[3.6.]

Gestern mit MadameModeste essen gewesen, in der Fleischerei an der Schönhauser Allee. Das Essen war jedenfalls klasse und das Lokal auch. Probleme bereitete mir lediglich meine Wildtaube (in Rosmarinsauce gebraten). Beim dritten Bissen fand ich diese dann doch ziemlich blutig und ich habe zu viel Halbwissen um mir keine Sorgen zu machen, denn mein Halbwissen sagt mir: Salmonellen sehen aus wie kleine langgezogene Schafe und haben so Antennen auf dem Kopf und das Schlimmste ist: sie gehen in mein Blut und machen alles hin und am Ende bin ich tot. Gleichzeitig bin ich allerdings zu geistesbeschränkt (hungrig) um mit dem Essen aufzuhören, und fragte die Madame daher alle zehn Sekunden ob das wirklich unbedenklich sei worauf ich da rumkaue. Modeste wußte das auch nicht so genau, äußerte ihre Unwissenheit aber in einem dermaßen beruhigenden Ton, dass sich mein Puls stets für acht Sekunden beruhigte. Als ich dann die zweite Keule aufschnitt und sah, dass diese hingegen durch war und ganz anders aussah, um nicht zu sagen, gut, war mir klar, dass ich auf eine rohe Taube (die Ratten der Lüfte) gekaut hatte und mir wurde schwindlig und der Sauerstoff entwich mir aus den Ohren und ich musste die Kellnerin herbeirufen.
Taube. Worauf hatte ich mich da eingelassen. Beim Lesen von Wildtaube muss ich an etwas Abstraktes gedacht haben, an etwas wie Falscher Hase, oder Kalter Hund oder ichweißnicht, dass so krankes Kanalgefieder kein Witz ist sonder wirklich gegessen wird war mir erst beim Gedanken an Salmonellen und einen qualvollen, die Magenwände auffressenden Tod bewusst geworden.
Die Kellnerin hat dann den Teller in die Küche gebracht und ich versuchte mich entspannt mit meiner Begleitung zu unterhalten während mir der Schweiß von der Stirn plätscherte in der Hoffnung jeden Salmonell einzeln über die Hautporen ausschwitzen zu können, und
die Kellnerin sie kam nicht, es dauerte und dauerte, währenddessen lächelte ich und nickte, sagte aha, im Magen kitzelte der erste Salmonell, ich spürte ihn genau, dann auch den Zweiten, es juckte sogar hinter den Ohren und dann war ich plötzlich tot.
Die Kellnerin kam wieder, mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, sagte aber sehr sachlich: —
Nunja, was sie sagte weiß ich jetzt nicht mehr, ich war immernoch außerstande zuzuhören, ich war ja tot, aber es war jedenfalls irgendwie alles OK, und dass es irgendwie OK war hatte ich verstanden, oder wollte ich verstanden haben, sie bot uns dann einen Wein auf das Haus an und da merkte ich auch schon, dass ich gar nicht gestorben war.

[1000]

Eintrag #1000

(Oh, wie merkwürdig wehmütig ich jetzt plötzlich werde, mein kleines Blögchen wird 1000, vielleicht wegen der eigenartigen Lust die mich wieder erfasst hat, vielleicht weil es in einem mal so rasant auf die 1000 zuging, so hatte ich vor einigen Monaten noch berechnet, wenn ich in diesem Tempo weitermache, diese zwei Einträge im Monat auf die das Tempo mittlerweile geschrumpft war, dann käme ich irgendwann im Rentenalter (oder im Dementenhospiz) auf den tausendsten Eintrag, und jetzt plötzlich kloink: 34 Jahre alt und ich stosse auf die drei Nullen als wäre es eine Frührente boah, aber dann, was ist schon 1000, ich blogge seit März 2003, das sind jetzt schon mehr als 6 Jahre, dann müsste ich- und jetzt weiss ich gar nicht wie ich diesen Satz gescheit zu Ende bringen soll, weil ich jetzt irgendwas sagen müsste über das rasante Tempo der Tage wie sie verfließen […]
Aber nein, ich fange den Satz ganz neu an um zu sagen, dass alles ganz toll ist, und ihr ganz super seid. Und dass ich jetzt feiern gehe.)

[2.6.]

Auch die Kaltmamsell und Nicwest bloggen jetzt Tagebuch.

Gestern hat überraschenderweise mein Vater angerufen. Unser jährliches Telefonat. Nicht dass wir ein schlechtes Verhältnis hätten, aber telefonieren finden wir beide irgendwie doof. Wir begnügen uns mit der Gewissheit Vater und Sohn zu sein, dass alles gut geworden ist und uns einmal im Jahr zu sehen. Die Zwiste von früher lassen wir nicht mehr zu, sie haben in unserer Vater-Sohn Beziehung nichts mehr zu suchen, wir haben verstanden wie sie funktionieren und was sie auslösen. Jetzt geht es nur noch um das Sein. Und manchmal wissen zu lassen, dass man einander das Beste wünscht.
Ich habe ihm davon abgeraten Internet anzuschaffen. Und war dabei ein wenig von mir selbst überrascht. Aber es würde sein Leben nicht bereichern, eher nur verwirren und er würde sich unter Druck setzen das Medium zu verstehen und es richtig zu gebrauchen. Der Mann geht in den Dörfern tanzen, mag Urlaub am Strand und hat es gerne wenn Menschen da sind. Zudem liest er nicht und hört keine Musik. Internet ist für ihn zuviel Meta. Außerdem bliebe es bei ihm DAS INTERNET und nicht das Medium womit er sich täglich die Nachrichten reinzieht, womit er seine Textdateien oder PDFs mit einem FYI versehen an den Freund schickt, womit er nach Musik sucht. Am Ende würde er sich eine vordefinierte Meinung annehmen und sagen: Ach das Internet, ist ja alles nur für Leute die zu viel Zeit haben.
Ich lasse ihn lieber im Glauben, das was ich mache, sei HokusPokus.

Ein schlapper Post Nummer 999. Jetzt bin ich aufgeregt.

[muss nachtragen]

Ich muss korrigieren. Ich lag falsch. Es sind nicht die Banalitäten die als Inhalte für das Handwerk herhalten müssen sondern es ist tatsächlich romantischer Natur das Ganze. Die kleinen Banalitäten, die unfertigen Gedanken, Possen, Dialogen, die Gebete, es ist in Wahrheit immer ein Gebet.
Und ein bisschen ist es auch der Zwang, die Chronistenpflicht, all diesen zeitlichen Aufläufen, Microgeschichten, Microplötte, Geschichten ohne Plot, festzutackern, das Vergängliche festhalten, was an sich ja schon merkwürdig ist, wie schön das Vergängliche ist wenn man ihm beim Vergehen zusieht. Madre mia piena di grazia.

Ich bin dann doch noch hinausgegangen, mich in den Weinbergspark gesetzt und als ich saß, las ich zweidrei Zeilen und da hörte ich ein leises Prasseln, das allmählich lauter wurde, dann fiel ein Tropfen auf die Buchseite und ich schaute auf, sah die Menge der Menschen sich gleichzeitig vom Gras erheben und ich bin ja schon so internetifiziert, dass ich dachte, hey, könnte ein Flashmob sein.
Und dann fiel mir das ein. Das mit den Banalitäten. Und das mit dem Beten.

[1.6.]

Wir haben heute zwar den ersten Juni, aber ich mach hier dann einfach mal weiter, ne? Möglicherweise nicht in der gleichen Frequenz, aber doch noch so, dass es einigermaßen Tagebuchbloggen ist. Gefällt mir gerade sehr, das Beschreiben der Abläufe, notgedrungen banale Details auf ein Podium zu stellen und polieren, das ist eine super Übung und beliebig formbar.

Zudem ist das hier Eintrag Nummer 997. So kurz vor der Tausend bin ich gewissermaßen euphorisch.

Heute werde ich nicht viel tun. Außer zu tippen und ein bisschen auf dem elektrischen Klavier spielen.
Seit dem Umzug nach Berlin (nächste Woche zwei Jahre) habe ich heute endlich das Instrument über den Computer zum Laufen gekriegt, was notwendig ist um einen Ton in die Lautsprecher zu bekommen. Etliche Versuche, endloses Durchlesen der einschlägigen Foren. Nie ein Ton, nie ein Piep.
Heute habe ich dann diesen Haken bei „Mute“ gesehen. Unter dem Schalter für „Audioeingang“.
Das ist ärgerlich. Aber jetzt bin ich so froh darüber, dass gar kein Ärger aufkommen konnte.

Nachher werde ich mich noch mit dem Nachbarn treffen und über diesen unmöglichen Brief der Hausverwaltung schimpfen. Und natürlich Pläne zu schmieden um die Sache anzugehen.

#
Mit der Kalenderfunktion auf dem Desktop binnen zwanzig Sekunden zurückgeblättert zu meinem Geburtstag. Ich bin ein Dienstagskind. Falls das jetzt etwas bedeutet.
Komische Sache übrigens, mit dem Datum des Rechners in den Siebzigern zu stehen.

[31.6.]

Sehr bettlägerig gewesen heute, wobei ich gar nicht weiß warum. Da ich aber keine Verpflichtungen hatte, ließ ich es mir gut gehen im Bett. Peter Handkes Tormann-Text aus dem Regal geholt und mit ins Bett genommen, auf Seite 34 musste ich Rainald Goetz (Dekonspiratione) aus dem Regal nehmen um eine Passage nachzulesen die mich an etwas aus Handkes Buch erinnerte, was dann aber nicht so war, weiß jetzt auch nicht mehr warum, und als ich aufgestanden war um Goetz zu holen hatte ich auch gleich Franzobel mit ins Bett genommen, weil ich das Buch letztes Jahr meiner Schwester geklaut habe (wofür ich mir später die Erlaubnis nachträglich eingeholt habe) und schon lange darin lesen wollte, Franzobel ist ja einer dieser Leute die ich nur vom Namen und von der Reputation her kenne, vor allem von der Reputation, und so lag ich irgendwann mit Jelinek, Bernhard und anderen deutschen Zeitgenossen im Bett und wurde später von meinem eigenen Schnarchen geweckt.

Am Abend zu C gegangen um Wein zu trinken auf ihrem Balkon. Zum Reden bei Regen. Man könnte glatt meinen ich wäre ein Balkonnomade.

[30.5.]

Mit V im Weltempfänger am Arkonaplatz, in der breiten Fensterbank am großen Fenster zum Platz hin, gesessen. Bei Bier und Pfefferminztee. Draußen war heller Abend und das Pflaster war naß vom Gewitter und irgendwie kommt es mir vor als hätte es die ganze Zeit über weitergeregnet, aber ich glaube das ist bloß meine Einbildung oder das Wunschdenken vom Sitzen bei Pfefferminztee und Bier an einem großen Fenster während es draußen regnet.
Wir schauten danach öfter hinaus, in die mittlerweile dunkel gewordene Nacht. Wenn es gar nicht regnet, dann könne man doch ein wenig spazieren. Wir hielten uns als Ziel die unbekanntere Weinerei in der Rheinsberger Straße von der Moni mir einmal berichtet hatte als ich ihr schrieb ich würde in diesen Kiez ziehen. Nun laufe ich so oft durch die Rheinsberger, habe aber niemals etwas gesehen das wie ein Cafe aussieht, allerdings habe ich auch nie die ganze Straße hinauf darauf geachtet, dachte mir aber, wir könnten das jetzt ja tun: mit offenen Augen durch die Rheinsberger laufen. Das taten wir dann, fanden aber nichts, etwas verwundet blieben wir an der Ecke zur Schwedterstraße stehen, liefen dann links in Richtung Bernauer, dann dachte ich: vielleicht war mit Rheinsberger auch nur ungefährsorheinsberger gemeint. Also bogen wir in die Kremmener Straße ein, da gab es aber nur einen offenen Hinterhof mit einem Billard-Salon namens Q-Ball-Libre. Dann gingen wir raus auf die Bernauer, und wie ich jetzt raus sage, weil das tatsächlich immer so etwas ist wie rausgehen, rausgehen auf die Lichtung des Todesstreifens, diese merkwürdige Tragik die heute noch, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall über diese Brachflächen an der Bernauer liegt, diese wunderbare Zustandslosigkeit.
Eigentlich wollte ich über den asphaltierten Patroullienweg spazieren, aber dort war gerade eine Baugrube ausgehoben, deshalb gingen wir hinüber zum Bürgersteig und schlenderten hoch bis zur Oderberger. Uns war nach draußensitzen. Auch wenn es nicht sonderlich warm war, aber eben draußensitzen solange uns nach draußensitzen war. Das Cafe am Mauerpark, Mauersegler oder wie das heißt, mit dem Barackenhof, wir konnten es von der anderen Straßenseite sehen. Aber da lief Fußball auf der Leinwand, und Fußball auf der Leinwand, das war wirklich nicht das wonach wir suchten, auch wenn es nicht das Draußensitzen war wonach wir suchten, und auch nicht ein Cafe, wir suchten in Wirklichkeit gar nichts, weshalb wir die Oderberger hinaufspazierten und uns dort an der touristischsten Ecke der Kastanienallee niederließen auf ein Bier und einen KiBa, vor allem wegen dem Ki, weil Ki müsste man eigentlich in der Apotheke kaufen können, und Ba ist ja bloß fürs Auge, und da war auch nicht so viel Ba drin, das meiste war Ki.
Ich hatte das Bi. Den gegärten Hopfen. Was ganz und gar nicht Apotheke ist.
Dann sind weitergelaufen, hoch zur Choriner Straße, und da rechts eingebogen […]

Eben habe ich die Mail zur Weinerei nochmal gelesen. Nicht in der Rheinsberger, sondern in der Griebenowstraße.

[29.5.]

In einer verdunkelten Wohnung den gestrigen Abend verbracht, an den Text arbeitend, etliche Flaschen Bier an meiner Seite, bis tief in die Nacht und lange Schatten über weite Teile meines Befindens.

[sie gestehen es sich nicht ein]

Inländische Triebwerke, oh Tagebuchblog, Du willst mich gar nicht wissen lassen, sei es auch nur um die Eigenarten der naheliegenden Kleinigkeiten aufheben zu können, als wären wir alle gebrandet, mit so kleinen, grauen, sauren Flecken auf der Stirn, die wir kreisend zu betrachten versuchten, als gäbe es nur den Pedant, den wichtigen Aspekt, dass es sich um wiederholende Ereignisse, um Ereignis und Ereignis, eine durchgängige Seilschaft transportiert.

[28.5.]

K fliegt morgen nach Chicago, heute haben wir daher so etwas wie Abschied gemacht. Das ist natürlich überdramatisiert wenn man das so sagt: Abschied. Und auch wenn man das so plant, weswegen wir zum Abschied nur eine experimentelle Pasta gekocht haben und danach pastaessend auf dem Sofa einen Film geschaut. Wir dachten erst an einen Lynch-Film, aber nach 29 Stunden Twin Peaks und auf die nächsten Wochen verteilt Lost Highway, Wild At Heart und Mulholland Drive fühlte sich ein Lynch-Film zu unexklusiv an für einen Abschiedsabend. Den Titel des Filmes den wir dann geschaut haben sage ich jetzt aber nicht, ich möchte nicht kulturverschlissen wirken. War aber sehr spannend. Und die Pasta war super.