Für die Lesung in München wäre es gut, wenn man sich als Lesender ein themenbezogenes Outfit zulegt. Es ist keine Pflicht, aber es wird sanfter Druck ausgeübt. Das Thema ist Rocky, und damit ist der Itallion Stallion gemeint. Einige meiner Mitleserinnen haben sich richtig aufwendige Outfits zugelegt. Ich werde das im Vorfeld eruieren, denn ich bin nicht jemand, der sich gerne verkleidet. Zwar finde ich es gut, wenn andere Menschen das tun, aber ich bin wirklich einfach gerne ich.
Da ich aus katholischen Gegenden komme, bin ich natürlich mit der Faschingstradition vertraut. Als Kind „ging“ ich manchmal als Cowboy oder Indianer. Als ich den Vampir entdeckte, ging ich dann jahrelang nur noch als Vampir. Bis ich irgendwann alt genug war und selbst entscheiden durfte, nicht mehr als irgendwas verkleidet, gehen zu müssen. Bald danach färbte ich mir die Haare grün und fing an zu trinken.
So.
Zufälligerweise legte ich mir vor zwei Wochen eine Kunstlederjacke zu. Sie ist ein bisschen eng. Wenn ich darunter ein Doppelripp-Unterhemd und eine Goldkette trage, dann dürfte es durchaus Ähnlichkeiten mit dem jungen, italienischstämmigen Boxer aus Philadelphia geben. Am Freitagabend treffe ich aber die anderen und wie gesagt, ich werde die Kleiderordnung ausloten.
Meine Frau ging heute zur Snackbar. So nennen wir die chemische Reinigung slash DHL-Paketannahme im Kiez. In der Snackbar arbeiten zwei alte Frauen, die immer sehr lieb zu Tieren sind. Im Hinterzimmer haben sie einen großen Sack mit Hundekeksen stehen, und wenn Kundinnen mit Hunden kommen, werden diese Hundekekse immer großzügig an hungrige Haustiere verabreicht. Daher der Name Snackbar. Den Namen hat sich unsere Hündin ausgesucht, nicht wir. Sie weiß schon im Vorfeld, wenn es zur Snackbar geht. Nämlich immer dann, wenn wir mit großen Kartons auf den Armen aus dem Haus gehen. Sie weist uns den Weg und es geht ihr nie schnell genug.
Heute stand aber Franziska Giffey vor meiner Frau in der Schlange. Die ehemalige SPD-Frontfrau wohnt bei uns um die Ecke. Es gab Komplikationen mit ihren Blusen und die Frau hinterm Tresen hielt wohl einen längeren Monolog über Textilien und den Reinigungsprozess. Wie erwähnt ist die Snackbar eine chemische Reinigung, das vergisst man manchmal. Vor allem weiß das unsere Hündin nicht. Weil unser Haustier nicht schnell genug an ihre Snacks kam und diese Frau mit ihren auffällig blond toupierten Haaren im Weg stand, fiepte sie und weinte sie. Irgendwann weinte sie so laut, dass sogar Frau Giffey lachen musste.
Ich fand die Giffey ja nie so schlecht. Auch wenn ich politisch nicht immer ihrer Meinung war, fand ich, dass sie dieser Stadt gut tat. Vor allem gab es nach den grauen Verwalter-Jahren unter Müller, endlich wieder jemand mit einer Vision für diese Stadt und war sich nicht zu fein, die schmutzigen Themen anzufassen. Sie war aber ein einfaches Feindbild. Vor allem für das linke Lager. Wäre sie ein Mann gewesen, wäre sie sicherlich nicht so angefeindet worden. Aber mit dieser Piepsstimme und weil sie so aussieht wie Dolores Umbridge aus Harry Potter, hat man es als Frau nicht leicht. Vor allem nicht, wenn man einen wirtschaftsfreundlichen Stempel aufgedruckt bekommt. Hätte sie öfter Jeans getragen und die Haare einfach mal ein bisschen ungebändigt hängen lassen, hätte sie in dieser Stadt ganz anders walten können, ist meine These. Viele Leute triggerte schlichtweg ihr ganzes Erscheinungsbild. Als Mann wäre sie nicht so untergegangen. Als Mann wird man auch nie an Äußerlichkeiten abgewertet. Außer man heißt Philip Amthor.








