[...]

Ich verstehe das nicht. Weiß jemand, was hier los ist? Ich bekomme etwa einmal in der Woche einen Strafzettel für eine sogenannte Verkehrswidrigkeit. Ich nehme an, es handelt sich ganz einfach um einen Strafzettel für das Falschparken. Ich kann erst seit kurzem Auto fahren und hatte bisher noch nie ein richtiges Knöllchen, ich weiß daher gar nicht, wie die aussehen. Was ich aber kriege, ist das:

 

Es steht, dass es nur eine erste Verwarnung ist und da ich auch kein Aktenzeichen finden kann, wartete ich anfangs einfach auf Post vom Ordnungsamt. Da die Post nie kam, ich aber jede Woche einen weiteren Strafzettel unter meinem Scheibenwischer fand, habe ich “da” mal angerufen und gefragt, was das bedeute. Die Dame am Telefon konnte mir keine Auskunft geben, sie meinte aber, wenn keine Post kommt, muss ich nichts zahlen. Das wird schon harmlos sein, sagte sie. Ich ignorierte. Und ignorierte. Ich fahre selten Auto, alle paar Wochen gehe ich aber zum Auto und sammle ein paar Strafzettel ein. Auch mein Nachbar wundert sich. Ich parke richtig, ich achte als Anfänger sehr darauf, dass ich zwischen den Linien stehe. Ich habe auch einen Anwohnerausweis, der gut sichtbar unter der Frontscheibe geklebt ist. Anfangs standen meine Vorderräder manchmal schief, da ich nach dem Einparken vergaß, sie gerade zu stellen. Aber auch das ist vorbei. Das einzige, das man meinem Auto sozusagen vorwerfen kann, ist sein italienisches Kennzeichen. Aber auf dem Amt der Anwohnervignetten hat man mir gesagt, das sei okay. Wenn jetzt im Blog und auf Facebook auch niemand weiß, dann schreibe ich den Zettelverteilern einfach einen Brief.

[gattogatto]

Zuerst hatten wir an der Hotelbar in Tongue einige Whiskys probiert und zum Essen je zwei große Ales getrunken. Danach wollten wir uns unbedingt noch ein wenig im Dorf umsehen, ein paar Schritte laufen nur, von der Highland-Kulisse genießen, nachdem wir die vorigen Tage auf den eher flachen Orkney Islands verbracht hatten. Als wir auf die Main Street (Dorfstraße) hinausgingen sahen wir dieses Schild, das auf einen Feldweg zeigte. Auf dem Schild stand “Castle Varrich”. Der Feldweg führte hinab ins Tal und war durch niedrige Steinmauern gesäumt. K und ich hatten den selben Gedanken und so bogen wir in den Feldweg ein. Nach wenigen Metern fiel uns diese schwarzweiße Katze auf, wir sahen sie erst, als wir in den Weg eingebogen waren, obwohl sie vorher schon da gewesen sein musste. Sie stand mitten auf dem Feldweg und schaute uns an. Wir blieben stehen, da wir sie nicht erschrecken wollten. Nach einem kurzen Moment des Starrens ging sie ein paar Meter den Feldweg hinunter. Dann blieb sie wieder stehen und schaute zurück zu uns. K ist mit Hunden groß geworden und hält entsprechend wenig von Katzen. Ich hingegen habe keinen großen Bezug zu Tieren, antworte aber immer, dass ich Katzen eher mag. Wobei das unbegründet ist. Die Katze ging dann wieder ein paar Meter und blieb schließlich wieder stehen. Erneut drehte sie sich nach uns um. Ich sagte zu K, schaumal, sie will uns etwas zeigen. Wir gingen der Katze nach, sie wiederholte das Spielchen ein paar Male, sie ging ein paar Meter und schaute sich wieder nach uns um. Als sie merkte, dass wir ihr folgten, kam sie zu uns, streifte sich durch unsere Beine, um dann wieder vorweg zu preschen und uns den Weg zu zeigen. K und ich schossen Fotos von ihr. Sie machte immer wieder Halt und posierte für uns. K nannte sie “Gattogatto”, K weiß vielleicht wenig über Katzen, aber sie kennt das italienische Wort für Katze, Gattogatto, es war weniger ein Nennen, sondern eher ein Rufen, wie sie mich manchmal auch mit Mekomeko ruft, sie rief Gattogatto und die Katze kam, legte sich auf den Rücken und ließ sich von ihr ablichten. Links von uns kam eine Wiese. Schafe weideten. Ich fotografierte die Schafe. Gattogatto sprang über den Zaun. Sie hatte einen Vogel auf der Wiese gesehen. Der Vogel stand neben einem Lämmchen. Gattogatto lauerte auf den Vogel und näherte sich ihm. Das Mutterschaf sah das, das Mutterschaf sah aber nur ein lauerndes Katzentier und damit ihr Lämmchen in Gefahr. Als das große Schaf herangetrottet kam, merkte auch die Katze, dass der Spaß vorbei war.
Wir gingen weiter den Weg bergab, an einer Kläranlage vorbei, das Dorf lag bereits ein gutes Stück hinter uns, K hob einen getrockneten Ast auf und strich ihn über die Kieselsteine, sie rief Gattogatto, die Katze kam und versuchte mit dem Ast zu kämpfen, ließ wieder davon ab, lief weiter, kam wieder zurück. Der Weg verflachte sich, war nicht mehr so steil, der Weg ging in ein kleines Laubwäldchen über, man konnte nicht gut sehen, was dahinter war, also gingen wir weiter, die Katze vorneweg, K rief Gattogatto und strich mit ihrem Ast über Gräser, klopfte auf Steinchen, ab und zu kam die Katze und biss sich in den Ast fest. Dann kam ein Zaun, Gattogatto sprang hinauf und wartete, bis wir das kleine Zauntor geöffnet und wieder geschlossen hatten. Dahinter bog der Weg nach links ab. Jetzt lag ein Fluss neben uns. Ein ruhiger, kleiner Fluss an dessen Rändern vereinzelt und wild Laubbäume wuchsen. Hätte mir jemand gesagt, stelle Dir drei Frauen aus der viktorianischen Zeit vor, wie sie an einem Fluß sitzen und ins Wasser schauen, dann hätte ich sie mir genau an so einen Fluss vorgestellt. Man sah das Dorf nicht mehr, man hörte nur mehr den Wind. Wir gingen den schmalen Weg am Fluss entlang, Gattogatto lief vor uns. Schließlich kamen wir zu einer Brücke, die über den Fluss führte. Ich schaute auf mein Telefon. Googlemaps kannte den weg nicht, kannte die Brücke nicht, kannte das Castle nicht. Die Katze blieb stehen und schien auf einmal abgelenkt, nicht mehr sonderlich interessiert an uns. Sie putzte sich. Ich ging auf die Brücke. K ärgerte die Katze mit dem Ast. Gattogatto fauchte. K kam mit auf die Brücke, sie fotografierte das Wasser, das viktorianische Ufer. Auf der Brücke sahen wir das Schloss. Eine Ruine, die auf dem ersten Blick lediglich noch aus einem Turm zu bestehen schien. Sie stand auf einem kleinen Berg, vielleicht eine halbe Stunde von der Brücke entfernt. Vielleicht ein bisschen näher. Hinter ihr der Abendhimmel, wir sahen eigentlich nur ihre Silouette. Wir betraten das andere Ufer, die Dämmerung hatte eingesetzt, der Wind war lauter geworden. Auch hier stand ein Zaun. Dieser aber höher und auch wieder mit diesen Zaungittern, die man als Mensch umhängen kann aber nicht als Tier. Wir wunderten uns, warum der Zaun hier so hoch war. Vielleicht weideten hier größere Tiere, auf Orkney hatten wir einmal eine Stierweide gesehen, die bestand aus stabilen, metallenen Pfählen und dickem Maschendraht, da konnten wir uns den Stieren guten Gewissens nähern, aber hier würde man doch nicht einfach einen öffentlichen Waldweg durch eine Stierweide führen. Würden man nicht? Gattogatto kam über die Brücke gelaufen und kroch unter den Zaun hindurch. Wir hängten das Tor um und gingen weiter. Die Katze fauchte nicht mehr. K sagte Gattogatto. Der Weg öffnete sich zu einer Lichtung hin. Von dort aus konnten wir die Burg sehen. Wir konnten auch die anderen Berge sehen, die etwas weiter südlich in den Himmel ragten. Dunkel, kahl. Vulkanisch. Mich ließ der Anblick an delirische Träume denken, delirisch wie in den Bildern von Bosch, ein bisschen auch wie die Berge, die im Hintergrund der Mona Lisa abgebildet sind. Delirische Träume, vielleicht diese unbehagliche, bedrohliche Kulisse, wie sie die sieben Berge der sieben Zwerge immer war. Es dämmerte. Ich sagte, lass uns zurückgehen. Gattogatto schaute uns an.
Wir gingen zurück, über die Brücke, am Fluß entlang. Durch den kleinen Laubwald, dann den Feldweg hoch. Gattogatto lief vor uns, strich hin und wieder durch unsere Beine, blieb manchmal stehen, biss in den Ast, mit dem K durch das Gras strich. Oben in der Main Street blieb Gattogatto vor uns stehen und schaute in das Dorf hinein. Wir stellten uns neben sie. Wir wollten uns gebührend verabschieden, aber sie ging dann einfach los, in die andere Richtung und drehte sich nicht mehr nach uns um.

[¤◆■]

Tain hat lediglich einen einzigen Pub und nur einen Inder, der neben Curry auch fette Pizzen macht. Tain hat aber auch ein Dudelsackorchester, das Freitagabend durch das Dorf pfeift. Wir standen lange da und hörten zu. Wir lachten auch ein bisschen, der Folklore wegen. Wie in meinem heimatlichen Alpendorf vielleicht, wenn die Touristen lächelnd am Dorfplatz stehen, während die Blaskapelle spielt. Ich musste an Eve Myles denken. Eve kam aus Schottland.  Sie arbeitete damals mit mir und ich sagte immer, wie schön ich ihr Heimatland fände.  Sie winkte stets
ab. Sie sagte, da lebten nur Säufer und Kinderschänder. Das war schon immer so, mit der Folklore.

[...]

In letzter Zeit passieren immer wieder Dinge die ich zum ersten mal erlebe. ZB mit K in ein Flugzeug zu steigen, oder mit K im eigenen Auto mit eigenem Führerschein nach Brandenburg zu fahren. Das beste passierte vielleicht gestern, als sie mir zum ersten Hochzeitstag gratulierte.
Neulich schrieb ich irgendwo, dass ich Dennis Quaid nicht mag. Schon seit langer Zeit nicht mehr. Er hat mir Ende der achtziger Jahre Meg Ryan ausgespannt. Das habe ich ihm nie verziehen. Es wird Zeit, dass ich es ihm nachsehe. (Erst recht, wenn ich deren aufgespritzten Gesichter sehe).

[...]

Wieder mal auf einem Punkkonzert gewesen. Gefühlt ist das etwa zwanzig Jahre her, faktisch aber höchstens drei. Vier. Fünf. Sechs. Diesesmal ist es mir dann seltsam retro vorgekommen. Total aus der Zeit gefallen. War das immer schon so? Die Attitüde ist gleich geblieben, ist aber wirkliche Attitüde geworden. Total toll allerdings, wieviele Millionen von Schrammelakkorden es geben muss, wenn man sie immer noch variieren kann.

#
Auf dem Weg zur U-Bahn trug ich dieses alte Jackett. Mein Telefon passte nicht richtig in die Brusttasche, deswegen griff ich hinein und fand eine alte Zigarette von mir. Sie war in der Mitte gebrochen, ein bisschen Tabak lag in der Tasche herum. Unfassbar, dass ich einmal geraucht habe. So lange. So viel. Als ich die Zigarette aus der Brusttasche zog, zog ich ein ganz altes und anderes ICH aus mir hervor. Da stand ich dann, auf dem Weg zur U-Bahn und hielt ein ganz altes ICH von mir in der Hand. Das war fast esomäßig.

[...]

Beim Anflug auf Tegel auch. Wenn dieses Berlin auftaucht. Man sieht die ganze Stadt vor sich liegen, so erfassbar, nicht in ihren Einzelteilen sondern sie als Ganze, wie sie daliegt im märkischen Sand, ich klebe an der Scheibe, wir kommen vom Westen und umkreisen sie einmal, wir sehen den Fernsehturm, sehen das Tempelhofer Feld, den Tiergarten, wir überfliegen Schönefeld, drehen eine weite Schleife über die Ostbezirke, wir kommen immer näher, immer tiefer, steigen ab. Ich habe noch keinen Soundtrack dafür gefunden, es gibt bestimmt diesen perfekten Soundtrack für eine Tegellandung, so als Vorspann zu einem Film, wo die Protagonistin zum Fenster hinausschaut und mit ihrer Off-Stimme etwas bedeutungsschweres erzählt, von einem Wiedersehen, einem Abschied, während sie hinabsinkt, dahinter die Radialen, die auf den Alex zulaufen und die Turbinen dröhnen, die Dächer der Häuser kann man schon fast anfassen, Kurt-Schumacher-Damm, Aufschlag.

Ich sollte schnell Filmemacher werden bevor Tegel schließt. Ein paar Jährchen dürfte ich noch Zeit haben.

[fb #2]

Beim Fallrückzieher muss man fallen, bleibt man nämlich stehen, heißt das Stehrückzieher und man schießt sich ins Gesicht. Lerne niemals aus.

#

Baj heißt auf schwedisch: Scheiße. Wenn man so will, dann heißt Scheißen in schwedischer Kindersprache: Bayern.

#

Hach, Sommerregen.

#

Die Amerikanerin in der Ubahn fragt, warum die Lautsprecherstimme immer “Einstein bitte” sagt. Ich finde, die BVG sollte wissenschaftliche Referenzen abschaffen. In Hamburg hat man es vorgemacht.

#

Ich wusste den ganzen Tag, dass heute Freitag ist. Aber ich weiß erst seit vorhin, dass Morgen Samstag ist #yeah

#

9:00Uhr Morgens Kottbusser Damm. Ein junger Mann mit Kopfhörern geht zur Mülltonne, hält sich mit dem Finger ein Nasenloch zu, zielt und schießt einen Rotzklachel durch den Öffnungsschlitz. Ah, Preussen.

[...]

Gestern spielten wir in der Mittagspause in diesem Fußballkäfig an der Boppstraße. Wir schoben uns den Ball zu, schlugen ein paar Flanken, später übten wir harte Schüsse ans Gitter. Sechs Erwachsene Männer in Sportbekleidung. In der Zwischenzeit wurden wir von Grundschülern umringt, die auf dem Gelände ihre Pause verbrachten. Die Kinder fanden unsere harten Schüsse natürlich toll. Ich bin das ja nicht gewohnt, durch kleine Menschen bewundert zu werden. Wenn ein Schuss über den Käfig hinausging, rannten mindestens drei Jungs los und stritten sich darum, wer uns den Ball zurückschießen durfte. Wenn der Ball ins Seitenaus ging landete er bei ein paar Mädchen mit Kopftuch. Die hatten ein paar tolle Tricks drauf am Ball. Eine von denen nahm den Ball mit der Hacke an und lupfte ihn Volley wieder zurück. Wir klatschten. Irgendwann passte ich den Ball absichtlich zu dem Mädchen und sagte: mach den Trick nochmal. Davon war sie so erschrocken, dass sie den Ball verfehlte. Ich bin das ja nicht gewohnt, fand das aber schon rührend.

Als die Kinder von den Lehrern wieder eingesammelt wurden, kam ein kleines Mädchen auf uns zu, stemmte die Arme in ihre Seiten und sagte: Mann, ihr habt uns voll die Mittagspause versaut!

Das hat uns erstmal mitgenommen.

[iron]

Jetzt hat es mich auch erwischt. Fünf Euro, weil ich letzte Woche nichts gebloggd habe. Ich bin seit Januar auch ein Ironblogger, was nichts anderes bedeutet als eisern jede Woche mindestens einen Eintrag im eigenen Blog zu verfassen. Tut man das nicht, zahlt man fünf Euro in einen Topf ein, der regelmäßig geleert wird. Bei diesen Leerungen kommen die Ironblogger zusammen und trinken so viel Bier bis kein Geld mehr im Topf ist. Wenn das Geld weg ist, trinkt man vermutlich einfach weiter.
Ich bin da ja total die Zielgruppe. Ich blogge seit einigen Jahren etwa 0,8 Beiträge in der Woche. Früher habe ich täglich etwas geschrieben, mittlerweile beginne ich oft Einträge, habe aber keine Lust sie zu Ende zu denken, oder ich bin zu müde, manchmal fehlt mir auch der Glaube, dass den Eintrag jemanden interessieren könnte, die Relevanzfrage also. Was natürlich Käse ist. Jetzt bleibe ich eisern dabei. Diesen Eintrag zum Beispiel schiebe ich schon seit Wochen mit mir herum. Ich wollte über das Ironbloggen schreiben, falls ich mal nichts zum Schreiben haben, ist ja praktisch, so ein Thema auf der hohen Kante zu haben. Letzte Woche Sonntag wusste ich dann nicht, wie ich diesen Eintrag anfangen soll. Dann Patzbumm. Woche um, fünf Euro weg. Am Montag begann ich dann diesen Eintrag, ich schrieb “Jetzt hat es mich auch erwischt”. Ich schrieb jeden Tag eine oder zwei Zeilen darüber. Jetzt ist aber wieder Sonntag, es war keine sehr blogbare Woche, aber ich habe ja dieses Thema, jetzt muss ich den Text nur noch irgendwie fertigkriegen.

[uh]

Das Gekeife der Leute. Dass Hoeneß in den Knast muss. Dieses Bestrafen, Rächen, ihn leiden sehen, die Befriedigung, der Schaum vorm Mund.

#
Als er sagte, er wolle sich nicht dagegen wehren, sich der Strafe stellen, das Eingeständnis der Schuld, die Demut auch, ich kaufe ihm das alles ab, wie er sich dem Schicksal stellt. Natürlich kommt er früher frei, natürlich wird er im Knast nicht mit feuchten Handtuchknoten bearbeitet, natürlich ist er ein Edelknacki, aber wie er sich dem Schicksal stellt, mit seinen Millionen, dieses Übermaß an Freiheit und Möglichkeiten, die sein Leben ihm immer boten. Dies jetzt unter Demut einzutauschen mit der Akzeptanz des Freiheitsentzugs, während draußen die Leute weiterkeifen. Boah, was für eine Grandezza.

#
Andererseits: Während die vielen Millionen draußen warten sind die paar Knastjahre ohnehin nichts weiter als eine Pause. Vergleichbar mit Managern, die sich ins Kloster zurückziehen um ihr Leben zu reflektieren. Wie gesagt, ich kaufe es ihm ab, wenn er die Steuerhinterziehung als seinen größten Fehler bezeichnet. Jetzt bezieht er mit gesenktem Haupt seine Mönchszelle und wird beten.
Das meine ich völlig unironisch.

#
Allerdings: ich wünsche ihm keinen zahnlosen Dortmund-Hool als Zellengenosse.

Dabei finde ich Steuerhinterzug wie auch seinen Fussballclub ziemlich Stuhlgang.

#
Außerdem habe ich Knast ohnehin nie verstanden. Sperrt man nicht Leute weg, wenn sie gefährlich für die anderen sind? Was habe ich davon einen Steuerstraftäter wegzusperren? Immerhin kostet er “uns” jetzt Geld. Ist es nicht sinnvoller jemanden wie ihn am Geld zu belangen? Irgendeine Wurzelrechnung aus den Siebenundzwanzig Millionen ziehen, das Geld den Armen geben und den Hoeneß ziehen lassen?

Achso, das Keifen der Leute.

[tumileid]

Man kann sich ja nicht entschuldigen. Man kann nur um Entschuldigung bitten. Es bleibt dem anderen überlassen ob er einen entschuldet. Dieser Andere kann auch keine Entschuldigung annehmen, sondern er kann nur entschulden. Dafür wurde das Leidtun erfunden. Man kann sagen, dass es einem Leid tut, damit sagt man dem Leidtragenden, dass das eigene Verhalten nicht okay war, jedoch ist es ihm freigestellt, ob es zu so etwas wie einer Entschuldung kommt. Man selbst gerät in die Rolle des Demütigen, der über sich urteilen lässt. Findet eine Entschuldung des Leidtragenden nicht statt, worauf der Leidtragende sein gutes Recht hat, ist er halt ein bisschen grummelig und nachtragend, es ist aber sein Recht. Leidtun ist hauptsächlich für Eilige sinnvoll, wenn man mit Koffern durch den Flughafen (oder mit Ellbogen durch die Welt) marschiert. Man hat nicht die Zeit, stets abzuwarten ob es zu einer Entschuldung kommt, sondern man wirft bei Anremplern einfach ein “Tut mir leid” durch die Gegend, in der Hoffnung, dass der eine oder andere eine Entschuldung ausspricht. Mit ein bisschen Glück kommt man auf eine Entschuldungsquote von über 50% (“Ist okay, kein Problem”) und man selber läuft nicht mit dieser ungeheuerlichen Schuldlast herum. Und mal ehrlich, die Grummeligen und Nachtragenden, die einen nicht entschulden, sind doch immer ein bisschen selbst schuld.

[...]

Jetzt bin ich auch weg von ICQ Whatsapp und hinüber zu Telegram. Dort sitzen schon zehn meiner Kontakte. Die üblichen Verdächtigen. Punker, Quersitzer, Blogger, Mörder und Räuber. Back home.

#

Wiedermal die Retouren-Kartons auf die Post gegeben. Den letzten Karton habe ich aus Mangel an Fußballzeitungen mit einem Ausdruck eines älteren Manuskriptes ausgepolstert. Da ich Angst hatte, jemand bei der Telekom würde mit meiner Arbeit zum Millionär und gefeierten Romancier, habe ich die erste von 160 Seiten weggelassen. K sagt, ich hätte besser jedes zweite Wort durchgestrichen. Da hat sie natürlich recht. Ich dachte, das Fehlen einer Seite bringt das Kunstwerk aus der Balance. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen: unterschätzt nicht den Wert von Fragmenten.

#

Wenn Männer in der U-Bahn breitbeinig und das Territorium markierend sitzen, braucht man nur zärtlich zu sein. Den Oberschenkel an seinen Oberschenkel reiben. Ohne Druck, nur zärtlich reiben. Zwei mal, das reicht. Dann hat man wieder Platz. Das funktioniert natürlich nur unter Männern.

[...]

Es gibt die zwei Situationen, in denen ich zahm wie ein Lämmchen bin. Die eine Situation ist bei meiner Zahnärztin, wenn sie sich beim Aufreißen meines Mundes über mich beugt und dieser Geruch von frisch gewaschener Wäsche meine Sinne benebelt. Sie könnte mir die Zähne mit einem Meißel bearbeiten und ich säße nur da, zahm wie ein Lämmchen, verzaubert. Ich habe mich nie getraut nach ihrem Waschmittel zu fragen.

Die andere Situation ist das Radio beim Schnipseln von Obst und Gemüse. Ich höre selten Radio und ich schnipsle ungerne Obst oder Gemüse. Kombiniere ich allerdings das Schnipseln mit dem Radiohören, dann erledige ich beides mit einer bisher ungekannten Intensität. Es müssen diese Redesendungen sein, wo Menschen endlos über Dinge reden, Interviews, Reportagen, Gesräche. Wenn ich dabei Obst oder Gemüse in kleine Stücke hacke interessiert mich jedes Thema, wirklich JEDES Thema und ich schneide dabei wie ferngesteuert Gemüse oder Obst. Wenn ich nichts mehr zwischen den Fingern habe was sich zerkleinern lässt, dann ärgere ich mich regelrecht, manchmal viertle ich dann einfach die bereits vorher geschnittenen Teile oder schnipsle Vorräte auf. Ganz klein und quadratisch.

[Bushi No Kondate]

Vorgestern auf der Berlinale diesen japanischen Film gesehen. Er spielte im Japan des frühen achtzehnten Jahrhunderts und zeigte Menschen beim Zubereiten von schönen Speisen, also beim schönen Zubereiten von schönen Speisen. Schöne Werkzeuge, erlesene Zutaten, zeremoniertes Zubereiten, Riten. Ich weiß nicht, inwiefern der Film die Zustände weichzeichnet, dafür kenne ich Japans Geschichte zu wenig, wenn man mal von den Taten im zweiten Weltkrieg hinwegsieht würde es mich nicht wundern, wenn den Japanern so etwas wie eine superschönes und supersauberes kulturgeschichtliches Selbstverständnis zugrundeliegt. Denke ich an Japan, denke ich an, öhm, Sauberkeit, papierne Wände, Höflichkeit, Menschen, die barfuß über Bastmaten oder auf Pantoffeln laufen, kniend auf dem Boden sitzen und dort essen.

Denke ich an das frühe achtzehnte Jahrhundert in Europa, dann denke ich an Friedrich Zwo in seinem Potsdamer Schloß und denke an seine vornehmen französischen Gäste, die in die Ecken hinter die Vorhänge urinierten.
Dieser Film zeigt ein Japan, in dem es bereits damals in niedrigeren sozialen Schichten die strikte Trennung zwischen Innen- und Außenbereichen gab. Die Innenbereiche waren Bohlen auf denen die Leute in ihren Pantoffeln liefen oder in unpraktischen Haltungen auf dem Boden knieten und ihre Hände falteten. Unmöglich, dass da jemand ins Eck hinter die Vorhänge urinierte.

Andererseits: es wurden keine Klos gezeigt. Es wurden allerdings auch keine Vorhänge gezeigt, hinter die man hätte pissen können. Es wurde nie aufs Klo gegangen. Passiert in Filmen ohnehin selten. Aber hier: ausgeschlossen. Jetzt weiß ich natürlich nicht wie japanische Klos im Japan des frühen achtzehnten Jahrhundertes aussahen. Macht mich ganz fertig, wenn man sich so in ein Weltbild hineingedacht hat und dann an Toiletten verzweifelt.

[fb #1]

Im Deutschlandfunk läuft eine Sendung über Internationale Gerichte. Ich denke: oh nein, Kochsendung.

#

Mitgliedsnummer 88. Ha. So was kann man doch sicher für viel Geld verkaufen.

#

Ich werde das jetzt einmal im Monat tun. Meine Zweizeiler aus Facebook oder Twitter ins Blog stellen. Zumindest bis Reclaim.fm das automatisch für mich erledigt. Dieses Wegdriften meiner Vergangenheit in die Datensenken von Facebook oder den anderen Diensten. Ich fühle mich da immer matrixmäßig fremdgesteuert.

#

Was ich in Italien immer vermisse: einen ordentlichen, deutschen Latte Macchiato.

#

Meine ersten richtigen Turbulenzen. Plötzlich roch es nach verschmortem Plastik. Ich wäre fast wieder katholisch geworden.

#

repepetitiv

#

Wish schreibt man nicht Whish sondern Wish. Meine Finger: immer Whisky wenn die WH’s zu nahe beinander stehen.

#

Screenagerliebe. Am schlimmsten sind Gesellschaftskritiker, wenn sie religiös verstrahlt werden. Als würde Selbstgerechtigkeit nicht reichen.

[...]

Heute früh den Schornsteinfeger ins Haus gelassen. Er trug seine schwarze Uniform, hatte einen grauen Rauschebart, lange, wellige Haare und einen samtenen Zylinder auf dem Kopf. Ich war so hin und weg, ich wollte fragen: bringen Sie mir Glück? Stattdessen sagte ich aber: Guten Morgen.
Ich bin ja Profi.

#
In der U-Bahn dann der junge, gutaussehende, offensiv lässige Student. Dreitagebart, Brille, nuckelt an einem Bier. Er lehnt sich an die Stange und schlägt ein abgegriffenes Taschenbuch auf: Nietzsche »der Antichrist«. Und war so hin und weg, ich wollte sagen: Punk is dead. Aber er war ja kein Punk.

[#hitzlsperger]

Am Ende ist Hitzlspergers Outing doch ein weiterer Beitrag zur Normalisierung der Homosexualität. Ich glaube da ja total an den Mainstream, wenn Homosexualität durch Identifikationsfiguren oder der Darstellung in Serien, Filmen zeigen, wie normal homosexuelle Menschen sind, es langsam auch in alle Gesellschaftsschichten durchdringt und es einfach normal wird, langweilig eben, kein Thema mehr, denn was bedeuet schon Homosexualität, genau, jemanden zu lieben, basta. Beim Lesen der homophoben Leserkommentare in Foren und ähnlichen Bühnen kotzt mich vor allem an, dass die gleichen Idioten das in fünfzig Jahren einfach scheißegal fänden, aber jetzt eben die Scheißidioten sind, die anderen Leuten eine Scheißangst einjagen, diejenigen zu lieben, die sie lieben wollen.

[so war 2013]

Januar
Im Januar hatte ich Geburtstag.

Februar
Einen neuen Dielenboden in meiner Wohnung verlegen lassen. Eiche. Wollte ich in meinem Leben immer schonmal tun: einen Dielenboden verlegen lassen.

März
Im März ist dieses Blögchen zehn Jahre alt geworden. Den Rest des Monates habe ich vor allem damit zugebracht, eine Entscheidung zu erwägen, die ich dann im April gefällt habe.

April
Die Entscheidung gefällt, meinen Job nach zwei Jahren zu kündigen.

Ende April stieg Hertha wieder in die Bundesliga auf. Das war ein guter Tag.

Mai
Im Mai haben K und ich geheiratet. Das war super. Zwei Tage vorher war das Wetter schlecht und kalt. Am Hochzeitstag: Sonne. Das haben wir natürlich sofort symbolisch interpretiert.

Juni
Mit dem Joggen begonnen. Tennis gespielt. Fussbal gespielt. Mir das Sprunggelenk verletzt. Das muss man sich mal vorstellen. Das Sprunggelenk verletzt. Wie Ben-Hatira, Arjen Robben und Schweinsteiger. Wir sind ein illustrer Kreis.

Juli
Urlaub im Wald in Schweden.

August
Bundesligaauftakt. Hertha gegen Europapokal-Teilnehmer Eintracht Frankfurt. Wie groß die Freude über die Rückkehr in die Bundesliga auch war, die starken Gegner würden es im Laufe der Monate sicherlich wieder vermiesen. Beim ersten Spiel der Saison ggen Frankfurt war es eher die Frage, wie hoch wir verlieren. Dann das. Wir gewinnen 6:1. Das Stadion stand Kopf. Nach dem Spiel erhob sich das gesamte Olympiastadion und applaudierte der Mannschaft lange.

September
Neuer Job.

Urlaub in Island. Hochzeitsreise Teil 1.

Oktober
Ich reise von berufswegen viel.
Mit dem Joggen wieder aufgehört.

November
Ich reise von berufswegen viel.
Zudem habe ich mir mein erstes eigenes Auto angeschafft. Nicht von berufswegen.

Dezember
Viel Auto gefahren.

Hertha gewinnt mit 2:1 gegen Borussia Dortmund und überwintert auf einem Europe-League Platz. 28 Punkte, yeah.

ENDZEITFRAGEN:

Haare länger oder kürzer?
Kürzer. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es mir steht.

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger. Bewusst entschieden.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr :)

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr bewegt. Ich habe den ganzen Sommer über gejoggt.

Der hirnrissigste Plan?
Zu glauben, mit mehr Freizeit würde ich mehr Zeit haben, an dem langen Text zu schreiben. Mit mehr Freizeit habe ich aber schlichtweg mehr Zeit vedödelt. War aber auch gut.

Die gefährlichste Unternehmung?
Fliegen.

Der beste Sex?
Mit K.

Die teuerste Anschaffung?
Ein Dielenboden.

Das leckerste Essen?
Ob es das beste Essen war, weiß ich nicht, es war allerdings das Beeindruckendste (und Teuerste). Im Reinstoff in der Schlegelstraße. Wir saßen etwa 4 Stunden an einem neun Gänge Menü, das von Gang zu Gang aufwändig inszeniert und uns von mehreren Bediensteten gleichzeitig erklärt und vorgeführt wurde. Als wir zuhause angekommen waren, blieb ein vages Gefühl übrig, im Theater gewesen zu sein.

Das beeindruckendste Buch?
»Monster« von Benjamin Maack. Insbesondere die Erzählung »Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster«. Diese Geschichte (etwa 70 Seiten) hätte gerne doppelt so lang sein dürfen.

Der ergreifendste Film?
Ich habe in diesem Jahr so viele Filme gesehen, dass mir ein objektiver Rückblick total vernebelt vorkommt. Die stärksten Bilder vielleicht und der Sog, in dem mich der Film vom ersten Momentan an hinengezogen hat, war vielleicht »Gravity« mit Sandra Bullock. Dieser Weltall Film. Denke ich an den Film, sehe ich mich noch immer mit offenen Augen und Mund im Kinosaal sitzen.

Die beste Musik?
Lana Del Rey. Ihre Texte sind und ihre Attitüde sind, nunja, nicht so mein Ding, vor allem glaube ich nicht, dass das ironisch ist. Aber ihre Musik finde ich fast ausnahmslos super. Ich hege seit einem oder zwei Jahren eine Faszination für einfache und groß orchestrierte Popmusik.

Das schönste Konzert?
Neko Case im Heimathafen Neukölln.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
K

Die schönste Zeit verbracht mit …?
K

Vorherrschendes Gefühl 2013?
Viel Zeit auf dem Balkon verbracht.

2013 zum ersten Mal getan?
Alleine geflogen.

2013 nach langer Zeit wieder getan?
Mich um mich selbst gekümmert.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
1) Hertha (schon wieder) in der zweiten Liga
2) jetzt fällt mir nichts mehr ein. Offenbar sind die Dinge, für die ich selbst verantwortlich bin, unverzichtbar.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dazu fällt mir nichts ein. Das bedeutet dann wohl, dass das nicht nötig war. Zumindest nichts Wichtiges.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ich habe soeben gefragt. Das Tablet zu Weihnachten. Neben Ehering und dem Maßbecher von Pyrex.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Grüne Stoffschuhe. Nachdem ich seit mehr als fünfzehn Jahren ausschließlich schwarze Lederschuhe getragen habe, kaufte mir K unangekündigt und unaufgefordert hellgrüne Stoffschuhe. Selten war ein Erlebnis, öhm, erlebnisreicher. Ich wollte ständig aus dem Haus um mit meinen grünen Schuhen herumzulaufen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Ja, ich will :)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ja, ich will :)

2013 war mit einem Wort …?
Super.

Foto: Angela Leinen

[...]

Am Vierundzwanzigsten sind wir mit dem Auto durch die Stadt gefahren. Einfach im Kreis und über die großen Radialen. Wir lieben es, wenn die Stadt sich leert, wir lieben aber auch Filme über Schnee oder Filme, die in Alaska spielen, wenn es kalt und dunkel wird und die Menschen weniger werden. Große Städte sind zu Weihnachten immer ein bisschen Alaska-mäßig. Diese Introvertiertheit der Weihnacht. Ich wollte die Gunst des leeren Berlins nutzen um die Stadt mit dem Auto zu erkunden. Neue Wege kennenzulernen, etc. ich bin ja so ein Autoabwürger. Abwürgen geht besser wenn wenig Verkehr auf den Straßen ist.
Wir hatten eine CD mit Weihnachtsliedern von Bing Crosby. Als wir über die Frankfurter Allee fuhren, immer weiter und weiter stadtauswärts wurden wir von den Feierabendmassen auf den Weg nach Brandenburg mitgesogen, wie sie hinausfuhren, weg aus Alaska.

[...]

Hier auch nochmal verlinkt: Ich habe den Proust Fragebogen auf Zeit-Online ausgefüllt.