[was schön war, KW11]

Man mag mich Kulturbanause nennen, aber für mich war Chuck Berry ja immer nur der Cousin von Marvin. Marvin Berry. Der, der in 1955 beherzt zum Telefonhörer griff.

Meinen alten Telekom Receiver auf Ebay Kleinanzeigen zum Kauf angeboten. Ich stelle da manchmal alte Dinge ein. Meist Technik die ich nicht mehr brauche und die ich auch in meinem Freundeskreis nicht mehr los werde. Alte Monitore oder alte Notebooks, etc. Immer für 10 Euro. Als ich den Receiver einstellte begann eine Frau mit mir zu handeln. Ob sie den Receiver auch für 5 haben könne. Ich antwortete, Sie wollen jetzt nicht ernsthaft bei 10 Euro herumfeilschen, oder? Sie sagte: ja. Daraufhin schrieb ich ihr, okay, Receiver für 5 Euro, dafür bringen Sie mir zwei Flaschen meines Lieblingsbieres mitzubringen. Ich schrieb ihr die Marke, die Sorte und den Späti, wo sie zwei Flaschen kaufen könne.
Sie war einverstanden. Ihr Sohn würde kommen und mir das Bier mitbringen.
Am nächsten Tag stand der Sohn vor der Tür. Ein junger, frisch aussehender Mann. Eher ein großer Junge, als ein Mann. Ich überreiche ihm den Receiver, er überreichte mir 10 Euro. Er habe kein Bier, sagte er. Der Spätverkäufer verkaufe ihm keinen Alkohol.
Wenn man das aufschreibt ist das nicht mehr so lustig, aber ich habe danach wirklich lachen müssen. Wie er da ein wenig bedröppelt im Treppenhaus stand, von einem Bein auf das andere trat und sagte, der Spätverkäufer habe ihm kein Bier verkaufen wollen. Wenn Feilschen am Jugenschutz scheitert.

Wiedermal einen Film geguckt. Total ungewohnt. Wie kurz Filme sind. Eigentlich sind Filme Kurzgeschichten. Es ist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen, dass Literaturverfilmungen am besten in Serienform funktionieren, Filme bieten den zeitlichen Rahmen nicht, ich meine wirklich die zeitliche Komponente, wenn man beispielsweise ein Buch liest ist man gewöhnlich mehrere Tage damit beschäftigt, die Figuren die einen über mehrere Tage begleiten, die Geschichte die immer so ein bisschen mitläuft, als würde eine Geschichte mitreifen, über die Tage hinweg. Bei Serien gibt es einen ähnlichen Effekt, dieses Begleiten der Geschichte und der Figuren. Was mich bei Verfilmungen von Lieblingsbüchern immer gestört hat ist dieser fehlende emotionale Faktor, dass mich die Geschichte nie so einnimmt wie das Buch, und ich bin mir sicher, dass das nur mit der Zeit zu tun hat, dass der Film alles, alles auf die zwei Stunden herunterkomprimiert, ich meine, Gefühle sind ja immer ein bisschen träge, die fangen bei mir nach zwei Stunden erst richtig an.

[was schön war, KW10]

Ich tanze zwei mal pro Jahr. Immer auf der Firmenfeier. Wenn wir drei Firmenfeiern pro Jahr hätten, würde ich dreimal im Jahr tanzen. Diesesmal habe ich es leider vergessen. Am Ende dieses Jahres werde ich also nur einmal getanzt haben.

Bei Sonnenuntergang mit dem Fahrrad über die Warschauer Brücke gefahren. Rechts von mir eine Wand von Leuten, die ganze Brücke lang, neben dem Fahrradweg, alle nebeneinander, alle dem roten Abendhimmel zugewandt, wie sie mit gezückten Telefonen den Alex zu erfassen versuchen, der dramatisch im Rot zu versinken scheint. Ich bin der Fahrradfahrer der durch das Bild fährt. Ich drehe mich nach links und auch ich erstarre kurz zu einer Säule aus Erfurcht.

[Was schön war, KW9]

Vorletzte Woche vor neun Jahren habe ich K kennengelernt. Das heißt, wir haben uns in Wirklichkeit in 1995 oder 1996 kennengelernt. Das war in Wien. Sie trug ausschließlich schwarz, ich hingegen hatte grüne Haare. Es erklärt sich vonselbst: wir hatten Vorbehalte voreinander.
Viele Jahre später, in 2008, trafen wir einander zufällig wieder. Diesmal in Berlin. Sie trug Jeans und ich hatte an Gewicht zugelegt. Das ist keine missglückte Metapher, aber es erleichterte den Umgang ungemein.

Das Wiedersehen ergab sich im Viva Mexico in der Chausseestraße, diesem ziemlich improvisierten Restaurant mit den fantastischsten Quesadillas und den zwei tollsten Mexikanerinnen (der Welt). Weil es so kalt war, saßen wir neben einem Gasradiator. Das war in einer Zeit in der es noch echte Geheimtipps gab und das Viva Mexico ist in den Jahren seines Bestehens ein richtiger Geheimtipp geblieben. Ab und zu begegne ich noch Menschen die das Viva Mexico kannten und bei der Nennung dieses Lokals leuchtende Augen bekommen. Wir reden wohlgemerkt nicht von einem magischen Club oder einem fernen Urlaubsort, wir reden hier von einem so gut wie heizungslosen Restaurant in diesem damals ziemlich brachen und verlorenen Teil von Mitte zwischen Tankstellen und Brandwänden kurz vorm Wedding. Heute sieht es da natürlich ganz anders aus.
Ein Jahr später waren wir was das, was man allgemein ein Paar nennt und wir kehrten an diesem speziellen Tag ins Viva Mexico zurück. Manche Leute feiern den Hochzeitstag, manche das erste Knutschen oder den ersten Sex, also das symbolische “Zusammenkommen”, wir aber zelebrieren Jahr für Jahr diesen seltsamen Tag des Wiedersehens nach 13 Jahren.
Zwei Jahre später schloss das Viva Mexico für immer. Ich hatte Rosis Nummer noch. Im ersten März nach der Schließung rief ich sie an, ich fragte, ob sie irgendwo wiedereröffnet habe, meine Freundin und ich müssten nämlich unseren Jahrestag zelebrieren und eigentlich könnten wir unseren Jahrestag nur im Viva Mexico zelebrieren. Sie wusste zwar nicht wer ich war, sie war aber hörbar erfreut, sie ermutigte mich, es im nächsten Jahr wieder zu probieren, sie suche gerade nach neuen Räumlichkeiten, es sei ja nicht mehr so einfach, usw.
Und so tat ich. Immer im März rief ich an. Ich wurde immer vertröstet. Das ging zwei Jahre so. Danach funktionierte die Nummer nicht mehr.

Wir sind dann auf andere Mexikaner ausgewichen. Seitdem suchen wir jedes Jahr nach dem perfekten Mexikaner. Wenn man so will ist das auch eine schöne Aufgabe. Wir haben uns damit abgefunden. Immer das perfekte Viva Mexico finden.

Vorletztes Wochenende war ich in Prag und das ging so:
Frau Modestes Mann J hatte Geburtstag. J ist mein Freund. Auch My und ihr Sven sind meine Freunde. Und Frau Modeste natürlich auch. Sie schenkte ihrem J zum Geburtstag eine Reise nach Prag. Sie verschwieg die ziemlich relevante Info, dass auch drei Freunde mitfahren würden. My, Sven und ich waren eingeweiht und so freuten wir uns schon seit Wochen diebisch auf die Reise.
Am Hauptbahnhof beobachteten wir drei Eingeweihten wie das pragreisende Ehepaar von den SBahnen bis hinunter zu den Ferngleisen ging. Wir kannten die Ankunftszeit und hatten eine Uhrzeit an den Gleisen abgesprochen. Wir kamen unerkannt nahe an den zu Überraschenden heran, und grüßten plötzlich von hinten, hallo, und sagten so lustig blöde Dinge wie, was macht ihr da und wir fahren zum Karel Gott Konzert etc. So kindisch gefreut habe ich mich seit Ewigkeiten nicht mehr.
Noch schöner war, dass das dem Überraschten eine wirkliche Freude bereitet hatte und sich der ganzen Überraschung ein sehr tolles Wochenende in Prag anschloss, das wir um zehn Uhr morgens in einem tschechischen Speisewagen mit Pilsner Urquell begannen und nicht mehr beenden wollten.

[was schön war, KW7]

Ich habe lange Unterhosen gekauft. Letzten Herbst schon. Für die winterlichen Stadionbesuche. Hat uns zweimal einen Heimsieg beschert. Das ist zwar nicht schön und auch nicht lustig, aber ich muss das irgendwo unterkriegen. Lange Unterhosen. Super Sache, das.

Eine andere super Sache: Improtheater. Nach der Arbeit gehen ein paar von uns zum Improtheater. Zu dritt Geschichten erzählen, wobei jeder nur ein Wort sagen darf und der nächste mit einem Wort den Satz weiterführen soll etc. Ärgerlich wie mein Plot immer zerstört wird und wie man ihn neu aufnimmt. Oder die interessanteste Übung: es dürfen nur zwei laufen. Auf einer Gruppe von 10 dürfen nur zwei Personen gleichzeitig laufen. Wenn jemand stehen bleibt muss jemand anders beginnen. Wie sich das alles vonselbst reguliert. Könnte ich ewig drüber nachdenken.

Auf der Berlinale Berlin Syndrome gesehen. Der Film handelt von einer australischen Touristin die von einem jungen berliner Mann wochenlang eingesperrt wird. Nachdem ich vor einigen Wochen die Serie The OA geschaut habe, in der vier Personen neun Folgen lang in einem Keller eingesperrt sind, nahm ich mir vor, nie wieder etwas zu schauen wo Leute eingesperrt sind, weil ich dann immer mit diesem eingeschnürten Hals herumsitze und Rachegelüste hege. Berlin Syndrome habe ich dann doch geschaut. Weiß nicht warum. Ich schaue sowas nie wieder.

Toll auch: Bov Bjergs Buchpremiere. “Die Modernisierung meiner Mutter“. Ich war bisher auf allen drei Bovschen Buchpremieren. Das mache ich jetzt einfach so weiter.
Toll auch: vor der Lesung habe ich mit Frau Modeste Hummus gegessen. Im Kanaan an der Kopenhagener Straße. Nachher las ich, das sei der beste Hummus ganz Berlins. So kann das gehen.

Eine Woche voller Fazite.

[was schön war; KW6]

Was letzte Woche schön war, war vor allem Bier.

Abends mal in den Salami Social Club gegangen. Da gibt es gute Pizza und Bier. Ich hatte Gutes darüber gelesen. Das Salami Social Club ist natürlich kein Club und in Wirklichkeit auch kein Restaurant sondern eher ein Pizzaimbiss mit vier Tischen an denen man auch essen kann. Die meisten Kunden warten lediglich am Tresen um die Pizza mit nach hause zu nehmen. K und ich setzten uns aber an den Tisch und bestellten uns zwei große Biere. Ich aß Pizza mit Blutwurst und Pizza mit Kürbis. Halb Halb. Pizzasnobs werden die Nase rümpfen. Ich aber sage euch: da machen sie die beste Pizza der Welt. Der Laden wird von typischen berliner Amerikanern, die es mittlerweile überall gibt, betrieben. Ich liebe ja dieses Scheißen auf Traditionen und mit ein bisschen Glück kommt meistens etwas gutes dabei heraus.

An einem anderen Abend in die gerade eröffnete Brewdog Bar gegangen. Die Leute von Brewdog sind Punks aus Schottland die mit ihrem Brauprojekt und einer ziemlich lauten Marketingstrategie zu Millionären geworden sind. Die Bar in der Ackerstraße ist ihre erste in Deutschland. Ich mag den Raum, es ist ein einziger großer und hoher, etwas kahler Raum, vorne am Fenster gibt es typische Booths in denen man zu sechst sitzen kann und im Raum selber stehen bierbankartige Tische. Warum ich das alles aufschreibe? Weil K und ich da einen tollen Abend hatten. Ein paar Tage später bin ich noch einmal alleine hingegangen, da ich zwischen Arbeit und dem Pokalspiel von Hertha gegen den BVB zwei Stunden zu vertrödeln hatte. Es gibt keinen besseren Rahmen als eine Bierbank und frisches, gutes Bier, wenn man ein paar Sachen ins Notizbuch schreiben muss.

NEIPA. New England IPA. Puh. Bier. Es ist ja immer so eine Sache mit der Nerdigkeit. Wenn man über Bierstile redet, hört man manchmal: können wir nicht einfach wieder Helles oder Pils trinken? Ja, kann man. Vor allem gut gemachtes Pils finde ich super. Helles finde ich meist eher langweilig, aber das ist eine andere Sache. Dennoch ist die Rückbesinnung auf charaktervolle Aromahopfen eines der besten Dinge die dem Bier passieren konnte. Was aber entsteht wenn Brauer in New England aus Jux beginnen Bitterhopfen zu minimieren und das Bier dermaßen mit Aromahopfen vollzustopfen und es dann nicht filtrieren oder pasteurisieren, dann ensteht ein Bier das im Glas aussieht wie Mangosaft, aber so ungefähr das süffigste und frischeste Bier wird, das ich je getrunken habe.
Ich trank den ersten New England IPA-Probesud einer Berliner Brauerei und sah direkt dem Sommer ins Auge. Direkt. Patzbumm: Sommer.

Und letzten Sonntag natürlich auf der Wurst und Bier 2017 in der Markthalle IX gewesen. Mit Frau Modeste und ihrem J samt kleinem Sohn. Auf der Wurst und Bier haben wir Wurst gegessen und Bier getrunken. Wir haben auch Pulled Pork gegessen aber nicht so viel wie Wurst. Und Bier.

Nicht Bier, aber tolle Frau mit der ich schon mal Bier getrunken habe. Steffi ist vor einigen Tagen auf Reisen gegangen. Die Travelinglady.

[piet]

Was weniger schön war. Piet ist gestorben. Letzen August tanzten wir noch zusammen auf einer Hochzeit in Meran, vorletzte Woche hieß es, er habe Krebs, letzte Woche: tot. Piet habe ich vor fünfundzwanzig Jahren kennegelernt als er eine wirre Theatheridee koordiniert und inszeniert hat. Die wirre Idee kam nicht von ihm, sondern von meinem Freundeskreis, oder eher ein loser Bekanntenkreis von jungen Menschen die Punkmusik hörten und viel zu viel kifften und Alkohol tranken. In jenen konservativen, katholischen Zeiten gab es den ungemein starken Drang sich auszudrücken. Wir wollten also Theater spielen, wussten aber nicht wie, vor allem wussten wir aber auch nicht was wir da spielen wollten. Dann tauchte Piet auf. Piet war älter als wir alle und er war Regisseur. Er lenkte die ganze Theateridee, inszenierte das was wir zu wollen glaubten und tourte mit uns durch die südtiroler Dörfer. Das Stück war total schräg, aber alle unsere Vorstellungen waren ausverkauft.
Peter Oberdörfer, Autor, Schauspieler, Regisseur.
Es dauerte mehr als zwanzig Jahre bis ich ihn wiedersah. Das war vor einigen Jahren in Meran auf dem Literaturfestival von dem ich bloggte. Man kann dort u.a. über Piet nachlesen (immer die “Exilposts” weiterklicken). Wie er immer mit seinem Pferdeschwanz, Vollbart und seinem Rucksack herumlief. Seine wachen dunklen Augen. Vermutlich ist es genau das, was mir von ihm in Erinnerung bleiben wird. Seine Wachheit. Seine Präsenz. Dieses genau hier sein. Es gibt Leute die sind richtig intelligent. Ich meine nicht notwendigerweise Intellektuell, sondern intelligent. Leute die allumfassend Bescheid wissen, Leute die genau beobachten, die Dinge richtig einschätzen können, über den Tellerrand hinausgucken. Und am Ende auch Visionen entwickeln. Als ich ihn letzten August auf der Hochzeit wiedertraf, redeten wir zufällig über Fußball. Er hatte keine Ahnung von Fußball. In Südtirol spielt dieser Sport keine Rolle. Man kennt dort allenthalben den FC Bayern und Juventus. Vielleicht noch Inter, Milan und den BVB. Er fragte, Berlin, war habt ihr da, ist das Hertha BSC? Ich sagte: ja. Er sagte, die spielen ja ganz gut zur Zeit. Was sind sie geworden? Siebter? Ich sagte, ich dachte du hast keine Ahnung von Fußball. Er sagte, ich habe das in der Zeitung gelesen.
Das meine ich, wenn ich von Intelligenz rede.
Dem südtiroler Kulturleben wird er sehr fehlen.

[letzte Woche hatte ich Geburtstag]

Letzte Woche hatte ich Geburtstag. Normalerweise stehe ich samstags um sieben Uhr auf, verbringe meinen schönen einsamen Samstagmorgen. Gegen 10 oder 11 Uhr wecke ich K mit einem Kaffee.
An diesem Geburtstag war es anders. Ich schlief bis neun. Warum auch immer. Als ich in die Küche ging war der Tisch mit einem Tischtuch gedeckt. Darauf lagen Teller und Tassen und Schinken und Käse und Butter und Marmelade. Und Geschenke.
Wie ich in meiner Unterhose dastand. Ich war total underdressed.

Toll auch die Facebookbenachrichtigungen und die Benachrichtigungen über alle Kanäle die es so erst seit wenigen Jahren gibt. Ich pflege ja eher einen kleinen Freundeskreis, über Facebook gibt es so etwas wie einen weiteren sozialen Ring. Das heißt, der Ring war früher schon da, aber durch das Internet ist dieser Ring viel näher herangerückt. Berufliche Kontakte über Xing und Linkedin, Whatsappgruppen. Die Menge an Glückwünschen die darüber hereinkommen. Geburtstage müssen früher eine einsame Veranstaltung gewesen sein. Ich freue mich wirklich über jeden einzelnen Gruß. Ein irres Einprasseln von Liebe. Das ist so komprimiert, der nächste Tag ist dann nur noch ein finsteres und schwarzes Loch. Bis auf die üblichen paar, die entschuldigend am nächsten Tag noch die Glückwünsche nachreichen. Fast möchte man sie umarmen.

[2016]

Jetzt war ich aber lange weg.

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Diesen Dezember den Jahresendfragebogen weggelassen, dabei habe ich mich das ganze Jahr über gefreut, im Dezember in diesem Bogen die beste Serie des Jahres aufzulisten. Das ging oft so: eine Serie schauen und sich denken: die muss in den Jahresendfragebogen rein als die beste Serie 2016. Ständig. Am Ende waren es dann drei oder vier. Alles beste Serien. The Preacher zum Beispiel, oder auch Stranger Things und Outcast fallen mir auf die Schnelle ein. Die beste habe ich leider am 2. Januar 2017 gesehen. Designated Survivor mit Keifer Sutherland. Bringt nix, so ein Jahresendfragebogen, fängt ja immer alles von vorne an.

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Am zweiten Weihnachtstag die Arunda Sektkellerei besichtigt und anschließend den Sekt verköstigt. Das war ein spontaner Einfall, weil seit meinem verlinkten Eintrag Arunda ein großes Thema geblieben ist und die entsprechende Südtirol-Berlinconnection gelegt werden musste. Wir waren zu siebt und bekamen ziemlich viel zu trinken, am Ende überließ man uns ein paar Flaschen, wir schenkten uns große Gläser ein. Meine Mutter war natürlich auch dabei, sie kannte alle beim Vornamen, den Chef, die Frau, die Verwalterin, auch einige Besucher. Hätte ich wissen können.

Danach: Heißhunger. Unten im Tal sofort eine Pizzeria aufgesucht.

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Auffällig auch, wie viele Frauen ab sechzig in Italien noch attraktiv sind, die man auf dem ersten Blick gar nicht als alt einstuft, sondern zuerst schlichtweg als attraktiv. Die Frage nach Körperfülle oder genuine Schönheit löst sich dabei ganz auf. Zurück in Berlin, die gleiche Altersgruppe: Kartoffel.

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Beste Unternehmung 2016. Mit dem Auto mehr oder weniger alleine nach Schweden gefahren. Ich fühlte mich wie ein kleiner Abenteurer.

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Mein persönicher Horror im Flugzeug ist immer mit voller Blase abzustürzen. Sitze ich mit voller Blase da, wird mir ganz mulmig. Abstürzen – und dem Tod mit diesem unangenehmen Unterbauchgefühl entgegensehen. Fegefeuer. Wenn ich zwei Biere getrunken habe, meine ich, Abstürzen relativ gelassen zu entgegnen, deshalb trinke ich nach der Sicherheitsschleuse meist ein paar Biere. Das geht auf die Blase. Oft fällt mir die volle Blase zu spät auf. Beim Starten beispielsweise. Hölle.

Das Safetyvideo läuft gerade an, ich bitte meine Sitznachbarin, mich auf die Toilette zu lassen. Vor der Toilette steht die Damen von Airberlin mit verschränkten Armen. Ich dürfe jetzt nicht auf die Toilette, das Safetyvideo laufe gerade. Ich sage, oh das stimmt, aber ich schwöre (drei Finger auf die Brust) ich kenne das Video auswendig. Sie sagt: nein. Wenn nicht alle Passagiere das Safetyvideo sähen, dürfen sie nicht abheben. Ich sagte, ich verstünde das, ich kenne das Video aber wirklich auswendig, die zwei Ausgänge vorne, die vier in der Mitte und die zwei ganz hinten und dass ich mir bei abfallendem Druck die herunterfallenden Sauerstoffmasken zuerst selber anlegen müsse und dann erst Kindern und hilfebedürftigen Menschen damit helfen solle, etc. Sie sagte, das sei Vorschrift, in der Flugbranche funktioniere alles über Vorschriften, ich sagte, meine Blase drücke schon sehr (Handgeste bei den Rippen) und sorry, ich flöge ständig mit Airberlin, ich säße 40 bis 80 mal pro Jahr in diesen Boeing 787’s ich kenne sie wirklich auswendig. Sie sagte, das sind nicht 787’s, das sind alles 737’s. Schauen Sie sich bitte das Safetyvideo an.
737. Ziemlich bedrückend.

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Bestes Konzert 2016. Moderat im Velodrom. Das “New-Error”-Medley dauerte fast eine halbe Stunde. Wir standen nur da und schauten der Musik zu.

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Bestes Hertha Spiel 2016. Das 3:0 gegen Glabach. Abendspiel, Flutlicht. Kalou kommt von der Beerdigung seines Vaters nach Berlin zurück und schießt im Einzelgang den Gegner aus dem Stadion.

[was schön war, KW48]

Letzte Woche musste ich eine Mitarbeiterin entlassen. Das heißt, nicht entlassen im klassischen Sinne, aber ich konnte ihren Vertrag nicht mehr verlängern. Da ich sie für sehr fähig hielt und einen riesigen Gewinn für die Abteilung und auch sie überaus gerne bei uns arbeitete, kam es gefühlsmäßig einer Entlassung gleich. Anders als bei Trennungen, die auf schlechte Zusammenarbeit basieren, waren wir in diesem Fall schlicht beide traurig.
Am Tag nach der Mitteilung tat sich eine Möglichkeit auf, die Mitarbeiterin in einer andere Abteilung zu weiterzubeschäftigen. Die Leiterin der anderen Abteilung war so froh darüber und ich wiederum war so erleichtert darüber, als ich das der Mitarbiterin erzählen konnte, sprang sie mir aus Freude an den Hals.

A. aus Hamburg war zu Besuch. Wir saßen lange bei Bier am Tisch und scrollten mit unseren Fingern auf dem Display über Googlemaps herum und sie erzählte mir vom neuen Hamburg. Sie wohnt jetzt in der selben Straße wie ich damals. Der Kiosk ist offenbar nicht mehr da, sie zeigte mir die neuen Bars, oder dass man am Ende der Susannestraße jetzt sogar geradeaus gehen kann. Das muss man sich einmal vorstellen, man geht vom Schulterblatt die Susannestraße runter und muss am Ende nicht entweder rechts oder links gehen, sondern kann auch geradeaus eine Treppe hinaufgehen, weil dahinter ein ganzes Gelände mit Kneipen liegt, ja genau, da wo früher einfach irgendwie Gestrüpp war, da muss man nicht mehr links oder rechts gehen. Man kann auch einfach geradeaus gehen. Das wirft mein Hamburg-Bild über den Kopf. Muss ich mir dringend mal ansehen.

Ich war am Ende des Abends ganz Hamburg.

K. und ich fanden endlich Zeit die neuen Nachbarn und Freunde zum Essen einzuladen. Bier und südtiroler Schlutzkrapfen. Das erste mal, dass ich Schlutzkrapfen kochte. Das waren zwei sehr schöne und lange Abende.

[was schön war, KW47]

Irgendwo einen Satz gelesen, von Tucholsky oder jemandem, der Tucholsky ähnelt. Der Satz beschrieb, wenn Menschen ihre Sorgen mit Alkohol verdünnen. Sorgen mit Alkohol verdünnen. Eine so nahe Metapher. So klar, so unkekünstelt Zweideutig. Wenn ich so eine Metapher lese, will ich gleich mein Gesicht in sie vergraben.

Mit dem Schwiegervater im Dong Xuan Center in Lichtenberg gewesen. Ich hatte bisher nur darüber gelesen. Dass die meisten Vietnamesen der DDR nach der Maueröffnung in Armut geraten sind, woraufhin sich viele zusammengeschlossen haben um das Dong Xuan Center zu gründen, natürlich auch um sich die Straßen von Hanoi nach Berlin zu holen. So der offizielle Wortlaut.

Fünf Lagerhallen hinter einem etwas verfallenen Industriekomplex. Die Lagerhallen sind so angelegt, dass durch die Mitte eine enger überdachter Weg führt und links und sich rechts davon Geschäfte befinden. Mit Türen und Auslagen. Wie in einem Wong Kar-Wai Film, auch wenn seine Filme in China spielen, wie einer der Protagonisten durch die überdachten, engen Marktgassen schleichen, immer überfüllt, immer auch ein bisschen bedrohlich, Schilder die das Fotografieren untersagen, Gerüche, wo Menschen ihre Waren anbieten, Nudeln, Früchte, einen Haarschnitt, Hüte, blinkender Elektronikschrott, frisch frittierte Teigwaren, Fisch, Kleider, Schaufensterpuppen mit Mangaaugen.

K und ich schauten früher oft Wong Kar Wai Filme. In “In the mood for love” geht die Frau ständig in eine dunkle Gasse hinunter und kauft Nudeln. Ständig. Gefühlt besteht dieser Film nur aus jenen Szenen wo diese Frau in jene dunkle Gasse geht um Nudeln zu kaufen. Die Verkäuferin zieht lange Nudeln aus einem dampfenden Topf. Die Frau steht immer daneben, schaut schweigend zu, nimmt die eingewickelten Nudeln entgegen und zahlt. Selten war der Kauf von Nudeln erotischer als in diesem Film.

Ich kaufte im Dong Xuan Center eine Packung langer und gewundener Nudeln. Durchsichtig. Reisnudeln. Mit lauter fernöstlicher Schriftzeichen auf der Packung. Ich hatte sie für K mitgebracht. Sie wusste genau warum.