[Do, 19.3.2026 – Fahrscheine, Moabit, Sehschärfe]

Als ich jung war, fuhr ich gerne schwarz. Als ich älter wurde, kaufte ich mir gelegentlich ein Ticket. Je älter ich wurde, desto öfter kaufte ich mir ein Ticket. Irgendwann hörte ich jemanden sagen, dass es vernünftiger sei, entweder immer schwarz zu fahren, oder immer ein Ticket zu kaufen. Wenn man beides ein bisschen tut, dann gibt man viel Geld für Tickets aus und wird trotzdem ab und zu erwischt. Das leuchtete mir ein. Weil ich mittlerweile etwas älter geworden war, fuhr ich also nicht mehr schwarz.

In Berlin kostet ein Fahrschein jetzt 4€. Vor noch wenigen Jahren lag der Preis bei 2,10€. Im Mai erhalte ich ein Jobticket, für den April bestellte ich mir ein Abo, und in der Zwischenzeit kaufe ich brav jeden Tag zwei Karten. Gestern Abend hatte ich aber einen beruflichen Termin in Mariendorf. Ich war ein wenig abgelenkt, ich hörte den Podcast „Berliner Zimmer“ mit Judith Gridl und Klaus Rathje in einer sehr aufschlussreichen Folge mit Roswitha Quadflieg, die ein paar beeindruckende Bücher über ihre Familienmitglieder geschrieben hat. Darüber redet sie in der Folge. Davon war ich so gebannt, dass ich vergaß, mir ein Ticket zu kaufen.

Mit dieser Einleitung erübrigt es sich, zu erwähnen, dass dann Kontrolleurinnen in den Abteil stiegen.

Heute früh war ich dann ein wenig schusselig unterwegs. Nicht wegen der Strafe, sondern wegen der Hundelogistik. Normalerweise trödle ich morgens unendlich lange vor der Kaffeemaschine und dem Computer. Wegen des neuen Jobs muss ich mit der Hündin aber schon um 7 Uhr eine Runde drehen. Weil ich zu Hause dann trotzdem immer noch trödelte, geriet ich heute in plötzliche Eile. In der S-Bahn fiel mir schließlich auf, dass ich meine Lesebrille vergessen hatte. Ohne Brille kann ich mittlerweile keine Buchstaben mehr auf dem Telefon erkennen. Daher hörte ich in der Bahn ziemlich viel Schrott, bevor ich den richtigen Podcast erwischte. Mit dieser miesen Sehschärfe konnte ich aber unmöglich in die Firma fahren, deswegen nahm ich einen Umweg zum Drogeriemarkt, um mir eine billige Lesebrille zu beschaffen. Problem dabei: Finde mal ein D‑M auf deinem Telefon, wenn du keine Lesebrille hast. Ich arbeite jetzt in Moabit und kenne das Angebot der Geschäfte dort noch nicht, aber auf der Karte erkenne ich Moabit immerhin grob an der Stadtstruktur. Im Norden Ring und Wasser und unten der Tiergarten. Irgendwo in der Mitte die beiden parallel laufenden und dann abknickenden Straßen mit dem kleinen Park dazwischen.

Genau da, unweit des Knicks, gab mir Maps eine rote Markierung, ein D‑M. Fuhr ich also hin. Nächste Hürde: Finde eine Lesebrille in Sehstärke 2,5, wenn du nicht lesen kannst. Lifehack: Nimm eine beliebige Brille aus dem Regal und setze sie auf. Hat dann geklappt.

[Fr, 20.3.2026 – Moabit, Nachtgleiche, Männer]

Moabit ist ein wirklich sehr schöner Stadtteil. Und wesentlich sauberer als Friedrichshain. Dabei sieht man, dass Moabit arm ist. Aber anders arm als Neukölln. Jemand sagte einmal, Neukölln sei aufregend arm, Moabit hingegen spießig arm. Das Bild ist etwas pietätlos, aber ich verstand schon den Gedanken dahinter.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir ist in Moabit geboren und aufgewachsen. Die ersten vierzig Jahre seines Lebens wohnte er in der gleichen Straße. Zuerst mit der Mutter in der Nummer sieben. Mit achtzehn Jahren zog er mit seiner schwangeren Frau in die 26. Dort lebten sie mehr als 20 Jahre lang. Jetzt sind sie zwei Straßen weiter gezogen. Eine ganz andere Welt, wie er scherzhaft sagt. Er liebt Moabit und schwärmt immer davon. Wir haben noch viel Kontakt. Jetzt wohnt er praktisch um die Ecke meines neuen Büros. Nächste Woche gehen wir Mittagessen. Wir wollten uns noch über ein paar Projektthemen austauschen.

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Heute ist übrigens Nachtgleiche. Überall auf der Welt dauert der Tag etwa 12 Stunden. Sogar in Longyearbyen. Vor wenigen Wochen ging dort das erste Mal die Sonne auf, jetzt dauert der Tag schon 12 Stunden. Am Nordpol ging heute das erste Mal die Sonne auf und bleibt jetzt sechs Monate lang am Himmel.

Just saying.

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Christian schreibt ein paar sehr gute Gedanken über Männer auf. Wegen Christian Ulmen. Frau Fragmente schrieb vor einiger Zeit irgendwo, dass sie es mit schlecht regulierten Männern zu tun habe. Unregulierte Männer. Die meisten Männer kommen immer irgendwie durch.

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Ah, Chuck Norris ist gestorben. Chuck Norris hatte nie eine Bedeutung für mich. Er hat sich erst durch die zahlreichen Memes der letzten Jahre in mein Bewusstsein gedrängt. Vielleicht war ich zu jung dafür. Als mir die ersten Härchen an der Oberlippe wuchsen, waren meine Actionhelden Schwarzenegger und Stallone. Alle diese männlichen Ikonen sind übrigens Republikaner geworden. Zwei davon Trumpisten. Schwarzenegger blieb immerhin Trump-Gegner. Da wird es sicherlich eine Verbindung geben zwischen adoleszenten Heldenfiguren und dem rechten Spektrum.

[So, 22.3.2026 – Montana, Haus, Bekwäm]

Wir schauten heute die ersten beiden Folgen von „The Madison“, der neuen Serie von Taylor Sheridan, der mit seiner Darstellung Amerikas häufig den Eindruck erweckt, etwas berauscht von der konservativen Idee des Landes zu sein, wobei er bekräftigt, von keinem politischen Lager eingenommen werden zu wollen. Ich glaube, er verabscheut nur Menschen aus der Stadt. Er weiß es, wirklich große Geschichten zu erzählen, die zudem mit fantastischen Frauenfiguren in Hauptrollen besetzt sind.

Montana. Wieder einmal Montana. Michelle Pfeiffer. Diese Frau wird in zwei Jahren siebzig. Und sie wird mit jedem Jahr schöner.
(Ja, klar, gestrafft und so. Aber trotzdem)

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Gestern mit meinem Vater telefoniert. Er will jetzt sein Haus verkaufen und in eine kleine Wohnung ziehen. Das Haus deprimiert ihn nur noch. Es ist sein ganzer Traum gewesen, aber es ist zu groß für ihn alleine, er kann es nicht mehr putzen, und in ein paar Jahren kann er vielleicht keine Treppen mehr laufen. Hätte er noch eine Frau, wäre es vielleicht etwas anderes, aber weil schon seit einigen Jahren keine Frau mehr in sein Leben kommt, empfindet er das Haus nur noch als Belastung, er will es nicht mehr, er sieht keinen Sinn darin, er will sich jetzt verkleinern, bescheidener leben, sich auf die wahren Dinge konzentrieren.

Das erstaunte mich sehr. Das Haus in seinem Heimatdorf bedeutete ihm viel. Ich empfand es als eine Art Lebensziel. Er baute es sich mit fünfzig. Oder vielleicht war er sogar schon älter. Strenggenommen ist es gar kein Haus, sondern eine Doppelhaushälfte, nichts Besonderes eigentlich, zwei Etagen und ein Dachgeschoss mit einem Keller. Aber es war der Anker in seinem Heimatdorf.

Den Schritt, dieses Haus zu verkaufen, finde ich ungemein mutig. Das sagte ich ihm auch so. Ich empfand die Entscheidung auch wie einen nüchternen Schritt hinein in den Lebensabend. Das sagte ich ihm aber nicht. Vielleicht hätte er diesem Gedanken auch zugestimmt. Weil mutig, das war er immer.

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Kreissäge. Meine neue Akku-Kreissäge. Ich sage es mehrmals pro Tag, wenn ich am Wochenende damit baue: „Woah, ich liebe diese Kreissäge.“ Meine Frau nimmt es zur Kenntnis und es freut sie, dass ich schöne Konstruktionen in ihr Zimmer baue.

Heute sägte ich damit meinen „bekwäm“-Hocker an.

Gestern bohrte ich aber auch ein Loch in meinen geliebten Dielenboden. Das lag jedoch nicht an meiner geliebten Kreissäge. Das lag an meinem geliebten Bohrer.

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[Di, 24.3.2026 – Höhö-Gelaber, Weisskrautpesto, Nationalbibliothek]

Das Bedürfnis, mich von Männern distanzieren zu wollen. In der Bahn, im Supermarkt, auf der Straße. Ich meine: Ulmen saß zehn Jahre lang neben seiner Frau auf dem Sofa, während er mitbekam, wie sie sich von vermeintlich fremden Männern da draußen im Netz terrorisiert fühlte, und er davon sprach, ein Feminist zu sein. Er entschuldigte sich offenbar mit der Begründung, dass er da so einen Fetisch habe. Aber das ist halt kein „Fetisch“.

Ich kenne dieses empathielose Höhö-Gelaber über Sex, wenn Männer unter sich sind. Es passiert nicht oft, und es ist ein gewisser Typus Mann, von dem das immer ausgeht. Da schreitet aber nur selten jemand dazwischen. Viele wenden sich ab. Manche bleiben aber. Es ist eine stille Zustimmung. Als Chef fiel es mir natürlich immer leicht, das zu unterbinden, aber dann heißt es: Ist doch nur Spaß. Die Botschaft, die ankommt, ist: Chef ist prüde. Und ich weiß auch, dass es ohne mich weiterhin passieren wird.

Wir reden zu wenig über Sex. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Und sonst habe ich Weißkrautsalat mit Knoblauch und Basilikum gegessen. Es war eine Idee meiner Frau. Es schmeckt wie kalte Pestonudeln. Aber ohne die Kalorien.

Ich sagte mehrmals so Sachen wie „Woah!“.

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Beim Suchen nach dem Springwegbuch im Internet habe ich gesehen, dass die Novelle jetzt auch im Katalog der Nationalbibliothek geführt wird. So ein Archiv ist atomkriegssicher, oder? Woah!.

Und jemand führte in ihrem Jahresrückblick die Novelle als das überraschendste Buch in 2025. Das zu lesen, freute mich wirklich sehr. Eine Überraschung zu sein, ist eine gute Sache.

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