesse? Wie gerne ich ihn auch mag und wie gerne ich ihn auch wieder sprechen moechte, ich wuerde wahrscheinlich nur mehr kaputt machen als dass ich Freude bereiten wuerde.

7 August Samstag/Saturday – libera me domine

Im Mai hatten wir mit dem Chor das Verdi-Requiem in der Musikhalle aufgefuehrt. Vor einigen Wochen kam die CD raus. Und hier die versprochene Kostprobe. Das Libera me domine. (8280kB, ogg)

Libera me, domine, de morte aeterna
in die illa tremenda
quando coeli movendi sunt et terra,
dum veneris judicare saeculum per ignem

Tremens factus sum ego et timeo,
dum discussion venerit atque venture ira:
quando coeli movendi sunt et terra.

5 August Donnerstag – Sommer

Es sind die Naechte die den Sommer verschoenen. Nicht die Tage. Es sind die Naechte.
Es sind nicht die Tage, wo man so hohl wie eine Fata Morgana herumschwebt und vor und hinter den Augen einem nur die Formen verbiegen und die Distanzen so nah doch am Ende der Erdenplatte verdampfen, weil der Arsch erstickt und sich nicht heben kann.
Nein, es sind die Naechte. Wo man naechtlich wieder, nachtein nachtaus vom Hitzetod befreit, in die Strassen eintaucht und Wunder ueber Wunder man darin frei atmen kann als haette man ploetzlich Chiemen, wo der ganze Tagesschweiss sich wegwaescht oder abstreift und nur noch die nackte Haut am Ende bleibt.
Es sind wirklich nur die Naechte.

1 Ausgut Sonntag/Sunday – Boss 3

Am Freitag kam mein Boss zu mir und sagte:

Mek, ich moechte ein ernstes Gespraech mit dir fuehren. Hast du Zeit? Natuerlich hatte ich. So sass ich mich in sein Buero und fing meinen einstudierten Monolog an. Ueber meinen Vetrag der in zwei Wochen aufhoert und meine Unfreude darueber dass ich als Zeitarbeitler weiterhin fuer diesen Hungerlohn weiterarbeiten muesse. Doch gleich nach dem ersten Satz unterbrach er mich mit den abwesenen Worten:
„Das betrifft dich nicht. Dein Vertrag bei der Zeitarbeitsfirma wird nicht verlaengert“. Mein ganzer Mut fiel zu Boden und verstrickte sich in den dunkelgruenen Teppichboden: „Du Schwein, du mieses Ferkel“ dachte ich „ja ich weiss auch dass ich die letzte Zeit alles andere als ein guter Mitarbeiter war, dass ich viel zu viele Raucherpausen einlege und dass ich viel zu viel auf den anderen Abteilungen rumhaenge und mich verquatsche und dass sich schon mehrmals Leute beschwert haben dass ich immer barfuss rumlaufe. Komm schon raus mit der Sprache, entlass mich dann, ich gehe jetzt gleich noch, du mieser Hund“. Dann fuhr er fort, waehrend er in irgendwelc he Papieren rumblaetterte. „Ich moechte dich gerne bei uns einstellen“. Ich guckte etwas verstoert drein. Das war nun wirklich nicht die Weiterfuehrung seines Satzes den ich erwartet hatte. Ich guckte zu Boden und hielt Ausschau nach meinem Mut der sich im Teppichboden verstrickt hatte, doch der hatte sich schon auf den Weg zur Tuere gemacht. Ich versuchte ihm zuzurufen dass es keinen Grund gab sich aus dem Staub zu machen, aber dann fuhr mein Chef schon fort mit einem minutenlangen Monolog voller Lob und Komplimenten „…du wurdest wegen deines merkwuerdigen Akzentes etwas schwer zu vermitteln eingestuft, aber bei deinen Qualitaeten und Lebenserfahrung wollte ich dich unbedingt ins Boot holen…“ Der Mut war ziemlich eingegangen und versuchte unter Schnauben und Stoehnen vergeblich die Tuerklinke zu erreichen. Wenn der weiter so laut war, dann wuerde er alles vermasseln. „…du bist zwar ein unglaublicher Dickschaedel, aber du hast Freude an den Sachen die du machst…“ Ich schielte in die Ecke und sah dass der Mut nun die Tuerklinke erreicht hatte und darauf rumritt. Jedoch war er viel zu klein geworden und eben nicht schwer genug diese zu bewegen. Wenn er bloss nicht so einen Laerm machen wuerde. Ich beruhigte mich etwas und setzte mich deshalb gerade in meinen Sessel um mir eine stattliche Haltung zu geben und sagte aufrecht und selbstbewusst: „Ahm mh“. Mein Chef merkte nichts davon, blaetterte immer noch in seinen Unterlagen und fuhr weiter „…und oben im UNIX-team wird sich im naechsten budgetaeren Jahr vieles tun und neue Stellen auftun und die meinten sie haetten grosses Interesse in dich…“ Es wurde Still in der Ecke bei der Tuer. „…du sprichst sechs Sprachen, hast viel gereist…“ Ich drehte meinen Kopf zur Tuer und sah wie der Mut an der Wand klebte wie eine Spinne, ploetzlich herangewachsen auf die doppelte Groesse von eben und guckte verstohlen zu uns herueber. „Moechtest du nicht vielleicht in naher Zukunft irgendeine kleine Fuerhungsposition nehmen, so zum anfangen?“ Ich erschrak „Nein um Himmels willen! Ich kann zwar gut Kommandos geben, aber um ein Team zu leiten fehlen mir die sozialen Faehigkeiten“. Ich hoerte ein Schnurren von der Tuer her. Wenn ich es nicht besser gewusst haette, dann haette man meinen koennen es waere ein Brummen, so tief klang das. „Haha! Ja stimmt. Ich glaube du waerst in der Tat kein guter Teamleiter, du bist eher der Typ der eine ganze Firma leitet“. Er schaute mich zufrieden an. „Oder Zirkusdirektor!“ seinen Witz fand er sehr komisch. Ich guckte etwas verdutzt drein und sah auch meinen Mut da drueben wie er seine Augenbrauen verzog. Mein Chef war nicht mehr zu bremsen lobte meine Eskalationsgespraeche mit veraergerten Kunden, wie geschickt ich diese Gespraeche unter Kontrolle hielt, unterdessen sah ich aus den Augwinkeln den Mut da drueben schon so gross wie einen grossen Koffer sich langsam die Wand hinauf bewegen in Richtung Decke. Und der Chef erzaehlte mir die Geschichte wieder, wie ich der einen alten Oma uebers Telefon half alle ihre Kabel mit dem Modem, dem Wandler, dem NTBA und dem Splitter zu verkabeln und zeigte mir den Dankes-Fax der besagten Frau, waehrend der Mut wie eine riesige Krake sich ueber die ganze Decke breit machte und herunterguckte und immer naeher kam. Dann wollte ich wissen was das in Termen von Lohn fuer mich bedeuten wuerde. Diese Frage kam etwas zoegernd heraus da der Mut nun die ganze Decke in Beschlag genommen hatte und ich das Gefuehl hatte dass er sich ganz loesen wuerde und auf uns runterfallen wuerde und saemtliche Blumen und Kaffetassen auf dem Tisch kaputtmachen wuerde. Dazu sagte er „Nun es wird schon etwas mehr sein als jetzt, aber natuerlich nicht das was du gerne haettest, ich kann in meiner Abteilung einfach nicht mehr rausruecken. Aber das ist natuerlich anders wenn du im UNIXteam bist“. Und in dem Moment machte es an der Decke einen Knacks und das ganze dunkle Biest da oben, das mittlerweile zu einem schleimigen und sabbernden Ungeheuer herangewachsen war, fiel hernieder, ueber mich her und ich war von oben bis unten mit braunem Schleim ueberzogen. Ich stand vom Stuhl auf und lief zweimal durch sein Buero und sagte „Schoen. Danke. Ich bade von all deinen Worten in einer dicken Lage feuchtem Schweiss“. Der Mut sprach zu mir „Verlange mehr Lohn oder kuendige“, aber ich wies den Mut auf seinen Platz, entledigte mich seiner und stiess ihn in die Ecke. „Dann ist ja alles klar und kann ich in den Urlaub gehen bald“. „Genau“.