[So, 10.5.2026 – Holy Oly]

Während der ersten Halbzeit quatschten wir fast nur. Benny wird im Juli mit einem E-Auto nach Italien fahren. Auch Hendrik. Auch mit dem E-Auto und auch nach Italien. Als hätten sie sich abgesprochen. Tanja hatte Muskelkater und war müde von letzter Nacht. Sie war bei Kalkbrenner in Potsdam gewesen.

Beim Spiel ging um nichts mehr. Dafür war es ein schöner, warmer Nachmittag im Olympiastadion. Wir werden nicht mehr aufsteigen, wir können nur noch Platz 6 verteidigen. Und so spielte auch unsere Mannschaft: ein wenig lustlos, und sie ließ sich vom Gegner aus Franken in die eigene Hälfte hereindrücken. Aber es war das letzte Heimspiel der Saison. Wir würden die Mannschaft in den Sommer verabschieden, ich werde viele Freunde erst nach dem Sommer wiedersehen, es ist wie [man füge hier einen poetischen Vergleich ein]. Die Ultras mühten sich nach Kräften, die Kurve anzuheizen, das Engagement wollte aber nicht so recht zu uns herüberschwappen.

Zur Pause ging ich raus auf die Wiese und traf mich mit Sabine. Wir setzten uns ins Gras. Ich hatte mir einen Döner bei Hakiki geholt. Das wollte ich die ganze Saison schon tun. Auch schon die vorige Saison. Ich war bereits ein paar Mal an deren Stand, aber immer erst nach dem Spiel, da bauen sie ihren Stand meist schon ab. Heute also Premiere. Der Kult-Döner war in Ordnung, aber ich bekleckerte mich mit der Sauce, also einen Stern Abzug.

Sabine wird nächsten Monat sechzig und wird das wohl feiern. Außerdem überlegt sie, nächste Saison zu uns in die Kurve runterzukommen. Oben in Block 2.1 ist fast niemand mehr. Sie sucht also jemanden, die eine Dauerkarte für eine Saison teilen oder angeben will. Letzte Saison hätte sie meine haben können, ich war ja in Hamburg und habe sicherlich weniger als zehn Spiele besucht. Während wir noch draußen saßen, ging drinnen das lähmende Spiel weiter, aber dann fiel plötzlich ein Tor und das Stadion schien zu explodieren. Danach änderte sich drinnen etwas an der Stimmung, also gingen wir wieder rein und verabredeten uns lose für nach dem Spiel. Nach dem Spiel der Männer würde es nämlich gleich weitergehen. Die Frauenmannschaft von Hertha absolvierte ihr letztes Saisonspiel, und zwar zum ersten Mal im Olympiastadion. Da Sabine eine der aktiven Supporterinnen der Frauenmannschaft ist, hat sie bei dem Spiel Verpflichtungen. Ich wollte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht festlegen, ob ich bleibe.

Auf dem Weg zurück ins Stadion schrieb Tanja, wo ich denn bliebe. Sie war nämlich nicht nur müde, sondern auch hungrig. Ich hatte versprochen, Pommes mitzubringen. Also kaufte ich noch schnell eine Portion, die ich in Ketchup ertränkte und dabei vergaß, ein Holzgäbelchen einzustecken. Deswegen hatten wir nachher klebrige Finger.

Drinnen war die Stimmung mittlerweile merklich besser geworden. Dann fiel noch ein zweites Tor und ein drittes. Das dritte Tor war allerdings vom Gegner. Es endete mit einem 2:1. Danach kam die Mannschaft ein letztes Mal in die Kurve. Die Mannschaft wurde verabschiedet. Der Vorsänger fand versöhnliche Worte. Auch Toni Leistner wurde verabschiedet. Er ist mittlerweile fast hundert und wird vielleicht seine Fußballerkarriere beenden. Er hielt eine emotionale Rede. Toni spielte früher nämlich einmal für Union und sagte in einem Interview vor fast hundert Jahren, dass Berlin rot-weiß sei. Als er dann vor drei Jahren bei uns anheuerte, schlug ihm deswegen viel Unmut entgegen. Nach wenigen Spielen merkten wir aber alle, wie unerschrocken er sich in jeden Zweikampf warf. Dann wurde er Mannschaftskapitän und schließlich auch Fanliebling. Der letzte Satz, den er gestern schließlich sagte, war: „Berlin ist blau-weiß.“

Tanja zeigte mir daraufhin die Gänsehaut auf ihrem Unterarm.

[Di, 12.5.2026 – Sockenpaare, Statistik, Hessen, Tapezierfehler]

Bei Lidl 20 Paar einheitliche, schwarze Sockenpaare gekauft. Und jetzt fühle ich mich ungemein erwachsen. Dafür sortierte ich alle anderen Socken in einem Durchgang aus. Die wilde Mischung aus schwarzen Socken, die sich im Laufe der Jahre ansammelt, ist erstaunlich. Man denkt: schwarze Socken. Aber in Wirklichkeit ist es eine schwarzgraue Textilhölle aus unterschiedlichen Stoffen, Maßen und Formen. Kaum eine Socke passte noch zur anderen. Glücklicherweise kann man das in den Schuhen aber nicht erkennen.

Weiß auch nicht, was ich mit dieser Erkenntnis jetzt mache. Sie hat wenig intellektuellen Wert. Aber das Gefühl, 20 baugleiche Socken im Schrank zu haben, ist ein schönes Gefühl.

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Ich habe jetzt ein lokales Statistiktool hier eingebaut. Ich kann sehen, dass der Großteil der Besucherinnen aus Frankfurt kommt. Mit Abstand. Aus Berlin gibt es verhältnismäßig wenige Besuche. Auch Hamburg oder München sind eher selten. Allerdings kommen viele kleine Ortschaften darin vor. Und sonst: Überall Frankfurt. Seit Wochen.

Lustigerweise kommt mein Vater aus einem kleinen Dolomitendorf, dessen Bewohner von den anderen Dörfern als „Hessen“ bezeichnet werden. Den Grund kennt man nicht so genau. Eine Gasthaustheorie besagt, dass das Bergwerk, in dem man im Spätmittelalter silberhaltige Blei-Erze abbaute, viele Arbeitskräfte jenseits der Alpen anzog. Jetzt ist es so, dass im Dorf meines Vaters jede zweite Person „Pfeifer“ mit Nachnamen heißt. Und zwar nur mit einem „f“. Wir sind nicht alle miteinander verwandt, und natürlich übertreibe ich mit der 50%, aber Pfeifer ist der häufigste Name in diesem Dorf, während er in anderen Gegenden Südtirols kaum vorkommt.

Nun gibt es diese Seiten, auf denen man die Verteilung von Familiennamen auf Landkarten überprüfen kann. Gibt man dort „Pfeifer“ ein, erkennt man eine Konzentration dieses Namens in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Ich sag ja nur. Ich bin da etwas auf der Spur. Wie ich das mit dem Statistiktool in Verbindung kriegen soll, weiß ich allerdings auch nicht.

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Wie viele Sockenpaare muss man eigentlich haben, um sinnvoll rotieren zu können?
Laut Internet empfehlen die meisten Experten für Organisation 14 bis 20 Sockenpaare.
Check.

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Ich muss Tapeziervideos auf YouTube anschauen. Bis Sonntag muss ich es gelernt haben. Ich schiebe das vor mir her. Eigentlich wollten meine Frau und ich gemeinsam diese Videos schauen, aber sie hat das jetzt an mich delegiert, weil sie bis zu unserer Abreise noch so viel arbeiten muss, aber in Wirklichkeit hat sie nur noch weniger Lust darauf als ich. Und ich bin eher der Typ planloser Autodidakt: Ich fange einfach an und mache alles falsch. Dafür bin ich später Spezialist.

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[Mi, 13.5.2026 – Psychogramm]

Dann kippte ich das gesamte Blog (1,2 Millionen Wörter) in die KI und ließ sie ein Psychogramm von mir erstellen. Das ist der Vorteil, wenn man solche großen Textmengen aus der Ich-Perspektive produziert hat. Heraus kamen durchaus interessante Details, deren ich mir nicht bewusst war. Die KI wunderte sich über meinen niedrigen Neurotizismus, bei gleichzeitig hoher Selbstreflexion. Das ist offenbar eine ungewöhnliche Konstellation. Menschen mit hoher Selbstreflexion sind in der Regel auch neurotisch. Außerdem attestierte sie mir Humor und komplexe Denkmuster. Das gefiel mir alles.

Ich befragte sie auch nach Narzissmus. Manchmal glaube ich nämlich, dass ich narzisstisch bin, auch wenn andere Menschen behaupten, das träfe nicht auf mich zu. Die KI schloss Narzissmus bei mir kategorisch aus, sie wusste aber auch, warum ich auf diesen Gedanken gekommen sein könnte, und erklärte mir die Gründe.

Zudem befragte ich sie, ob sie depressive Muster erkennen könne. Da war die Tendenz dann nicht mehr so deutlich. Dennoch ist die emotionale Bilanz positiv. Knapp, aber positiv. Sei erkannte auch, dass 2022 das einzige Jahr war, in dem die emotionale Bilanz ins Negative kippte. Ich kann das nachvollziehen, die private Situation war da nicht immer gut, zudem begann der Krieg in der Ukraine, der viel Düsterkeit über mich legte. Andererseits bekamen wir in jenem Jahr die Hündin.

Sie zeigte mir auch meine Schwächen auf bzw. die negativen Merkmale. Die las ich aber nicht. Zumindest nicht offiziell. Mein inneres Tribunal braucht diese Info nicht.

Immerhin fand sie keine Spuren von Sarkasmus oder Zynismus. Das hätte ich nicht gemocht.

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Dann schaute ich endlich Tapeziervideos. Zumindest eines. Ich fand ein Video von Hellweg, das dauerte 4 Minuten, und ich fragte mich, warum ich das so lange vor mir hergeschoben hatte. Die Essenz aus dem Video: Man muss beim Tapezieren genau sein.

Genau sein. Davor habe ich Angst.

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[Do, 14.5.2026 – Tetris]

Heute bereitete ich die Reise vor. Der Rasenmäher und die Kommode passten gerade so in das Auto. Für die Hündin habe ich jetzt eine Art Plattform gebaut, auf der sie die ganze Reise lang liegen wird. Sie hat zwar weniger Platz als üblich, aber sie ist gerade ohnehin in der Post-Läufigkeitsphase und andauernd deprimiert, sie hat andere Sorgen.

Mit den anderen Gepäckstücken und Werkzeugen spielte ich Tetris. Am Ende passte fast alles hinein.

Das ganze Tetrislevel dauerte ziemlich viel Zeit. Einmal kam eine Nachbarin vorbei, die tatkräftig mitdachte und ein paar hilfreiche Ideen hatte. Sie behauptete, sie sei in dieser Tätigkeit sehr kompetent. In ihrer Familie übernähme sie immer die Rolle der Autopackerin. Später besorgte sie mir Zurrgurte, mit denen ich den Rasenmäher und die Kommode befestigte, damit sie bei harten Bremsvorgängen nicht durch unsere Köpfe hindurch durch die Frontscheibe das Auto wieder verließen.

Es ist die erste Auslandsreise, die ich als deutscher Staatsbürger angehe. Ich tat mich sehr schwer, zu entscheiden, welchen Reisepass ich verwende. Dabei muss ich gestehen, dass es mir noch etwas schwerfällt, als Deutscher durch die Welt zu fahren. Ich ließ beide Pässe auf meinem Schreibtisch liegen. Später kam meine Frau vorbei, die auf Reisen immer die Dokumente, Fährtickets und andere Formalien verwaltet. Sie nahm einfach den deutschen Pass.