[Fr, 25.9.2026 – Seitenweh, September, der Geruch der Vorfreude]

Im Hintergrund läuft das Training meiner digitalen Stimme weiter. Der erste Wurf war nicht gut, deshalb begann ich von Neuem. Meine Frau fragt mich ständig, was ich da eigentlich mache. Sie sieht, wie so oft, nur weiße Buchstaben über einen schwarzen Bildschirm fließen. Ich sage: Ich digitalisiere meine Stimme. Dann kannst du mit mir reden, wenn ich tot bin.

Das findet sie nicht cool und haut mir mit voller Wucht in die Seite. Sie fragt es aber immer wieder. Und ich gebe immer die gleiche Antwort. Aber langsam tut es mir weh.

Bin ich eigentlich der Einzige, der diesen September ungewöhnlich kalt findet? Er fühlt sich eher nach Spätherbst an und nicht nach September.

Sonst passiert gerade nicht besonders viel in meinem Leben. Ich könnte wieder schreiben „Ich liebe meinen Job“, denn ich liebe meinen Job gerade wirklich. Es fällt mir schwer, abends den Stift fallen zu lassen, und am Freitag störe ich mich an den beiden arbeitsfreien Tagen. Weswegen ich das ganze Wochenende weiternerde. Zu allem Überfluss ist dieses Wochenende auch noch Länderspielpause und es gibt keinen langweiligeren Fußball als das Nationalschießen, während Hertha sich gerade in diesem unfassbaren Flow befindet, die zweite Liga könnte meinetwegen einfach weitergehen. Wir sind in der Saison immer noch ungeschlagen und unter der Woche höre ich alle verfügbaren Herthapodcasts durch, bis ich auch noch den letzten Euphorietropfen aus der Herthaflasche ausgewrungen habe, als dürste mir nach Endorphinen.

Die Herthaflasche ist übrigens weich, nur falls sich jemand an dem komischen Sprachbild mit dem Auswringen einer Flasche stört.

Außerdem warte ich gerade auf Hardware. Wie früher, als man Monate auf das Weihnachtsgeschenk warten musste. Letztes Jahr im Oktober bestellte ich das finnische Jollaphone, ein Google-freies Telefon, das sich per Crowdfunding finanzieren ließ und jetzt ein Jahr später langsam ausgeliefert wird. Ich checke schon seit Wochen den Status auf der Webseite. Es tut sich leider nicht viel. Zudem habe ich auf der Arbeit einen Laptop bestellt, mit dem ich lokale KI-Modelle betreiben kann. Der Laptop muss vom Hersteller noch zusammengebaut werden. Ich warte schon seit 4 Wochen. Solche langen Wartezeiten bin ich wirklich nicht mehr gewohnt. Es weckt aber eine kindliche Vorfreude in mir, die sehr haptisch ist, die fast schon einen Geruch entwickelt, wie früher, als ich mich wochen- oder monatelang auf die Metallica-Platte freute, die ich erst zu Weihnachten auspacken durfte. Diese Vorfreude hatte einen Geruch, man wusste schon vorher, wie es riechen wird, sobald man es auspackt.

[So, 27.9.2026 – zehn Jahre, BZO, MUC, Kraut]

Ich stieß auf einen alten Eintrag aus dem Jahr 2013 mit dem Namen „Zehn Jahre“. Damals schrieb ich darüber, dass ich seit zehn Jahren ins Weblog schreibe. Ich könnte alles heute genau so wieder schreiben. Ich schrieb auch, dass ich in zehn Jahren vielleicht wieder einen solchen Eintrag schreiben werde. Den Eintrag habe ich vor drei Jahren dann tatsächlich nicht geschrieben, er würde auch keine neuen Erkenntnisse liefern. Ich würde ihn eben wieder so schreiben. Aber schon damals wusste ich offenbar, dass ich einfach weiterschreiben werde. Möglicherweise auch unter dem Eindruck, dass viele Blogs damals (2013) abstarben. Das sehe ich heute noch, wenn ich auf alte Einträge stoße. Meine Kommentarsektion ist voll von Links zu Blogs, die nicht mehr existieren.

Was will ich damit sagen.

Gar nichts. Heute buchte ich einen Flug nach Bozen. Ich fliege übernächste Woche am Freitag und werde Herthas nächstes Heimspiel verpassen. Aber ich war das letzte Mal zu Weihnachten in Südtirol. Da ich dieses Weihnachten in Berlin bleiben werde, habe ich das Bedürfnis, noch schnell meine Familie zu besuchen, bevor die dunkle Jahreszeit beginnt. Dieses Jahr ist wirklich unfassbar schnell vorbeigegangen. Diese Autofahrten durch die dunkle norddeutsche Tiefebene, sind doch gerade mal ein paar Monate her. Kurz nach der Flugbuchung buchte ich das Hotel für die Lesung in München. Ihr kommt ja auch, oder? Am 24. Oktober. Ich werde einen älteren, fast vergessenen Text lesen. Das Thema der Texte wird mit Kämpfen zu tun haben, in diesem Text kam es zu einem großen Kampf. In der Nacht nach der Lesung springen übrigens auch die Uhren auf Winterzeit um. Ich finde, das sollten wir alle wissen. Das wird magic. Apropos Allgemeinwissen: Der Singular von „Kräuter“ lautet Kraut. Das hat mich wirklich beschäftigt.

[Di, 29.9.2026 – Buchungen, Hinterlassenschaft]

Als ich gestern nach Hotels in München suchte, rief ich, wie immer, Googlemaps auf, zoomte auf die Location ein, in der die Lesung stattfinden wird, und klickte auf „Hotels“. Dann wurden mir lauter Preise von 300€ bis 400€ pro Nacht angezeigt. Ich bereute sofort, das Angebot des Sofas einer Freundin nicht angenommen zu haben. Aber dann fiel mir ein: Wir haben Ende September! Es ist natürlich Septemberfest! Dann setzte ich das Datum auf den Lesetermin Ende Oktober. Da waren die Preise wieder normal.

Aus der Themenliste:

„Denkst Du manchmal darüber nach, was Du hinterlassen wirst? Gemeint im Sinne eines Lebenswerkes, einer Spur. Wenn ja, arbeitest Du bewusst daran?„

Ich denke manchmal über so etwas nach, aber nie ernsthaft. Allerdings stellte sich ein seltsames Gefühl bei mir ein, als meine Frau und ich uns bewusst dafür entschieden, keine Kinder zu haben. Dann merkte ich auf einmal, dass ich in meiner Vorstellung über meine eigene Existenz immer unbewusst das Gefühl hatte, irgendwas weitergeben zu wollen, etwas von mir zu hinterlassen, so etwas wie einen Wertekatalog meinetwegen, worauf jemand anders etwas aufbauen kann. Für so etwas eignet sich nichts besser, als eigene Kinder. Als das mit den Kindern wegfiel, war ich überrascht davon, dass es mir doch etwas bedeutete, etwas zu hinterlassen. Von mir. Vielleicht als Kompensation dafür, dass mir das ewige Leben im Himmel immer sehr unwahrscheinlich vorkam und meine gesamte katholische Denke auf dieses ewige Leben eingenordet ist und mir die Vergänglichkeit meiner eigenen Existenz nicht erträglich war. So genau weiß ich das nicht. Ein bisschen Selbstliebe spielt da sicherlich mit.

Andererseits weiß ich auch, dass dieses Weblog mich selbst überdauern wird. Zumindest so lange die Rechnung hier bei Hetzner bezahlt wird. Also sicherlich bis zu einem Jahr nach meinem Tod. Aber vor allem über archive.org und über das Literaturarchiv Marchbach, das mein Blog archiviert. Zumindest taten sie das zwischen 2009 und 2018. Und das kitzelt schon ein bisschen an meiner Eitelkeit. Letztes Jahr im Sommer druckte ich das Blog in Buchform aus und sah, dass sich hier 5600 Buchseiten an Text angehäuft haben. Das wurde mir erst im Verlauf des Projektes bewusst, als so viele PDF’s aus dem Blog herauspurzelten, dass ich sie aufwendig sortieren und bündeln musste. Jetzt habe ich Angst, dass ich mal auf den falschen Knopf drücke und ich das Blog, sowie alle Backups lösche. Oder die Russen werfen eine elektromagnetische Bombe über mein Blögchen ab. Seitdem drucke ich jedes Jahr ein neues Buch aus. Aber weniger, um etwas zu hinterlassen, sondern um das nicht alles zu verlieren.

Super finde ich natürlich auch, dass meine Novelle in der Deutschen Nationalbibliothek und im Südtiroler Landesarchiv aufbewahrt wird. Kulturhistorisch relevant wird das alles leider nicht sein.

Also ja. Wenn ich daran denke, aufbewahrt zu werden, dann kann ich mir auf dem Sterbebett durchaus gute Gefühle vorstellen.

Dennoch arbeite ich nicht bewusst daran, etwas zu hinterlassen. Täte ich das, bekäme ich kein Wort mehr aus mir heraus.

[Fr, 2.10.2026 – E-Auto, Arminiushalle, Übersetzungsschicht, bekleidet sein]

Ich kann mich sehr über zahlpflichtige Toiletten in Einkaufszentren oder Markthallen aufregen.

Gestern auf einer Spritztour mit einem Exkollegen und seinem neuen Elektroauto gewesen. Dafür, dass ich starke Gefühle für E-Autos empfinde, bin ich bisher erstaunlich wenig mit E-Autos in Berührung gekommen. Zweimal bin ich in Amsterdam mit einem Tesla-Uber mitgefahren und einmal mit dem Ex-Freund meiner Schwester in Berlin, der mir auf der Rudi-Dutschke-Straße im Feierabendverkehr die massive Beschleunigung seines Autos demonstrierte. Das dürfte es ungefähr gewesen sein. Mein nächstes Auto wird sicherlich ein Elektroauto, aber ich bin weit davon entfernt, ein neues Auto zu benötigen. Zum einen bräuchte ich nicht einmal unbedingt das alte Auto, aber wegen der paar Mal im Jahr in Schweden und der Hundelogistik, will ich mich doch nicht davon trennen. Dabei habe ich gerade mal seit etwas mehr als zehn Jahren einen Führerschein und fahre immer noch nicht gern Auto.

Mich begeistert vorwiegend die Elektronik in Autos. Assistenzsysteme, die Software, die Displays. Mit sogenannten guten, alten Verbrennern kann ich nichts anfangen. Das hat nicht einmal politische oder ökologische Gründe. Es fehlt mir schlichtweg an Nostalgie.

Dann setzten wir uns in die Arminiushalle in Moabit. Das ist eine wirklich schöne Markthalle, mit der man sich offensichtlich ein ähnlich erfolgreiches Konzept wie mit der Markthalle IX erhoffte. Aber es flutscht irgendwie nicht so richtig. Optisch ist sie zwar schön, sie ist aber nur mäßig besucht und das gastronomische Angebot war eher mittelmäßig. Ich hatte vom serbischen Stand ein Cevapcici bestellt. Es war nicht ganz durch und wurde etwas lieblos serviert. Solche hippen Orte glänzen ja vor allem darin, das Essen instagrammable zu machen. Hier eben nicht. Das kann eine gute Eigenschaft sein, es kann aber auch eine schlechte Eigenschaft sein. Mir kam das heute eher schlecht vor. Zumal ich auch noch für den Toilettendienst zahlen musste und von der Toilettendame sowohl beim Rein- als auch beim Rausgehen angepflaumt wurde, dass ich bezahlen sollte. Wohlgemerkt, bezahlte ich bereits beim Reingehen. Sie hatte mich nach zwei Minuten schlichtweg vergessen. Meistens weigere ich mich, solche Dienste zu bezahlen. Wenn ich irgendwo Gast bin und bereits Geld liegen lasse, sehe ich nicht ein, warum ich auch noch für den Toilettengang bezahlen sollte. Das sollte im Preis inbegriffen sein. Aber ich weiß schon, wie das funktioniert: Die Hallenbetreiber haben keine Lust, sich darum zu kümmern, stecken sich die Taschen mit der Miete der Standbetreiber voll und stellen einen weiteren Dienst ein, der sich um die Toiletten kümmern und sich selbst sein Geld eintreiben soll. Und es wird sich niemand dagegen wehren, weil alle davon profitieren. Bis auf die Gäste.

Mich regt das auf. Heute bezahlte ich aber, weil ich keine Lust auf einen Konflikt mit der Anpflaumerin hatte.

Auf dem Weg ins Büro ging dann mein Fahrrad kaputt. Ich habe noch nicht verstanden, was genau fehlt. Als ich das Fahrrad beim Eingang zur U-Bahn abstellte, kam eine Frau die Treppe hoch. Sie trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Gott ist Scheisse.“ Ich fand das passend, aber die Härte dieses Spruches hat mich dann doch beschäftigt. Inhaltlich gehe ich mit. Aber auf Deutsch klingt der Spruch wesentlich härter, als wenn er auf Englisch wäre. Mit Härte meine ich nicht den Sprachklang, sondern die Nähe der Sprache. Auch wenn ich seit Jahrzehnten oft und viel Englisch spreche, liegt für mich trotzdem immer eine dünne Übersetzungsschicht dazwischen. „I love you“ ist anders als „Ich liebe dich“. Ich frage mich, ob das auch Einfluss auf Jugendbewegungen hat, die ja immer oder meistens jedenfalls einen englischsprachigen Ursprung hatten. Punk, Grunge, Hippies, dass das rebellische Vokabular ging ja immer durch diese Übersetzungsschicht. Mein erster IT-Job in den Niederlanden vor sehr vielen Jahren, war in einem amerikanischen Konzern mit internationalen Mitarbeiterinnen. Mein Chef kam aus England. Ich lernte von den Jungs das Wort „Wanker“ und verwendete es auch schriftlich in der internen Team-Emailkommunikation. „Wichser“ hätte ich auf Deutsch nie geschrieben, aber „Wanker“ hatte für mich eben nicht die Härte. Irgendwann zitierte mich der Chef zu sich und sagte, ich solle doch nicht mehr das Wort „Wanker“ in Emails verwenden.

Hatte ich dann verstanden.

Nun. Fahrrad ist kaputt und God ist ein piece of stool,

Morgen ist Deutscher Vereinstag. Die Supermärkte sind am Vorabend voll. Wer legt auch einen Feiertag auf einen Samstag.

Ich bin gar nicht so schlecht gelaunt, wie dieser Eintrag klingt. Vielleicht deswegen noch einen positiven Abschluss: Dieser angenehme Spätherbst ist wirklich wunderbar. Wir sitzen abends noch nach Sonnenuntergang auf dem Balkon. Ich liebe dieses Wetter, in dem man sich kleiden kann. Dünne-Jacken-Wetter. Wahrscheinlich bin ich ein Dünne-Jacken-Typ, ich mag es, gekleidet zu sein, und ich mag es, wenn andere gekleidet sind. Natürlich mag ich es auch, nackt zu sein, aber bekleidet sieht die Welt irgendwie besser aus.

[Sa, 3.10.2026 – Ryzen, Vogelmist]

Am Freitag wurde mein KI‑Laptop geliefert, mit dem ich nun kleine, lokale Sprachmodelle betreiben kann. Es gibt natürlich nichts Besseres, als ein lang ersehntes Gerät kurz vor einem freien Wochenende zu erhalten. Meine Frau wird zu Hause arbeiten und ich wusste, wie ich den großen Teil meines Wochenendes verbringen werde.

Der Laptop hat einen AMD‑Prozessor mit einer fest auf der CPU verlöteten Grafikkarte. Weil sie sich den Speicher teilen, machen sie den Laptop zu einem passablen Apparat, um lokale KI-Modelle laufen zu lassen. Ich führe das Konzept von lokalen Modellen auch in der Firma ein, aber in groß und schnell (und auf einem richtigen Server), um der Belegschaft eine datenschutzkonforme, unabhängige und auch günstigere Künstliche Intelligenz anbieten zu können.

Gegen Mittag fuhr ich meine Frau ins Büro. Sie hatte gestern wichtige Unterlagen vergessen. Auf dem Rückweg fuhren wir das Auto in die Waschanlage. Mein Auto stand nämlich wochenlang unter einem der Bäume in unserer Straße. In jenem Baum befand sich ein Vogelnest und mein Auto wurde von einer zentimeterdicken Kotschicht überzogen. Vor allem an den Seitenscheiben und den Türgriffen.

Ich hasse Bäume.

Es ist das zweite Mal, dass ich in eine Waschanlage fahre. Das finde ich immer noch so aufregend, dass ich davon berichten muss.

Danach nerdete ich den ganzen Tag mit meinem Laptop herum. Ich testete verschiedene Sprachmodelle, installierte Konnektoren und Programmieroberflächen, testete Bildgeneratoren. Am späten Abend hatte ich tausende Tabs geöffnet und fand nur schwer wieder zur Ruhe.

[Mo, 5.10.2026 – tech ist ja wieder politisch]

Auf Mastodon postete jemand einen Link zu einer Veranstaltung des Digitalen Unabhängigkeitstages, dem sogenannten DI.DAY. Es sollte diverse Vorträge geben und anschließend würde man Interessierten Linux auf deren Laptops sowie e/OS auf die Telefone installieren. Da ich schon länger darüber nachdenke, mich in meiner Freizeit solchen Initiativen zu widmen, weil Technologie wieder zunehmend politisch wird, ging ich spontan hin, um zumindest den Vorträgen beizuwohnen und dann einfach mal zu sehen, was sich ergibt. Vor fast dreißig Jahren fing das, was sich heute als meine Karriere bezeichnen lässt, genau in solchen Orten an, als ich in einem besetzten Haus in Utrecht zusammen mit einem Freund eine sogenannte Internetwerkstatt gründete. Eigentlich ein längeres Thema für den autobiografischen Themenzyklus.

So ging ich gestern jedenfalls ins C‑Base, einen Veranstaltungsort im zweiten Hinterhof eines gewerblichen Altbaus in der Rungestraße, auf der anderen Seite der Jannowitzbrücke. Der Eingangsbereich ist mit Metallplatten verkleidet und mit futuristischen Details versehen. Man betritt einen dunklen, metallischen Gang, der von bunten LEDs ausgeleuchtet ist. Wie ich mittlerweile weiß, ist das C-Base in Wirklichkeit Teil eines riesigen Raumschiffes aus prähistorischen Zeiten, das unter Berlin verschüttet liegt. Neueste Forschungen haben ergeben, dass sich das Raumschiff in einer kreisrunden Form vermutlich fast über das ganze Gebiet von Berlin-Mitte erstreckt. Man kann die Erkenntnisse aus den Studien auf detaillierten Karten, die im C-Base ausgestellt sind, begutachten. Bisher hat man vom Raumschiff nur jenen Teil ausgraben können, der heute C‑Base heißt, und der andere Teil ist das uns heute als Fernsehturm am Alex bekannte Bauwerk, das als zentrale Antenne des Vehikels funktionierte. Man darf auf die weiteren Entwicklungen der Ausgrabungen gespannt sein.

Ich fühlte mich wirklich dreißig Jahre in die Vergangenheit versetzt. Im Guten, wie im – nunja, auch weniger Guten. Ich liebe diese Nerdigkeit. Mit wie viel Detailliebe, diese Tafel mit dem vergrabenen Raumschiff gestaltet ist, mit wie viel Liebe auch der ganze Ort aufgezogen ist. Die Applikationen an den Wänden, der Tresen, die Schränke. Andererseits wirkt diese ganze Dunkelheit und diese Ansammlung von Männern mit langen Haaren oder langen Bärten mit über den Kopf gezogenen Hoodiekapuzen auf Außenstehende doch immer etwas abschreckend. Wenn man digitale Souveränität, Open Source, Linux und diese Sachen in den Mainstream bringen will, sollte man vielleicht am Erscheinungsbild arbeiten. Das störte mich vor dreißig Jahren schon. Nur weil ich selbst in besetzten Häusern abhing und ich diese Abrissästhetik immer noch liebe, wusste ich auch, dass man damit nicht die Welt überzeugt. Mit unseren zugestickerten Laptops, schwarzen Hoodies und fensterlosen Kammern, wirkten wir immer, wie ein Klischee.

Irgendwie ging ich davon aus, dass sich die Ästhetik verändert hat. Ich weiß nicht, warum ich diesem Gedanken aufgesessen war. Vielleicht, weil 90% der Server auf dieser Welt mit Linux laufen, vielleicht, weil die Businesses sich zunehmend von Microsoft abkehren, vielleicht, weil ich öfter von öffentlichen Linux-Installationsangeboten las und dabei eher an Nachbarschaftstreffs mit Kaffee und Kuchen dachte. Auch wenn ich den Besuch im C-Base sehr charmant fand, würde ich mir wünschen, wenn man solche Veranstaltungen einfach mal in einem weißen, hellen Raum mit weißen Tischen, weißen Stühlen, weißen Regalen und weißen Gedanken abhalten würde.

Immerhin waren auch Frauen anwesend. Etwa ein Drittel war weiblich. Das war früher nicht unbedingt so.

Die beiden Vorträge handelten von der EUDI-Wallet und dem neuen EuroOffice. EuroOffice ist ein bescheuerter Name, aber es ist ein sehr wichtiges Projekt, das als vollwertige Alternative für Microsofts Office-Komponenten im Nextcloud Workspace integriert ist. Wir werden das auch in der Firma ausrollen. Die Themen sind nicht neu für mich, aber ich bin ja nicht für die Inhalte da, ich bin nur da, um etwas von der Luft einzuatmen und um zu sehen, wie ich mich da künftig einbringen kann.

Ich muss dort einen seltsamen Eindruck gemacht haben. Vielleicht, weil ich ein Hemd mit Kragen trug und etwas älter war, als der Durchschnitt. Wobei noch drei andere, ältere Herren da waren, die aber ganz offensichtlich zur Veranstaltungsgruppe gehörten. Ich wurde mehrfach gefragt, ob ich Hilfe bräuchte. Sicherlich wollte man nur behilflich sein, ich war ja alleine da, saß etwas abseits. Ich sagte, ich sei nur aus persönlichem Interesse da, ich wollte mich einfach umsehen, ich nutze Linux seit fast dreißig Jahren, ich wollte in Zukunft vielleicht mithelfen, auf fremden Laptops Linux zu installieren. Aber als sich herausstellte, dass ich keine Hilfe benötigte, war das Interesse auch schnell wieder verflogen. Vielleicht sendete ich komische Signale.

Nach den Vorträgen teilten sich die Anwesenden in drei Gruppen auf. Jene, die sich Linux installieren lassen wollten. Dafür waren zwei junge Menschen extra zur Veranstaltung gekommen. Eine junge Frau und ein junger Mann. Beide setzten sich mit einem älteren Spezialisten mit Bart an einen Tisch. Eine andere Gruppe setzte sich an einen anderen Tisch und dort installierten sie e/OS auf Telefonen. Der größere Teil der Gruppe netzwerkte (analog) an den Tischen herum. Ich bin ja nicht schüchtern, fand aber dennoch keinen Einstieg, um mich mit den Leuten zu vernetzen. Nach einer Weile, die ich ein bisschen unbeholfen am Tresen und am Flyerkasten verbrachte, beschloss ich dann doch, zu gehen.

Ich werde aber wiederkommen.

[Mi, 7.10.2026 – Jolla]

Apropos Digital Independence. Jetzt ist auch mein Jollaphone gekommen. Ein googlefreies Telefon aus Finnland. Letztes Jahr im Herbst beteiligte ich mich am Crowdfunding für den Bau dieses Gerätes. Der minimale Finanzierungsbetrag wurde ziemlich schnell erreicht und danach auch ganz schnell bei weitem übertroffen. Hinter der Firma Jolla aus dem finnischen Tampere befinden sich ehemalige Mitarbeiter von Nokia, die die Arbeit am damals entwickelten Betriebssystem nicht aufgeben wollten. Nach mehrmaligen Firmengründungen, einem Telefon-Release, Insolvenzen und Neuversuchen, entledigten sie sich 2024 von russischen Investoren und haben jetzt mit sehr wenig Geld dieses Projekt Jollaphone gestartet. Ich liebe solche Projekte.

Mir fehlt gerade die Zeit für eine ausgiebige Zusammenfassung, aber bei diesem Telefon wird es so richtig spürbar, wie sehr wir bereits in den Ökosystemen von Google oder Apple gefangen sind. Kein Banking funktioniert, kein Android Auto/Carplay, keine Zahlungen mit dem Telefon an der Supermarktkasse. Manche Apps lassen sich nicht installieren. Manche Apps können installiert werden, sie fordern aber die Eingabe von Kreditkartendaten, für die Verifikation. Ich könnte jetzt den Google Playstore nachladen, um mir einige Kleinigkeiten zu erleichtern, aber ich nahm mir mit diesem Telefon vor, Google und Meta komplett außen vor zu lassen. Whatsapp und Insta verwende ich nur noch sandboxed im Browser auf dem Laptop. Auf dem Telefon brauche ich das in Wirklichkeit gar nicht mehr. Wenn Insta läuft, schaue ich ständig drauf, wenn ich es nicht habe, schaue ich nicht drauf. So einfach funktioniert das bei mir.

In der Theorie wusste ich das alles vorher schon, es ist aber etwas anderes, die Limitierung direkt zu spüren. Nach zwei Abenden habe ich das Telefon immer noch nicht so weit zurechtgebastelt, dass ich ohne das alte Android-Telefon aus dem Haus gehen will. Das ist ziemlich ernüchternd.

Zu allem Überfluss verkaufen alle großen KI-Anbieter jetzt auch noch unsere Daten und sogar Chatverläufe an Dritte weiter. Es wird nicht besser. Und es ist ihnen egal. Weil sie wissen, dass die Regierung eine schützende Hand über sie hält, und die Kunden sich nicht abwenden werden.

Es ist ihnen egal. Und es ist den Nutzern irgendwie auch egal.

Ich komme mir schon fast vor wie ein paranoider Verschwörungstheoretiker.

[Do, 9.10.2026 – Prepackaged]

Wie immer am letzten Tag vor dem Urlaub stapelt sich plötzlich alles auf dem Schreibtisch. Abends musste ich noch packen, aber heute kam auch noch die Zalando-Bestellung an. Ein 900‑€-Einkauf, weil ich mich auf den Winter freue und ich das Bedürfnis habe, mich mit schönen, warmen Jacken einzudecken. Von den Winterjacken werde ich aber alle zurückschicken. Dafür behalte ich ein seltsames Kunstlederblouson, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich aussehe, als ginge ich in den Fetischclub (huch, schonwieder) oder ob ich einer Latinogang in einem Gewerbegebiet in South LA angehöre. Außerdem werde ich auch eine Funktionsjacke behalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich Funktionsjacken tragen werde. Wann fing das eigentlich an, dass ich Funktionsjacken immerhin in Erwägung zog? Vielleicht fing das mit den Regenjacken an. Dieses schöne Gefühl, im Regen nicht immer nass zu werden. Zumindest in starkem Regen. An Funktionsjacken denke ich vielleicht, seit mir im Stadion mit einem normalen Blouson zu kalt war und mein Vordermann einen sogenannten Windbreaker trug. Das sei sein Geheimnis bei einem kühlen Lüftchen im Olympiastadion, verriet er mir. Natürlich schlaute ich mich danach auf und ich stellte fest, dass viele kühle Momente in meinem Leben mit einem zu kühlen Lüftchen zusammenhingen. Es lag offenbar weniger an der Temperatur, sondern am Windchill-Effekt. Seitdem will ich einen Windbreaker haben. Janun, den habe ich jetzt.

Er (der Windbreaker) sieht gar nicht so aus, wie eine Funktionsjacke, eher wie ein etwas steifer Blouson mit Kapuze. Überhaupt. Blouson, Blouson, Blouson. Seit wann spielen Blousons solch eine wichtige Rolle in meinem Leben. Der Herbst geht bald zur Neige, dann ist die Blousonzeit auch wieder vorbei. Im Herbst gibt es immer diese längeren Blousonperioden. Im Frühjahr gibt es die nicht, im Frühjahr ist es immer zu kalt oder zu warm für Blousons. Ich bin ja ein Dünne-Jäckchen-Typ, wie ich neulich schrieb, ich könnte immer ein dünnes Jäckchen tragen. Ein dünnes Jäckchen und leicht einen sitzen.

In Südtirol hat es heute auch angefangen zu regnen. Meine Schwester warnte mich vor. Südtirolerinnen und ihre Angst vor schlechtem Wetter. Meine Schwester und ich werden viel Zeit miteinander verbringen. Sie hat sich für die paar Tage extra freigenommen. Wir werden zuerst zu meinem Vater fahren, dann dort übernachten. Am nächsten Tag nehmen wir uns die E‑Bikes und fahren mit ihm auf die Alm. Dafür habe ich jetzt ein Funktionsblouson. Am Montag fahren wir in das kleine Dolomitendorf, in dem wir beide aufgewachsen sind. Darauf freue ich mich schon sehr. Ich war schon ewig nicht mehr da. Sicherlich zehn Jahre. Oder mehr. Als erwachsene Menschen waren wir zusammen überhaupt nie mehr da. Das wird ein wilder Ritt down memory lane.

[Sa, 10.10.2026 – BZO, Schnellen, Almen, Schluchten]

Am Vormittag stieg ich dann in einer dieser kleinen Propellermaschinen der SkyAlps auf dem Weg nach Bozen. Weil diese Maschinen nur auf etwa 6 Kilometer Höhe über das Land fliegen, hat man ein ganz anderes Fluggefühl als mit den Jets, die ja in doppelter Höhe unterwegs sind. Wenn man aus dem Fenster schaut, hat man fast schon ein Googlemaps-Gefühl und ich will ständig einzoomen.

Am Flughafen in Bozen holte mich meine größere Schwester mit ihrem Camper ab. Dann fuhren wir in die Innenstadt, machten einen kleinen Spaziergang über den Waltherplatz, Museumstraße, Lauben und über den Bahnhof wieder zurück zum Waltherplatz. Dort aßen wir etwas, ich bestellte ein Trüffelrisotto und meine Schwester eine Carbonara, auf die sie sich ein paar Trüffelhobel schaben ließ. Ihr Gericht schmeckte wesentlich besser als meines, aber das geht mir oft so, dass ich etwas Falsches bestelle. Das hat sicherlich psychologische Gründe.

Es war schön, sie zu sehen. Wir hatten viel zu bereden. Wir liefen dann noch hinunter zur Romstraße zu einer Künstlerin in ihr Atelier, weil sie für meine Schwester eine Kette repariert hatte. Danach fuhren wir den Berg hinauf ins Dorf meines Vaters. Meine kleine Schwester wohnt zurzeit auch bei ihm. Es war schön, sie alle zu sehen. Mein Vater und die kleine Schwester waren im September für 4 Wochen auf einem Ayurveda-Retreat irgendwo im Süden von Indien und seitdem postet mein Vater ständig indisches Essen in seinen WhatsApp-Status. Er sagte, er habe einen ordentlichen Braten schon vermisst, aber er ist neugierig genug, Dinge auszuprobieren. Meine Schwester und er folgen jetzt irgendeinem ayurvedischen Ernährungsplan.

Er wird übermorgen nach Tansania fliegen, um ein Kinderprojekt zu unterstützen. Deswegen fuhr ich auch als Erstes zu ihm. Morgen werde ich dann weiter nach Meran zu meiner Mutter.
Am Abend saßen wir noch lange zusammen und spielten Karten. Wir spielten Watten. Eigentlich müsste ich Watten können, weil hier alle immer Watten spielen. Ich kann aber nur Schnellen, was gemeinhin als unterkomplexer gilt. Dafür habe ich damals vor zwanzig Jahren meinem ganzen Freundeskreis in Hamburg das Schnellen beigebracht. Sie erhielten von mir sogar originale, sogenannte Salzburger Kartendecks. Watten ist komplizierter und ich konnt mir schlichtweg nie die Regeln merken. Nach ein paar Runden, begann ich heute allerdings, ein Gefühl für das Spiel zu bekommen. Als plötzlich jedoch meine kleine Schwester schlafen gehen wollte, während wir drei anderen erst so richtig Fahrt aufnahmen.

Zum Watten muss man zu viert sein. Also brachte ich meinem Vater und der größeren Schwester (wieder) das Schnellen bei. Schnellen ist viel schneller und ja, ich verstehe jetzt, warum es als unterkomplexer wahrgenommen wird, aber Schnellen spielt sich schön schnell weg, früher im Wirtshaus immer mit billigem Rotwein und viel Zigarettenrauch. Zack, zack, Stich um Stich, Punkte rauf und Punkte runter. Wir hatten heute keinen Alkohol und man raucht auch nicht mehr in Innenräumen. Ich kann mich aber an früher erinnern, als mein Vater und die anderen Rettungsfahrer in der sogenannten Stelle, also der Rettungsstation, tagelang und nächtelang Karten spielten. Wir wohnten im selben Haus wie die Stelle mit der Ambulanzengarage, das war ein weitläufiger Bau aus den Siebzigern. Manchmal wurde ich telefonisch nach unten gerufen. Dann sollte ich ins Gasthaus laufen, um Zigaretten zu kaufen. Wenn die Männer Karten spielten, qualmte die Stelle von dichtem Zigarettennebel über. Aber Alkohol war da nie im Spiel. Das kann ich bezeugen. Auch wenn man das den frühen Achtzigerjahren durchaus zutrauen hätte können.

Jedenfalls. Wo wollte ich hin. Wir spielten Schnellen und ich verlor. Mein Vater gewann. Als wir ins Bett gingen, nahmen wir uns vor, zum Frühstück weiterzuspielen.

Am nächsten Tag beim Frühstück spielten wir aber nicht, sondern schnappten uns die E-Bikes und fuhren auf die Almen. Zuerst nach Laab, dann weiter zur Neuhütte, dann runter Petersberger irgendwas-Alm und Weißenstein. Es war bereits ein bisschen kühl. Mit meiner neuen Funktionsjacke hielt ich den Wind einigermaßen aus, aber wir froren alle an den Händen. Das ist das Problem mit den E‑Bikes: Man kommt nicht wirklich auf Temperatur, vom Gefühl her erinnert es mich eher an Tretbootfahren. Man tritt ein bisschen entspannt vor sich hin und schaut sich die Gegend an.

Auf der Rückfahrt, unten in irgendeiner Schlucht, fuhren wir an einer etwas abgelegenen Ruine vorbei. Ich hielt an und näherte mich dem Gebäude. Es muss mal eine Mühle oder ein Sägewerk gewesen sein. Mein Vater erinnert sich noch an ein Sägewerk, das sich 100 Meter bachabwärts befand. Diese wurde in seiner Jugend abgerissen, als Sägewerke zunehmend elektrifiziert wurden. Das verfallene Haus musste wohl irgendwie dazugehört haben. Aber es muss wesentlich länger leer gestanden haben. Sicherlich 100 Jahre. Vom Haus standen nur noch die Grundmauern. Im Inneren wuchsen bereits dicke Fichten. Es war aber nachvollziehbar, dass da eine Mühle oder eine Säge stand. Dort kreuzten sich zwei Bäche, die mit ordentlicher Steigung von beiden Seiten vom Berg herunterflossen. Geostrategische Lage.

Zurück im Dorf brachte ich das Fahrrad zum Flex-Pub zurück, wo wir mein E-Bike ausgeliehen hatten. Danach lief ich zu Fuß zum Haus meines Vaters hinauf. Man läuft hier ständig hinauf oder hinunter. Auf der Dorfstraße begegnete ich Onkel Konrad, der nicht mehr so gut zu Fuß ist und jetzt ein elektrisches Gefährt besitzt, auf dem er in Schrittgeschwindigkeit durch das Dorf fahren kann. Er saß rechts am Straßenrand auf seinem Vehikel und hantierte mit einer Zange an der Lenkstange. Er erzählte mir, dass er mit dem Ding Schrittgeschwindigkeit fahren kann und vorne sowie hinten, große Taschen aufhängen kann. Und er spare sich 600€ pro Jahr an Kosten. Mit dem Auto sei er ja nur noch ins Geschäft und zur Tankstelle gefahren. Dafür braucht er kein Auto.

Eigentlich wollte ich ja zu meiner Mutter nach Meran fahren, aber wir beschlossen, hier oben auf dem Berg zu bleiben, wo wir uns beim Gasthaus Adler vier Pizze besorgten. Beim Warten gerieten meine kleine Schwester und ich in einen ziemlich emotionalen Streit, der mich sehr überraschte. Wir sprachen uns nicht wirklich aus. Als wir aber die vier Pizze überreicht bekamen, waren wir wieder friedlich und brachten das Essen ohne Konflikt nach Hause.

Danach wurde ich müde.