[tagebuchbloggen. Dienstag, 16.2.2021]

ereits auf der Fahrt ins Büro war ich von der Vorfreude erfüllt, mich gleich an diese mechanische Tastatur setzen zu können. Als ich mich dann hinsetzte, die Ellbogen auf den Schreibtisch aufsetzte, kurz mein Haupt schüttelte, atmete ich einmal bedeutungsschwer tief durch. Wie ich da mein Passwort eintippte. Als wäre ich Beethoven.

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Der Schnee schmilzt, beim Radfahren fahre ich eigentlich durch so etwas, das sich anfühlt wie superweicher Quarkkuchen. Er ist nass. Ich verstehe nicht, was mit meinen Kotfügeln los ist, der ganze braune Dreck (!) ziert meine hintere Jackenseite. Immerhin kunstvoll, symetrisch verteilt.

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In Longyearbyen hatte es gestern und auch heute gleich viel Grad wie in Berlin. Just für den Rekord. Außerdem hat die blaue Jahreszeit angefangen. Die ganze Landschaft in tausendenden Blauschattierungen. Blau in blau in blau in blau. In zwei Wochen wird das erste Mal die Sonne aufgehen.

[tagebuchbloggen. Montag, 15.2.2021]

Der Mitarbeiter, der mir am Freitag seine Tastatur gezeigt hat, brachte mir heute einige seiner privaten Modelle mit. Er konnte nicht ahnen, dass ich am Wochenende einen Großteil meiner Zeit mit der Recherche von mechanischen Tastaturen verbracht hatte. Als er mir die Modelle zeigte, konnte ich bereits über viele Details aus deren Innenleben mit ihm fachsimpeln.

Nach den vielen Texten und Produktrezensionen, die ich gelesen hatte, war ich zum Schluss gekommen, dass vermutlich Tastaturen mit den Brown Switches für mich in Frage kämen. Das sind Tastaturen mit einem guten Druckpunkt, aber ohne einem wirklichen Klick, allerdings trotzdem eine dem Klick ähnelnde Haptik. Er lieh mir eine solche Tastatur, und ließ mich sie den ganzen Tag lang testen. Also ehrlich, ich tippte auf der Keychron k8 mit brown switches und das Tippgefühl auf so einer Tastatur, diese butterweiche Haptik, mit dieser leichten Andeutung eines Anschlags, da will man eigentlich nur noch tausendseitige Romane schreiben.

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Kurz bevor ich die Firma verlasse zieht ein Schneesturm auf. Ich bin mit dem Fahrrad, hatte allerdings nicht mit einem Schneesturm gerechnet. Ich habe mir vor zwei Wochen ja diese Schneebrille gekauft. Es hat lange gedauert, bis ich eine Schneebrille gefunden hatte, die einigermaßen zu meinen Schuhen meinem ästhetischen Empfinden passte, dafür bin ich jetzt um so glücklicher, weil sie mir in den letzten Winterwochen bei den Fahrten durch den Schnee wirklich das Vorankommen erleichtert hat. Sie ist elegant und schmal und hat oben, sowie an den Seiten eine weiche Gummierung, sodass ich sie an die Stirn andrücken kann. Außerdem läuft sie nicht an. Dieses nicht-Anlaufen nennt man in der internationalen Produktbeschreibung “Anti fog” und ich dachte, ach cool, eine Brille mit der man durch den Nebel sehen kann. War dann nicht so. Aber Anti-Anlaufen ist praktischer als Anti-Nebel, insofern kann ich ganz gut damit leben.

Nur heute habe ich die Brille nicht mitgenommen. Ich war im Kopf schon bei Plusgraden, am Nachmittag sollte es tauen, aber das hatte mich völlig davon abgelenkt, dass es immer noch Niederschlag geben kann.

Der Schnee bestand teilweise aus kleinen Eissplittern und ich musste die Augen dermaßen fest zukneifen, dass ich zwei Mal zum Anhalten gezwungen wurde. Weite Teile fuhr ich mit gesenktem Kopf, sodass ich eigentlich nur meine Oberschenkel sah und etwa einen Meter voraus schauen konnte.

Aber Wetter und ich. Wir waren immer schon Buddies.

[tagebuchbloggen. Sonntag, 14.2.2021]

Den Vormittag verbingen wir lesend im Bett. Ich lese K aus einem dieser Shetland Krimis von Ann Cleeves vor. In diesen Krimis regnet es immer, oder es schneit, die Häuser sind alt, klein und düster.
Das ist so eine Sache für den Sonntagvormittag, wenn man unter der Bettdecke liegt.

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Am Nachmittag bin ich mit Klaus verabredet. Er ist ein Autor und auch Mitglied im gleichen Hertha Fanclub wie ich.
Wir laufen durch ein zauberhaft winterliches Berlin. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Stadt ist vom Schnee bedeckt. Die Leute sind gut gelaunt, ziehen Schlitten oder lehnen an Häuserwänden mit geschlossenen Augen und sonnen sich. Wir gehen los, schlendern durch diese alte Hertha-Gegend. Wo alles begann, die Gründung, die ersten Spiele, das Vereinsheim, das Jahnstadion, Mauerpark, Arkonaplatz, wo die Mitglieder lebten.
Wir reden über über Lebensentwürfe, über Literatur, über Hertha. Über Herkunft und Zugehörigkeit, über die Liebe. Am Ende geht es immer um Heimat. Auch wenn wir das nie so aussprechen.

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Zum Schluss muss ich dringend pinkeln. Ich hasse das. Das ist mir während Corona schon häufiger passiert. Dass man nirgendwo mehr rein kann zum Pinkeln. Und draussen ist es im P’Berg zu voll, kriege ich noch von den vielen Elternpaaren verbal auf den Deckel. Schlechtes Vorbild und überhaupt, Kinder spielen ja immer in den dunklen Ecken im Gebüsch.

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Es ist Valentinstag. Ich weiss nicht, warum ich das erwähne. Vierzehnter Februar, ein Freund von mir hat am vierzehnten Februar Geburtstag. Und Valentin Stocker trug die Nummer 14 als er bei uns spielte. War das Absicht? Muss ich mal googlen. […] Gegoogelt, er trug sie auch schon beim FC Basel seit 2008 und in der schweizer Nationalmannschaft. Würde ich vielleicht auch. Markustag ist der 25. April. Markustag spielt in den katholischen Länder tatsächlich eine Rolle, ich weiss von Leuten, die sich auf irgendwas bezogen und sowas sagten wie, dass etwas vor oder nach dem Markustag geschah, aber ich weiss gar nicht warum das ein Begriff ist, das müsste ich mal- OK, gegoogelt, laut Wikipedia hat der Markustag den Rang eines Festes und in Lybien den eines Hochfestes. Ausserdem ist es der spätestmögliche Ostertermin. Erstaunliche Sache, das.
Die Nummer 25 ist bei Hertha aber schon an Jordan vergeben. Profifussballer werde ich allerdings nicht mehr. Mit einiger Wahrscheinlichkeit.

[tagebuchbloggen, 13. Feb 2021

Bald nach dem Aufstehen (also gegen Mittag) liefen wir zur Oberbaumbrücke hinuter und von da aus weiter am Spreeufer stadtauswärts. Wir waren etwas vom Eis auf der Spree überrascht. Es war nicht dick genug um daran zu laufen, aber eine derart weite Eisfläche hatte ich ihn Berlin zuetzt vor zehn Jahren gesehen. Die Schwäne liefen auf dem Eis und auch die Enten.
Wir unterquerten die Brücke um durch Alt-Stralau zu laufen, einmal um die Halbinsel herum. Vorige Woche war ich die Strecke schon einmal mit der Nachbarin gelaufen. Es war uns aber zu voll. Ein sonniger Wintertag. Ganz Berlin war instagrammierbar. Alle waren draussen. Aufgrund der fehlenden Abstände, die wir einhaten hätten können, sahen wir davon ab weiterzulaufen und gingen stattdessen über Ostkreuz zurück. Zwölftausend Schritte tun es auch.

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Wir bestellen Lebensmittel oft online. Gerade Großeinkäufe und auch schwere Sachen. Neulich haben wir zusätzlich zu unseren eigenen Einkäufen auch die Einkäufe von jemand anderem bekommen. Als wir das merkten waren die Lieferboys aber längst weg. Ich muss zugeben, dass wir keine großen Anstalten machten, die zusätzliche Lieferung zu reklamieren. Zum einen entdeckten wir den Fehler erst etwa vier Stunden nach der Lieferung und zweitens: es lag Schokolade darin. Ausserdem gab allerlei interessante Sachen, die wir sonst nie kauften. Zum Beispiel Kichererbsenmehl. Ich weiss, dass die Kunden, die nicht beliefert wurden, auch das Geld zurückbekommen würden, ich hatte also kein schlechtes Gewissen. Als wir nach einer Woche keine Rückmeldung erhalten hatten, machten wir uns über die Schokolade her.

Wir googelten auch, was man mit Kichererbsenmehl so machen kann. Und das Netz spuckte aus: Falafel. Wir machten also selber Falafel. Lange Vorgeschichte für einen kurzen Satz.
Der Falafel gelang so mäßig. Geschmacklich war er natürlich super, aber der Teig wurde mir nicht fest genug, die Falafelbällchen sahen also eher aus wie unförmige Falafeltaler.

Danach den ganzen Tag herrliche Aufstößerchens mit Knoblauch und Kreukümmelgeschmack gehabt. Loving it.

Um halb vier spielte Hertha gegen Stuttgart. Ein Spiel von dem ich mir viel erhofft hatte. Am Ende war es eine zähe erste Halbzeit, allerdings drehte meine Mannschaft in der zweiten Halbzeit auf und erkämpfte sich immerhin noch ein 1:1. Es ist seltsam, Fan dieses Clubs zu sein.

Nachher schauten wir diesen Western mit Tom Hanks. Ich habe seit “The Hostiles” eine Schwäche für Neo-Westerns entwickelt. Der Film war gut, kommt an Hostiles aber keineswegs ran.
Interessanter Fakt ist, dass die Darstellerin des Waisenmädchens eine deutsche Schauspielerin ist und zwar von diesem gefeiertem Sozialdrama “Systemsprenger”. Eine seltsam coole Realität. Mit elf Jahren spielst du ein Kind im deutschen Arthouse und mit zwölf spielst du eine Hauptrolle an der Seite von Tom Hanks.

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Später räume ich die Küche auf und schaue währenddessen “Alle Spiele alle Tore” von den Samstagspielen. Und da sieht man, dass das Stuttgarter Tor eigentlich nicht hätte zählen dürfen, weil das Foul, das zum Tor führte gar kein Foul war. Ich habe das Spiel emotional schon verarbeitet, aber im Nachhinein löst das ein Gefühl des universellen Rechthabens ein. Das Gefühl moralisch überlegen zu sein. Das ist schon fast ein religiöses Gefühl.

[tagebuchbloggen, Freitag 12. Feb 2021]

Den ganzen Tag an einer Präsentation gearbeitet. Ich hasse es Präsentationen zu gestalten.
Am Ende ist es aber meine erste gelungene Präsentation geworden. Ich bin selber etwas erstaunt. Dabei fabriziere ich keine Zauberei. Einfach: Titel, Stichpunkte und ein albernes Foto von irgendwas. Weisser Text auf schwarzem Hintergrund. Und dann reden. Eigentlich ist es ein bisschen wie eine Geschichte zu erzählen und diese mit Anschauungsmaterial zu unterlegen. Ich ahne, dass es da viel Potential gibt. Ich erinnere mich an die Meraner Literaturtage wo dieser Wiener, öhm, was war er, Künstler, Wissenschaftler oder Autor, der das Publikum mit einer Powerpoint Präsentation über den Untergang der Welt unterhielt. Das war mega. Ästhetisch schön, sehr pointiert, sehr politisch und mit einer spannenden Dramaturgie.

Merkwürdig an dieser pandemiebedingten Art Präsentationen zu halten ist die abwesende Wahrnehmung des Publikums. Es sitzen etwa 60 Menschen vor ihren Webcams auf meinem Bildschirm. Alle stummgeschaltet. Und wenn ich die Präsentation beginne, verschwindet das Publikum auch vor meinen Augen.
Die Witze gehen hinaus in diesen dunklen, luftleeren Raum. Ich bin der Astronaut, ich erzähle lustige Sachen. Ich weiss nicht ob der Witz ankommt. Und wann. In 8 Minuten. In 8 Stunden.

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Abends treffe ich mich mit meiner Frau am Strausberger Platz. Dann spazieren wir nach Hause.

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Kurz bevor ich die Firma verließ, zeigte mir ein Mitarbeiter seine neue Tastatur. Es ist eine sehr nerdige Tatstatur mit hohen, mechanischen Tasten und farbiger Untergrundbeleuchtung. Was er nicht wusste: ich will mir schon seit langem eine neue Tastatur anschaffen. Meine jetztige Tastatur ist nicht für langes Tippen geeignet, sie hat einen schlechten Druckpunkt und gibt wenig haptischen Feedback. Ich habe mich selten so häufig vertippt wie in den letzten Jahren auf dieser Tastatur.

Ich weiss schon länger, dass ich eine mechanische Tastatur will und ich kenne die unterschiedlichen Switche, also welche Switche welche Druckpunkte und Haptik, sowie Lautstärke haben.
Vieltipper lieben mechanische Tatstaturen mit den blauen Switches. Die braunen Switches haben sich für Vieltipper berwährt, die einen guten Druckpunkt brauchen aber die nicht so laut sind. Ich wollte mir eine mit braunem Switch anschaffen. Allerdings sehe ich, dass sich technologisch in den letzten Jahren einiges getan hat, es gibt mittlerweile weitere Switches: clear, silver, black undsoweiter, ich muss mich einlesen. Es gibt unzählige Modelle und Marken ausserdem mag ich es mittlerweile auch extravaganter, ich finde die Farbigen gut, und mehrfarbige Untergrundbeleuchtung kommt mir auch ins Haus.

Zwei Stunden später habe ich zwölftausenddreihundertsiebenundsechzig Browsertabs offen und bin sehr gereizt.

Ich schlage meiner Frau vor, die zehnte Folge der Horrorserie des Vortages zu schauen. Das soll ja die beste Folge sein. Wir lesen die Zusammenfassung. Es handelt von einer technischen Parallelwelt. Darauf haben wir beide keine Lust. Also suchen wir die Folge heraus, die die zweitbeste Bewertung erhalten hat. Es ist die Folge Nummer habichvergessen, sie handelt von amerikanischen Pilgern die zu Thanksgiving den Haushalt einer Familie übernehmen. Am Ende sind sie alle tot. Oder so ähnlich.
Die Folge war totaler Käse. Wir werden der Serie keine Chance mehr geben.

[tagebuchbloggen 11.02.2021]

Im Büro den ganzen Tag versucht, an einer Präsentation für Freitag zu arbeiten. Durch ständige Meetings, ständigen Unterbrechungen und selstauferlegten Kaffeepausen sitze ich am Ende des Tages vor dem Template. Ein weisses “Geben Sie hier ihren Text ein” auf schwarzem Hintergrund. Morgen ist Freitag. Ich werde früh aufstehen müssen.

Dann “Ma” geschaut. Aufgrund des Trailers wollten wir den Film schon seit Ewigkeiten schauen. Es ist uns dann aber nie gelungen.
Der Film war OK. Nicht so vorhersehbar wie befürchtet, aber auch nicht so zwingend wie erhofft. Zwingend in dem Sinne, dass “Ma” als Figur so fesselt.

Übrigens habe ich in der Vorweihnachtszeit einen Beamer gekauft. Für die große, weisse Wand neben dem Fernseher. Etwas auf dem Beamer zu schauen ist schon sehr speziell. Es kommt dem Kino ziemlich nahe, dieses Sitzen in einem dunklen Raum und diese erhellte Wand.

Im Januar schauten wir einmal parallel. Sie eine Serie auf dem Fernseher, ich Hertha gegen Schalke auf der weissen Wand daneben, mit Kopfhörern auf.
Vor Anpfiff beschloss ich allerdings in die Küche umzuziehen. Ich hatte Angst davor, durch unbewusste tierische Laute auf mich aufmerksam zu machen, schließlich ist es mir wichtig, mich auf das Spiel zu konzentrieren und nicht auf meine Außenwirkung achten zu müssen.

[tagebuchbloggen 10.2.2021]

Am Morgen würde ich kein Muesli haben. Das wusste ich. Ich versuche meine Supermarktbesuche derzeit zu reduzieren, deshalb nahm ich mir vor, für die nächsten Tage ein Muesli aus Restbeständen im Vorratsschrank zu bauen. Ein ganz simples. Kernige Haferflocken mit Mandeln, die ich in einem Glas in einer der Schubladen gefunden hatte. Dann aß ich so das Muesli, las die Nachrichten des Tages und nach dem dritten oder viertel Löffel biss ich in etwas auffallend Bitteres. Nicht unangenehm Bitter, aber eben auffallend Bitter, etwas, das mich vage an Geschmäcker meiner Kindheit erinnerte. Kuchen. Jedenfalls etwas mit Küche oder Backofen.
Drei Sekunden nach dieser Erinnerung wusste ich die Wörter Bitter und Mandel zum Kompositum Bittermandel zu kombinieren und wusste sofort, dass das irgendwie mit Drogen oder Gift in Zusammenhang stand oder war Mandelbitter nicht ein Verdauungsschnaps oder war das Schwedenbitter? Mir wurde sehr schnell nicht geheuer bei dem Geschmack im Mund und lief zur Kloschüssel.
Als ich alles ausgespuckt und aus den Zahnzwischenräumen gepult hatte, schlug ich Bittermandel bei Google nach und da wurde das natürlich thematisiert. Gift hin, Gift her, warum man keine Bittermandeln essen darf. Schönen Dank auch. Es enthält Blausäure und wenn das isst, dann passiert etwas im Körper, ich bin zu faul dafür das noch einmal nachzuschlagen, aber man stirbt jedenfalls. Zumindest wenn man zu viel davon isst.
Die Faustregel ist aber: 1 Mandel pro Kilogramm Körpergewicht. Ich müsste also schon wie Obelix in ein Fass mit Bittermandeln fallen um zu sterben.

Es hat mich leider trotzdem nicht davor bewahrt, bei jedem Jucken Symptome einer leichten Blausäurevergiftung zu vermuten.

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Beim Verlassen des Hauses sah ich, dass meine Herthasticker immer noch an den Telekomkästen über dem FCU prangt. Das ist ein gutes Gefühl.

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Vom Büro gibt es nicht viel zu berichten. Die Straßen auf dem Weg dorthin waren heute allerdings etwas besser. Aber man merkt halt noch immer, dass Berlin keine Fahrradstadt ist. Die Straßen werden gut geräumt, dafür wird der Schnee oft auf die Radstreifen abgelegt. Radwege auf Gehsteigen bleiben meist unter der Schneedecke. Jeder Bezirk scheint das anders zu händeln. Mir egal, ich fahre auch auf Hauptstraßen mitten auf einer Spur. Autofahrer haben aber Verständnis dafür, so kommt es mir vor.

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Abends 40 Minuten Nackenübungen gemacht. Neulich haben wir Healthy Workout von VOltaren entdeckt. Ja genau, Voltaren. Man kann dort einstellen welche Körperpartien man trainieren möchte und dann beginnt ein Video.
Ich habe mich darauf eingestellt, für den Rest meines Lebens mit chronischen Nackenschmerzen zu leben (ich liebe die Monumentalität dieses Satzes, ich könnte den ewig vor mir her sagen) laut Ärztin kann ich dem vermutlich nur durch körperliche Tätigkeiten in Form von gezieltem Nackentraining beikommen.
Ich trainiere im Voltaren-Workout den oberen Rücken und den Nacken. Danach geht es mir wirklich besser.
Das mache ich jetzt jeden zweiten Abend so. Für den Rest des Monats. Für den Rest des Jahres. Für den Rest des Lebens.

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Direkt danach saßen wir in einem Videocall mit zwei lieben Freunden, die zwei Monate vor Corona nach Ostwestfalen gezogen sind.

[tagebuchbloggen 9.2.2021]

Am Morgen ging die neue Episode des DMTF Podcasts live. Es ist ein englischsprachiger Hertha Podcast mit zwei Fans aus England sowie Kanada. Ich bin anfangs nur ein paar Mal eingesprungen, weil einer der Hosts aber längerfristig ausgefallen ist, habe ich mittlerweile schon an vielen Sendungen dieses Podcasts teilgenommen. Allerdings habe ich ihn noch nie beworben, weil es mir immer etwas peinlich ist, wenn man mich da hört. Zum Einen weil mein englisch halt IT-englisch ist und mir in englisch total der Sprachfluss fehlt, in der Konversation bin ich daher sehr steif und total unlustig und immer wenn ich aufgeregt etwas erzählen will, dann schrumpft mein Vokabular auf ein Minimum zusammen. Ich kann mir das nicht anhören. Aber ich bin nicht konsequent genug darin, die Teilnahme zu verweigern, vor allem, weil ich das ja nur temporär machen sollte, bis der eigentliche Co-Host wieder einsteigen kann. Und so sitze ich da alle paar Wochen und bin öffentlich unlustig. Eine merkwürdige Situation. Mich jezt geoutet zu haben, relieved mich aber schon ein bisschen.

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Als ich nach Hause kam, überzeugte mich K, die erste Folge einer Horrorserie mit ihr zu schauen. Die Serie heißt “Into the Dark” und es ist keine Serie im klassischen Sinne, sondern eher eine Anthologie. Jede Folge ist eine eigene Geschichte mit jeweils anderen Regisseurinnen und anderen Schauspielerinnen. Eigentlich ein prima Format für zwischendurch, kleine, leicht verzehbare Horrorhäppchen.
Um es vorweg zu nehmen: die erste Folge war richtig schlecht. Nicht im lustigen Sinne schlecht, sondern rundum schlecht. Nach einer halben Stunde schlug ich Rotten Tomatoes auf und dort stand, dass es eine Seite gäbe auf der die einzelnen Folgen dieser Serie nach einem Qualitätsranking mit Kurzkritik aufgelistet waren. Das hätten wir vielleicht früher wissen sollen. Die komplette Serie hat 21 Folgen, laut Autorin jener Seite sind aber lediglich drei davon sehenswert. Die erste Folge gehört nicht dazu, sie rangiert auf Platz 17 von 21. Und deshalb wiederhole ich den vorletzten Satz in einer leicht veränderten Form: das hätten wir vielleicht früher wissen können.
Wir haben dann doch zu Ende geschaut und wer es wissen will: sie sterben am Ende alle. Ausser der mysteriöse Auftraggeber. Und bei der jungen Frau ist man sich nicht ganz sicher, aber ey, die schleppt sich da mit so einer blutenden Wunde davon, ich kann mir nicht vorstellen, dass die das noch lange mitmacht, vor allem schien sie keine Anstalten zu machen, ein Krankenhaus aufzusuchen.

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Ich führe gerade einen Nachbarschaftkrieg mit einem Unionfan, der zwei Telekomkästen in meiner Straße rot/weiss angesprüht hat. Ich überklebe den Kasten mit Hertha Stickern und er entfernt sie wieder. Seit zwei Tagen hat er aber aufgehört sie zu entfernen, ich denke er hat nicht mit meiner Beharrlichkeit gerechnet. Ich werte das als einen Teilerfolg.

[Tagebuchbloggen 8.2.2021]

Es ist wieder Zeit, Tagebuch zu bloggen. Auch Madame Modeste macht es wieder und mir fiel neulich auf, dass es mir in einigen Jahren möglicherweise schwer fallen wird, mich an diesen Corona Alltag zurückzuerinnern. Ich will einfach wieder ganz banal die Tage dokumentieren, das hat mir bereits früher erstaunliche Einblicke in meine Vergangenheit gegeben.
Bis Ende des Monats vielleicht. Vielleicht länger. Mal sehen, wie lange es sich trägt. Die Qualität der Rechtschreibung wird sich wohl noch ein bisschen verschlechtern und mal schauen, ob ich es immer schaffe, die Texte auch einzusprechen.

Gestern war Montag und ich hatte schon das ganze Wochenende lang eine gewisse Vorfreude auf die angekündigten minus elf Grad am Montagmorgen. Ich kann mir das gar nicht mehr vorstellen. Als Kind in meinem Alpendorf war es ja drei Monate lang zwischen minus fünf und minus dreissig. Gestern war es dann nur minus neun. Es ist ja gar nicht so kalt wie man sich das immer vorstellt.

Mein Fahrradschloss war dann verfroren. Ich musste meine warmen Hände auf das Metall des Schlosses legen und lange hauchen um es geöffnet zu bekommen. Dadurch kühlten meine Hände aus und als ich losfuhr hielt ich die Lenkstange mit zwei Eisgriffen fest. Ich erwärmte mich aber schnell. Zwei Straßen weiter war ich schon auf Temperatur. Dennoch ist das keine Lösung, ich muss mir kurzfristig etwas anderes einfallen lassen.
Eine halbe Stunde später vorm Büro konnte ich das Schloss wieder nicht öffnen um das Fahrrad abzuschließen. Also nahm ich das Schloss einfach mit hoch zu meinem Schreibtisch und ließ das Rad solange unangeschlossen bis sich das Schloss wieder bedienen ließ. Ich hatte keine Lust mir wieder die Hände einzufrieren.
Oben am Schreibtisch vergaß ich das Fahrrad natürlich. Und das blieb den ganzen Tag so. Als ich es am Abend aufsperren wollte, war ich nur kurz über die Abwesenheit des Schlosses überrascht.

Für das Archiv: wenn es schneit, ist Radfahren eher unpraktisch. Wenn man Pech hat rutscht man aus. Es ist nicht so sehr die Glätte auf den Straßen, weil das Streusel eigentlich recht gut gegen das Rutschen hilft, aber es sind die gröberen Schneelagen, wenn sie zu dick sind oder darunter zu härteren Schichten vereist sind.
Es verlief dann doch recht harmlos. An Stellen wo mir die Radwege nicht gefielen, wich ich einfach auf die Straßen aus. Bei diesem Wetter sind ja weniger Autos unterwegs, außerdem fahren sie alle ängstlich und langsam.

Mein Vater schimpfte früher immer über die deutschen Touristen in unserem Alpendorf. Sobald es ein wenig schneite, würden sie alle langsam fahren und mit ihren großen Autos die Straßen blockieren. Die Deutschen hatten schon vor 40 Jahren die größeren Autos.
Dieses langsame Fahren der Deutschen bei Schnee. Daran muss ich immer denken, wenn ich es in Deutschland schneit. Nur mit dem Unterschied, dass ich in Berlin ausschließlich von deutschen Touristen umgeben bin.

Der Abend war wieder einer dieser typischen Corona Abende. Lustig, wie das “Corona” als Adjektiv im Sprachgebrauch Einzug gehalten hat. Wir sollten es klein schreiben. Wir müssen uns ohnehin daran gewöhnen. “Wir hatten einen corona Abend.”

Ich hatte jedenfalls einen corona Abend. K schaute eine Serie, aber ich hatte nicht so viel Lust darauf, deshalb hing ich am Schreibtisch im Netz ab und räumte in der Küche etwas auf. Ich hatte noch einen Hertha-Podcast nachzuholen, das passte also ganz gut.

[Tagebuch, Weihnachten, Silvester und viel etc]

Unser Weihnachten war eigentlich wie immer, wir ziehen uns an, als würden wir einen Preis für die Newcomer des Jahres in der Kategorie “Music Experimental Modern Victorian” in Empfang nehmen, dann kochen wir und betrinken uns. Danach landen wir im Sofa und schauen einen Film. Dazwischen schenken wir uns manchmal etwas. Dieses Jahr haben wir Lichterketten gekauft. Mehrere. Und damit Möbelstücke eingewickelt. Wir hatten uns das sehr einfach vorgestellt, man fängt irgendwo an und wickelt einfach weiter bis die Lichterkette verwickelt ist. Das war dann nicht so einfach. Jede von uns beiden dachte, sie sei klüger als die andere und hatte bereits ein System im Kopf, wie die Lichterkette anzubringen sei. Beide Ideen waren doof. Aber weil wir beide immer denken, die Klügere zu sein, gerieten wir in Streit.
Später erkannten wir, dass wir beide scheiterten, wir stellten uns beide total dämlich an und fabrizierten leuchtenden Kabelsalat. Als wir das erkannten, waren wir versöhnt.

Wir hatten einen ziemlich durchgetakteten Essensplan. Keine aufwändigen Dinge, aber da wir beide dem alltäglichen Kochen am Abend nicht so zugeneigt sind, hat sich im Laufe der Zeit eine ganze Liste an Speisen, die man-immer-mal-kochen-wollte, angesammelt. In der Vorweihnachtszeit haben wir die alle mal aufgeschrieben und als weihnachtlichen Essensplan priorisiert.
Ganz oben auf meiner Wunschliste stand Chicago-Style Deep Dish Pizza. Das wollte ich eigentlich schon seit dem Chicago Besuch von vor 5 Jahren kochen. Die Deep Dish Pizza ist weniger eine klassische Pizza sondern eher so etwas wie ein Pizzakuchen, oder ein Pizza-Quiche. Mit sehr viel Käse und einem fluffigen, buttrigen Teig.
Als wir damals in Chicago das erste Mal in einem Deep Dish Pizza Restaurant waren, wollten wir gleich zwei bestellen, weil die auf den Nachbartischen so klein aussahen, aber der Kellner, der sich uns mit dem Namen Bob vorstellte und uns versicherte, dass er heute Abend unser Host sein würde, riet uns freundlich davon ab, er versprach uns, dass es vollkommen ausreichend sei, wenn wir uns eine teilen würden. Ich nahm solche Aussagen natürlich nicht ernst, Bob konnte ja nicht wissen, dass ich in Vollmondnächten ein halbes Kalb verschlingen kann.
Aber er sollte natürlich Recht behalten, ungefähr zur Hälfte der Deep Dish Pizza musste ich aufgeben.
Zurück in Berlin erfuhr ich, dass es in der ganzen Stadt keine Deep Dish Pizza gibt. In ganz Deutschland nicht. Vermutlich auch in ganz Europa nicht. In Europa denken Menschen ja gerne, dass gute Pizze nur von Europäern bzw italienischen Europäern gebacken werden kann und überhaupt: ein Reimport von italienischem Kulturgut aus Amerika, das geht ja wohl gar nicht. Aber gut, das ist wieder eine ganz andere Geschichte, ich liebe ja Amerikaner, wenn sie beim Essen auf Traditionen scheissen.
Es kann aber auch einfach sein, dass es die Chicago Style Deep Dish Pizza nur in Chicago gibt.

Wir haben dann die Chicagopizza gebacken und sie ist echt gut geworden. Eigentlich müsste man ein kleines Restaurant aufmachen und nur Deep Dish Pizza backen. Drei oder vier Sorten. Mehr werden auch in Chicago nicht angeboten. Sich ganz auf diese drei Sorten fokussieren und vorne auf das Lokal draufschreiben: the only Chicago Style Deep Dish Pizza in Berlin and Europe and everywhere else except for Chicago maybe.
Ich würde sowas ja gerne machen. Vier Wochen lang. Danach fände ich es vermutlich langweilig.

Auf unserer Liste standen auch Köttbullar, Trüffelpasta und Lasagne. Und Fishpie. Und Gulasch.
Hat mehr oder weniger alles geschmeckt.

Zu Silvester haben wir uns auf den Balkon gesetzt. In dicken Wollsocken und Winterjacken. Lustigerweise hatten alle Nachbarn die gleiche Idee. Wie wir um Mitternacht alle so auf den Balkonen standen und einander über die Strasse hinweg zuprosteten. Dieser Coronawinter wird mir immerhin mit einer gewissen Romantik in Erinnerung bleiben.

Das mit dem Balkon behielten wir bei. Immer wenn es kalt war, fiel jemandem von uns ein: komm lass uns Arktis spielen. Wir öffeneten uns einen Drink, zogen dicke Jacken an und setzen und auf den Balkon.

Ende Januar hatte ich dann Geburtstag. Eine ganz besondere Eigenheit, die uns Endejanuar Geborenen den Winter ganz besonders schmackhaft macht, ist der Geburtstag Ende Januar. Für Menschen, die nicht Ende Januar Geburtstag haben, gibt es nach Weihnachten keine Highlights mehr, vermutlich bis die ersten Maiglöckchen sprießen. Zumindest für Menschen, die dem Winter nichts abgewinnen können. Für die gibt es Weihnachten und danach beginnt ein großes, finsteres und kaltes Loch bis Ende März.
Endejanuargeborene haben Ende Januar Geburstag. Das ist so ein Überbrückungsglied. Andererseits: ich bin ein Winterboy. Für mich ist der ganze Winter ein Überbrückungsglied.

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