[Sa, 24.1.2026 – in der Stadt, undsoweiter]

Also fuhr ich in die Stadt. Anstatt direkt mit Bus und U-Bahn hineinzufahren, sparte ich mir den Bus und lief stattdessen an der Alster entlang die halbe Stunde bis zur U-Bahn. Die Strecke wurde mir von Kolleginnen empfohlen, weil sie so schön ist. Man läuft da die ganze Zeit zwischen Wasser, Kleingärten und Villenhäusern. Ab Lattenkamp nahm ich dann die U-Bahn, fuhr bis Jungfernstieg und lief meine alte Fahrradstrecke über Rödingsmarkt, Baumwall und dann zur Kehrwiederspitze. Kehrwiederspitze. Den Namen fand ich damals sehr romantisch. Ich war ich sicherlich nicht der einzige.

Die Elbphilharmonie ist imposant, aber nicht so grazil wie gedacht. Sie ist etwas klobig. Das Dach ist allerdings schon sehr ikonisch. Ich würde mir wünschen, in Berlin würde man solche ästhetischen Bauten aufstellen lassen, aber alles, was irgendwie ikonisch oder schlichtweg geil aussieht, wird in Berlin nicht genehmigt, weil es nicht ins Stadtbild passt. Ich frage mich dann immer: Habt ihr schon mal das Berliner Stadtbild gesehen? Willst du da wirklich etwas passend machen?

Bei minus drei Grad wurde mir nach einer Stunde Rumlaufen ziemlich kalt, deswegen verschanzte ich mich auf dem Rückweg in der Europapassage am Jungfernstieg. Als ich in Hamburg wohnte, befand sich die Europa Passage gerade im Bau, und ich kann mich erinnern, dass mehrere denkmalgeschützte Gebäude dafür abgerissen wurden. Ganz verstanden habe ich den Move damals nicht. Das waren meine ersten Jahre in Deutschland und ich empfand deutsche Städte aufgrund der Zerstörungen im Krieg und des lieblosen Wiederaufbaus größtenteils als sehr hässlich. Ja, vor allem Hamburg. Dass man sich dann noch der letzten, und allgemein als schön empfundenen alten Bausubstanz wegen einer Einkaufspassage entledigt, war für mich nicht nachvollziehbar. Immerhin gibt es jetzt einen Food Court. Yay. Heute gab es einen großen Andrang bei einem Dönerladen namens Honest Kebab. Davor stand eine lange Menschenschlange, die sich einmal um den gesamten Food-Court-Bereich wickelte.

Ich ging aber zu Thalia und kaufte mir „Trophäe“ von Gaea Schoeters. Dieser Roman wird von allen Menschen, die ihn gelesen haben, als mega (oder mit einem anderen positiven Adjektiv) beschrieben. Es handelt von einem reichen Großwildjäger, der in Afrika ein Nashorn schießen will. Ja, genau, interessiert kein Schwein, soll aber wirklich gut sein.

Auf der Rückfahrt in der U-Bahn lag ein vergessenes, dickes Buch auf der Bank. Die Graphic Novel „The Crow“ von James O’Barr. Eigentlich wollte ich das Buch ignorieren. Ich ignorierte es etwa 5 Minuten lang, dann griff ich dennoch danach und blätterte darin. Mit der Kunstform Graphic Novel bin ich leider nicht besonders vertraut, es gibt aber ein großes Publikum dafür, also muss ja etwas dran sein. Die Bilder fand ich sehr ästhetisch. Viele haben Potenzial für Tattoomotive. Zuerst wollte ich es weglegen, als sich dann aber meine U-Bahn-Station näherte, schob ich das Buch unter meine Jacke und nahm es mit.

Danach lag ich auf meinem Bett und las darin.

Am Abend traf ich mich mit Axel. Axel war mein erster deutscher Freund, als ich in 2003 von Madrid nach Hamburg zog. Ich arbeitete damals für Sun Microsystems in Spanien und er für die gleiche Firma in Hamburg. Weil ich in Madrid gekündigt hatte, aber meine Freundin in Hamburg wohnte, konnte ich die letzten Monate meines Vertrages im Hamburger Büro verbringen, und dort lernte ich eben Axel kennen, der dieses Fotoblog auf blogger.de hatte. Wir fanden sofort zueinander und verabredeten uns schließlich auch privat, tranken abends Bier und gingen zusammen auf ein Bloggertreffen im Karoviertel, auf dem wir Kid37 und Lyssa kennenlernten. Danach trafen wir auch weitere Blogger undsoweiter. Das war eine gute Zeit.

Wir redeten gar nicht so viel über die alte Zeit, wir redeten viel mehr über das Älterwerden. Ich will das hier jetzt gar nicht ausbreiten. Aber jeder wird auf seine eigene Art alt. Ich habe immer Angst davor, im Alter einsam zu sein. Axel hat das hingegen gar nicht. Er ist gerne alleine. Auch im Alter. Das war das erste Mal, dass ich diese Ansicht hörte.

Morgen in Belgrad wird es 12 Grad messen. Mit meiner Winterjacke werde ich wie ein Barbar wirken, etwas Leichteres habe ich aber nicht dabei.

[Fr, 23.1.2026 – Oderquelle, Kaispeicher A]

Die Oderquelle in der Oderberger Straße schließt. Dort hatte ich das erste Date mit meiner Frau. Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Jemand hatte mir das Lokal empfohlen, wahrscheinlich, weil ich damals ständig nach Restaurants suchte, die moderne deutsche Küche anboten, ich war schließlich noch relativ neu in diesem Land und neugierig. Die Oderquelle pries ihre Küche als „brandenburgisch international“ an, der Claim gefiel mir. In späteren Jahren waren wir noch oft dort, wir brachten die meisten unserer Gäste in die Oderquelle.

Viele Jahre später, als ich bereits Herthafan war, fand ich heraus, dass die Gastwirtschaft, die im Jahr 1892 in denselben Räumlichkeiten residierte, auch das erste Vereinsheim von Hertha BSC war. Vor mehr als 130 Jahren. Diese Erkenntnis verschmolz damals zu einer quasireligiösen Fügung.

Die Betreiber der Oderquelle machten aber nie etwas aus dieser Geschichte. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, hatten die eher etwas mit dem SC Freiburg am Hut. Das letzte Mal waren wir vor drei Jahren dort. Es fühlte sich bereits ein wenig aus der Zeit gefallen an. Nicht gut aus der Zeit gefallen, sondern eher etwas lahm. Keine alten Leute, die einfach ihr Ding machen, sondern mittelalte Leute wie ich, die mit den Berliner Neunzigern oder Nullerjahren sozialisiert sind. Aber es passte nicht mehr. Als ich vor drei Jahren dort war, hatte das Lokal keinen guten Vibe. Das Personal war mies drauf, die Gäste waren mies drauf. Draußen mittlerweile Pizza-, Burger- und Asialäden, sowie die internationalen Partypiepels. Drinnen beige Cordsakkos und schlechte Laune. Vielleicht war das auch nur der eine Abend, und mein Empfinden sehr subjektiv, möglicherweise tue ich den Betreibern unrecht. Aber die Energie schien raus.

Wahrscheinlich kommt da jetzt ein Pizzaladen rein. Oder Burger. Oder Asia.

Was ist sonst noch passiert? Der Flug nach Belgrad hat sich von Samstag auf Sonntagfrüh verschoben. Ich bin wegen der Dienstreise in Hamburg geblieben und werde morgen diese extra Zeit als Gelegenheit nutzen, mir die Stadt bei Tageslicht anzusehen, damit sich mein Empfinden für Hamburg nicht ganz so verdunkelt, wie es gerade droht. Vielleicht besuche ich die Landungsbrücken, vielleicht auch die Hafencity, die war damals noch nicht gebaut, als ich hier wohnte, ich kenne sie nur von den Bildern. Lu und ich redeten gestern auch über die Elbphilharmonie bzw. über den Kaispeicher A., wie das Vorgängergebäude hieß, dem man dann diese schicke Krone aufgesetzt hat. Dort saßen wir an der Kehrwiederspitze am Wasser und tranken Rotwein. Lu, ihr damaliger Freund M, Kid37, Axelk, meine damalige Freundin und ich. Das war eine gute Zeit.

Komisch, dass ich offenbar nicht darüber geschrieben hatte. Im Blog finde ich dazu nichts. Aber hey, bei Lu habe ich dazu noch etwas gefunden! Mit Bildern!

[Do, 22.1.2026 – Mikro, Fotomotive, Nizza, Lu]

Habe zufällig heute gemerkt, dass mein Headset in Berlin von schlechter Qualität ist. Das bedeutet, dass die Audioaufnahmen zu diesem Blog sich immer schlecht anhören, wenn ich in Berlin bin. In Hamburg habe ich das RODE Mikro dabei, weil ich im November die Novelle als Hörbuch einsprach. Es ist dann hier geblieben. Hätte mir aber auch jemand mal sagen können. Muss ich jetzt irgendwie lösen.

Ein Nachteil hier in Hamburg ist, dass ich keine Fotos mache. Ich hatte bereits im vorigen Jahr damit begonnen, die Einträge mit Fotos zu bebildern, weil mein Blog wirklich ein wenig monochrom daherkommt und durchaus etwas Farbenfreude verträgt. Aber mein Leben in Hamburg ist so düster. Nicht unbedingt schlecht, aber ziemlich düster. Wenn ich die zwei Minuten von der Firmenwohnung ins Büro gehe, erhasche ich etwas Tageslicht von der aufgehenden Sonne, und abends, wenn ich die zwei Minuten in die Wohnung zurückkehre, ist es schon dunkel. Dann bin ich auch schon zu müde für etwas anderes. Es kommt mir nichts Interessantes vor die Linse. Es gibt daher nichts, mit dem ich das Blog bebildern kann. Schlimmer hat es die Beziehung zu meinen beiden Snapchatfreunden getroffen. Unsere Flammen sind bei 600-irgendwas. Ich habe Panik davor, dass sie erlöschen. Aber ich begegne dermaßen wenigen Motiven, dass ich mittlerweile schon die Schlafzimmerdecke fotografiere, nur um den Streak aufrechtzuerhalten. Das kann ich im Blog aber nicht bringen.

Ich hoffe, dass die Erfahrungen, die ich derzeit in Hamburg mache, sich nicht negativ auf mein Hamburggefühl auswirken, das eigentlich immer sehr positiv war.

Meine Frau flog heute wegen einer Dienstreise nach Nizza. Aufgrund eines Unfalls wurde ihr Flugzeug allerdings nach Marseille umgeleitet. Das betraf natürlich auch viele andere Flüge, und so gab es in Marseille zu wenig Busse und zu wenig Personal, um die Lage zu entschärfen. Deswegen saßen sie sehr lange im Flugzeug fest. Sehr zum Unfrieden von Dutzenden Fußballfans. Meine Frau war nämlich über Amsterdam geflogen, wo Dutzende Fußballfans aus Deventer eingestiegen waren, die zum Europa-League-Spiel gegen OCG Nizza anreisten. Das Spiel beginnt um 21 Uhr, sie hatten noch vier Stunden Zeit. Ich wusste schon, dass sie das nicht schaffen werden. Meine Frau und die Fußballfans wurden nach einer langen Wartezeit im Flieger schließlich mit einem Bus die zweieinhalb Stunden nach Nizza gekarrt, wo sie gegen 22 Uhr ankamen. Da stand es schon 2:0 für die Franzosen. Ich fragte meine Frau nicht nach der Stimmung.

Ich telefonierte auch lange mit Lu. Wir hatten sehr viel nachzuholen. Nach fast zwei Stunden brachen wir allerdings ab, weil wir Hunger bekamen und es noch zu viele Dinge zu besprechen gab. Wir werden das Gespräch nächste Woche weiterführen und übernächste Woche und so weiter. Zuerst tratschten wir ein bisschen herum, auch kamen wir über eine gemeinsame Freundin zu sprechen, eine ehemalige Bloggerin, die 2008 an Krebs erkrankte. Wie sie den Kontakt zu uns allen abbrach und innerhalb weniger Monate verstarb. Wir fühlten uns damals beide etwas ausgeschlossen von ihr. Damals verstanden wir das nicht. Aber mittlerweile wissen wir auch, dass jede anders sterben will. Gerade beim Krebs, wo man nicht von mitleidigen Menschen umgeben sein will. Welche Gründe sie auch immer dafür hatte. Für sie war es richtig.

Wenn ich einmal tödlich erkranke, dann werde ich hier täglich davon berichten. Das weiß ich jetzt schon. Dann habe ich noch ein bisschen Spaß. Aber wehe, es kommt mir jemand mit Mitleid.

Weil wir gerade beim Thema sind: Frau Klugscheisser bloggt zurzeit täglich aus der, nunja, was ist es eigentlich, eine Rehaklinik für Mentales. Ich lese das gerne.

[Mi, 21.1.2026 – Hymne, Nationalgefühle, nächtliche Fahrt]

Gestern muss ich wohl zu oft die deutsche Nationalhymne angestimmt haben, weil ich sie heute den ganzen Tag lang im Ohr hatte und sie vor mich hin summte. Es war mir nicht bewusst, wie sehr sie sich als Ohrwurm eignet. Besonders die Passage „Blüh im Glanze“ und blabla, jene Stelle ist musikalisch wirklich schön. Den Text könnte man aber echt einmal umdichten, um positivere Gefühle für dieses Land anzuregen. So etwas spricht doch niemanden mehr an.

Als echter Passdeutscher habe ich jetzt schließlich ein Wörtchen mitzureden.

Am Samstag fliege ich nach Belgrad. Diese Reise werde ich aber noch als Italiener antreten. Ich kann es mir jetzt eigentlich immer aussuchen, mit welcher Identität ich unterwegs bin. Auch ein schöner Gedanke.

Ich habe mich aber nie als Italiener gefühlt. Auch nicht wirklich als Deutscher. Erst recht nicht als Österreicher, der ich ethnisch bzw. historisch eigentlich sein müsste. Seltsamerweise fühlte ich mich in den Niederlanden immer sehr zugehörig. Es wäre mir leicht gefallen, die niederländische Nationalität anzunehmen, sage ich mit dem Gefühl, mit dem ich jetzt so und weiß, dass ich das verkläre. Würde es einen Südtiroler Reisepass geben, würde ich mir den wahrscheinlich schon zulegen, aber mittlerweile wohne ich bereits über die Hälfte meines Lebens nicht mehr da, ich weiß gar nicht, was überhaupt noch südtirolerisch an mir ist. Südtiroler und ihre Sache mit der Nation. Fast alle hadern da herum. Es zählt eigentlich nur: Heimat. Und selbst die ist verhandelbar. Wir leben alle verstreut.

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Heute früh startete ich um 5 Uhr in Berlin. Es ist beachtlich, wie viele Autos um diese Uhrzeit bereits auf den Straßen unterwegs sind. Eigentlich hatte ich mich auf eine schöne, einsame Fahrt durch die nächtliche Tiefebene eingestellt, stattdessen manövrierte ich mein Auto an LKW Kolonnen vorbei, um dann auf Hamburger Stadtgebiet im Stau festzustecken.

Heute war ich dann den ganzen Tag müde. In der Mittagspause bin ich schnell in die Firmenwohnung hinübergerannt und legte mich für einen dreissigminütigen Powernap hin. Das half ein wenig.
Das nächste Mal werde ich das aber wieder so handhaben. Also die letzte Nacht in Berlin verbringen und erst frühmorgens losfahren. Mal sehen, ob die Müdigkeit von heute nur dem Umstand geschuldet ist, dass ich gestern noch ordentlich was getrunken hatte. Ich musste ja meine neue Nationalzugehörigkeit befeiern,

[Di, 20.1.2026 – des Glückes Unterpfand]

Zugegebenermaßen hatte ich Vorurteile darüber, wie die Einbürgerung ablaufen würde. In Bayern hätte man mich sicherlich die Nationalhymne singen und ein Trikot des FC Bayern anziehen machen, und ziemlich das Gegenteil davon hatte ich mir in Berlin vorgestellt. Ich erwartete einen lieblosen Termin in einem grauen, heruntergekommenen Betonbau der Sechzigerjahre irgendwo im Wedding mit einem grauen Beamten, der eine lange Fresse von Spree Athen bis jwd zieht. So tief ist die Erwartungshaltung an meine Lieblingsstadt mittlerweile gesunken.

Es war dann aber doch ganz nett. Zuerst ist das Gebäude der Einwanderungsbehörde ein wirklich schön renovierter Industriebau aus der vorigen Jahrhundertwende. Das Umfeld ist halt die, naja, Schering-Pharma-City, aber dafür kann die Behörde wenig. Im Gebäude angekommen, wurde ich sofort von drei älteren und gut gelaunten Securitymännern angesprochen, die mir freundlicherweise den Weg zeigten und das Prozedere erklärten. Ich durfte an einem Tisch mit Deutschlandfahne Platz nehmen. Neben der Deutschlandfahne standen auch ein Wimpel mit dem europäischen Sternenkreis und ein Wimpel mit dem Berliner Bären. Schon nach einer Minute rief mich ein junger Mann mit levantinischem Aussehen zu sich. Er beglückwünschte mich sehr freundlich zur Staatsbürgerschaft und schüttelte mir dabei jovial die Hand. Ich musste Fragen beantworten und Unterschriften setzen. Wir scherzten ein wenig. Beim Rausgehen gingen wir an drei großen Fahnen vorbei. Die Europafahne, die Deutschlandfahne und die Flagge Berlins. Wie vorher auf dem Tisch im Wartebereich. Nur in Groß. Er zeigte auf die drei Fahnen und fragte, ob ich ein Foto machen wolle. Für die Erinnerung oder für Social Media. Ich sagte: „Ich will!“. Und so hielt ich, umgeben von Fahnen, meine Urkunde in die Kamera.

So war das.

Gleich danach ging ich spontan direkt ins mobile Bürgeramt nebenan, wo man unkompliziert und ohne Termin Pass und Perso beantragen kann. Dort saßen zwei gut gelaunte Frauen mit eng gezurrtem Kopftuch und gratulierten mir fröhlich zur Staatsbürgerschaft. Bei den beiden Damen konnte ich auch ein Foto von mir schießen lassen und nach ein paar Unterschriften war alles erledigt.

Ich erwähne das mit dem Aussehen und dem Kopftuch deswegen, weil die einzige Person, die mich etwas schlecht gelaunt von der Seite anschnauzte, eine offensichtlich biodeutsche Frau in meinem Alter war, weil ich mit der Kamera etwas falsch verstanden hatte.

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Am Abend beschloss ich, noch nicht heute nach Hamburg zu fahren, sondern morgen früh. Dafür würde ich um vier Uhr aufstehen müssen, aber das ist mir egal, mir war danach, noch einen Abend in Berlin zu verbringen. Ich wollte noch meine Staatsbürgerschaft irgendwie zelebrieren und nicht meinen ersten Abend als Deutscher in einem Auto verbringen. Wobei. Das wäre gar nicht untypisch. Mein Auto ist allerdings französisch. Jedenfalls kochten wir uns ein Pastagericht und schauten etwas Deutsches im Fernsehen. Wir entschieden uns für die Serie „Miss Sophie“, das ist das deutschsprachige Prequel zu „Dinner for one“. Ich schrieb zu Silvester darüber, dass es mich sehr interessiert, was man aus dem Stoff gemacht hat. Nach 15 Minuten schalteten wir aber ab. Es war ausgesprochen langweilig.

Mann in einem schwarzen Pullover hält eine Urkunde mit der Aufschrift 'Berlin' vor sich, umgeben von Flaggen der EU, Deutschlands und Berlins.

[Mo, 19.1.2026 – hundeliebende Männer]

Im Park lernte ich heute eine Frau mit einem Welpen kennen, deren Mann bisher immer ein Hundehasser gewesen ist. Dieser Mann stand mehrere Jahre lang einer hundeliebenden Frau und zwei hundeliebenden Kindern gegenüber. Vor einigen Monaten ist er dann eingeknickt und stimmte der Anschaffung eines Hundes zu, unter der Bedingung, dass er maximal einmal die Woche Gassi geht und auch sonst, keine Verantwortung für das Tier übernehmen wird.

Wenige Wochen später wird er von der jungen Hündin vergöttert und es ist um ihn geschehen.

Ich sagte der Frau im Park, dass es mir genauso ergangen sei. Zwar bin ich nie ein Hundehasser gewesen, aber Hunde haben mich bisher null interessiert. Ich hatte sogar etwas Angst vor Hunden, möchte ich jetzt mal so offen sagen. Vor vier Jahren haben sich meine Gefühle für Hunde ziemlich geändert. Gelinde gesagt. Vermutlich bin ich aber bloß ein Klischee. Es gibt viele Männer, von denen ich weiß, die dem Druck von Partner oder Familie widerwillig nachgegeben haben und sich plötzlich in einer intensiven Beziehung zu einem pelzigen Tier wiederfinden, von der sie nicht recht verstehen, wie sie passieren konnte. Es passiert immer nur Männern. Ich will das besser nicht psychologisieren, da ich mich davor fürchte, was dabei herauskommt.

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Am Abend brachten wir die zweite Farblage auf dem Regal an und verschraubten es an den Küchenschrank. Jetzt sind wir ziemlich stolz.

[So, 18.1.2025 – hämmern und verschrauben]

Da ich am Dienstag meine deutsche Staatsbürgerschaft erhalte, werde ich erst am Mittwoch wieder nach Hamburg zurückkehren, es wird also ein langer Aufenthalt in Berlin. Sehr zur Freude meiner Frau, die sich bekanntermaßen für viele Ideen des Home-improvements begeistert hat. Deswegen verbrachten wir viel Zeit im Baumarkt und danach in der Küche, in der wir ein passgenaues Regal bauten. Das dauerte das ganze Wochenende lang. An beiden Tagen machten wir dann standesgemäßen Feierabend, zuerst mit Whisky und Bier und danach mit einer Pizza. Nach der Pizza schlug jedoch das Fresskoma ein und ich wurde schwer und schläfrig. Dafür schlief ich tief und lange.

Die Hündin hatten wir tagsüber mit einer optischen Barriere aus Whiskeyflaschen aus der Küche ausgesperrt. Fand sie nur mittelmäßig gut. Aber das Regal ist fast fertig. Morgen kommt die zweite Lage Farbe und dann verschraube ich es an den Schrank.

[Fr, 16.1.2026 – wieder Orion, wieder Pluri, Pakistan]

Den ganzen Weg von Hamburg nach Berlin prangte Orion vor mir am Himmel. Am frühen Abend hängt er noch tief am östlichen Horizont. In seinem linken Eck Beteigeuze. Durch die Windschutzscheibe kann ich ihn nicht an seiner Rötung erkennen, aber ich weiß, an welcher Ecke er leuchtet. Ich kann verstehen, warum Menschen diesen Stern vergötterten.

Vielleicht existiert Beteigeuze in Wirklichkeit gar nicht mehr. Wir sehen nur sein 600 Jahre altes Licht. Er ist ein roter Überriese und wir wissen, dass er bald explodieren wird. Wenn er explodiert, wird er für mehrere Monate am Himmel leuchten. Heller als der Vollmond. Er wird nachts Schatten werfen und wir werden ihn tagsüber sehen. Danach wird er über einige Jahre hinweg langsam verblassen. Am Ende bleibt wahrscheinlich ein kleiner, brauner Klumpen übrig.

Ich fände es richtig gut, das noch mitzuerleben. Aber bitte nicht, während ich gerade auf der Autobahn fahre. Andererseits kann es auch noch 100.000 Jahre dauern.

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Ah, letzte Folge Pluribus. Weil ich gefragt wurde: Ja, habe ich zu Ende geschaut. Der erwartete Showdown fand jedoch nicht statt. Zwei Handlungsstränge wurden gut zusammengeführt, wobei – es wurden eher zwei Figuren zusammengebracht, von denen man die ganze Zeit hoffte, dass sie sich finden, allerdings hoffte man das in der letzten Folge gar nicht mehr so wirklich. Und dann – dann endet die Geschichte, ohne etwas auserzählt zu haben, sie endet mit einem mittelmäßigen Cliffhänger. Meine Erwartung war vielleicht zu hoch. Mir kommt vor, als hätte die Geschichte etwas versprochen, was sie nicht halten kann. Während es mir gefiel, wie sich die Gefühle gegenüber diesem „Wir“ im Laufe der Folgen immer wieder verändern und wie sie ein paar Fragen aufwirft, so fand ich es zusammengefasst doch etwas unterkomplex.

Filmisch empfand ich sie hingegen als toll. Der langsame Beat. Und die beiden Frauen sowieso. Natürlich werde ich die zweite Staffel schauen, aber sie gehörte für mich nicht zu den ganz großen Erzählungen. Wahrscheinlich möchte ich einfach noch einmal so etwas wie „The Leftovers“ erleben.

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Ich stelle gerade wieder Mitarbeiterinnen ein. Product Manager, Entwickler und Softwarearchitekten. Interessanterweise kommen momentan grob 95% der Bewerbungen von Menschen aus Pakistan. Viele davon leben bereits in Deutschland. Die Gespräche waren größtenteils gut. Ich habe 5 Stellen zu vergeben, nur die Pakistaner qualifizieren sich dafür, niemand aus Russland, Frankreich oder der Ukraine. Aus Deutschland gab es nur einen einzigen Bewerber, der einerseits wenig Erfahrung hatte, aber von astronomischen Gehaltsvorstellungen träumte. Ich könnte die besten fünf Pakistaner einstellen, aber jetzt mache ich mir ernsthaft Gedanken über eine seltsame Form von fehlender Diversität.

[Do, 15.1.2026 – Inuit, Edeka, cruisen]

Bei der Diskussion um Grönland wird kaum über die Grönländerinnen geredet, sondern immer nur über Dänemark oder die USA. Dass Trump es von den Dänen will. Es scheint wenig darum zu gehen, was die Leute in Grönland, genauer gesagt, die Inuit, eigentlich wollen. Und die Umfragen zeigen ja, dass die übergroße Mehrheit dagegen ist, von den USA übernommen zu werden. Was man aufgrund der grönländischen Bestrebungen nach Unabhängigkeit auch gut nachvollziehen kann. Damit sollte die Diskussion eigentlich beendet sein.

Trump redet aber nur von Dänemark. Auch die Medien geben das so wieder. Es geht inhaltlich nur um den dänisch-amerikanischen Zwist. Nicht um die Inuit. Trump redet davon, dass Dänemark nicht unbedingt Recht auf die Insel hat, weil da mal vor 400 Jahren ein dänisches Schiff angelegt hat. Dass da aber seit ein paar Tausend Jahren Menschen leben, spielt für ihn offensichtlich keine Rolle.

Aber ich ahne, wie das weitergeht. Die werden die 50.000 Inuit derart mit Geld zuscheißen, dass sie freiwillig zu den USA kommen. Die Rechnung ist simpel. Es sind 50.000 Menschen. Gib jedem hunderttausend Euro, das kostet die USA etwa 5 Milliarden. Das ist für Leute wie Musk Taschengeld. Oder um sie richtig mürbe zu machen: Gib jedem Grönländer eine Million. Das sind dann 50 Milliarden. Dafür legen die paar Big-Tech-Boys ihr Taschengeld zusammen und schon ist das Thema erledigt. Ansonsten lässt sich das auch beim amerikanischen Militärbudget als kleinere Nebenkosten abrechnen.

Das wird so kommen. Sie werden die Bewohner mit Geld zuscheißen. Sie werden Entscheider und Wirtschaftsleute mit lukrativen Deals zumüllen.

Menschen sind immer käuflich. Das meine ich gar nicht despektierlich.

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Weil ich es am Freitag zu Feierabend immer eilig habe, weil ich mich zurück nach Berlin sehne, wo meine Hündin und meine Frau auf mich warten, will ich keine Zeit verlieren, ich will nur ins Auto steigen, auf das Gaspedal drücken und ohne Pause über die A24 nach Hause düsen. Deswegen tanke ich immer am Donnerstag. Ich will auf dem Rückweg keine wertvollen Minuten auf Tankstellen verlieren. Oft kombiniere ich den Tankvorgang am Donnerstag mit einem Gang zu Fittix. Heute fuhr ich aber zu einem großen Rewe in Eimsbüttel. Ich wollte mich mit zuckerfreien Sahnebonbons von Vivil eindecken. Seltsamerweise gibt es die bei Rewe aber nicht. Auch nicht in dem Großen. Die gibt es anscheinend nur bei Edeka, aber Edeka habe ich in Hamburg in freier Wildbahn noch nie gesehen. Viele Rewes, Kauflands, Lidls, Pennys, aber kein Edeka. Ein kurzer Blick in Gmaps verrät mir, dass ich mit meiner Annahme natürlich falsch liege.

Aber jetzt ist es auch egal.

Dafür cruiste ich durch die Stadt. Ich bin mittlerweile ein richtig guter Autofahrer geworden. Das hätte ich mir vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen können. Wie ich da so mit lauter Musik durch Hamburg cruise. Fast möchte ich wieder anfangen zu rauchen.

[Mi, 14.1.2026 – Pluri, Teheran, Typo]

Es waren noch drei Folgen Pluribus übrig anstatt zwei, deswegen war ich gestern nach der vorletzten Folge so müde, dass ich die Staffel nicht zu Ende schauen konnte. Die Geschichte trabt immer noch in einem Lo-Fi-Beat vor sich hin und hat einzelne, sehr starke Momente. Von der letzten Folge wurde aber dermaßen viel geschwärmt, dass meine Erwartung jetzt ungemein hoch ist. Jedoch ahne ich bereits, dass mich das Ende nicht so mitnehmen wird, wie den Rest der Welt. Dafür fand ich die bisherigen acht Folgen schlichtweg zu – wie soll ich sagen, ohne ein zu pejoratives Adjektiv zu verwenden, das aber trotzdem meine Begeisterungslosigkeit ausdrückt? Begeisterungslos! Die bisherigen Folgen haben mich zu wenig begeistert, und das war es, was bei den anderen Mitmenschen der Fall war: Sie waren von der ganzen Serie begeistert. Ich hingegen finde: Ja, sie hat was. Das Ende wird vermutlich auch einfach nur etwas haben.

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Offenbar habe ich viele iranische Bekannte, denn in meinen Timelines erscheinen viele Videos der Unruhen in Teheran. Alle Iranerinnen, die ich kenne, sind ehemalige Mitarbeiterinnen, mit denen ich erstaunlicherweise ein gutes Band übrigbehalten habe. Einmal ist mir aufgefallen, dass Exiliranerinnen fast ausnahmslos Alkohol trinken, und das sagt vielleicht nichts Gutes über europäische Arbeitskultur aus, aber Iranerinnen gingen eben immer mit auf einen Feierabenddrink, während andere Muslime, wie z. B. Ägypterinnen, da nie mitmachten und daher immer etwas außen vor blieben. Aus diesem Grund fand ich mit Menschen aus dem Iran immer eine persönliche Ebene, die auch Firmenauslösungen oder einen Jobwechsel überwand.

Ich wünschte, die Mullahs gehen bald in die Knie. Aber gut, diesen letzten Satz könnte ich mir auch sparen. Jedenfalls verteile ich gerade viele Herzchens.

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Ich glaube, ich habe jetzt das neue Theme so ausgenommen, dass es mir gefällt. Es unterscheidet sich wenig vom vorigen Theme, aber dieses ist jetzt erst einmal zukunftssicher und ich habe nach vielen Jahren meinen schwarzen Balken wieder zurück. Über die Typo bin ich mir noch etwas unsicher, aber das bin ich mir bei Typo ja immer.

(Bin ein Typo Negative. Hrhr.)