Diese aufgeregte Häme, die gerade über Caroline Wahl verteilt wird. Morgen kommt ihr neuer Roman heraus. Heute zogen bereits ernsthafte Feuilletonisten in Podcasts und Insta über sie her. Von oben herab spottend, unsouverän belehrend, mit selbstgerechtem Oberlehrergelächter.
Eine von mir geschätzte Kritikerin des Deutschlandfunks sah sich berufen, ein unlustiges Video auf Insta zu drehen, in dem sie ironisch ein Dessert zubereitet, weil auch bei Caroline Wahl ständig Süßigkeiten zubereitet werden. Währenddessen referiert sie wie eine besserwisserische Tante darüber, wie klischeehaft ihre Figuren sind. Ja, Caroline Wahls Klagen über den Buchpreis war sicherlich kein guter Move und man muss ihre Bücher nicht mögen, aber ich fand Literaturkritik selten so uncool.
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Später ins Olympiastadion zum Spiel gegen Elversberg gegangen. Die Freunde aus meinem Fanclub versprühten alle wenig Euphorie. Die ersten drei Saisonspiele gaben auch keinen Grund, sich auf das Ballgeschiebe zu freuen. Ich war aber ungemein optimistisch, ich fühlte es in meinem Bauch, dass die Mannschaft heute ihren Schalter finden wird. Eine Stunde vor Anpfiff standen wir noch am Rondell, wo alle etwas zynisch davon berichteten, wie sie am letzten Montag diesen völlig unverdienten Sieg gegen Münster erlebt hatten. Marcos war in Münster vor Ort gewesen und hatte eine Karte für den VIP-Bereich gehabt. Nach dem Spiel war er von enttäuschten Münsterfans umgeben, und er hatte ständig das Bedürfnis, sich für den unverdienten Sieg unserer Mannschaft zu entschuldigen. Ich glaube, ich hätte in dieser Situation sogar den VIP-Champagner wieder ausgespuckt.
Ich ging mit Benny und seiner Frau wieder in den Block T.1, zu Locke und den anderen. Die Stimmung ist dort wirklich angenehmer. Sogar bei einem lähmenden Spiel wie diesem. Ich konnte es regelrecht erfühlen, wie in meinem alten Block gerade Verbalkotze über die Ränge gestreut wurde. Am Anfang der zweiten Halbzeit ging ich trotzdem kurz rüber in Q.3, um ein paar Freunde zu begrüßen. Zudem wollte ich Natalie und die anderen besuchen, die jetzt zwanzig Reihen nach oben gezogen sind. Aber ich konnte sie nicht finden.
Weil ich im Stadion unterwegs war, bekam ich das zweite Gegentor nicht mit. Der Gegner, SV Elversberg, hatte nur etwa 200 Fans mitgebracht, und wenn nur 200 Menschen jubeln, hört man in dieser riesigen Betonschüssel davon wenig. Erst, als ich wieder in T.1 meinen Platz einnahm, sah ich das 0:2 auf der Anzeigetafel leuchten. Die Ränge wurden leise, die Ultras versuchten, die Kurve wieder zum Leben zu erwecken, aber es wollte nicht so recht bei uns ankommen. Ich sang ein paar Liedzeilen mit, verlor nach einer halben Strophe aber die Motivation. So schien es allen um mich herum zu gehen. Als Gechter in der 77. Minute mit Gelb-Rot vom Platz verwiesen wurde, überlegte ich, zu gehen. Ich blieb aber noch bis zur 85. Minute, als auch Benny sagte, dass es ihm reiche. Also verließen ich mit ihm und seiner Frau das Stadion. Wir verloren uns aber aus den Augen. Vor dem Stadion traf ich Tanja, die dort auf den Steinstufen saß und auf dem Telefon herummachte. Sie hatte mir geschrieben, aber ich hatte das nicht mitbekommen. Sie war nach Wiederanpfiff zur zweiten Hälfte nicht mehr zurück in die Kurve gegangen, sondern draußen geblieben. Sie hatte keine Lust mehr, sich das anzusehen. Dennoch blieb sie und wartete auf ihren Freund. Ich ging dann weiter zur S-Bahn, ich würde vor dem ersten Ansturm bei den Bahnen sein und vielleicht noch einen Sitzplatz finden. Solche Niederlagen sind mit Sitzplatz besser zu ertragen.
Ich möchte gerne Martin Suter lesen, weil meine Schwester den so mag und er eine tolle Frisur hat, aber jedes Mal, wenn ich im Buchladen stehe und den Klappentext lese, finde ich das alles unfassbar uninteressant. Geschäftsmänner, die sich in Hippiemädchen verlieben und dann halluzinogene Drogen nehmen, oder überhaupt ständig irgendwelche mittelalten, finanziell gutsituierten Männer, die sich in jüngere Frauen verlieben.
Wie ich neulich berichtete, höre ich jetzt Bücher, die ich zu fad zum Lesen finde, als Hörbücher. Für mich funktioniert das ganz wunderbar. Dann verschwende ich keine Zeit damit, kann mich aber trotzdem ein bisschen in den Text reinfinden. Aber auch vorgelesen handelt es sich bei Suter um gutsituierte mittelalte Männer, die sich in junge Frauen verlieben. Das kann man nicht ändern.
Für Hörbücher verwende ich übrigens BookBeat. Ist Amazon-frei und europäisch.
Apropos mittelalte Männer: Demnächst werde ich beruflich wahrscheinlich viel Zeit in Hamburg verbringen und ich suche deswegen wieder einmal nach Taschen. Einen kleinen, praktischen Koffer habe ich bereits, sowie einen schönen Weekender aus schwarzem Kunstleder, aber ich möchte auch so etwas wie eine Aktentasche, eine schnell verfügbare Tasche für Laptop, Bücher und Unterlagen. Männertaschen sind fast durchgehend von schlechtem Stil. Ich fand ein paar Damentaschen, die mir gefielen, die ich mir irgendwie als Unisex-Taschen schöngesehen hatte. Ich schickte Bilder davon zur Begutachtung an meine Frau, die lehnte die Damentaschen allesamt ab. Mit der Begründung, dass Taschen nicht non-binary sind. Alles andere kann ihretwegen Non-Binary sein, aber nicht Taschen.
Dafür habe ich nun den Hersteller der „Arctic Pine“-Handseife gefunden, die wir vorletzten Winter in dem Hotel in Finnisch-Lappland gekauft hatten. Die Marke heißt „Rento“, das klingt fast wie eine Verschmelzung von Rene Benko, es handelt sich aber um Finnen, das ist ganz etwas anderes als Nordtiroler. Ich blieb eine ganze Weile in deren Shop hängen. Sie stellen neben Seifen mit anderen Gerüchen aus Lappland auch schwarze Seifen aus Holz-Teer her, die fand ich ungemein ästhetisch. Außerdem haben sie Sauna-Gerüche im Angebot. Unseren „Arctic Pine“-Lieblingsgeruch gibt es auch als Sauna-Duft oder als Raumduft oder Duschgel. Meine Frau hat aber Angst, dass wir die positiven Gefühle, die wir zu diesem Geruch haben, etwas überstrapazieren, wenn wir unser ganzes Leben damit einhüllen. Das Holzteer fand ich dennoch interessant. Ich möchte wirklich gerne wissen, wie das riecht, aber da hatte ich die andere Bestellung bereits abgegeben. Außerdem haben wir ja eh keine Sauna, ich bin ja auch kein Sauna-Typ. Aber ich überlege regelmäßig, mir in Schweden eine Sauna zu bauen, wenn schon nicht für mich, dann wenigstens für meine Frau und unsere Gäste. Ich meine, welcher Ort bietet sich besser an, um eine Sauna zu bauen, als ein Holzhaus im schwedischen Wald? Ich hätte sogar eine Stelle dafür, unten am Fuß des Waldes, wo der Weg zum Fluss nicht mehr weit ist. Also schaute ich wieder nach Videos auf YouTube, wo Menschen selber eine Sauna bauen. Solche Videos könnte ich ja ewig schauen, aber eine Sauna ist mir dann doch zu kompliziert. Deswegen lande ich wieder bei Verandas oder zumindest Terrassen. Den Überbau kann ich ja später noch draufsetzen. Ich habe irgendwann fünf, sechs, sieben Tabs offen, mit Videos von mittelalten Männern und Maschinen, in denen Verandas aus Holz gebaut werden. Und plötzlich ist es Abend.
Beim Überarbeiten meines Blogarchivs für den Druck, fällt mir auf, wie früher wesentlich mehr kommentiert wurde. Unter jedem Eintrag gibt es 5 oder mehr Kommentare. Das hörte irgendwann auf, ich weiß aber noch nicht, wann genau. Ich dachte immer, das hinge mit Twitter und Facebook zusammen, die das Blogformat anfang der Zehnerjahre ja ersetzt haben. Momentan bearbeite ich die Einträge aus 2013, da wurde immer noch kommentiert, die SocialMedia Platformen waren zu jener Zeit aber schon groß. Ich bin mir nicht sicher, ob auf SocialMedia so viel kommentiert wird, wie früher in Blogs, hängt vielleicht vom Thema ab und von den Leuten, die Beiträge verfassen. Meist sind Kommentare ja einfach Gespräche oder Diskussionen, die unter einem Beitrag weitergeführt werden. Das war in Blogs nicht anders. Als es die Meisterköchin auf Wien noch gab, schrieb sie einen Eintrag pro Monat, manchmal nur zwei Zeilen, und darunter plauderten die Menschen wochenlang weiter. Das war nett. In meinem Blog war das aber nie der Fall, ich bin aber auch kein Plauderer. Das regt dann auch keine Kommentare an. Ich war auch nie ein sehr aktiver Kommentierer. Wäre ich aber gerne. Das finde ich gut.
Beachtlich finde ich auch die vielen totlaufenden Links. Links der Kommentierenden oder auch verlinkte Texte. Links zu Blogs funktionieren kaum noch. Außer zu Maximilian Buddenbohm, zur Kaltmamsell, Kid37, Croco, Anke Gröner usw. Manchmal führen Links zu dem ein oder anderen noch laufenden, aber seit über zehn Jahren schlafenden Antville- oder blogger.de-Blog. In dieser Studie mit niedrigem Evidenzgrad (Bauchgefühl) würde ich sagen, dass die meisten Blogs zwischen 2011 und 2015 starben. Es ist ein wirklich interessanter Ritt durch die Geschichte. Manche Nicknames hatte ich vergessen, aber gute Erinnerungen dazu, mit manchen bin ich noch befreundet, aber das Blog gibt es nicht mehr. Erstaunlich viele Menschen sind schon gestorben (Kerstin, Mark, Pappnase, DocBuelle, usw.) und was ist eigentlich aus Saxanasnotizen geworden? Saxana war damals schon eine Frau im hohen Alter, wenn ich es richtig verstanden habe. Sie schrieb viel und kommentierte überall. Ich habe sie als sehr liebevoll wahrgenommen. Vor einigen Jahren fiel mir auf, dass ich von Saxana schon lange nichts mehr las. Ich schaute in ihr Blog. Der letzte Eintrag ist von 2016. Sie war verstummt. Auch Kommentare gab es keine mehr. Es gibt auch keinen Nachruf oder jemanden, der das öffentlich bemerkt hat. Sie ist einfach verstummt. Und drumrum ging es weiter.
Für mein eigenes Gefühl bekomme ich endlich eine Art von Überblick über dieses Blog zurück. Seit 22 Jahren schaufle ich Eintrag um Eintrag auf diesen Textberg drauf und ich hatte immer stärker das Gefühl, dass sich wirklich unlesbarer Müll dazwischen befindet. In den ersten drei oder vier Jahren war das tatsächlich der Fall, danach wurde es aber besser. Rechtschreibfehler halten sich überraschenderweise auch in Grenzen, aber Kommas, Kommas, Kommas. Immer zu wenige. Seit drei oder vier Jahren jage ich jeden neuen Blogeintrag durch eine Rechtschreibkorrektur, dahingehend hat sich die Qualität verbessert. Ich kann Kommas aber immer noch nicht gut.
Ich hatte vergessen, dass heute zwischen 7 und 16 Uhr das Wasser abgeschaltet wurde. Klospülung funktioniert ohne Wasser schlecht, Waschen auch. Immerhin hatte die Kaffeemaschine noch genug Wasser im Tank.
Heute würde aber Sport anstehen und um 15 Uhr hätte ich aber einen Termin beim Notar. Es wäre gut, wenn ich mich waschen könnte. Deswegen duschte ich mich direkt nach dem Schwitzen bei Fittix. Das mache ich normalerweise nie, sondern fahre immer direkt in Sportkleidung nach Hause. Heute duschte ich aber da. Der Duschbereich ist ja halb offen. Ich sah dort immer wieder nackte Männerhintern, also stellte ich mich darauf ein, nackt zu duschen. Das bin ich nicht so gewohnt, ich bin katholisch erzogen. Mit meinem Schambereich öffentlich schauzulaufen, kommt bei mir nicht so oft vor. Aber wenn es sein muss, mach ich es eben doch. Also lief ich mit Uhose in den Duschraum. Dort stand ein junger Mann mit Uhose unter dem Wasserstrahl. Bekleidet zu duschen war mir aber zu blöd. Ich zog mich einfach aus und stellte mich nackt unter den benachbarten Strahl, wusch meine Slits and Pits. Dummerweise hatte ich kein Duschgel bei mir, also fragte ich den jungen Mann nach ein paar Spritzern. Ja, ich sagte absichtlich Spritzer. Fand ich lustig. Er konnte kein Deutsch, verstand aber trotzdem, was ich meinte, und reichte mir sein Duschgel. Er vermied ganz offensichtlich und angestrengt jeglichen Augenkontakt. Sowohl zu meinen Augen wie auch zu meinen Schamhaaren. Er hatte etwas Osteuropäisches an sich, kurze Fußballfanfrisur, strenger Blick. Ich dachte immer, dass man im Kommunismus ständig nackt war. Haben mir die Leute aus dem Osten immer erzählt. Dieser Mann fand das aber nicht gut.
Später dann Termin beim Notar in C’Burg. Notare sind immer in C’burg. Warum eigentlich? Ich nahm meine Hündin mit. Mir doch egal, ob Hunde dort erlaubt sind oder nicht. Ich finde Notare ja hochgradig unseriös. Sie haben einen hohen sozialen Status, aber alles an Notaren oder Notarbüros ist seltsam zwielichtig. Der allererste Notar, mit dem ich je einen Termin hatte, trug einen Schnurrbart wie Nietzsche. Der Schnurrbart ging ihm bis zum Kinn und war absichtlich exzentrisch zersaust. Die Spitzen schienen mir vom Essen verfärbt (wie ass der denn überhaupt?). Und wenn er sprach, sah man seinen Mund nicht, es wippte nur ein Fellfetzen unter seiner Nase auf und ab. Exzentrische Menschen stören mich keineswegs, aber er gab mir mit jeder Geste zu verstehen, dass er einen gesellschaftlich höheren Rang inne hatte. Überhaupt, dieser relativ neue Exzentrismus der Rechten. Wilders, Johnson, Trump, Milei, mit ihren Fuckyou-Frisuren. Ich habe Geld und Macht, mir doch alles egal. Der Notar hatte so einen Fuckyou-Schnurrbart.
Eine andere Notarin rauchte einfach ungefragt in meiner Anwesenheit. Es ist ja ihr Büro. Sie wirkte alkoholisiert, las gelangweilt und schwerfällig die Dokumente vor. Überhaupt: Alle Notare wirkten immer alkoholisiert. Außer heute. Der Notar war ein Bursche in meinem Alter. Er hatte einen klaren Blick und war recht freundlich. Ich musste dann noch einmal ins Wartezimmer. Plötzlich kam eine riesige Meute an Menschen herein. Eine kleine, alte Frau mit dem Habitus einer Matriarchin. Sie wurde flankiert von einem aufgeregten, sehr dicken Mann, der sich später als der Dolmetscher ausgab. Und dazu drei große, finster dreinschauende Männer in Jogginghosen. Der Dolmetscher betonte mehrmals, er sei nur der Dolmetscher. Das sagte er den verschiedenen Assistentinnen, das sagte er auch mir und er sagte es einem der Notare, der kurz den Raum betrat.
Meine Hündin mochte den Dolmetscher nicht. Sie mochte aber auch die Matriarchin nicht. Und die drei finsteren Gesellen sowieso nicht.
Der erste Probedruck der Blogbücher ist angekommen. Das Jahr 2024 als Hardcover und mit über 800 Seiten sieht wirklich fantastisch aus. Das Jahr 2017 mit seinen 36 Seiten aber auch. Nur anders. Aber ich muss noch ein paar Anpassungen vornehmen. So ist der Buchrücken etwas verrutscht und ich sollte temporär ein Plugin deaktivieren, das hinter den einzelnen Einträgen seltsame Links erstellt. Außerdem wurden keine Seitennummern generiert, das ist wahrscheinlich ein Bug. Hätte ich alles vorher sehen können, aber ich hatte nur Augen für andere Details. Außerdem beschloss ich, alle Bilder in Farbe mit ins Buch aufzunehmen. Damit kostet das dicke Buch „2024“ gleich einmal 58 €. Die Jahrgänge 2021 bis 2023 werden aufgrund weniger Fotos um die 40€ kosten. Die siebzehn Jahre davor sind etwas günstiger. Aber der Preis ist mir egal. Es ist nur für mich und für mein Buchregal. Und ich mache das nur einmalig.
Und sonst so. Gerade sind ein paar Dinge in meiner Familie los, über die ich erstmal nicht schreiben will. Dafür wohnt seit ein paar Tagen ein Fuchs in unserer Straße und alle Nachbarn kennen ihn schon, weil er sich auch tagsüber ziemlich unscheu durch die Straße bewegt. Heute trafen wir ihn an einer Ecke mit dem Sperrmüll. Auf gestapelten Matratzen. Man kann es ihm nicht verübeln, dass er sich auf der weichen Unterlage wohlfühlte. Lustig fand ich auch, dass er sich nicht für meine Frau und mich interessierte, aber er seine ganze Aufmerksamkeit unserer Hündin widmete. Er verfolgte sie mit konzentriertem Blick. Er weiß sicherlich, dass er von dem Vierbeiner mehr zu befürchten hat als von den Zweibeinern. Die Hündin bekam das aber alles nicht mit. Dafür ließ er sich in aller Ruhe von uns ablichten.
Ich habe da mal was gebastelt. Einen Wortschatzzähler. Da könnt ihr eure Texte hochladen. Der Zähler wird die Gesamtzahl der Wörter zählen und daraus herausrechnen, wie viele einzelne Wörter ihr verwendet habt. Dabei wird berücksichtigt, dass zB „gehen“ und „ging“ nicht doppelt gezählt werden. Außerdem werden Satzzeichen und Ziffern ignoriert.
Der durchschnittliche deutsche Wortschatz einer gebildeten Person besteht aus 15.000 bis 25.000 Wörtern.
Um ein realistisches Bild eures Wortschatzes zu erhalten, müsst ihr schon eine ziemliche Menge an Text hochladen. Ich würde sagen, ab 100.000 Wörtern (das ist die Textmenge eines durchschnittlichen Romans) beginnt das Bild eures Wortschatzes, langsam Kontur anzunehmen.
Damit ihr seht, wie wichtig die Textmenge ist, sieht es bei mir so aus:
Wobei in der 1M viele alte Blogeinträge enthalten sind. Dort ließ ich nie eine Rechtschreibkorrektur drüber, deswegen wurden sicherlich haufenweise Typos mitgezählt.
Wenn ihr keine Romanfragmente, Manuskripte oder riesige Textmengen in euren Schreibtischschubladen liegen habt, können zumindest WordPress-Bloggerinnen das Plugin „MPL Publisher“ installieren und das gesamte Blog als TXT, Epub oder Word exportieren. Da dürfte sich im Laufe der Zeit einiges an Text angesammelt haben.
Die Wortschatzzählung funktioniert in allen Sprachen.
Was den Umgang mit den Daten betrifft: Die Dokumente werden direkt in eurem Browser verarbeitet, es wird nichts auf meinen Server oder irgendwo anders hin gesendet. Die Auswertung ist anonym.
Es würde mich dennoch freuen, wenn ihr mir eure Erfahrungen zuschickt oder meinetwegen auch öffentlich postet. Mich interessiert vor allem, wie sehr bei anderen der Wortschatz proportional mit der Textmenge wächst.
Dann wurde ich doch tatsächlich von einer Dame auf der Straße angeschnauzt. Sie stand mit dem Fahrrad an der Ampel. Weil sie so unfassbar träge startete, überholte ich sie ein bisschen abenteuerlich von rechts. Sollte man eigentlich nicht tun. Sie scherte während meines Überholvorgangs ein wenig nach rechts aus und es kam daher zu einer gefährlichen Situation. Sie erschrak. Ich hob im Vorbeifahren entschuldigend meine Hand und sagte: „Ups-schulljung.“ Tat mir ja leid, war mein Fehler. Sie schickte mir aber eine Salve Schimpfwörter hinterher. Es ist ihr gutes Recht.
Nichtsahnend fuhr ich dann weiter die Friedrichstraße hoch, immer weiter, passierte ein Dutzend Querstraßen, die Kronenstraße, Mohrenstraße, Jägerstraße, Französische usw. An der Kreuzung Unter den Linden hielt ich an der Ampel. Plötzlich näherte sich von hinten links eine hörbar wütende Frau auf dem Fahrrad. Sie war etwa zehn Jahre älter als ich und fuhr auf einem altmodischen Damenrad. Ich möchte mich nicht über ihr Äußeres äußern, ich würde mich nur des Lookismus verdächtig machen. Sie schnauzte mich an. Dass ich rücksichtslos Fahrrad führe, dass ich unverschämt Fahrrad führe, dass ich eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer sei. Es war ihr ein Anliegen gewesen, mich einzuholen und mir ihre Wut mitzuteilen.
Ich hörte es mir zuerst geduldig an, nickte dann und bestätigte, dass mein Überholmanöver gefährlich gewesen sei, dass es mir danach bewusst geworden war. Es täte mir leid. Das schien sie aber noch mehr in Rage zu bringen. Weil sie nicht aufhörte, sagte ich irgendwann, es reiche jetzt auch, sie bräuchte mich nicht zu belehren. Dann sprang die Ampel auf grün und ich ließ die dumme Nudel hinter mir. Drei Querstraßen weiter parkte ich mein Rad dann bei Dussmann. Auch sie hielt dort an, sie ging mit dem Fahrrad an mir vorbei und parkte ihr Rad unweit von mir. Ich glaube, sie nahm mich aber nicht mehr wahr. Zuerst ging ich hinein, bog links ab zur Belletristik, dann kam auch sie hinein, sie bog auch links ab. Ich verlor sie wieder aus den Augen. Danach sah ich sie bei den Regalen C-D-E. Sie stand bei Coelho. War ja klar, dass so eine Nudel Coelho liest. Sie schien sich dann aber doch nicht bei Coelho aufzuhalten, sondern griff zu den Büchern von Annie Ernaux. Dumme Kuh, hätte sie nicht bei Coelho bleiben können? Wäre mir einfacher gefallen, sie nicht zu mögen.
Für meine deutsche Staatsbürgerschaft brauche ich eine Geburtsurkunde. Keine Ahnung, wo man in Italien eine Geburtsurkunde beantragt. Deswegen rief ich auf der Gemeinde des Dorfes meines Vaters an. Zwar wohnte ich selbst in jenem Dorf nur drei Jahre lang, aber als ich aus Südtirol wegzog, blieb meine Familie dort permanent leben. Bis meine Mutter dreißig Jahre später auszog und sich in der Stadt niederließ, wo auch die Schwestern leben. Die Gemeinde ist sicherlich ein guter Startpunkt für die Suche nach meiner Geburtsurkunde.
Also rief ich dort an. Die Frau am anderen Ende der Leitung nannte ihren Namen. Es war die Tochter des Bauers unter der Hauptstraße, der Hof, wenn man nach der Kurve ins Dorfzentrum hineinkommt. Wir spielten früher oft Völkerball zusammen. Immer, wenn ich zu Besuch war. Wir waren zwölf oder dreizehn Jahre alt, damals wohnte ich noch nicht in dem Dorf, aber mein Vater begann, wieder Verbindungen zu seinem Geburtsort aufzubauen, also mussten wir die Wochenenden immer häufiger in diesem Dorf der unsympathischen Menschen verbringen. Ich hasste es. Ich hasste meine Cousins und damit hasste ich so ziemlich alles an den Aufenthalten dort. Die Cousinen, also die Mädchen, waren okay, aber die hatten irgendwie immer wenig zu melden, vor allem wenn die Jungs dabei waren. Wir spielten oft Völkerball oder dieses Spiel, bei dem man Kästchen mit Kreide auf den Asphalt malt und springen muss. Ich weiß nicht, wie das Spiel heißt. Allerdings habe ich auch nie die Regeln dieses Spiels verstanden, außerdem konnte ich auch nie nachvollziehen, was daran so spaßig war. Vielleicht waren die Regeln auch ganz einfach und ich suchte nur einen tieferen Sinn darin. Die Mädchen spielten das aber gerne und hatten sichtlichen Spaß dabei. Ich blieb immer lieber bei den Mädchen. Die Jungs fand ich scheiße. Aber ich sollte immer mit den Jungs was machen. Immerhin konnten wir uns auf Völkerball einigen. Das mochten die Jungs und auch die Mädchen.
Die Tochter des Bauers unter der Hauptstraße mochte ich sehr gerne. Wahrscheinlich mochte ich sie einfach, weil sie schön war. Sie hatte wasserblaue Augen und schaute immer etwas mysteriös. Das zog mich an. Schönheit löste bei mir oft Liebesgefühle aus. Es musste schön sein, jemanden mit solchen Augen zu lieben. Aber sie mochte nicht mich. Sie war immer sehr abweisend.
Als ich dann nach ein paar Jahren in das Dorf zog, hatten wir keinen Kontakt mehr. Auch nicht mehr mit den männlichen Cousins. Ich hasste das Dorf. Mit den Cousinen konnte ich hingegen gut. Eine von den Cousinen hörte gerne Punkmusik und machte gerne alberne und verbotene Sachen. Wir fanden naturgemäß zueinander. Die Tochter des Bauers unter der Hauptstraße schlitterte ein paar Jahre später in eine Anorexia Nervosa. Weiß nicht, wie sie das weggesteckt hat. Dass sie auf der Gemeinde arbeitete, wusste ich aber.
Als ich ihren Namen hörte, kam diese Erinnerung kurz hoch. Sie wusste sicherlich, wer ich war, sie reagierte aber ungerührt. In einer besseren Laune hätte ich sicherlich gesagt: „Hey, war immer schön damals beim Völkerballspielen.“ Das wäre lustig gewesen und ich hätte sie ein bisschen aus der Reserve gelockt. Ich war aber in keiner guten Laune. Auch nicht in einer schlechten Laune. Aber ich wusste, dass es ihr wahrscheinlich egal war. Und ich hatte keine Lust, den Clown zu spielen.
Danach googelte ich sie. Sie trägt wieder, oder immer noch ihren Mädchennamen. Es gibt genau ein einziges Foto von ihr im Netz. Sie hat noch diesen mysteriösen Blick. Aber sie sieht darauf aus wie Dreißig. Das Foto ist sicherlich alt.
Am Wochenende ist nicht viel passiert. Wir chillten hauptsächlich und lasen. Heute räumten wir die Wohnung auf, weil am Abend wieder meine Schwiegereltern kamen. Immer ein willkommener Anlass, zu putzen.
Spät am Abend fuhr ich dann zum Flughafen. Der Flug aus Göteborg hatte sich sehr verspätet. Derzeit höre ich beim Autofahren immer Hörbücher. Seit der letzten Schwedenreise (ich berichtete) fühle ich mich durch Hörbücher besser unterhalten als durch Podcasts. Nachrichten und Diskussionen nehme ich neuerdings lieber als geschriebenen Text auf, weil ich politische Podcasts häufig als zu hysterisch empfinde, vor allem wenn Männer (und es sind meist Männer) sich am Mikro aufgeregt unterhalten. Hörbücher funktionieren im Auto hingegen ganz wunderbar. Sie generieren einen Flow. Und ich kann da Bücher konsumieren, die ich zwar interessant finde, aber nicht interessant genug, um ihnen zu viel Lebenszeit widmen zu wollen. Das ist ja immer so mit Büchern: Man kauft mehr Bücher, als man lesen kann. Mit Hörbüchern kann ich jetzt selektieren. Bücher, denen ich meine volle Aufmerksamkeit widmen will, kaufe ich als Buch und Bücher, die mich nur interessieren, die ich irgendwann lesen werde, höre ich jetzt auf Autofahrten. So kann ich in dieser geisttötenden Zeit im Auto mein Bücherbacklog abbauen.
Zurzeit höre ich TC Boyle. Das ist so ein Fall. Interessiert mich zwar, aber (noch) nicht genug, um mich damit mit viel Vorfreude auf das Sofa zu verschanzen. Fürs Auto ist das aber perfekt. Auf dem Weg zum Flughafen war mir heute aber nicht nach TC Boyle. Ich überlege ja wieder, erotische oder pornographische Texte zu schreiben und sie unter Pseudonym als E-Book rauszuhauen. Das Thema lässt mich nicht los. Der letzte Versuch, eine pornographische Geschichte zu schreiben, ist leider zu einer Geschichte über die Liebe und über Freundschaft geworden. Was natürlich witzig ist und sich sicherlich psychologische Fragen aufruft. Aber das Thema lässt mich weiterhin nicht los. Dummerweise habe ich keine Erfahrung mit erotischer Literatur, deswegen lud ich mir heute ein Hörbuch herunter, das hunderte erotische Kurzgeschichten enthält. Als ich am Flughafen ankam, war ich der quirligen Mädchen im Internat und den kurzen Röckchen und den ausladenden Brüsten und kichernden Frauen ziemlich überdrüssig. Die Autorinnen sind laut Buchdeckel weiblich. Irgendwie kann ich mir aber nicht vorstellen, dass Frauen so über Sex schreiben.
Ich strenge mich wirklich sehr an, mich nicht über die Hitze zu beschweren. Wirklich.
Gestern war ich im Berliner Berg-Biergarten in Neukölln. Die ehemals kleine Hinterhofbrauerei hat jetzt ja ein ziemlich großes Fabrikgebäude auf einem Gewerbegebiet zwischen Treptower Park und Sonnenallee hingestellt und betreibt dort neben Braukesseln auch einen kleinen, feinen Biergarten. Damals, vor zehn Jahren, war ich ja einer der ersten Unterstützer, da sie eine Crowdfunding-Aktion angestoßen hatten, um die ersten Braukessel anzuschaffen. Ich gab ihnen 150€ (oder waren es 350€?) und dafür bekam ich eine Messingplakette mit deren Logo und auf der Hinterseite meinen Namen mit der Unterstützernummer: 10.
Mit dieser Plakette bekomme ich jeden Tag ein Gratisbier in deren Ausschank, so lange es sie gibt oder so lange es mich gibt. Früher, als sie noch in dem Neuköllner Hinterhof brauten, war ich öfter da. Seit sie aber die große Fabrikshalle gebaut haben, habe ich es nicht mehr geschafft, einfach weil es ein bisschen ungünstig liegt, ziemlich fernab von den üblichen Gegenden, in denen man sich sonst so herumtreibt.
Ich wusste gar nicht, ob die Messingplakette auch in der neuen Location funktioniert. Die Frau am Tresen wusste aber sofort Bescheid und schenkte mir ein großes Bier umsonst ein. Ich kam mir vor wie ein Veteran. Oder ein Sugardaddy aus dem Biermittelalter. Was auch immer das sein mag.
Dummerweise brauen sie nicht mehr das leichte Session-IPA. Es war mein Lieblingsbier und das perfekte Sommerbier. Sehr hopfig, aber nicht sehr alkoholisch. Natürlich wollte ich wissen, warum sie es eingestellt haben. Es lag offenbar an den drastisch gestiegenen Hopfenpreisen. Ein sehr hopfiges Bier braucht natürlich auch mehr Hopfen und damit wäre es so teuer geworden, dass es entweder niemand kaufen will oder sie draufzahlen würden. Kann ich nachvollziehen.
Eigentlich wollte ich bei solcher Hitze keinen Alkohol mehr trinken. Aber was soll ich machen. Endlich schaffe ich es mal ins Berliner Berg und dann glüht Berlin bei 34 Grad.
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Die Hitze ging heute weiter. Am Morgen traf ich die Travelling Lady, die gestern von ihrer Skandinavienreise zurückkam, auf einen Spaziergang mit unseren Hunden. Die beiden Tiere freuten sich tatsächlich, einander zu sehen. Das war sehr schön. Tagsüber schrieb ich endlich wieder an der langen Geschichte weiter. Es sieht so aus, als hätte ich wieder reingefunden. Dafür musste ich aber dreißig Minuten lang den vorangehenden Text lesen. Klar. Wusste ich vorher, aber mir fehlte der Zugang zu mir selbst, um dreißig Minuten lang einen fiktionalen Text von mir zu lesen. Heute tat ich es jedenfalls und ich fand mich in so einem Gedankenstrom wieder. Die Figuren sind wieder da, die Szenen sind wieder lebendig.
Später am Nachmittag traf ich meine Frau bei Dussmann in der Friedrichstraße. Sie musste ein Buchgeschenk abholen und ich wollte checken, was sie dort so an handlichen Büchern haben. Neuerdings kaufte ich mir ja Knausgård als handliche Taschenbuchausgabe. Seitdem bin ich von diesen Miniaturbüchern sehr angetan. Weil sie gut in der Hand liegen und auch weniger schmerzen, wenn man darunter einschläft. Aber das schrieb ich schon einmal.
Sie führten eine große Anzahl Titel, auch die Neuübersetzung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“, der man nun endlich den richtigeren deutschen Titel „Verbrechen und Strafe“ verpasst hat. Vor einigen Jahren sahen wir diesen Dokumentarfilm namens „Die Frau mit den 5 Elefanten“, einen Film über Swetlana Geier, eine charismatische, sehr alte Frau, die sich zwanzig Jahre Zeit genommen hat, um die fünf großen Bücher Dostojewskis in zeitgenössisches Deutsch zu übertragen.
Meine Frau sagte, ich solle das doch kaufen. Aber ich besitze das Buch bereits, noch mit dem alten Titel, es steht seit zwanzig Jahren ungelesen im Schrank. Dabei muss ich gestehen, dass Russen es bei mir derzeit sehr schwer haben, um mein Interesse zu wecken. Sind sie selber schuld.
Unter den Miniaturausgaben befand sich auch Goethes Werther. Ich habe noch nie etwas von Goethe gelesen, dafür war ich nicht lange genug auf der Schule. Später, als ich mir alles selber beibrachte, interessierte mich dieser manierliche Mann nicht genug. Was ich über die „Leiden des jungen Werthers“ allerdings weiß, ist die Tatsache, dass er eine Suizidwelle unter jungen Männern auslöste. Ich hab’s gerade nochmal gegoogelt. Ganz so schlimm war es wohl nicht, aber immerhin lässt sich bestätigen, dass sich ein gutes Dutzend Männer aufgrund dieser Schrift das Leben nahmen. In Südtirol gab es in den Achtzigern und Neunzigern auch größere Suizidwellen. Weil das immer eine große Medienresonanz auslöste, einigte man sich darauf, nicht mehr über Suizide zu berichten, um keine Nachahmungen anzustiften. Das beschäftigte mich damals ungemein, da ich selber einige Menschen kannte, die sich entweder das Leben genommen oder einen Versuch unternommen hatten. Diejenigen, die überlebten, wurden danach im Dorf anders behandelt. Sie wurden in Ruhe gelassen, sie schienen aber auch keine Fröhlichkeit mehr vorzutäuschen, sondern waren offen deprimiert, freudlos. Man sah sie alleine, auch in der Kneipe. Als Jugendlicher gruselte ich mich fast ein wenig vor den Überlebenden. Sie liefen mit einem unsichtbaren Stigma auf der Stirn herum. Fast so, als wären sie von den Toten zurückgekehrt.
Die Medien hörten jedenfalls mit der Berichterstattung auf. Wegen der Nachahmungen. Nachahmungen. Das beschäftigte mich. Als Teenager hegte ich durchaus romantische Gefühle für den Tod. In gewisser Hinsicht romantisierte ich auch den Suizid und dachte oft darüber nach. Nicht, dass ich je ernsthaft daran dachte, mir das Leben zu nehmen, aber sehr oft waren meine Suizidgedanken hypothetisch. Begleitet durch einen deprimierenden Soundtrack von elektrischen Gitarren. Ich konnte diese Nachahmungen nachempfinden. Dieses Reinrauschen, dieses befreiende Gefühl, mitgerissen zu werden. Dieses befreiende Gefühl, der Ausweglosigkeit durch einen Sog zu entkommen.
Ich weiß nicht, ob man heute noch so über Suizid schreiben kann. Dummerweise ist das vernünftigste Ende des Romans, an dem ich gerade schreibe, der Suizid von einer der drei Hauptfiguren. Es ist wirklich das einzig mögliche versöhnliche Ende. Aber ich finde auch, dass ich das so nicht bringen kann. Ein bisschen Zeit habe ich ja noch. Am Ende kommt es ja ohnehin immer anders, als man es geplant hat.
Jedenfalls kaufte ich auch nicht Goethe. Ich entschied mich für den Reisebericht einer französischen Frau namens Léonie d’Aunet, die 1838 eine Arktisexpedition begleitete. Das war vor fast 200 Jahren und sie reiste übers Land, von Frankreich nach Rotterdam über Hamburg und Kopenhagen, durch viele Orte, die ich letztjährigen Sommer und im Jahr davor auch bereiste bzw. Orte, die ich von meinen Schwedenreisen kenne. Helsingborg, Göteborg, Linköping, Sundsvall, Gävle, Umeå, Luleå, Karesuando, Nordkapp usw. Sie reiste dann weiter nach Spitzbergen. Damals gab es dort noch nicht einmal Longyearbyen. Longyearbyen wurde erst 80 Jahren später gegründet. Sie schrieb noch ein paar weitere Romane, aber in Frankreich wurde sie wegen dieses Reiseberichtes berühmt. Das Buch wurde erst jetzt, 2024, im Mare Verlag auf Deutsch veröffentlicht. Ich freue mich sehr darauf.
Abends zuhause schauten meine Frau und ich dann Aki Kaurismäkis „Wolken ziehen vorüber“. Jetzt bin ich aber ein bisschen zu müde, um noch dieses Fass aufzumachen. Außerdem drücke ich mich die ganze Zeit davor, aktuelle Nachrichtenseiten zu öffnen, die gerade von den beiden Unterhändlern in Alaska berichten werden. Ich möchte das erst morgen lesen, keine negativen Gefühle mit in den Schlaf nehmen. Einen ganz einfachen Gedanken zum Film kann ich jedoch noch loswerden: Die ganze Zeit fiel mir auf, wie russisch bzw. osteuropäisch Finnland in dieser Zeit noch war, während ich Finnland in den letzten Jahren immer sehr europäisch wahrnahm. Bei Kaurismäki wirkt Finnland immer eher baltisch als skandinavisch. Ich habe noch keine weiterführenden Gedanken dazu. Wird mich aber beschäftigen.