Wir wollten diesen Sommer ein kleines Grillfest im Innenhof veranstalten. Unter Nachbarinnen. Ich und zwei andere hatten diese Idee. Es sollte ganz einfach sein: Wir laden alle Bewohnerinnen des Hauses ein, und wer kommen will, bringt etwas für den Grill mit sowie die eigenen Drinks. Immer, wenn wir drei uns im Hof oder auf der Straße trafen, sagten wir: „Ahja, müssen wir mal angehen“, aber immer wenn wir in unseren Wohnungen ankamen, vergaßen wir es wieder. Deswegen öffnete ich heute eine WhatsApp‑Gruppe. Um die Dringlichkeit zu betonen, schrieb ich: In sechs Wochen stellen wir die Uhren auf Winterzeit um.
Das stimmt wirklich.
Heute ging ich mit weißem Hemd auf die Hundewiese. Die Leute fragten mich, ob ich zu einem Bewerbungstermin ginge. Dabei ist es nur das schmutzigste Hemd, das ich gerade habe. So ist das, seit ich ein Hündinnenherrchen bin: Ich ziehe immer die dreckigsten Sachen an, die ich herumliegen sehe. Vor allem die Schuhe. Heute verglichen wir auf der Hundewiese die Schuhe. Alle Hundehalterinnen haben Hunderundeschuhe. Wenn Schuhe nicht mehr gut genug für das normale Leben sind, erhalten sie ein zweites Leben für die Hunderunde. Mittlerweile habe ich mehr Hundeschuhe als normale Schuhe. So geht es den anderen auch. Wie wir heute unsere Hundeschuhe verglichen. Sie demonstrativ in unsere Mitte zur Schau stellten. Ich hätte ein Foto davon machen sollen.
Heute etwas spontan nach Hamburg gereist. Die Reise stand schon länger fest und eigentlich wollte ich schon am Vorabend anreisen, jetzt wurde es aber ein spontaner Termin und so stieg ich heute früh (sehr früh) in den ICE. Ich nahm meinen Projektmanager mit und es wurde ein sehr kurzweiliger und produktiver Tag.
Außerdem erfuhr ich, dass der Bahnhof Diebsteich der neue Bahnhof Altona wird, was ich wirklich sehr gut nachvollziehen kann, die Situation mit dem Umweg und dem Kopfbahnhof und der damit verbundenen unglücklichen Drehung der Züge für die Verbindungen nach Norden fand ich vor zwanzig Jahren schon ineffizient. Das meine ich ganz ernst. Logistische Ineffizienz halt ich nur schwer aus.
Nach dem langen Tag setzten wir uns in einen tschechischen Zug zurück nach Berlin. Es war der Zug von Kopenhagen nach Prag. Man konnte keine Sitzplätze mehr reservieren, es war schließlich Freitagabend, der Bahnhof war voll mit Menschen, also schlug ich vor, uns sofort zum Speisewagen vorzukämpfen, es ist ein tschechischer Zug, da gibt es sicherlich Pilsner Urquell und gutes Gulasch oder irgendwas Fettiges und Salziges, aber hochwertig, und nicht eine lieblose Currywurst wie bei der Deutschen Bahn. Wir fanden tatsächlich noch zwei Sitzplätze neben zwei Herren mit MacBooks und Earbuds. Mit dem Pilsner Urquell blieb ich allerdings alleine. Mein Projektmanager ist unter dreißig, die Leute unter dreißig trinken keinen Alkohol mehr, sagte er, das finde ich einerseits total unmöglich und andererseits total gut. Dafür rauchen sie aber alle Zigaretten. Warum das so ist, konnte er mir auch nicht erklären.
Sie macht das jeden Abend. Ich könnte eine Serie beginnen. Sobald das Duschwasser angeht, kommt sie rein, schnappt sich meine Unterhose und stiehlt sich davon. Jeden Abend.
Ich befinde mich gerade in einem Kaninchenbau, sitze abends lange vor dem Bildschirm und baue an der Automatisierung von hunderttausenden Dingen. Wenn ich mich ins Bett lege, fällt es mir schwer, einzuschlafen. Dann denke ich nämlich daran, dass ich bestimmte KI-Modelle nicht ans Laufen bekomme, oder ich singe innerlich „Wir werden ungeschlagen sein, einhundert Punkte, Hertha BSC“. Abwechselnd.
Um meine Gedanken durchzuspülen, widme ich mich jetzt der Themenliste:
„Ich war einmal in der Sahara und fand es toll, die Weite der Natur, die dennoch so gar nicht leer ist. Es ist ein noch unerfüllter Traum, einmal die Arktis zu besuchen, u.a. auch wegen der Weite. Hast Du umgekehrt den Wunsch, nach Longyearbyen und Grönland auch einmal eine Wüste vergleichsweise nah am Äquator zu bereisen?„
Ich habe eine große Faszination für extreme Landschaften bzw. extreme Bedingungen, Zivilisationen und die Flora am Rande der Unwirtlichkeit oder der Lebensfeindlichkeit. Theoretisch müsste die Sahara dazugehören. Allerdings habe ich eine große Aversion gegen die Hitze. Wenn ich Szenen aus Sandwüsten im Fernsehen sehe, bekomme ich regelrecht Beklemmungen. Das geht mir auch so, wenn ich auf Windy.com diese dunkelroten Flecken über Nordafrika sehe, die Temperaturen jenseits der 40 Grad markieren. Horror. Wobei es ja so etwas wie den Wüstenwinter gibt. Allerdings habe ich während der Fussball-WM in Qatar nichts davon mitbekommen. Abgesehen davon, dass ich keines der Spiele geschaut habe, war doch die Hitze immer ein Thema. Man sprach von klimatisierten Stadien etc. Ich muss zugeben, nicht viel über die niedrigen Temperaturen der Sahara zu wissen. Aber sonst: Wüsten! Super! Spitzbergen ist übrigens eine Wüste. Longyearbyen liegt unter den 250 mm Niederschlag pro Jahr. Insofern technisch eine Wüste. Sieht man nur nicht, weil überall gefrorenes Wasser liegt.
Mein Bett sieht so aus, wie auf dem Foto unten.
Nächstes Thema:
„Kannst Du mal ein Tutorial machen, wie man so ‚ich habe gegen eine regel verstoßen, was bitte ist meine strafe?‘ oder so zum Polizisten im korrekten Tonfall sagt? Ein video wäre hier schön, ich denke es kommt auf die nuancen an. Habe es wirklich testen wollen, hatte aber angst, dass es mir als Sarkasmus ausgelegt wird, und dann gleich zur erhöhung des strafmasses führt.„
Also. Wenn du Angst hast, dass dir das Verhalten als Sarkasmus ausgelegt wird, dann kann man das nicht in einem Video-Tutorial beibringen. Dann hat das etwas mit der inneren Einstellung zur Polizei zu tun. Vermutlich nimmst du die Polizei nicht ernst genug. Gefühle sind nur schwer zu ändern, aber man kann das Verhalten ändern (hat mir einmal eine kluge Person gesagt). Ich nehme an, dass ich schlichtweg meine Gefühle zur Polizei geändert habe. Wie in jenem Tagebucheintrag geschildert, meine ich, die Polizei verstanden zu haben. Die tragen keine Diskussions-Persönlichkeit in sich. Keine, die diskutieren will, und auch keine, die das kann. In der Persönlichkeit von Polizistinnen liegt die Aufgabe, eine Regel durchzusetzen und nicht darüber zu diskutieren. Besser kann ich es nicht ausdrücken. Mit dieser Erkenntnis begegne ich Polizistinnen. Wenn ich erwischt werde, lade ich die Schuld auf mich, ich gebe einfach zu, dass ich die Regel gebrochen habe. Ich bin dabei gut gelaunt, wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Vollkommen ohne Aggression. Ich kann es mir nicht verkneifen, die Regel als unsinnig zu bezeichnen, ich gebe aber zu, dass das eben die Regel ist, und ich möchte das gar nicht mit ihnen diskutieren. Sage ich auch so. Das sind sie gar nicht gewohnt.
Aber Video? Ich glaube, das wird nichts. Der Schauspieler in mir drin ist eher kamerascheu. Ich habe jedoch zwei Videos von meiner Hündin gedreht, wie sie meine Unterhose klaut, während ich unter der Dusche stehe. Das macht sie jeden Abend. Die stelle ich demnächst mal hier rein. Ich hoffe, das zählt.
Ich hatte Bannerdienst und war daher zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion. Es dauerte heute ewig, bis wir unser Fanclub-Banner aufhängen konnten, weil irgendwas mit dem neuen, zentralen Ostkurvenbanner nicht stimmte. Wenn ich es richtig verstand, hatten sie es kopfüber platziert und da sich das neue Kurvenbanner über 500 Kilometer über die ganze Kurve hinwegstreckt, benötigt man mittlerweile eine Sonderausbildung für Logistik und Management.
Wir mussten darauf warten, weil die Fanclub-Banner direkt in Relation daran anschließen sollen, und weil die Kurvenregie keine Lücken duldet, standen wir alle nur herum und schauten auf die andere Seite der Kurve hinüber, während die einen belustigt waren und die anderen schlechte Laune bekamen.
Die schlechte Laune wurde aber bald schon nach Anpfiff beendet, als Brekalo zum 1:0 schoß. Das ganze Stadion sang das neue Unbesiegbarkeitslied. Wir wollten gar nicht mehr damit aufhören. Es täuschte ein wenig darüber hinweg, dass unsere Mannschaft die ganzen 90 Minuten lang nie die Kontrolle über das Spiel erlangte. Es war allerdings nicht zu vernachlässigen, dass das Spiel auch eine antifaschistische Veranstaltung war. Heute wählte man in der Heimat unseres Gegners FC Magdeburg ein neues Landtagsparlament, wo die AfD an der absoluten Mehrheit kratzen sollte. Wenn da jetzt 10- oder 20‑Tausend Fußballfans von Magdeburg nach Berlin reisen, hat das ja vielleicht statistisches Gewicht im Nachkommastellenbereich.
44% sind es am Ende geworden. Elon Musk und Donald Trump gratulierten. Die USA sind echt nicht mehr unsere Freunde.
Wir hatten Bettwanzen in der Firma. Ein Mitarbeiter wurde am Hals gestochen. Er tötete das Tier und brachte es mir zum Beweis an meinen Platz. Ich ging umgehend mit ihm in den Hinterhof zu seinem Schreibtisch. Der ganze Raum ist aber sehr sauber und ziemlich karg. Ich weiß nicht viel über lästige Insekten, aber ich weiß, dass sie Textilien mögen, oder eben dunkle Orte, an denen sie sich verstecken können. Deswegen drehte ich den Stuhl um und öffnete das Futter von unten. Dort sahen wir gleich ein weiteres Krabbeltier tiefer zwischen der Polsterung verschwinden.
Also stellte ich den Bürostuhl auf den Hinterhof, schickte den Mitarbeiter nach Hause, versperrte das Büro und rief den Kammerjäger. Den Insektenleichnam verwahrte ich in einem Stück Küchenrolle auf, um ihn dem Insektenspezialisten zu zeigen.
Der Spezi kam erst am nächsten Tag. Er blickte kurz auf das zerquetschte Insekt und nickte. Ich begleitete den Kammerjäger zum Ort des Verbrechens, erzählte vom Ablauf, vom Biss, vom Bürostuhl. Ein paar mittelkluge Gedanken über den Ursprung hatte ich auch. Aber dann übernahm er das Ruder. Er ging herum, schob Gegenstände beiseite und fing an zu reden. Er redete wirklich viel. Unfassbar interessantes Zeug. Auch über seinen persönlichen Werdegang, wie er zu seinem Beruf gekommen ist und er erzählte auch von krassen Beispielen aus seinem Arbeitsalltag.
Ich konnte meine kindliche Begeisterung für seinen Beruf nicht ganz verbergen und tat sehr aufgeregt, dabei stellte ich Fragen, wie ein Schüler. Kammerjäger. Das wäre auch einer meiner Plan-B’s. Ich wäre gerne Spezialist für Spezialaufgaben, ich wäre auch gerne ein Mann fürs Grobe, in meinen kühnen Gedanken jedenfalls. Männer wie Mike Ehrmanntraut in Breaking Bad haben immer meine besondere Sympathie. Oder Rattenfänger. Tatortreiniger weniger. Putzen liegt mir nicht so.
Je länger er redete, desto mehr fing ich an, mich zu kratzen. Es juckte plötzlich überall. Irgendwann fiel ihm mein Gekratze auf. Dann sagte er: „Keine Sorge, das ist normal, wenn man mit mir redet. Ist nur Psyche.“ Dabei tippte er sich auf die Stirn. Während er redete, haute er einen Spruch nach dem anderen raus. Gemerkt habe ich mir nur zwei: Als er von einem Einsatz im Hotel Adlon berichtete, sagte er: „Vor Gott und Bettwanzen sind alle gleich, weeste.“ und später sagte er, dass er seiner Frau versprochen habe, die Arbeit nicht mit nach Hause zu bringen. Fand ich lustig.
Nach getaner Inspektion verließen wir den Schauplatz unverrichteter Dinge. Er sagte, er könne einen Befall ausschließen. Der ganze Raum biete Bettwanzen keine Möglichkeit, sich einzunisten. Hätte er alles gecheckt. Aber den Stuhl rauszubringen, war eine gute Idee. Ich fand es gut, dass wir keine Bettwanzen hatten, aber das mit dem Gift hätte ich schon gerne gesehen.
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Am Abend mit Sabine beim Cabaret Chaotik im Zirkusmond gewesen. Das Zirkuszelt steht auf dieser Gewerbebrache westlich des S-Bahnhofs Greifswalder Straße, hinter Baucontainern, Gerüsten und zusammengezimmerten Bretterbuden. Wie früher, dachten wir. Es regnete. Ich trug diese schöne Regenjacke von „Rains“. Der Boden war vermatscht. Wir holten uns draußen noch ein Bier, weil es regnete und man nicht wirklich unterstehen konnte, gingen wir gleich ins Zelt, was eine gute Idee war, weil das Zelt sich schnell füllte und es nur wenige Stühle gab. Die Show fand ich ein wenig lahm, wenn ich ehrlich bin, vor allem im direkten Vergleich zu „Cabaret Kalashnikov“ im letzten März, das war eine Crew, die richtig viel Energie auf die Bühne brachte. Die Schwertschluckerin von damals war aber auch in diesem Ensemble dabei. Das ist eine total krasse Frau. Anfangs betrat sie auf 16‑cm-High-Heels und mit einer Peitsche die Manege, zerstörte damit Blumen, wobei die Menschen in den vordersten Reihen wegduckten, aus Angst, ein paar Striemen von ihr abzubekommen, und danach schlug sie sich mit einem Hammer einen langen Nagel durch ihr eigenes Nasenloch. Dass sie danach mit dem Po Bierflaschen öffnete, war immerhin belustigend. In der zweiten Runde steckte sie lange Schwerter in ihren Schlund. Wie schon im März konnte ich dabei nicht wirklich hinsehen. Erst recht nicht, als sie dabei auch noch diese Hula-Hoop-Reifen mit einem Bein und zwei Armen jonglierte, während sie ein langes Stück Metall in ihren Magen eingeführt hatte. Auch den Trick mit dem leuchtenden LED-Schwert führte sie wieder auf. Wenn man aber die Hand vor Augen hält, die Finger dabei spreizt und das Gesicht um dreißig Grad wegdreht, dann erträgt man den Anblick.
Sabine gab am Ende der Show 5 € Trinkgeld obendrauf.
Das Gelände wird demnächst geräumt. Immerhin werden Wohnungen gebaut. Das Zirkuszelt kommt dann an einem anderen Ort zentraler hin. Sie sagten aber nicht, wohin. Nur, dass die Miete teurer wird. Ein paar Shows gibt es diesen Monat noch. Aber ein anderes Ensemble, wenn ich es richtig verstanden habe.
Wir wohnen jetzt ziemlich genau 10 Jahre in dieser Wohnung. Ich habe noch nie so lange irgendwo gelebt. Ich wohne jetzt schon seit 10 Jahren in dieser Wohnung und ich hatte 10 Jahre lang Träume für diese Wohnung, die ich allesamt nicht umgesetzt habe. Bis auf ein paar gute Entscheidungen vor dem Einzug, als wir die Wohnung noch umbauen konnten. So haben wir die Küche aus dem kleinen Küchenraum entfernt und stattdessen das große Elternschlafzimmer zur Küche gemacht und das andere große Schlafzimmer zum Wohnzimmer. Die beiden kleinen Zimmer sind unsere beiden Schlafzimmer, wovon ich eines auch als Arbeitszimmer verwende. Warum man große Schlafzimmer haben wollte, erschloss sich mir nie. Dort hat man meistens die Augen geschlossen. Die deutschen Küchen sind hingegen immer mini. Ich verbringe gerne Zeit in der Küche. Oft auch nur über der Kücheninsel gelehnt, während ich über meinem Telefon oder einem Buch hänge.
Aber zurück zu den Träumen: Wir haben ein Badezimmer und zwei WC’s. Zwei Badezimmer brauchen wir nicht. Das hätte ich über WC’s auch gesagt, jetzt stellt sich aber heraus, dass 2 WC’s wirklich sehr praktisch sind, wenn man zu zweit lebt. Allerdings hätte ich gerne mein Arbeitszimmer von meinem Schlafzimmer getrennt. Wenn wir Gäste haben, muss ich immer zu meiner Frau ins Bett, und da wir grundverschiedene Schlafbedürfnisse haben, schlafen wir dann beide schlecht. Dabei wäre ein temporär schlechter Schlaf vielleicht verkraftbar, wenn es nur ein paar Tage sind. Schlimmer für mich ist es, dass ich dann mehrere Tage meinen Arbeitsplatz verliere. Und mein Schreibtisch ist wirklich mein Happy Place und für mich der wichtigste Ort in der Wohnung. Ich hatte überlegt, meinen Schreibtisch in eines der jetzigen WCs umzuziehen. Der eine WC-Raum hat ein Fenster und das WC könnte man ins Badezimmer einbauen. Es ist nämlich davon losgelöst. Und ich brauche für meinen Schreibtisch wirklich nicht viel Platz. Im Gegenteil, der Gedanke daran, ein winziges Büro zu haben, gefällt mir richtig gut, mir kommt vor, als würde mir das dabei helfen, fokussiert zu sein.
Und wir könnten Gäste besser unterkriegen. Mein Schwager, der oft in Berlin ist, nimmt sich mittlerweile Hotelzimmer.
Es hat aber mehrere Gründe, dass wir das so nicht umsetzen. Vor allem, weil meine Frau Alternativpläne hat. Sie schlägt z. B. vor, aus dem jetzigen Badezimmer mein Arbeitszimmer zu machen, daneben im WC das Arbeitszimmer und das Badezimmer nach vorn zu verlegen, wo jetzt mein Zimmer ist. Was wir jetzt aber schon wissen: Das wird sehr viel Geld und Schmutz kosten. Schon nur deswegen ist alles nur ein Traum und nicht ein Plan.
Ein weiterer Traum, den ich mittlerweile aufgegeben habe, ist es, einen Balkon im Hof bauen zu lassen. Ich habe in unserer letzten Wohnung in Mitte ein Balkonprojekt durchgeführt und danach hatten sechs Wohnungen einen Balkon, den alle liebten. Ich schlug den Nachbarn unter mir vor, einen Balkon zu bauen, weil Balkone wesentlich günstiger zu bauen sind, wenn sich mehrere Nachbarn daran beteiligen, aber ich erhielt von beiden Parteien nur als Antwort: Einen Balkon? Von der Küche aus? Es folgte entsetztes Kopfschütteln. Dass Menschen sich nicht einen Balkon von der Küche aus vorstellen können, hat mich dermaßen demotiviert, dass ich das nie mehr aufgegriffen habe.
Und jetzt. Ich leitete diesen Text damit ein, dass wir schon seit 10 Jahren in dieser Wohnung leben. Ich mag die Wohnung wirklich, aber ich könnte auch langsam in eine andere Wohnung ziehen. Einfach so. Für einen Kulissenwechsel. Ich verstehe nicht, warum ich so lange in einer Wohnung wohnen bleiben sollte. Meine Frau könnte hingegen bis ans Lebensende hier wohnen bleiben. Bei einem Umzug würde sich nämlich alles ändern. Die Wege, die Nachbarn, das Umfeld. Ich liebe Veränderung. Meine Frau eher nicht so, gelinde gesagt.
Ah doch, einen Traum habe ich doch noch. Ich wünsche mir eine größere Dusche. Wir haben seit 10 Jahren eine kleine Duschkabine mit Nullerjahre-Charme. Ich will seit 10 Jahren eine neue Dusche. Ich kann die kleine Kabine nicht mehr ausstehen. Bei der Buchung von Hotelzimmern achte ich mittlerweile nur noch auf die Duschen. Es müssen schöne, offene Duschen sein. Dann ist mir der Rest fast egal. Meinetwegen in Dinslaken.
Aber für den Umbau der Dusche müssen wir zuerst die Frage geklärt haben, was jetzt mit dem Badezimmer passiert, und diese Entscheidung wird wahrscheinlich nicht fallen.
Wir kochten Lachs. Mein Schwager und ich schnitten das Gemüse. Meine Frau tanzte zu Elvis Presley. Das versetzte die Hündin in Aufregung. Danach tanzten sie zusammen.
Auf dem Weg nach Hause fiel mir meine Lieblingslesebrille aus dem Hemdausschnitt auf den Boden. Weil ich etwas hastig unterwegs war, trat ich drauf und zertrümmerte den Bügel. Es ist die schönste Brille, die ich je hatte, und ich will mir schon seit Monaten ein zweites Paar kaufen, damit ich eine Ersatzbrille habe, falls ich einmal in Hastigkeit auf sie trete. Zuhause angekommen, setzte ich mich sofort an den Schreibtisch und bestellte zwei Stück davon. Leider gab es sie nicht mehr in Schwarz, deswegen kaufte ich eine in Leopardenmuster und eine in Olivengrün. Ich werde mich schon daran gewöhnen. Die Brille kommt am Freitag. Für die Zwischenzeit habe ich eine Büroklammer ins Scharnier gesteckt. Man wird mich schon nicht schräg angucken. Eine gewisse Danieldüsentriebigkeit sollte ich als IT-Chef ohnehin an den Tag legen.
Heute um 16Uhr fuhren meine Nachbarin und ihr Sohn nach Island. Eigentlich wollte ich sie persönlich verabschieden, aber ich kam nicht früh genug aus der Firma raus. Sie werden eine sehr anstrengende Wandertour durch Zentral-Island unternehmen. Aufgrund der Wetterbedingungen können sie aber nicht den ursprünglichen Plan verfolgen, sondern müssen irgendwie etwas anderes tun, was ich nicht ganz verstanden habe. Bei dem Thema lebe ich sehr mit.
Gestern schauten wir übrigens den vierten Teil von the Terminator. Den Teil mit dem Untertitel „Dark Fate“. Ich bin ausgewiesener Fan des ersten Teiles und kann mit dem zweiten Teil und den weiteren Folgen sehr wenig anfangen. Mich beeindrucken filmische Effekte schlichtweg nicht und was ich an den späteren Teilen immer unglaubhaft fand, ist der Umstand, dass eine dermaßen perfekte Mordmaschine, die verschiedene Gestalten annehmen und sich verflüssigen kann, bekämpfbar sein soll. Der Film will mir weismachen, dass die Guten im Film gegen diesen Terminator der zweiten Generation eine reelle Chance haben. Das langweilt mich total. Trotzdem gab es eine gute Szene. Als sie in dieser Hütte landen und den alten Terminator in der Person von Arnold Schwarzenegger treffen. Einen verrenteten Terminator, der danach gefragt wird, wie es sein kann, dass seine Frau in all den Jahren nie von seiner wahren Identität erfahren hat. Als er in Terminator-Manier und mit österreichischem Akzent antwortete: Because I am a good listener and have a good sense of humour.
Das ist besser als: I’ll be back. Aber für 120 Minuten Film ziemlich dünn.
Ah, ich hatte über Terminator schon einmal geschrieben. Und mich damals darüber gefreut, dass Tricia Tuttle, die Leiterin der Berlinale, den ersten Teil von Terminator als einen der zehn besten Filme der Geschichte eingeordnet hat.
Am Sonntag noch mit der Traveling Lady und ihrem Freund auf eine längere Hunderunde im Kiez gewesen. Ich stellte fest, dass ich den ganzen Sommer lang kein einziges Mal mit dem Kajak ins Wasser gegangen bin. Nicht einmal in Schweden, weil ich das Kajak in Berlin ließ. Sie war hingegen schon mehrmals auf dem Wasser. Sie macht es einfach. Ich denke zu viel darüber nach. Sie hat aber auch einen Hund, der sich ohne zu murren in ein Paddelboot setzt, während meine Hündin nicht mal auf einen Sofasessel springt, weil das für sie zu wenig fester Boden unter den Pfoten ist. Aber jetzt fängt der September an. September und Oktober sind die besten Monate, um ins Wasser zu stechen.
Unterwegs kam mein Schwager dazu. Er und die Traveling Lady kennen sich vom letzten Sommer aus Schweden. Danach wollten wir den Spaziergang in einer Aperitifbar beenden, aber wir befanden uns jetzt in einer seltsamen Gegend zwischen Lichtenberg und F’Hain, wo es schlichtweg keine Aperitifbars gab oder zumindest keine Bar, die an einem Sonntagnachmittag geöffnet hat. Wir hätten in den Südkiez gehen müssen oder in den Prenzlauer Berg, aber das war uns zu umständlich, also gingen wir zurück zu meiner Wohnung und setzten uns in dieses hölzerne Parklet mit den Bänken auf der Straße. Da passen ziemlich genau vier Menschen hinein. Als meine Frau davon erfuhr, kam auch sie herunter und gesellte sich zu uns. Wenn man den Bauch einzieht, kann man dort auch zu fünft oder zu sechst sitzen. Zuvor hatten wir uns ein paar Biere beim Späti geholt und so ließen wir den Nachmittag ausklingen.
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Frau Fragmente hat den ganzen August lang täglich gebloggt, jetzt stellt sie es aber ein und will es auf nur zwei bis dreimal pro Woche reduzieren. Einen eigenen Rhythmus finden. Als ich mir sagte, dass ich einen Monat lang durchbloggen will, dauerte dieser Monat ziemlich genau 5 Jahre. Seit etwa einem Jahr habe ich die Frequenz etwas heruntergefahren, auf 5 bis 6 Beiträge pro Woche. Die Entscheidung traf ich damals bewusst, weil ich mehr Zeit der Romanarbeit widmen wollte. In Wahrheit schreibe ich nur weniger. Für das Blog zu schreiben ist offenbar ein ganz anderes Output-Ventil, das nicht viel mit anderer Schreibarbeit zu tun hat.
Diese Blogtexte kosten wesentlich mehr Zeit, als man denken würde. Meistens sitze ich eine Stunde lang dran. Manchmal zwei oder drei. Manchmal auch nur 15 Minuten. Fünfzehn Minuten sind aber selten.
Ich schreibe einfach gerne. Ich verbringe gerne Zeit mit der Erstellung von Text. Es kommt dabei etwas Gutes aus mir heraus. Schon nur deswegen hat es für mich keine Bedeutung, Texte mit KI zu erstellen. Es ist der Prozess der Entstehung, der mir am meisten Freude macht, nicht einen Text fertig zu haben. Das habe ich schon einmal so ähnlich geschrieben. Ich muss das mal festhalten und einen KI-Disclaimer schreiben.
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Ich war shoppen. Ich benötige Hemden und auch Hosen und Schuhe. Alles, was ich suchte, fand ich. Auch Unterhosen. Dass ich die brauche, wusste ich aber vorher nicht. Bei Uniqlo haben sie seltsam fetischhafte, ultra dünne und enge Boxershorts ohne Naht. Fand ich lustig. Nahm ich mit.
Einigermaßen erstaunte mich, wie normal diese Selfservice-Kassen mittlerweile geworden sind. Offensichtlich war ich schon lange nicht mehr in Modegeschäften. Bei Uniqlo wirft man einfach den kompletten Einkauf in ein Loch. Daraufhin wird der Preis des gesamten Einkaufs angezeigt und man legt nur noch das Telefon auf das Lesegerät. Ich hatte das bei Uniqlo schon einmal gesehen. Heute war das aber auch bei Zara so und bei Pull&Bear. Es gab kaum noch Personal. Bei Zara gab es auf der ganzen Etage ziemlich genau zwei junge Frauen, die beide kein richtiges Deutsch konnten und die man optisch dem Neuköllner Nachtleben zuordnen würde. Das meine ich wesentlich positiver, als es jetzt klingt.
Als ich einen Laden verließ, ging der Alarm los. Ich blieb natürlich stehen. Der Alarm interessierte aber niemanden. Ich hielt meine Tüte noch einmal durch die Radarschranken und der Alarm ging wieder los. Ich stand da noch eine Weile herum, aus Angst, einen nicht entfernbaren Chip in den Textilien hängen zu haben. Nachdem keine Security kam und ich auch keinen Chip finden konnte, ging ich irgendwann einfach.
Nach der Arbeit traf ich mich mit meinem Freund und früheren Nachbarn Jan, der mit Mann und Sohn nach vier Jahren Paris wieder nach Berlin zurückgezogen ist. Passend zum gestrigen Thema redeten wir über das Reisen. Wir haben ähnliche Gefühle dazu. Als ich nach Hause kam, lag eine Anfrage in der Themenliste mit genau dieser Frage.
Es geht die Meinung um, Reisen würde bilden. Das mag in vielen Fällen stimmen. Das war auch immer mein persönlicher Antrieb, mich auf Reisen zu begeben. Auch wenn es mir nie explizit um Bildung ging, ich war schlicht neugierig auf andere Länder, andere Gepflogenheiten, anderes Essen, andere Menschen, Sprachen, Wohnungen, Liebe auch. Ich denke schon, dass ich auf Reisen viel über die Welt gelernt habe, auch habe ich viel über mich selbst gelernt. Es gab viele happy Places, an denen ich mich sehr zuhause fühlen konnte. Ich wollte immer richtig da sein. Und ich wollte immer verstehen. Verstehen, wie die Welt ist. Was besser daran ist, was schlechter. Oder auch nur einfach, um zu verstehen. Um es in meiner inneren Wissensdatenbank abzuspeichern, woraus ich mir ein Weltbild baute.
Sehenswürdigkeiten interessierten mich nie. Das meine ich gar nicht so snobistisch, wie diese Aussage jetzt klingt. Ich werde es gleich erklären. Eine Bekannte, die mich vor Jahren einmal in Berlin besuchte, sagte, sie fände Berlin ja ganz okay, aber die Sehenswürdigkeiten in Wien fände sie besser. An dem Tag baute ich das Wort „Sehenswürdigkeiten“ hunderte Male auseinander und wieder zusammen. Der Begriff war auf einmal völlig plastisch. Sehens-würdig. Es gab optische Dinge an einer Stadt, die es würdig waren, sie zu sehen. Man stellt sie hin, damit Menschen von anderswo herkommen, um sie anzusehen.
Die Italiener nennen es immerhin ganz schamlos: attrazioni turistiche.
Ein neuerer Begriff für Sehenswürdigkeit ist vielleicht: Instagrammable.
Es gibt diese Bekannten in WhatsApp, die im Urlaub ihre Fotorollen im Status entleeren. Eine endlose Aneinanderreihung von Abhakungen. Die Statue des Soundso, das Haus von Der-und-der, Die Kirche und der große Platz, die Hauptstraße, eine Auswahl der drei niedlichsten Häuser, mindestens ein Hochhaus, eine Brücke, das Essen, die Drinks am Abend in der Sonne und das Selfie vor dem Highlight der jeweiligen Stadt. Zugegebenermaßen liebe ich es, mich durch diese Fotostrecken zu stalken, und ich will gar nicht darüber urteilen, aber ich weiß, wie solche Trips ablaufen.
Hat man keine Vita als Reisende vorzuweisen, wird man auch ganz schnell mal als ungebildet abgetan. Ich datete in meinen Mittdreißigern einmal eine Frau, die es gut an mir fand, dass ich so bereist war. Das war für sie ein Kriterium, um einen Mann attraktiv zu finden. Mich machte das ungemein stolz und ich wuchs um mehrere Zentimeter an.
Dabei weiß ich schon lange nicht mehr genau, warum ich überhaupt reise. Der Erkenntnisgewinn ist mittlerweile gering. Die großen Erkenntnisgewinne geschahen in meinen Zwanzigern. Danach nicht mehr so oft. Zwar reiste ich weiterhin, aber ich urlaubte eben, schaute mir Kirchen an, Tempel, und ich ging wandern. Irgendwann hatte ich das Gefühl, das hätte ich mir auch alles auf Wikipedia zusammenlesen können, nur ohne das Gefühl, auch tatsächlich da gewesen zu sein. Und dieses Gefühl, wirklich da gewesen zu sein, wurde irgendwann zu einem ziemlich tauben Gefühl. Das Beste am Urlaub wurde der Drink am Abend, wenn man sich nach den vielen Eindrücken ins Restaurant setzt und cremig wird.
Der Erkenntnisgewinn schwand.
Zumindest im Urlaub. Dienstreisen sind noch einmal etwas anderes, vor allem, wenn man auf diesen Reisen mit lokalen Geschäftsleuten oder Partnern zu tun hat. Dann gewinnt man unmittelbare Einsicht in andere Arbeitskulturen und abends beim Essen Einblicke aus erster Hand. Die intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Bevölkerung gibt mir nach wie vor sehr viel. Im Urlaub ist diese Auseinandersetzung aber eine andere, eigentlich kaum vorhanden, auch nicht in angeblich authentischen AirBNBs, man steht mit der lokalen Bevölkerung fast nur in einem Dienstleistungsverhältnis, mit Menschen, die dir aufgrund deiner Anwesenheit eine gute Zeit geben wollen, damit du die Kirchen magst, die Tempel und das Essen, das sie dir servieren. Und damit du den Leuten zu Hause davon erzählst und die Bilder auf Social Media teilst und Lokale likest und bewertest.
Es ist natürlich nicht so schwarz und weiß.
Jeder Mensch aus der Tiefebene sollte übrigens einmal erlebt haben, wie es sich anfühlt, inmitten einer Berglandschaft wie den Dolomiten zu stehen. Diese Überwältigung, die massive Berglandschaften auslösen. Gleich wie Bergmenschen einmal die Weiten der Küstenlandschaften oder in Dünen erleben sollten oder bei Wetter mit einer Fähre auf eine Insel fahren. Oder im Loop von Chicago stehen und von 200+m hohen Hochhäusern umschlossen sein.
Die schönsten Städte sind aber alle tot. Prag, Barcelona, Amsterdam, Paris, London, Dublin, Stockholm, Rom, San Francisco undsoweiter. Dort, wo diese Städte schön sind, also vornehmlich in den Innenstädten und den angrenzenden Vierteln, sind die Städte längst nicht mehr authentisch. Die Innenstadt von Prag ist eine Projektionsfläche. Es ist das Prag, das alle sehen wollen, das wir alle erwarten. Dort läuft aber kein zeitgenössischer Kafka mehr herum, der in sich versunken um die Ecke in den frühen Morgenstunden zum Bäcker geht. In den Kaffeehäusern sitzen keine jungen, wilden Schriftsteller mehr. Es sitzen dort die Menschen, die das in diese Kaffeehäuser hineinprojizieren, während sie versuchen, ihre Kinder zu beruhigen und die Schwiegermütter bei Laune zu halten. In Montmartre malen keine progressiven Künstler mehr ihre Bilder. Die Romantik, die wir damit verbinden, ging immer mit Drogen- und Alkoholkonsum einher. Picasso, Modigliani, Van Gogh, Zola, Rimbaud, man kann die Liste fast unendlich weiterführen, alle heute berühmten Menschen in Montmartre hatten ständig Geldprobleme, psychische Krisen, waren exzessive Trinkerinnen und abhängig vom Morphium und vom Kokain. Die Menschen, die heute ihre Märchenprojektionen mit Louis-Vuitton-Accessoires Selfies auf den Treppen der Sacré-Cœur schießen, hätten sich vor den Künstlern von damals ja eher gefürchtet. Wo die Genies von morgen heute ihre Brutstätten haben, gehen die Massen auf keinen Fall hin.
Nun. Ich will nicht genervt klingen.
Was ich sagen will. Reisen bildet nur wenig. Die meisten Leute nehmen nur sich selbst mit und wollen mal etwas anderes sehen. Eine Nordtirolerin, mit der ich in den Niederlanden eine zeitlang zusammenwohnte, hatte manchmal ihren Vater zu Besuch. Ich kümmerte mich um ihn, weil ich ja Südtiroler bin. Ich zeigte ihm Utrecht und ich fuhr mit ihm auch für einen Tagesausflug zur Küste. Ich mochte diese Unternehmungen mit ihm sehr, weil er ein neugieriger Mann war. Er wiederholte aber ständig diesen einen Satz: Na interessant, aber LEEBEN könnte ich hier nie. Er bezog das sicherlich auch auf seine Tochter. Möglicherweise wollte er auch nur ergründen, warum sie ihre Heimat verlassen hatte. Dabei flüchten wir Bergleute eigentlich nur vor der Enge der Täler. Wir flüchten nicht vor den Bergen, wir flüchten vor den Tälern. Aber das ist eine andere Sache und hat mit dem Reisen nur indirekt zu tun.
Er erinnert mich aber an viele Touristen. Menschen, die vorwiegend sich selbst mitnehmen und nach dem Snapshot in der Ferne dann sagen: Zuhause ist es doch am schönsten. Oder mein ehemaliger Fahrlehrer, der sich jeden Sommer den Kofferraum mit deutschen Lebensmitteln von einem Großeinkauf bei Aldi vollstopft und nach Spanien an die Küste fährt, wo er zusammen mit anderen Schwagern und Cousins in einer Bungalowanlage urlaubt. Oder das Paar in Lignano, das „Zwei Weizenbier und zwei Pizzas mit Salami“ auf Deutsch bestellte und sich gar nicht die Mühe machte, wenigstens „Due Weizenbier“ zu sagen.
Aber sagen: „Wir fahren jedes Jahr nach Italien!“
Und dann die Leute auf Insta mit ihren Bucketlists. Check, Check, Check.
Ich will nicht sagen, dass ich besser reise als andere. Ich halte Reisen nur für überbewertet, wenn man sie als Maßstab für einen erweiterten Horizont verwenden will. AfD-Wählerinnen waren sicherlich auch schon einmal in Rom, oder in Kroatien am Strand oder in Paris oder auf der Krim. Gebracht hat es ja nicht viel.
Warum reise ich dann überhaupt noch? Letzten Herbst war ich in Grönland und auch wieder in Island. Wir werden sicherlich wieder nach Grönland und nach Spitzbergen in die Arktis reisen. Das sind Happy Places. Ich bin da einfach gerne. Das Gefühl, dort zu sein. Ich liebe diese Zivilisationen am Ende der Welt. Und die Natur an der Grenze zur Unwirtlichkeit. Auch wenn ich dort nur Gast bin und mir die lokale Bevölkerung mit einer Dienstleistung begegnet. Ich habe aber auch andere Happy Places. Die Ostkurve im Olympiastadion, unser Haus in Schweden, die Northwestern Highlands in Schottland. Lappland. Und tatsächlich auch: Utrecht. Oder die Innenstadt von Amsterdam. Ich bin oft in den Niederlanden. Privat und beruflich. Zudem spreche ich die Sprache. Wahrscheinlich sehe ich mich deswegen weniger als Tourist. Die Touristenmassen in Amsterdam würden mich sonst nämlich ziemlich abschrecken.
Wir wollen auch noch nach Japan und ich will unbedingt nach Neuseeland. Über Japan weiß ich vieles. Von Bildern, aus der Belletristik, aus dem Netz. Natürlich werde ich in Japan ein totaler Fremdkörper sein. Ich spreche nicht deren Sprache, sie sprechen kaum die Sprachen, die ich spreche. Aber ich will das einmal gesehen haben, ich erwarte mir irgendeine Erkenntnis für das Leben, für die Art, wie wir in Europa zusammenleben, wie wir unsere Städte aussehen lassen, wie wir essen, uns fortbewegen. Hat Tokio eigentlich Sehenswürdigkeiten? Mir fallen der Tokyo-Tower ein und der Fujisan. Ah, und die berühmte Kreuzung, Shibuya. Es beruhigt mich, dass mir spontan keine spektakulären Sehenswürdigkeiten einfallen. Aber mit dem Shinkansen möchte ich fahren und die Rush-Hour miterleben, wie die Menschenmassen transportiert werden. Vielleicht ziehe ich daraus aber auch keine Erkenntnis. Die Erkenntnis kann ich auch auf YouTube gewinnen. Ach, ich weiß nicht. Vielleicht fliege ich doch nicht hin.
Wenn meine Frau und ich jetzt die Zeit, die früher vielleicht in Reisen nach anderswo aufgegangen ist, zunehmend in unserem schwedischen Wald verbringen, dann ist das, weil es ein Happy Place ist. Reisen war neben dem Erkenntnisgewinn vielleicht immer eine Suche nach Happy Places. Ich sage nicht, dass Reisen kacke ist. Ich sage nur, dass Reisen für mich nicht mehr den Wert haben, den sie früher hatten. Ich reise gerne zu meinen paar auserkorenen Happy Places. Und manchmal will ich auch mal etwas Neues. Aber ich werde kein besserer Mensch mehr dadurch.