[Fr, 29.5.2026 – Mähmaschine, Haar, attackierende Nebelkrähen]

Nur eine Woche weg gewesen und das Gras im Park ist plötzlich kniehoch geworden. Vorletzte Woche ähnelte die Wiese noch einem Tundraboden. Heute kam dann schon die große Mähmaschine. Das ist eine beeindruckende Maschine mit einem tiefen Sound. Ein ganz anderes Kaliber als mein 300-€-Mäher. Die Maschine vom Grünflächenamt ist eher ein kleiner Lastwagen mit eingebautem Schneidewerk und auf der Ladefläche befindet sich der Sammelbehälter für geschnittenes Gras. Ich schaute der Maschine eine ganze Weile bei der Arbeit zu, vor allem das Entleerungsmanöver fesselte mich. Wie die Maschine ihren Sammelbehälter in einen großen Baucontainer umlud. Neben mir standen zwei Schuljungs, die auch ziemlich beeindruckt waren. Sogar meine Hündin machte große Augen.

Abends war ich dann bei der Friseurin. Weil ich in meine Haare so viel Pomade eingearbeitet hatte, wollte ich vorher nach Hause, um sie zu waschen, aber ich kam so spät aus dem Büro raus, dass ich mich verspätete, also fuhr ich direkt zu ihr. Ich weiß nie so gut, ob es moralisch verwerflich ist, mit schmutzigen Haaren zur Friseurin zu gehen, zumal mich diese Friseurin nie zu ihrem Waschbecken bittet. Sie schneidet die Haare einfach im trockenen Zustand. Vor vielen Jahren war ich einmal bei einer Friseurin, die zog sich Plastikhandschuhe an, als sie mir die Haare schnitt. Ich glaube, es lag nicht an mir, weil sie die Handschuhbox prominent auf ihrem Wägelchen platziert hatte und ich an jenem Tag mit frisch gewaschenen Haaren erschienen war. Wie eigentlich immer. Ich fühlte mich dennoch komisch. Aber nachvollziehbar. Ich hätte echt keine Lust, den ganzen Tag mit meinen feuchten Händen in der Kopfbehaarung von anderen Menschen herumzufummeln. Aber ich habe auch einen anderen Beruf gewählt.

Meine Frau wurde heute von zwei Krähen angegriffen. Sie hatte bereits von ihrem Büro aus einen länger währenden Vogellärm wahrgenommen, es gab aber keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen. Beim Verlassen des Büros wurde sie dann von zwei großen Nebelkrähen attackiert, die es gezielt auf ihren Kopf abgesehen hatten und zwei Mal richtig fest darauf einhackten. Danach legte sie sich schützend ihre Tasche über ihren Kopf.

Nun ist es nichts Ungewöhnliches, in Berlin von Nebelkrähen attackiert zu werden. Aber die Vögel konnten nicht wissen, dass meine Frau ungefähr die größte Krähenliebhaberin südlich von Westeros (Västerås) ist. Lustigerweise passt meine Frau optisch in die Riege der Hitchcock-Schauspielerinnen und hätte die Rolle von Tippi Hedren in Hitchcocks Film „Das Federvieh“ locker übernehmen können. Ich stellte mir die Szene heute ungemein ästhetisch vor.

Seltsam offene Enden heute.

[Sa, 30.5.2026 – Simona]

Magen-Darm. Vor allem Darm. Schon seit Freitag. Aber Freitag ging ich noch ins Büro. Vielleicht nur eine Verstimmung. Heute kamen dann Müdigkeit und kleines Fieber dazu. Immerhin ein triftiger Grund, viel Zeit im Bett oder auf dem Sofa zu verbringen. Wobei ich so müde war, dass ich immer nach wenigen Seiten einschlief. Mir war warm und kalt zur selben Zeit. Ich war leidlich.

Meine Frau musste auf ihrem Telefon irgendein Verifikationsverfahren durchführen. Dabei saß ich ihr schräg gegenüber. Ich saß dort schwitzend, nur in Unterhose bekleidet, auf einem Sessel. Beim Verifikationsverfahren musste sie einen Videocall starten. Es meldete sich eine osteuropäisch klingende Frau namens Simona. Beim Videocall öffnete sich allerdings nicht die Selfie-Kamera, sondern die normale Kamera, und damit erschien ich in voller Pracht mit haarigem Bauch auf Simonas Bildschirm. Simona sagte „There’s somebody else in the room with you.“ Meine Frau stammelte „Yes it is my husband.“ während sie versuchte, die Kamera umzuschalten. Ich musste den Raum verlassen. Die Kamera ließ sich nicht steuern, vermutlich hatte Simona die Kontrolle darüber, also stand ich auf und verließ den Raum. Danach ging die Kamera auch in den Selfie-Modus.

Seitdem muss ich oft an Simona denken.

[So, 31.5.2026 – Pasta al bianco]

Am Freitag war es nur Darm. Gestern war es Magen. Heute wurde es Magen-Darm. Seit dem Abend geht es mir aber geringfügig besser. Immerhin verlor ich ganze vier Kilo als Gewicht. Es kommt aber sicherlich wieder hoch. Das Gewicht. Das Essen vielleicht nicht mehr.

Am frühen Abend saßen wir draußen auf dem Balkon im Schatten. Ich war fast unbekleidet, meine Frau hatte mir die Bettdecke mitgebracht. Dieser Mix aus warm und kalt. Sie trank ein Glas Weißwein. Ich trank Wasser.

Am Morgen sagte sie, sie würde mir am Abend eine Pasta al bianco machen. Also weiße Nudeln mit Parmesan und etwas Olivenöl. Darauf freute ich mich den ganzen Tag lang. Obwohl ich sonst nichts hinunterbekam. Als ich am Abend die Nudeln aß, waren die richtig lecker. Ich fragte mich allerdings, wie ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesankäse freuen konnte. Ich sagte zu meiner Frau: Wie hast du es eigentlich hinbekommen, dass ich mich den ganzen Tag auf weiße Nudeln mit Parmesan freuen konnte? Sie sagte: Schmeckt gut, oder? Ich nickte.

[Mo, 1.6.2026 – Flagge, DI.DAY]

Letzten Herbst in Grönland kaufte ich eine Grönlandunterhose. Also eine Unterhose in den Farben der grönländischen Nationalflagge. Die ist total instagrammable. Heute trug ich diese Hose und jedes Mal auf der Toilette dachte ich: Mensch, total instagrammable. Jedoch bin ich von der Persönlichkeit her nicht jemand, der sich in Unterhose auf Instagram darstellt. Glücklicherweise kaufte ich damals auch eine Tasche, die dasselbe darstellt, aber eben nicht als Unterhose.

Ich war heute wieder im Büro. Es ging mir wieder besser.

Am Sonntag ist wieder DI.DAY (Digital Independence Day – Wikipedia Link). Ich habe jetzt alle Big-Tech-Software ersetzt, auf die ich 1. eher leicht und auf die ich 2. mittelschwer verzichten kann. Der nächste große Schritt wäre, Facebook, Insta und WhatsApp von meinem Telefon zu entfernen, damit sie wenigstens auf meinem Telefon nicht mehr mitschneiden. Auf dem Desktop kann ich sie etwas kontrollierter weiterverwenden. Oder ich schmeiße komplett WhatsApp raus und verwende nur noch Signal. Eigentlich muss ich nur noch meine Familie überzeugen. Andererseits bekomme ich Ende Juni das Jolla-Phone aus Finnland, damit entledige ich mich auf einen Schlag des gesamten Google-Ökosystems. Zudem stelle ich gerade die Firma auf digital souveräne Beine um. Damit befülle ich mein DI.DAY-Karmakonto für die nächsten Jahrzehnte.

Ich müsste mal eine Tabelle erstellen, um das alles zu tracken. Am Ende des Lebens stehe ich dann vor den Toren des Souveränitätshimmels und kann stolz eine ODF-Tabelle vorzeigen und muss nicht lang herumdiskutieren.

[Mi, 3.6.2026 – Hundeghosting]

Die Hündin schlief letzte Nacht wieder alleine. Das dritte Mal in vier Jahren, wenn ich richtig gezählt habe. Also. Prinzipiell finde ich das ja gut. Ich finde ohnehin, dass sie zu sehr an mir hängt. Sie ist dauernd bei mir, macht immer das, was ich auch mache. Sitze ich irgendwo, sitzt sie auch, lege ich mich ins Bett, legt sie sich auch schlafen. Arbeite ich in der Küche, liegt sie da und schaut mich an. Gehe ich durch die Wohnung, geht sie mit, gehe ich aufs Klo, kommt sie auch. Ich unterbinde es schon seit Langem, dass sie mitkommen darf, ich sage dann, dass sie liegen bleiben soll, bin ich aber zu lange weg, kommt sie irgendwann trotzdem. Beim Schlafen liegt sie immer am Boden vor meinem Bett. Mitten in der Nacht wechselt sie dann in ihr Bettchen, das zwei Meter weiter liegt.

Sie ist jetzt viereinhalb. In Menschenjahren ist sie Anfang dreißig, eigentlich ist ein Auszug aus der Wohnung längst überfällig, aber so sind wir Daddys nun mal, wir wollen das ja nicht forcieren.

Jetzt schlief sie die ganze Nacht alleine. Die letzten beiden Male war ich betrunken gewesen. Schon damals empfand ich es als Liebesentzug. Allerdings war ich nachsichtig, ich würde auch nicht neben so einem stinkenden Kerl liegen wollen. Aber gestern hatte ich Salat und Wasser.

Wie gesagt. Eigentlich finde ich es gut, wenn sie ein wenig selbstständig ist. Aber dieses anlasslose Geghoste ist schon kindisch.

[Do, 4.6.2026 – Wikingerkunde]

Eigentlich wollte ich heute saufen gehen. Ich hatte einfach Lust zweidreivier Bierchen zu trinken. Es fand sich aber niemand. Also schaute ich eine Doku über Wikinger und trank Sprudelwasser dazu. Es wunderte mich immer, dass Wikinger nie deutsches Gebiet eroberten, dafür aber ständig England und Frankreich überfielen. Sogar die Niederlande wurden großflächig attackiert. Und auf der anderen Seite hinter dem heutigen Polen begründeten sie das, was heute Russland und die Ukraine sind, und sie kamen bis nach Konstantinopel. Aber deutsche Lande: nicht. Ja, es gab Überfälle auf Trier und auch Hamburg. Aber sie siedelten nie an. Anders als überall anders. Jetzt weiß ich, warum. Das ostfränkische Reich (also das, was man heute grob zu Deutschland zählen kann) hatte um 800 herum einfach ein gutes Militär. Es zahlte sich nicht aus, die zu überfallen.

Aha.

Man hätte denken können, das Desinteresse lag am schlechten Essen, das man hier vorfand, schließlich war die Nahrung in Skandinavien noch viel schlechter. Aber in England und Schottland gab es damals auch noch kein Curry. Jaja, ich finde den Witz auch nur mittelmäßig.

Später zogen sie nach Island und Grönland. Unterhielten dort ziemlich prosperierende Siedlungen. Sie zogen weiter nach Nordamerika, wo sie allerdings durch äußerst feindlich gesinnte Bewohner bekämpft und vertrieben wurden. Später gaben sie auch Grönland wieder auf. Niemand weiß, warum. Obwohl dort niemand wohnte, denn wie ich letzten Herbst in Nuuk gelernt habe: Die heutigen Inuit sind nämlich auch eher neu auf der Insel, sie kamen erst nach den Wikingern.

So. Kleiner Geschichtsunterricht.

[Sa, 6.7.2026 – Beim Drink und mit Sonnenblumen]

Gestern Abend traf ich einen ehemaligen Mitarbeiter auf ein paar Drinks. Wir arbeiteten ’18-’19 zusammen in einem ursprünglich mit DHL-Geld gegründeten E-Commerce-Unternehmen, mit dem die DHL vornehmlich Prototypen für Kühl-Lieferungen testen wollte. Ein Jahr, nachdem ich an Bord gekommen war, wurde die Firma an einen autoritären Logistiker aus Niedersachsen verkauft, der zuerst die ganze Geschäftsführung rausschmiss und danach den Marketingchef und mich in die erste Führungsebene nachrücken ließ. Der neue Geldgeber wollte sein eigenes Logistiksystem testen, das für unsere Zwecke völlig unausgereift war, und forderte entgegen unserer Ratschläge Änderungen am Geschäft, wonach wir ein halbes Jahr später 120 Leute entlassen und die Firma schließen mussten.

Mit den meisten aus meinem Team blieb ich noch lange in Kontakt. Wir trafen uns weiterhin gelegentlich auf ein Bierchen, die Treffen wurden dann aber seltener und die Runden kleiner. Irgendwann waren alle in neuen Firmen untergekommen und hatten wieder neue Teams, mit denen sie Bier trinken gingen. Ich treffe bisweilen noch einzelne. So auch ihn. Er kommt aus dem Iran und natürlich beschäftigt ihn der Krieg. Anfangs gab es viele Trumpfans unter den Exiliranern, das hat sich aber rasch wieder gelegt. Seine Familie lebt glücklicherweise im fernen Osten des Landes, dort findet der Krieg nicht statt.

Wir redeten über eine App, die er entwickelt hat. Er erzählte mir von seiner Geschäftsidee. Technisch ist das Projekt abgeschlossen, die Schwierigkeit ist jetzt, Kunden zu finden. Ich empfahl ihm, sich einen Partner zu suchen, der Sales oder Marketing kann. Am besten beides. Jemand, der von Restaurant zu Restaurant geht und die Menschen von der App überzeugt. Er fragte mich, ob nicht ich sein Partner werden möchte. Ich entgegnete aber, dass ich kein guter Vertriebler bin. Es liegt nicht in meiner Persönlichkeit, etwas zu verkaufen. Am Ende verblieben wir aber so, dass ich mir Gedanken dazu machen würde.

Heute feierte Sabine ihren 60. Geburtstag. Bei sich zu Hause im Märkischen Viertel, mit Freunden und einem kleinen Buffet. Sehr nett. Benny und seine Frau waren da und Tanja mit ihrem Freund. Und viele andere Menschen, die ich aber alle nicht kannte. Sabine wollte keine Geschenke, falls aber jemand nicht ohne Geschenke kommen wolle, dann könne man ihr Pflanzen für den etwas leeren Balkon mitbringen. Natürlich standen auf dem Balkon dann ungefähr so viele Pflanzen wie Menschenpaare. Ich entschied mich für Sonnenblumen. Der Winter war schließlich lang und dunkel gewesen.

Gegen 16:00 Uhr machten wir einen Rundgang durchs Viertel. Das Märkische Viertel kennen die meisten Menschen ja nur aus der Zeitung oder von Sido. Ich hatte sie letztes Jahr schon einmal besucht und natürlich entspricht das Viertel den vielen Klischees. Was man mit dem MV allerdings nicht so direkt in Verbindung bringt, sind die vielen, direkt daran angrenzenden Grünflächen. Eigentlich liegt das MV in einer Art grünem Biotop. Wir spazierten durch Feuchtgebiete und verwachsene Landschaften mit Schilf oder Eichen.

Am frühen Abend kam ich dann wieder zurück. In meiner Straße erkannte ich am Straßenrand meine Frau. Sie saß in einem dieser hölzernen Parklets, die man in Berlin überall gebaut hat. Sie saß dort mit der Hündin in der frühen Abendsonne. Dort hatte sie auf mich gewartet, weil sie ja wusste, dass ich kommen würde. Sie sagte, ich solle das Auto parken, und dann würden wir einen Aperitif trinken gehen.