Mit Hund alleine auf der Fähre. Mein Bart und meine Frisur sind ausgewachsen, nein, verwachsen. Meine Unterschenkel sind zerkratzt und meine Haut ist braungebrannt. Man sieht mir an, dass ich aus dem Wald komme. Ich komme mir vor wie vom Männertyp einsamer Wolf. Und das ist nicht positiv besetzt. Nicht mehr. Früher war das doch einmal anders. Die einsamen Wölfe waren zwar damals auch schon scheiße, aber der Typus strahlte so etwas wie Freiheit aus. Einsame Wölfe wählen heute ja AfD oder Trump. Überhaupt alleinreisende Männer. In irgendeinem Interview las ich einmal, dass für weibliche Hotelangestellte die alleine reisenden Männer, die schlimmsten aller Gäste sind.
Aber ich wälze mich gerade unnötig in einem unvorteilhaften Selbstbild. Kaum jemand nimmt Notiz von mir, ich aber sehe mich hier auf der Fähre nur durch fremde Augen. Zu allem Überfluss räkelt sich auf dem Cover meiner Ausgabe der Traumnovelle eine nackte Frau und dahinter die Andeutung eines Männerkörpers. Deswegen verstecke ich etwas verschämt den Buchumschlag mit meinem Telefon, das allerdings zu klein ist. Gescheites Lesezeichen habe ich auch nicht. Letzte Nacht hatte ich meine Blutdrucktabletten zwischen die Seiten gelegt. Sah vorhin natürlich scheiße aus, als beim Aufklappen des Buches die Tabletten herausfielen. Einsamer Wolf. Wuff. Dick bin ich auch noch.
Der Hündin sind meine Brainfucks aber egal. Sie liegt auf dem Boden und schaut sich die Welt an.
So spät am Tag zu reisen, hat etwas Magisches. Auf der Fähre verabschiedet sich das Sonnenlicht, drinnen geht das künstliche Licht an, Kinder schlafen im Schoß ihrer Eltern. Der Tag geht in die Nacht über. In Rostock komme ich bei Dunkelheit an, die Fähre hatte Verspätung, es ist fast elf Uhr, ich fahre von der Fähre runter und in die Nacht hinein. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Zuerst fahre ich nur 100. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich nicht sicher genug, um schneller zu fahren, sogar 100 fühlt sich zu schnell an. Erst nach zwanzig Minuten fällt mir auf, dass ich mit Standlicht fahre. Ich muss fälschlicherweise etwas umgestellt haben. Nachdem ich das richtige Licht anschalte, fahre ich auch wieder 130. Es überrascht mich und auf gewisse Art freut es mich, dass ich unbewusst langsamer fuhr, weil mir die Sicht nicht gut erschien. Wenn ich gegen mich aussagen müsste, hätte ich geschworen, dass ich in dem Moment aus Prinzip 130 gefahren wäre, schlichtweg, weil es sich so gehört.
Gegen 1:00 Uhr komme ich in Berlin an. Es gibt genau einen Parkplatz in meiner Straße. Er ist nur halb legal. Deswegen ist er wahrscheinlich frei. Ich habe einen sehr schweren Koffer und tausende Taschen, ich nehme den Parkplatz also. Ich brauche noch ewig, um runterzukommen. Im Bett lese ich auf Bluesky vom Anschlag auf dem CSD. Fast alle meine Freunde waren da. Den ganzen Tag lang begleiteten mich Bilder vom CSD auf Social Media. Farben, Liebe. Beim Einschlafen dann: Bäm. Alles düster.
Kurz nach drei Uhr muss ich dann weggenickt sein.
